Gregory Klimow. Berliner Kreml. Kapitel 17

Mitglied des Politbüros

1.

Vor mir liegt ein vergilbtes Stück rauhen Papiers, wahrscheinlich aus einem meiner alten Schulhefte herausgerissen. Eine große, kindlich anmutende Schrift. Blasse, mit Wasser verdünnte Tinte. Mit Mühe entziffere ich die mit rostiger Feder sorgfältig gemalten Buchstaben.

"Ich sitze beim Licht einer Petroleumfunzel, wie im Jahre einundzwanzig, und schreibe Dir. Das elektrische Licht brennt nur zwei Stunden am Tage, und auch das nicht jeden Tag. Ich habe den Tisch an den Ofen herangeschoben, hier ist es wenigstens ein bißchen warm. Von den Fenstern her zieht es furchtbar, obwohl ich alle Löcher mit Watte zugestopft habe. Das Blut wärmt nicht mehr, mein lieber Junge..."

Kein elektrischer Strom! Keine Kohle für den Ofen! Und das zwei Jahre nach siegreicher Beendigung des Krieges. Und das im Herzen des Donez-Bassins, des reichsten Kohlenvorkommens Europas.

Im übrigen ist das kein Wunder. Vor dem Kriege saßen die Studenten unseres Instituts den ganzen Winter über dick in Mänteln vermummt in den Hörsälen, die Pelzmützen auf dem Kopf. Die Finger froren. Am liebsten hätte man sie in die Taschen gesteckt, aber man mußte Nachschriften machen. Die Zentralheizung des Industrie-Instituts "Sergo Ordshonikidse" in Nowotscherkassk war auf Donez-Anthrazit eingestellt, wurde aber mit untauglichen Abfällen gefüttert. Dafür bewunderten wir in der wissenschaftlichen Bibliothek des Instituts die deutsche Zeitschrift "Der Bergbau", auf deren letzter Seite in jeder Nummer billiger Donez-Anthrazit zum Export angeboten wurde. Einmal wurde mein Freund Wassilij Schulgin zum berühmtesten Mann der Energetischen Fakultät. Auf unerfindlichen Wegen hatte er sich eine Fliegerkombination mit elektrischer Heizanlage verschafft, wie sie bei Flügen in die Arktis verwendet werden. Aus dem Laboratorium für Elektrotechnik schleppte er einen Transformator heran, versteckte ihn unter der Bankj eine lange Schnur zu besorgen, war schon keip Problem. Mit einem Schlage war Wassilij damit zu einer Berühmtheit geworden. Als er seine Errungenschaft zum erstenmal vorführte, waren wir mehr damit beschäftigt, zu beobachten, ob von Wassilijs Kombination Rauch aufstieg oder er am Ende zu brennen anfing, als den Worten des Professors zu lauschen. Einer seiner engsten Freunde holte aus dem Korridor sicherheitshalber ein Feuerlöschgerät und brachte es nicht weit von dem Helden des Tages unter.

Wassilijs Triumph dauerte mehrere Tage. Manchmal knipste er mit stolzer Miene den Schalter seiner Kombination aus, um dem frierenden Auditorium zu verstehen zu geben, daß ihm zu warm sei. Wir bewunderten allesamt die sackähnliche Gestalt in der letzten Bank und waren so stolz auf Wassilij, als hätten wir selbst an seiner Errungenschaft teil.

Zur allgemeinen Überraschung und Enttäuschung erschien Wassilij an einem frostigen Januarmorgen wieder in seinem abgetragenen, schäbigen Mäntelchen. Auf unsere verständnislosen aber hartnäckigen Fragen antwortete er einsilbig, die "Maschine" sei kaputt. Nur wenigen vertrauenswürdigen Freunden teilte er sein bitteres Geheimnis mit. Er war in die Spezialabteilung – die NKWD-Filiale des Instituts – gerufen worden, wo ihm nahegelegt wurde, seine "antisowjetische Demonstration" einzustellen, andernfalls man die Sache den "zuständigen Organen" übergeben werde. Offen gesagt bedeutete das noch ein großes Entgegenkommen seitens der Spezialabteilung. Alle Studenten froren und schwiegen, einem gelang es, sich etwas Wärme zu verschaffen – schon war es konterrevolutionäre Agitation und Sabotage der sozialistischen Wirtschaft.

So war es in all den Jahren vor dem Kriege. Darin lag ein System. Die Leute gewöhnten sich einfach daran, diese Dinge zu übersehen.

Die Deutschen frieren heute in ihren ungeheizten Wohnungen. Sie verfluchen selbstverständlich die sowjetischen Offiziere, die es nicht nötig haben, jedes Brikett zu zählen. Aber keinem von ihnen kommt der Gedanke, daß die Familien dieser Offiziere im fernen Rußland noch mehr frieren als sie.

"...Und'trotzdem halte ich mich noch. Den lieben langen Tag bin ich auf den Beinen, führe die ganze Wirtschaft. Schlimm ist es, daß ich so wenig Kraft habe, die alten Knochen tun weh. Meine Nahrung besteht nur aus süßem Tee, manchmal weiche ich darin ein Stückchen Zwieback auf. Ich habe nur noch zwei Zähne im Mund, womit sollte ich kauen." "Mutter geht um sieben Uhr morgens zur Arbeit. Am Abend schleppt sie sich mit Mühe nach Hause, sie geht am Stock und kriecht an den Zäunen entlang. Es ist nicht so sehr die Arbeit, die uns aufreibt, als die dauernde Nervenanspannung. Die Leute sind alle so verbittert, bei der geringsten Nichtigkeit fluchen sie und gebrauchen die ärgsten Schimpfworte. Nichts lassen sie mehr gelten."

"Die Mutter geht in den Schuhen zur Arbeit, die Du geschickt hast. Ich habe ihr noch Hausschuhe aus alten Lumpen genäht, über die sie sich sehr gefreut hat. Schade, daß wir nun auch keine Lumpen mehr haben, um daraus etwas zu nähen. Vor kurzem hat die Mutter die Strümpfe zur Arbeit angezogen, die Du geschickt hast. Alle die jungen Mädels tiaben sie so bewundert, daß es ihr richtig peinlich wurde. Ein Paar hat Mutter Marussja Silenko geschenkt, weil sie Mutter so gepflegt hat, als sie krank war. Marussja hat sich riesig darüber gefreut."

"Mutter hat jetzt Angst, auf die Post zu gehen, um Deine Pakete abzuholen. Die Banditen merken sich Leute, die Pakete aus Deutschland bekommen, brechen nachts bei ihnen ein und erschlagen die Menschen. Tagsüber lauern die Gewerbler an der Post und entreißen einem die Pakete am hellichten Tag..."

Ich erinnere mich der Automobilfabrik "Molotow" in Gorkij, der weltbekannten Firma GAS. Dort habe ich schon zu Beginn des Krieges diese sogenannten "Gewerbler" beobachtet – die neuen Kader des sowjetischen Proletariats.

Als es der Sowjetindustrie an jungen Nachwuchskräften zu mangeln begann – die Jugend wollte nicht freiwillig als Arbeiter in die Fabriken gehen – wurde kurz vor dem Kriege ein Ukas des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR "Uber die Mobilisierung für die Betriebsund Gewerbeschulen" erlassen. Millionen Halbwüchsige zwischen 14 und 17 Jahren wurden zwangsweise in diese Lehranstalten ausgehoben. Es war die Schmiede einer neuen Klasse sowjetischer Sklaven. Diese "Gewerbler" aus den Gewerbeschulen aßen anfangs in der Betriebskantine der Fabrik. Die Ernährung der Gewerbeschüler war elend genug, aber immer noch besser als die der Arbeiter, denn Halbwüchsige sind nicht so einsichtsvoll wje Erwachsene – man kann sie nicht mit Losungen allein abfüttern, überdies bekamen viele Gewerbeschüler irgendwelche Lebensmittel vom Lande, woher sie größtenteils stammten. Infolgedessen ließen sie manchmal ihre Portionen stehen oder kippten sie aus Mutwillen kurzerhand auf den Tisch. Kaum hatten die Gewerbler den Speiseraum verlassen, als die Arbeiter, die anschließend in der Kantine aßen, im Laufschritt hereinstürmten. Die einen stellten sich in die Reihe vor der Kasse oder der Ausgabestelle. Die anderen beeilten sich, einen Platz am Tisch einzunehmen, da sie sonst mit knurrendem Magen hinter dem Stuhl stehen mußten, bis die behenderen Proletarier gegessen hatten. Wieder andere stürzten auf die Tische zu, holten Löffel aus ihren Taschen und machten sich nach einem verlegenen Rundblick über die Reste des auf dem Tisch verstreuten Essens der jüngeren Proletarierbrüder her.

Was dachten sich die "Gewerbler", wenn sie das beobachteten? Sie wußten doch, daß sie selbst wenige Wochen später zu vollberechtigten Arbeitern werden mußten, die die üblichen Arbeiterratdonen und all die anderen Vergünstigungen erhalten, die ihnen laut Gesetzestafel der strahlenden stalinschen Konstitution zustehen.

Daneben lag ein kleiner Raum, aus dem es nach Rührei und gebratenem Speck duftete. Dort befand sich die Kantine der Vorgesetzten: des Direktors, des Parteileiters und der übrigen Führer. Die Arbeiter beneideten die Führer nicht sonderlich. Diese wechselten so oft, daß die Belegschaft nicht einmal Zeit fand, sich ihre Namen zu merken. Wohin sie verschwanden, interessierte die Belegschaft ebensowenig. Man wußte schon wohin – der Storch bringt sie und der schwarze Rabe (In der Sowjetunion gebräuchliche Bezeichnung für NKWD-Gefängniswagen) holt sie.

In den GAS-Werken arbeitete in jenen Jahren eine Gruppe englischer Sergeanten und Techniker. Sie leiteten die Montage der Panzer, die die UdSSR auf Grund des Pacht- und Leihgesetzes erhielt. Sie erhielten natürlich den bestmöglichen Eindruck: von der Fabrik.

"...Gestern kaufte Mutter auf dem Markt zwei Kolben Mais. Ich habe ihn im Mörser zerstampft und jetzt essen wir seit zwei Tagen Maisbrei. Wenn wir noch Butter hätten, wäre es ganz schön. Es ist kalt und die Bauern bringen nicht viel auf den Markt. Kartoffeln kosten —, Erbsen —, Milch —, an Fleisch und Butter können wir nicht einmal denken." Es folgten einige Zeilen, die von der schwarzen Tusche des Zensors unleserlich gemacht waren.

Zwei Kolben Mais...

Zeitig im Frühjahr 1945 absolvierte ich die Kursusprüfungen in der Militärakademie. Danach sollte ich an die Front, zur Kampfbewährung vor Ablegung der endgültigen Staatsexamen. Da ich einen Teil der Prüfungen angeredmet bekam, die ich an anderen Lehranstalten abgelegt hatte, wurde ich früher als die anderen entlassen und erhielt unter großen Schwierigkeiten und unter dem Vorwand einer Dienstreise einen Heimaturlaub.

Mit dem Rucksack auf dem Rücken, die Hände in den Taschen vergraben, gehe ich durch die Halle des Kasaner Bahnhofs. Ich steige über Leute in grauen Soldatenmänteln, die am Boden liegend schlafen. Ich habe wenig Aussicht, in einen Zug hineinzukommen. Manche Menschen bemühen sich wochenlang vergeblich, mit einem Zug fortzukommen. Auf der Suche nach einer Gelegenheit zu einem Umgehungsmanöver, sehe ich mich auf dem Bahnhof um. Vielleicht gibt es doch irgendwo eine Lücke, durch die man auf den Bahnsteig schlüpfen kann. Mein einziger Vorteil ist, daß ich kein Gepäck habe, dafür aber jugendliche Kraft und obendrein die Erfahrung eines Sowjetmenschen in allen Praktiken. Fahrkarten und Geld?! – Das sind prähistorische Überbleibsel!

"Brüderchen, wenn ich nicht irre, hast Du eine Te-Te?" erklingt ein heiserer Baß hinter meinem Rücken, während eine riesige Pratze mir auf die Schulter klopft.

Hinter mir grinst ein kecker Matrose in schwarzer Jacke und in den Nacken geschobener Matrosenmütze übers ganze Gesicht. Ungeachtet der Kälte steht sein Hemd weit offen, auf seiner entblößten Brust prunken alle Symbole des Matrosenlebens. Er ist bis zum Kinn tätowiert – kaum hat er noch einen Platz finden können, um die Belagerung von Sewastopol auf seiner Haut verewigen zu lassen. Einer von denen, dem alles auf der Welt wurscht ist, ein Unentwegter, der immer wieder auf die Füße fällt. Der Matrose lächelt mich an als wären wir alte Bekannte und zeigt auf meine Pistole.

"Ja. Te-Te. Na und?" frage ich.

"Mit welchem fährst Du – um 11.20 Uhr?" erklingt der Baß. Als ich bejahe, lacht der Matrose noch freundlicher: "Na, dann ist ja alles in Ordnung. Gehen wir!"

"Wohin?!"

"Wenn ich sage, wir gehen, dann gehen wir. Halt Dich in meiuem Kielwasser. Bist Du am Ende heute erst vom Mond gefallen, Brüderchen?" versetzt mein neugeborener Verwandter. Die Matrosen haben ihre eigenen Manieren – alle Welt ist für die "Brüderchen".

Wir gehen aus dem Bahnhof hinaus, klettern in der Dunkelheit über irgendwelche Dächer, durch irgendwelche Zäune. Der Matrose ächzt: "Ach, du, Mütterchen Odessa! Ich habe mehr Löcher im Leib als heiles Fleisch." Endlich kommen wir auf der anderen Seite des Bahnhofs auf die Schienen. Auf den Bahnsteigen patrouillieren Wachen. Wie Diversanten schleichen wir uns an den auf den Schienen stehenden Zug heran. Alle Waggons sind abgeschlossen.

"Jetzt gib mal Deine Te-Te, Brüderchen", kommandiert der Matrose. "Was willst Du tun – schießen?"

"Aber nein doch. Halt das Maqazin. Und jetzt quck – eine Fahrkarte in alle Welt!"

Der Matrose zieht das obere Gehäuse der Pistole nach hinten und stellt den Sicherungsflügel hoch. Dann steckt er geschickt den Lauf der Pistole in das Schloß. Eine Umdrehung – und wir sind im Wagen. "Ich bin auf diese Fahrkarte mehr herumgekommen als auf irgendeine andere", erklärt das "Brüderchen" stolz, als er mir die Pistole zurückgibt.

Später hatte ich mehrfach Gelegenheit, die ungewöhnlichen Eigenschaften der Pistole "TT" auszunutzen – die Windung und der Kanal des Laufes paßten genau in alle Eisenbahn-Türschlösser.

Wir kletterten auf die bevorzugte oberste Koje hinauf. Nun sind wir also so gut wie unterwegs, sozusagen beinahe zu Hause. Selbstverständlich haben wir beide Militärfahrkarten, hätten aber mit ihnen tagelang auf dem Fußboden des Bahnhofs schlafen können. Die Fahrkarte System "TT" bewährt sich bei weitem besser.

An der Schwelle des elterlichen Hauses bleibe ich stehen und sehe mich um. Alle Wände sind schief geworden, scheinbar in den Boden gesunken. Zäune sind keine mehr da – alle verheizt. Man kann durch die ganze Stadt ungehindert von Hof zu Hof gehen. Mit gemischten Gefühlen öffne ich die altersschwache Tür, die nur mit Hilfe rostiger Haken und kunstreicher Erfindungen zusammengehalten wird. Sie ist so morsch, daß man Angst hat, sie zu öffnen, da sie jeden Augenblick auseinanderzufallen droht. Ich trete mit meinen schweren Stiefeln vorsichtig über die knarrenden Dielen der Küche. Alles ist so morsch, alt und vernachlässigt. Wie in den Kindermärchen die "Hüttchen auf Hühnerbeincheh". An der Tür zum nächsten Zimmer ziehe ich den Kopf zwischen die Schultern, um nicht am Türbalken anzustoßen. So eng erscheint das Vaterhaus nach der langen Wanderung durch die weite Welt.

In der Ecke des Zimmers neben dem Ofen eine kleine gebeugte Frauengestalt in dunkler Schürze. Sie reicht mir ungefähr bis zur Brust. Einstmals hat sie mich auf ihren Armen getragen und großgezogen, jetzt könnte ich sie wie ein kleines Kind auf den Arm nehmen. Die ergrauten Haare sind ordentlich unter einem weißen Kopftuch verborgen, die Schultern umhüllt immer noch der alte karierte Schal. Die kleine Gestalt wendet sich um, als die Tür ins Schloß fällt.

"Grischa...?!"

Den Ton dieses Wortes kann man nicht beschreiben. In diesem einen kurzen Aufschrei lag das ganze Erleben langer Kriegsjahre – Hoffnung, Furcht, Bangen, Freude.

Ich erschrak. Ich erschrak als ich sah, wie die Runzeln in ihrem Gesicht zuckten, wie hilflos sie ihre Hände sinken ließ.

"Babuschka...!"

Ich umfaßte ihre Schultern, ich hatte Angst, sie könnte zusammensinken. Lange blieben wir so schweigend stehen. An meine Brust gepreßt weinte sie kläglich wie ein kleines Kind, aber es waren Tränen der Freude. Vorsichtig streichelte ich ihren gekrümmten Rücken unter der alten Flanellbluse. Ich konnte ihre zarten Knochen spüren. Ich fürchtete, ihr mit meinen groben Händen weh zu tun.

"Wo ist Mutter?" fragte ich.

"Sie ist zur Arbeit. Sie kommt um sechs."

"Ich schicke irgendeinen von den Jungens. Sie sollen sie holen", schlug ich vor, als ich den Mantel abwarf.

"Nur ja nicht, Grischa/um Gottes Willen!" flüsterte die Greisin rasch und erschrocken.

"Sie wird vor lauter Freude nach Hause laufen und später wird man sie dann vor Gericht stellen oder entlassen. Nein, das kann man nicht..."

Ich fühlte, wie mir der Kragen zu eng wurde. Das Blut rauschte in den Ohren und stieg zu Kopf. So muß eine sowjetische Mutter ihren Soldatensohn nach vier Jahren Trennung empfangen! Ich wäre am liebsten hingegangen und hätte mit dem Knauf meiner Pistole die Kerle in der Behörde zusammengeschlagen, in der meine Mutter arbeitete. Als Fahrkarte in alle Welt ist das System "TT" zwar nützlich, hier aber kann es nicht helfen.

Spät abends kam meine Mutter von der Arbeit. Die Großmutter hatte aus Anlaß meiner Ankunft ein Festessen bereitet. Stolzerfüllt kramte sie ein winzig kleines Gläschen Honig heraus und stellte es auf den Tisch. Dieses Gläschen wurde offenbar seit langem in einer verborgenen Ecke für diesen feierlichen Anlaß aufgehoben. Dann stellte sie ein winziges Medizinfläschchen Kirschlikör daneben.

Als ich aus meinem Rucksack bunte amerikanische Konservendosen auf den Tisch zu stellen begann, sah ich in den Augen meiner Mutter Freude und Erleichterung aufglimmen. Sie hungerten, aber noch schwerer war für sie das Bewußtsein, daß sie nichts hatten, um den Sohn zu bewirten, der nach langer Trennung glücklich nach Hause gekommen war. Jetzt standen amerikanische Konserven auf dem Tisch.

Wenn die russischen Menschen "Lend-Lease" hören, dann erstehen in ihrer Erinnerung Berge und Berge von Konservenbüchsen. Diese Büchsen konnte man überall antreffen. Im wildesten Dickicht der berühmten Wälder von Brjansk, in den Sümpfen um Leningrad, überall dort, wo die sowjetische Armee durchmarschiert war.

Rußland ist anerkanntermaßen das reichste landwirtschaftliche Gebiet mit unerschöpflichen Naturschätzen – und dieses Land lebte und kämpfte von 1942 bis 1945 ausschließlich auf Kosten amerikanischer Lebensmittel. Wir Offiziere waren fest überzeugt, daß wir zwar ohne amerikanische Panzer und Flugzeuge hätten durchhalten können, ohne amerikanische Lebensmittel aber einfach verhungert wären. Fleischprodukte, Fette und Zucker waren in der Armee zu 90 Prozent amerikanischen Ursprungs, beinahe das gleiche Bild bot sich auch in der Heimat. Selbst Bohnen und Weizenmehl kamen aus Amerika. Das einzig Sowjetische war Schwarzbrot, wenn man das Wasser nicht mitrechnen will.

Nebenbei – Wasser. In Moskau wurde in vollem Ernst behauptet, daß die amerikanische Botschaft selbst Wasser in Konservendosen, aus Amerika bekommt. Wahrscheinlich waren die Grape-fruit-Dosen gemeint, deren Inhalt nach amerikanischen Begriffen die Lebensdauer verlängert und geschäftliche Erfolge bewirkt. In Moskau wurde nach dem Kriege erzählt, daß die Lager im Kreml sich für viele Fünfjahrpläne mit amerikanischen Lebensmitteln eingedeckt hätten.

Anfang 1943 waren eines schönen Tages alle Läden in den Großstädten der Sowjetunion mit Säcken voll Bohnenkaffee buchstäblich vollgestopft. Anscheinend hatten die Amerikaner gleich mehrere Schiffsladungen herangeschafft. Vor dem Krieg galt Bohnenkaffee in der Sowjetunion als Luxusartikel. Jetzt aber brachen alle bisher leerstehenden Regale in den Läden fast unter der Last der Säcke mit den roten fremdländischen Beschriftungen. Ohne Karten, zu fünfzig Rubel das Kilo. Das Brot kostete zu jener Zeit auf dem freien Markt 150 Rubel das Kilo.

Die Leute begannen, den Kaffee gleich sackweise zu kaufen. Nicht daß sich die russischen Menschen vom ausländischen Geschmack anstecken ließen. Keineswegs. Sie kochten die Kaffeebohnen aus, gossen die wohlriechende Flüssigkeit zu allen Teufeln, trockneten statt dessen aber die ausgekochten Bohnen, stampften sie im Mörser oder mahlten sie durch die Kaffemühle und... backten aus diesem Produkt Brot. Brot aus Kaffee! Bis dahin wurden ähnliche Zauberkunststücke mit Senfpulver angestellt. Brot aus Senf! Brot, Brot!

Das ganze Blechgeschirr wurde in der Sowjetunion in den Kriegsjahren aus amerikanischen Konservendosen angefertigt. Die russischen Menschen werden diese Dosen und ihren Inhalt "Pork meat" nicht so bald vergessen.

In ohnmächtiger Wut setzten die Gerüchtemacher der NKWD – die NKWD verfügt nicht nur über Leute, die Gerüchte sammeln, sondern auch über solche, die auf Befehl von oben zweckentsprechende Parolen verbreiteten – in dem Versuch, die Wirkung der Konservenpropaganda abzuschwächen, Gerüchte in Umlauf, die Amerikaner fertigten die Konserven aus dem Fleisch südamerikanischer Affen an und schickten sie dann in die UdSSR.

"... Lieber Grischa, vielleicht hast Du dort irgend ein Täßchen? Ich habe meines vor kurzem zerschlagen und weiß nicht, woraus ich nun Tee trinken soll. Wenn Du mir eines schicken kannst, werde ich mich' sehr freuen und immer an Dich denken, wenn ich Tee trinke, mein lieber Junge."

"... Du nähst die Pakete immer in so gutes Segeltuch ein. Hab keine Angst, wir werfen es nicht fort, sondern machen daraus Handtücher. Sei uns nicht böse, wenn wir Dich manchmal um etwas bitten. Du bist doch unser Einziger. Und Deine Briefe sind das einzige, was mich noch am Leben hält. Ich habe ja nicht mehr lange zu leben.

Bleib gesund, mein guter Junge. Gott schütze Dich.

Deine Babuschka."

Zorn und Bitterkeit drohen die Brust zu sprengen. Was tun? Aus der Ecke des Schrankes die Maschinenpistole nehmen, auf die Straße hinausgehen und in die Sterne schießen!? Oder, ohne die Finger vom Abzugshahn zu nehmen, Kreuze in die Wand schießen? Gut war es im Kriege, da gab es wenigstens etwas, wo man seine Wut auslassen konnte.

Was tun?! Ich hole einen Sack heraus, um ein Paket zu machen. Stopfe ihn voll mit spitzenverzierter Damenwäsche, Seidenstrümpfen, Stoffen, bis die genehmigten zehn Kilo voll sind. Stecke in die Mitte vorsichtig ein paar Porzellantassen. Was noch? Dort braucht man ja absolut alles. Sie werden diese Dinge verkaufen, um sich dafür Butter und Fett zu kaufen, selbst aber nach wie vor in Lumpen umherlaufen. Kann man denn ein bodenloses Faß vollschöpfen?

Ich habe heute abend irgendwohin gehen wollen. Der Brief hat mir jede Lust genommen, aus dem Hause zu gehen. Ich sitze am Schreibtisch, vor meinen Augen ziehen die Bilder meines Lebens vorbei.

2.

1921. Damals war ich noch ein kleiner Junge. Das einzige, woran ich mich aus dieser Zeit erinnere, sind Dohlen. In dem vom Schein einer Petroleumlampe erhellten Zimmer hüpfen Dohlen über den Fußboden. Eine von ihnen schleppt ungeschickt den Flügel hinter sich her, Blutstropfen bezeichnen ihre Spur. Die Flamme der Petroleumlampe flackert, die Ecken sind in geheimnisvolles Dunkel getaucht, und auf dem Fußboden die armen kläglichen Dohlen.

Im Winter flogen die Dohlen in schwarzen Schwärmen umher. Wenn sie in der Dämmerung des Winterabends mit lautem "Krah-krah" über den Dächern der Häuser dahinflogen, pflegten die Menschen zu sagen: "Das bedeutet Frost. Morgen wird es noch kälter." Der himbeerrote Streifen der untergehenden Sonne am Horizont, violette Frostschleier und schreiende Dohlenschwärme. Sie ließen sich wie schwarze Beerentrauben auf den kahlen Zweigen der hohen Pappeln in den Gärten nieder und führten vor dem Schlafen ihre Vogelgespräche.

Die Dohlen sind kluge Vögel. Man kann vor dem Baum, auf dem sie sitzen, tanzen und schreien, die Dohlen werden sich nicht im geringsten stören lassen. Wenn man aber ein Gewehr in der Hand hat, lassen sie einen nicht näher als auf hundert Schritt herankommen. Ein Warnungsschrei der "wachhabenden" Dohle – und die ganze Schar fliegt mit lautem "Krah-krah" in die Höhe.

Mein Onkel ersann die spitzfindigsten Methoden, um sich mit dem Schrotgewehr an die lärmenden Vögel heranzumachen. Es war eine richtiggehende Jagd, denn die Dohlen wurden als Ragout verarbeitet. Ich erinnere mich nicht mehr, welchen Geschmack Ragout aus Dohlen hat. Die älteren Leute versichern, daß es keineswegs schlechter schmeckt als anderes Wild. Jedes Wild hat seinen eigenen spezifischen Geruch – haut goüt, wie die Kenner sagen. Solcher Art1 war das sowjetische Ragout ä la 1921.

Zu jener Zeit saßen in Lumpen gehüllte Kinder im Schnee an der Straße und streckten stumm ihre Händchen aus. Sie hatten keine Kraft mehr, das Wort "Chleb" auszusprechen. Wenn der Vorübergehende einige Stunden später an derselben Stelle vorbeikam, streckten die Kinder ihm nicht mehr die Hände entgegen. Rauhreif lag auf ihren Wimpern. Flocken weichen sauberen Schnees fielen langsam auf den kläglichen Haufen Lumpen, der sich Mensch nennt, Mensch nannte – denn es waren Leichen. Die Kinder waren erfroren. Die Kinder – die Blüten des Lebens, wie Lenin sagte.

Im Kreml wurden zu der Zeit die Probleme der Epodie des militanten Kommunismus gelöst. Die Führer zogen sich damals noch verhältnismäßig friedfertig an den Haaren hin und her, im Streit darüber, wohin man gehen sollte – nach recht oder nach links.

Das Jahr 1921 wird nicht oft erwähnt. Später kamen viele andere "Jahre", die im Gedächtnis der Menschen weit lebendiger erhalten blieben. Das Jahr 1921 war nichts aus dem Rahmen Fallendes – Krieg und die Zerrüttung der Nachkriegszeit. Darum erschien es nicht so schrecklich.

1926. Die Jahre der Neuen ökonomischen Politik. "Die Periode des zeitweiligen Rückzuges zur Organisierung der entscheidenden Offensive an der ganzen Front", wie es in der Geschichte der KPdSU(B) heißt.

Wenn mein Vater mir in diesen Jahren zehn Kopeken gab, war ich ein reicher Mann und konnte alle meine Jungenwünsche befriedigen. 1925-1926 waren die einzigen Jahre während der ganzen Zeit des Bestehens der Sowjetmacht, in denen die Menschen nicht ständig an Brot dachten.

Ich erinnere mich nicht an das zaristische Rußland. Die Periode der NEP ist für die Menschen meiner Generation der Inbegriff eines normalen und wohlhabenden Lebens. Ich habe von den Alten verschiedene Märchen gehört, aber ich war zu jener Zeit Pionier und interessierte mich mehr für das Trommelspiel. Diese museumsreifen Alten pflegten die Arme auszubreiten, so weit sie konnten, und mit Begeisterung und Bedauern zu sagen: "Unter Nikolaj kostete s-o-o-o ein Trockenfisch drei Kopeken, und jetzt. .." Der Alte schluckte seinen Speichel und winkte resigniert mit der Hand ab. Mir tat er leid, aber das Spiel auf der Trommel interessierte mich mehr als der Trockenfisch für drei Kopeken. 1930. Damals war ich Schüler. Die Bezeichnung der Schulen ändert sich alle drei Monate, das pädagogische Programm desgleichen. Mich kümmert das alles verhältnismäßig wenig – ich habe dafür keine Zeit. Den Hauptteil des Tages verbringe ich mit Schlangestehen nach Brot. Vor den Brotläden stehen Tag und Nacht lange Menschenschlangen, Sechshundert, siebenhundert...Häufig übersteigt die Nummer, die mit Tintenstift auf meine Handfläche geschrieben ist, die Tausend.

Zu jener Zeit war das für uns eine Art Sport. Wenn der Lieferwagen vorfährt und man anfängt, das Brot auszuladen, beginnt eine heiße Zeit. Halb totgequetschte Frauen schreien, wildes, wüstes Geschimpfe geht los, Stöhnen und Weinen werden laut. Gleichzeitig versuchen wir Jungens durch die Fenster oder durch irgend ein kleines Loch, durch das wir uns gerade noch durchzwängen können, in den Laden zu gelangen. Es war für uns der Ersatz für Kinderspiele. Es war Heldentum, Heroismus. Irgendwo spielten die Kinder Indianer, wir aber kämpften um unser Leben, um ein Stück Brot. So wuchsen die jungen Erbauer des Sozialismus heran, so wurde der Stahl geschmiedet.

Wir lernten in zwei Schichten, in der Schule war es ebenso kalt wie draußen. Auf der Straße war es viel lustiger, da konnte man wenigstens vom Laufen warm werden. Was hat man davon, wenn die Lehrerin wieder ihre Märchen von der Pariser Kommune erzählt, davon wird man nicht satt. Anstatt der Bastille stürmten wir die Brotläden.

1932. Allgemeine Kollektivisierung. In den Straßen liegen die Leichen verhungerter Menschen. Die Lebenden schleppen sich nur mit Mühe vorwärts, die Beine sind geschwollen – Wassersucht, die Begleiterin des Hungers.

Mein älterer Bruder ist als Student zur Erfüllung von Sonderaufträgen mobilisiert. Sie bekommen Gewehre. Nachts stehen sie als Wachen vor der Kirche, die als Durchgangsgefängnis eingerichtet ist. Es fehlt an Gefängnissen, es fehlt an Wachen. Abends im Halbdunkel werden Partien entkulakisierter Bauern herangetrieben – Hunderte zerlumpter Bauern und Bäuerinnen. Auf den Armen der Mütter in Fetzen gewickelte Säuglinge. Viele können kaum einen Fuß vor den anderen setzen. Mit geladenem Gewehr gehen die Jungen um die Kirche herum. Selbst hungrig, bewachen sie hungrige Menschen.

Am frostigen Morgen werden die Tore der Kirche geöffnet. Die lumpengehüllten Klassenfeinde werden weiter nach Norden getrieben. Einige Dutzend Leichen bleiben auf dem kalten Steinboden liegen. Für sie ist das Problem der Liquidierung des Kulakentums als Klasse bereits gelöst. Sie sind die Glücklicheren. Die anderen erwarten weitere Qualen und schließlich so oder so das gleiche Ende.

Der Winter vergeht, der Frühling zieht ins Land. Die Kampagne zur Einsammlung des Saatgutfonds beginnt. Die Bauern backen Brot aus Baumrinde, während Menschen mit Nagans in den Händen von ihnen Korn für die Frühjahrsbestellung fordern.

Eine zerlumpte Frau mit einem kleinen Kind auf den Armen. Zwei weitere Kinder gucken erschrocken hinter dem mütterlichen Rockzipfel hervor. Die Frau schreit hysterisch: "Wir hungern selbst! Nicht einmal in der Brust habe ich noch Milch für mein Kind", und streckt in wildem Zorn das weinende Bündel vor: "Nehmt doch die Kinder für euren Saatfonds!"

Im Winter haben die Bauern Baumrinde gegessen, Katzen, Hunde, Pferdemist. Fälle von Kannibalismus waren keine Seltenheit. Niemand weiß, wieviele Millionen im Jahre 1933 Hungers gestorben sind. Vielleicht ein Drittel, vielleicht ein Viertel der Landbevölkerung Südrußlands.

Im Sommer strolchen die wenigen übriggebliebenen verwilderten Hunde durch die verödeten Dörfer, ernähren sich von Menschenfleisch. Zuerst haben die Menschen die Hunde gegessen, jetzt fressen die Hunde ihre Herren. Viele Felder sind nicht bestellt, niemand ist da, der die bestellten Felder abernten kann.

Wir Schüler der älteren Klassen werden Tag für Tag hinausgetrieben, um die Ernte auf den Feldern einzuholen. Der Weg führt uns am Rande des städtischen Friedhofs vorbei. Jeden Morgen, wenn wir zur Arbeit gehen, sehen wir Dutzende von frischausgeworfenen tiefen Gruben. Nach der Arbeit, auf dem Heimweg, sehen wir diese Gruben schon wieder dem Erdboden gleichgemacht. Einige neugierige Schüler versuchten, mit dem Stiefel in der lockeren Erde zu stochern. Als sie auf kaum mit einer dünnen Erdschicht bedeckte nackte menschliche Füße und Hände stießen, verloren sie ihre Neugierde. Manchmal, wenn wir in langer Reihe über den Friedhof gingen, wurden von den vorgefahrenen Wagen in diese entsetzlichen Gruben wie unnütze Kadaver die nackten, aufgedunsenen Leichen aus den Gefängnissen und Krankenhäusern geworfen. Es waren die, deren Arbeit wir jetzt auf den Feldern verrichteten. Die Gräber dieser Unbekannten werden mit Steppengras überwuchern, und niemand wird den Preis des tönenden Wortes Kol-lek-ti-vi-sier-ung erfahren.

Die künstliche Hungerkatastrophe der Jahre 1932/33 war eine politische Maßnahme des Politbüros, kein elementarer Notstand. Man mußte zeigen, wer der Herr im Lande war. Der Beschluß wurde im Kreml gefaßt und unterzeichnet. Die Folge – Millionen von Menschenleben. Der Hunger wurde von da an zur Waffe der Kreml-Politik. Der Hunger wurde zum neuen, vollberechtigten Mitglied des Politbüros.

Zu derselben Zeit – Dumping! Wirtschaftlicher Terminus mit bitterem Beigeschmack. In den dreißiger Jahren setzten die Lords im britischen Oberhaus eine Bill über das Verbot für sowjetische Handelsschiffe durch, in englischen Häfen vor Anker zu gehen. Selbstverständlich gingen die Engländer dabei von ihren eigenen Erwägungen aus – sie wollten die Wirtschaftsinteressen des Imperiums schützen, die kanadischen und australischen Getreidelieferanten. Den Engländern kam es wohl sicher nicht in den Kopf, wieviele Millionen russischer Menschen sich über diesen Beschluß freuten.

Die Sowjets werfen ihren sagenhaft billigen Weizen, der alle Preise unterbietet, auf den Weltmarkt. Für die Sowjets ist das ein leicht zu lösendes Problem – dëm kollektivisierten Bauern wird das Brot zu 6 Kopeken das Kilogramm abgenommen, verkauft wird es an den Arbeiter zu 90 Kopeken das Kilogramm. Kein einziger Kapitalist wagt von solchen Dividenden auch nur zu träumen. Unter diesen Umständen ist es nicht schwer, sich mit Dumping zu vergnügen.

Das reiche und satte Sowjetrußland bietet auf dem Weltmarkt Getreide zu Schleuderpreisen an. Die profithungrigen Kapitalisten stürzen sich auf die billige Ware. Die Engländer kauen mit Vergnügen das billige und sehr weiße russische Brot. Aber... Aber bald fängt ihnen der Sand zwischen den Zähnen zu knirschen an.

Die kanadischen und australischen Farmer verbrennen fluchend ihr Getreide in den Öfen, lassen es in Rauch aufgehen unter dem Freudengeschrei des Moskauer Rundfunks: "Seht nur, was in der planlosen kapitalistischen Welt vor sich geht". Aber die braven Kanadier und Australier haben nach dem Autodafé mit dem Korn kein Geld mehr, um englische Industrieerzeugnisse zu kaufen. Infolgedessen schließen englische Fabriken und Betriebe ihre Pforten, die Arbeitslosigkeit wächst. Die erbitterten énglischen Arbeiter haben nicht mehr genug Schillinge in der Tasche, um das verlockend weiße, das billige russische Brot zu kaufen.

Und dort überm Meer, in dem herrlichen Land des im Bau befindlichen Kommunismus gibt es keine Arbeitslosigkeit, und das Brot ist dort so billig, daß es beinahe umsonst an das Ausland geliefert wird. So wachsen

Streik- und Revolutionsbewegungen im Westen.

"Die Revolution geht weiter, Genossen", und die guten Onkel im Kreml reiben sich die Hände.

Die Schweine in Dänemark werden mit billigem russischen Zucker gemästet. In der UdSSR trinkt man den Tee "wprigljadku" (d. h. der Tee wurde ungesüßt getrunken, ein Stück Zucker "zum Ansehen" daneben), an hohen Feiertagen "wprikussku" (d. h. man knabberte zum Tee an einem Stück Zucker. Stehende Redensart in Sowjetrußland). Die sowjetischen Arbeiter und Bauern hungern zwar, dafür ist aber Geld genug vorhanden für die Finanzierung des sozialistischen Aufbaus, es gibt ausländische Maschinen und Werkbänke. Die Basis der Schwerindustrie verbreitet sich, damit wächst die Anzahl der schweren Waffen im Arsenal der Weltrevolution. Den Arbeitern und Bauern wurde versprochen, daß die Schwerindustrie eine Leichtindustrie, und diese wiederum Stoffe und Schuhe hersteilen werde. Vorerst werden aber nur Flugzeuge und Panzer produziert. Nichts zu machen – die kapitalistische Einkreisung ist schuld. Haltet aus!

Es ist kein Raum da für bourgeoise Sentimentalitäten. Die Statistik meldet, daß die Geburtenbewegung und das Ansteigen der Bevölke- xungszahl umgekehrt proportional zum Lebensstandard steht. Je schlechter die Menschen leben, um so rascher vermehren sie sich. Auf der einen Seite Indien und China, wo alljährlich Tausende verhungern, während an ihrer Stelle Millionen geboren werden. Auf der anderen Seite die satten, verweichlichten Länder der absterbenden Zivilisation, Frankreich und England, mit fallender Geburtenkurve, wo das größte spezifische Gewicht auf die absterbende Erwachsenengruppe entfällt. Erinnern wir uns der Memoiren Lloyd Georges und seines Vergleichs mit dem auf der Spitze stehenden Dreieck. Ausgehend von diesen Vorausetzungen hat Stalin keine Veranlassung, sich vor den Folgen der Hungerpolitik zu fürchten; mit Arbeitskräften und Soldaten wird er unter allen Umständen in genügendem Maße versorgt sein. Von allen Gesichtspunkten aus eine aktive Bilanz für den Staat. September 1939. Der Freundschaftspakt zwischen Stalin und Hitler ist unterzeichnet. Ladung auf Ladung rollen sowjetisches Brot, sowjetische Butter, sowjetischer Zucker nach Deutschland. Gleichzeitig verschwinden alle diese Dinge von den Regalen der sowjetischen Läden, die auch bis dahin nicht gerade im Überfluß geschwelgt haben.

Um die Änderung des politischen Kurses zu erklären, setzen die Gerüchtemacher der NKWD die Parole in Umlauf: "Ribbentrop hat die Fotokopie eines Dokumentes nach Moskau gebracht, das von vierzehn ausländischen Mächten unterzeichnet ist. Diese Mächte haben Hitler ihre Hilfe angeboten, falls er die UdSSR überfällt. Hitler hat unsere Freundschaft vorgezogen. Wir wollen den Frieden. Dafür müssen wir aber bezahlen!"

Eintausendneunhunderteinundvierzig! Krieg! Der Hunger tritt aus dem Stadium des chronischen Mangels in seine endgültige Form. Kartensystem. Rationierung. Das ist keine Unterernährung mehr, das ist reiner Hunger. Winter 1941/42. Das Kilo Kartoffeln kostet auf dem freien Markt 60 Rubel – den Wochenlohn eines Arbeiters; das Kilo Butter 700-800 Rubel – den Arbeitslohn für drei Monate. Auf Karten bekommt der Arbeiter gerade so viel, daß er sich auf den Füßen halten, daß er gerade noch arbeiten kann. Praktisch ist das wichtigste und einzige Nahrungsmittel Brot. Sechshundert Gramm Brot pro Tag. Das gleiche Brot, von dem die deutschen Kriegsgefangenen Magengeschwüre und Dysenterie bekamen und wie die Fliegen starben. Eines Tages sitze ich in dienstlicher Angelegenheit im Arbeitszimmer des Direktors der Radiofabrik "Lenin". Ein Klopfen an der Tür unterbricht unser Gespräch. Die Sekretärin streckt ihren Kopf ins Zimmer und berichtet: "Die Serdjukowa ist im Vorzimmer. Soll sie hereinkommen oder warten?"

Die Serdjukowa kommt schüchtern herein. Nach ihrem verschmierten Gesicht kann man schwer beurteilen, wie alt sie ist. Sie trägt eine öl- verschmierte, schmutzstarrende Arbeiterjacke, an den Füßen nasse Segeltuchstiefel. An den Flecken von Schmierseife erkennt man, daß sie an der Werkbank arbeitet. Die Frau steht in schweigender Erwartung an der Tür. Ihr Gesicht ist finster und gleichzeitig gleichgültig, die Apathie einer grenzenlosen Müdigkeit hat alle anderen Gefühle abgestumpft.

"Serdjukowa, warum sind Sie gestern nicht zur Arbeit gekommen?" fragt der Direktor. "Das ist ein schweres Vergehen und wird nach dem Gesetz der Kriegszeit geahndet. Sie wissen doch, was Ihnen dafür blüht?"

"Ich war krank, Genosse Direktor. Ich konnte nicht vom Bett aufstehen", entgegnet die Serdjukowa mit heiserer Stimme. Sie tritt von einem Fuß auf den anderen, eine Pfütze hat sich unter ihren Stiefeln auf dem Parkett gebildet.

Arbeitsversäumnis ohne zwingenden Grund wird mit Zwangsarbeit bestraft. Das im besten Falle, nach den Gesetzen der Friedenszeit. Unter den heutigen Umständen kann das Gefängnis bis zu zehn Jahren ein- bringen. Je nach den "Umständen". Es kann als Sabotage der Rüstungsindustrie hingestellt werden.

"Häben Sie eine ärztliche Bescheinigung?" fragt der Direktor.

"Nein... Woher denn. Ich hatte niemanden, den ich zum Arzt hätte schicken können. Ich lag; sowie ich wieder aufstehen konnte, bin ich gleich in die Fabrik gegangen."

Die Serdjukowa verkörpert den Typ der russischen Frau, die widerspruchslos alle Schwierigkeiten des Lebens hinnimmt, die alles als unvermeidlich, als unabwendbar, als von oben gesandt aufnimmt. In dieser stummen Ergebenheit in das Schicksal verbirgt sich eine Art Religiosität. Es ist keine Schwäche, es ist die Quelle der gewaltigen seelischen Stärke des russischen Menschen.

Wie ich die Serdjukowa betrachte, fällt mir ein alter Soldat ein, der nach einer Verwundung – es war wahrscheinlich seine zehnte – aus dem Lazarett an die Front zurückkehrte. Völlig ruhig, die Lafette des Maschinengewehres auf dem Rücken schleppend, drückte er seinen sehnlichsten Wunsch aus: "Ach, wenn es mir doch wenigstens den Arm oder das Bein abreißen würde. Dann könnte ich wieder in mein Dorf zurück." Mich entsetzten nicht so sehr seine Worte als seine Ruhe und sein aufrichtiger Wunsch, um den Preis eines Armes oder Beines an den heimatlichen Herd zurückkehren zu können. Trotzdem war er ein vorbildlicher Soldat.

"Sie müssen die sowjetischen Gesetze kennen, Serdjukowa", fährt der Direktor fort. "Arbeitsversäumnis ohne zwingenden Grund. Ich bin gezwungen, die Sache dem Gericht zu übergeben."

Die Serdjukowa beginnt mit versagender Stimme zu murmeln: "Aber Genosse Direktor... Tagtäglich vierzehn Stunden an der Werkbank. Ich habe keine Kraft mehr... Ich bin krank."

"Ich kann nichts machen. Gesetz! An dieser Krankheit leiden wir alle." Das Gesicht Serdjukowas verkrampft sich. "Alle leiden Sie an derselben Krankheit?!" schreit sie auf und geht einige Schritte auf den Tisch des Direktors zu. "Alle?! Haben Sie das da schon gesehen?!" über ihr Gesicht fließen Tränen, aber sie merkt es nicht. In einem Ausbruch impulsiver Wut reißt sie, mitten im Zimmer stehend, ihren Rocksaum hoch. Das ist kein Mensch mehr, das ist keine Frau – es ist ein zu Tode gehetztes Geschöpf, das vom Mut der Verzweiflung beseelt ist.

"Alle? Alle? Alle leidet ihr an derselben Krankheit?!"

Ich sehe den blendend weißen Körper der Frau auf dem Hintergrund der grauen Wände des Zimmers. Es sind nicht die, schlanken Beine einer Frau, es sind zwei formlose, geschwollene Säulen, bei denen man weder die Knie noch die Linien des Beines unterscheiden kann. Runde Strumpfhalter aus rotem Autoreifen schneiden tief in das geschwollene Fleisch ein, das zu beiden Seiten wie eine teigige bläuliche Masse vorquillt. Wassersucht.

"Habt Ihr das gesehen, Ihr Herren Direktoren?! Habt Ihr das auch?!" schreit die junge Frau, besinnungslos vor Scham und Schmerz. "Seit fünf Monaten schon ist die Menstruation ausgeblieben... Wieviel mal bin ich schon an der Werkbank in Ohnmacht gefallen...".

"Kann man denn da wirklich nichts tun?!" fragte ich den Direktor, als wir wieder allein sind.

"Was ist da zu machen?" entgegnet er und blickt resigniert in seine Papiere. "Bei der Hälfte der Frauen dieselbe Geschichte. Da helfen keine Pillen. Der Hunger ist keine Tante."

"Ich meine nicht das. Ich meine das Gericht. Kann man denn die Sache nicht vertuschen?"

"Das Decken von Bummelanten wird ebenso bestraft wie die Arbeitsversäumnis selbst. Wenn ich die Sache vertusche, wird das NKWD uns beide festsetzen. Vor Lusgin kann man nichts verbergen", erwidert der Direktor.

Ich habe Lusgin nie kennengelernt, dafür oft von ihm gehört. Er ist der Chef der Spezialabteilung des Betriebes – Auge und Ohr der Partei.

Einmal ging ich über den Swerdlow-Platz in der Stadt Gorkij. Es war März und auf den Straßen standen Pfützen halbgeschmolzenen Schnees, mit Schmutz vermischt. Vor mir patschten zwei junge Mädchen mit Aktentaschen unter dem Arm durch das Wasser, anscheinend Studentinnen. Plötzlich ließ eine ihre Aktentasche fallen, sie fiel in den feuchten Schmutz auf dem Bürgersteig und öffnete sich, Bücher und Hefte verstreuten sich im. Schmutz. Das Mädchen machte, als suche es eine Stütze, einige schwankende Schritte gegen die Wand des nächsten Hauses, die Beine versagten den Dienst, es sank langsam auf die Erde. Das blaue Kopftuch rutschte zur Seite, Strähnen kastanienbraunen Haares mischte sich mit dem schmelzenden Schnee und dem Schmutz des Bürgersteiges. Ein totenblasses, bläulich überschattetes junges Gesicht, hilflos ausgebreitete Arme. Ohnmacht!

Die Freundin eilte ihr schnell zu Hilfe. Einige Passanten halfen, das Mädchen aufzuheben und in die Toreinfahrt des nächsten Hauses zu tragen. Erregte Fragen wurden laut: "Was ist los? Was ist geschehen?" Die Freundin des Mädchens antwortete verlegen: "Es ist nichts. Einfach Schwäche." Ein Mann im Soldatenmantel ohne Schulterstücke bot an, einen Krankenwagen zu holen. Eine ältere Frau in riesigen Männerstiefeln half dem jungen Mädchen, das sich über seine ohnmächtige Freundin gebeugt hatte.

"Woher sind Sie? Von der Station?" fragte sie. Ohne die Antwort abzuwarten fing sie mit dem einfachen Frauen eigenen Mitgefühl zu jammern an: "Arme kleine Studentinnen! Selbst hungern sie, können sich kaum auf den Füßen halten und geben doch noch ihr letztes Blut ab. Wie kann man nur?! Lange haltet ihr das nicht aus!"

Ein großer Teil der Blutspender der Station für Blutübertragungen bestand aus Studentinnen und Müttern mit kleinen Kindern. Für 450 Kubikzentimeter gespendeten Blutes bekam der Blutspender 125 Rubel

— dafür konnte man nicht ganz ein Kilogramm Schwarzbrot kaufen. Nach der Blutspende bekam der Spender für einen Monat eine Lebensmittelkarte höherer Kategorie – täglich 200 Gramm Brot zusätzlich. Außerdem standen ihm gleichzeitig andere zusätzliche Rationen zu: 250 Gramm Fett, 500 Gramm Fleisch, 500 Gramm Zucker. Das war der Preis des menschlichen Blutes an der Heimatfront.

Diese Mütter und Mädchen erkannten sehr gut ihre patriotische Pflicht – das Blut war ja für ihre Männer und Brüder an der Front bestimmt. Getrieben zu dieser Tat wurden sie aber in der Hauptsache durch den Hunger, das Gefühl des Patriotismus schmückte nur die schmutzige Ursache dieses Handels mit dem eigenen Blut aus. Die Mütter wollten um den Preis ihres Blutes ihre hungrigen Kinder ernähren, die Studentinnen zogen es vor, lieber ihr Blut zu opfern als ihre Körper.

Auf der Station für Blutübertragungen gab es besondere Briefbogen. Die Blutspenderinnen schickten häufig gleichzeitig mit dem gespendeten Blut Briefe an die Soldaten, für die das Blut bestimmt war. Reine menschliche Gefühle verflochten sich mit dem entwürdigenden Gefühl des Hungers. Oft waren diese Briefe der Beginn einer weiteren Korrespondenz, einer herzlichen Freundschaft aus der Ferne. Nach Beendigung des Krieges kam es nicht selten vor, daß diese Menschen sich trafen und daraus eine echte Liebe, besiegelt durch das Blut, entstand. Bei der Trauungszermonie stand der Hunger als Brautführer hinter ihrem Rücken. Er war ihr treuer Begleiter in der Vergangenheit, ist es in der Gegenwart und wird es in der Zukunft bleiben. Er wird auch als Taufpate an der Wiege ihres künftigen Kindes stehen.

Im Zentrum der Stadt Gorkij gibt es einen "Platz der Opfer des Jahres 1905". Von der einen Seite wird der Platz durch die Mauern eines alten Gefängnisses abgegrenzt, in dem einstmals die Helden von Gorkijs ..Mutter” schmachteten. In der Mitte des Platzes erhebt sich ähnlich einem quadratischen Felsen ein Monument für die Barrikadenkämpfer des Jahres 1905. Gut, daß man das Grab der Kämpfer um Rußlands Freiheit mit einem so wuchtigen Stein beschwert hat! Stünden sie nur für einen Augenblick aus ihrem Grab auf und schauten sich um, würden sie das Blut bereuen, das sie für die Ideale der russischen Revolution vergossen haben. Idealisten bereiten eine Revolution vor, Fanatiker führen sie aus, und Schufte ernten ihre Früchte!

Auf der anderen Seite dieses Platzes erhebt sich das Gebäude der Städtischen Oper und des Balletts. Einmal stand ich mit einer Gruppe von Kaderaden in einer Pause im Foyer. Im Saal tanzten zahlreiche Paare nach den Klängen eines Orchesters. Ein schlankes, gutaussehendes Mädchen, das mit einem Offizier tanzte, erregte meine Aufmerksamkeit. Ihre schlanke Gestalt steckte in einem grauen Kleid aus stumpfer Seide, ihr Haar war in einer schlichten, aber originellen Frisur hochgekämmt. Ihre Aufmachung und die ganze Art, sich zu geben, zeugten von gutem Geschmack und dem Gefühl der eigenen Würde.

"Wer ist dieses Mädchen?" fragte ich einen Kameraden, der sich mit den Verhältnissen in der Stadt gut auskannte.

"Studentin. Medizinerin im letzten Kursus", antwortete er einsilbig. "Ein interessantes Mädchen..." sagte ich.

"Ich rate Dir nicht, da anzubinden."

"Was ist denn los?”

"Nichts weiter... Aber ich rate Dir nicht dazu." Mehr wollte er nicht sagen.

Diese seltsamen Worte steigerten noch mein Interesse. Ich wandte mich mit der gleichen Frage an einen anderen Bekannten.

"Das Mädchen in Grau?!" sagte er mit einem Seitenblick auf die hohe Gestalt. "Wenn Dich eine Bekanntschaft für eine Nacht interessiert, dann ist das eine einfache Sache – nicht mehr als eine Konservenbüchse oder ein Laib Brot."

Ich sah den Sprechenden ungläubig an. Ich liebte das studentische Milieu und betrachtete es als "mein" Milieu. Seine Worte trafen mich wie eine persönliche Kränkung. Die Studentenschaft war die moralisch sauberste und geistig hochstehendste Schicht der Vorkriegszeit. Konnte es denn sein, daß der Krieg schon nach einem Jahr solche Veränderungen mit sich gebracht hatte?

"Kann nicht sein. Red' keine Dummheiten", widersprach ich.

"Keine Dummheiten, sondern eine traurige Tatsache. Sie lebt in einem Gemeinschaftswohnhaus, mit fünf Freundinnen in einem Raum. Jede Nacht haben sie zwei bis drei Besucher. Lauter Offiziere. Wer hat heutzutage schon etwas übrig – außer den Offizieren."

Vor dem Krieg gab es in der Sowjetunion praktisch keine Prostitution. Dieser Ausgabeposten paßte nicht in das Budget des durchschnittlichen Sowjetmenschen. Es existierte nur eine politische Prostitution unter der Schutzherrschaft der NKWD – in der Umgebung des Restaurants "Intourist" und überhaupt dort, wo Ausländer verkehrten. In unbedeutendem Maße blühte eine Abart der käuflichen Liebe in den höheren Sphären der neuen herrschenden Klasse in Moskau, die die Mittel hatte, käufliche Liebe zu belohnen.

In Moskau, insbesondere in Schauspielerkreisen, kursierten Geschichten über die Amouren des ältlichen "Allunions-Ältesten" Michail Iwanowitsch Kalinin, dem man den Spitznamen "Der Ziegenbock des Kreml" beigelegt hatte. Die wundertätigen Kräfte der geheimnisvollen Wurzel Sehen-Sehen, des alten erprobten Mittels tibetanischer Medizin, bildeten zusammen mit zahlreichen Namen Moskauer Tänzerinnen die üblichen Komponenten dieser Moskauer Gespräche. Auch die Geschenke Stalins an die Prima-Ballerina des Großen Theaters, Sem- jonowa, die alle mehr oder weniger intime Bedeutung hatten, wurden gerne aufgezählt. Der Kreml fütterte die Menschen mit Aussichten auf ein künftiges Paradies, während er selbst die Huris des irdischen Paradieses keinesfalls vergaß.

Jetzt, während des Krieges, trieb der Hunger die Frauen auf die Straße. Nicht für seidene Strümpfe, Pariser Parfüms oder Luxusgegenstände. Nein. Für ein Stück Brot oder eine Konservendose. Und was das Schlimmste ist – das erste Opfer waren die Studentinnen, die heranwachsenden Kader der Sowjetintelligenz. Für einen teuren Preis wurde das Hochschulstudium erkauft.

Im Konstruktionsbüro der Fabrik Nr. 645 arbeiteten zwei alte Männer – Nikanor Iwanowitsch und Pjotr Jewstignejewitsch. Sie waren beide längst pensioniert, aber der Hunger hatte sie wieder in den Arbeitsprozeß hineingetrieben, die Pension reichte nicht hin und nicht her. Nikanor Iwanowitsch war seinerzeit ein bekannter Ingenieur, Flugzeugkonstrukteur. Noch vor dem ersten Weltkriege arbeitete er in Frankreich in den "Bleriof-Werken, wo er die ersten Flugzeuge der Welt baute. Er kannte alle Väter der russischen Fliegerei persönlich

— Shukowskij, Sikorskij, Piontkowskij. In der Sowjetzeit hatte er auf dem Gebiet des Flugwesens viel geleistet und zeigte mit Stolz die zahlreichen Anerkennungsschreiben, Auszeichnungen und Zeitungsausschnitte mit seinem Namen. Jetzt war er nur noch eine hilflose Ruine. Er wurde mehr aus Mitleid wieder im Werk aufgenommen, da er infolge seines Alters nicht mehr recht arbeitsfähig war.

Gleich am frühen Morgen setzten sich Nikanow Iwanowitsch und Pjotr Jewstignejewitsch an einen Tisch in der entferntesten Ecke und begannen, durch ein Skizzenbrett von der Umwelt isoliert, eine Unterhaltung über die Speisen, die sie in ihrem langen Leben dufchprobiert hatten. Jeden Tag, wenn sie sich trafen, beeilten sie sich, irgend eine neue Speise zu erwähnen, die ihnen aus dem Dunkel der Vergangenheit ins Gedächtnis gekommen war. So saßen sie Stunde um Stunde, Tag um Tag und versuchten einander durch ihre Erzählungen zu übertrumpfen. Manchmal stritten sie sogar ernstlich wegen der Art der Zubereitung der Sauce ä la Jean oder wegen eines Rezeptes für marinierte Pilze. Aber das dauerte nicht lange, bald waren sie wieder ein Herz und eine Seele und flüsterten, flüsterten, flüsterten. Die übrigen Konstrukteure waren der Meinung, daß beide infolge des Hungers leicht geistesgestört seien.

Einmal hörte ich mit halbem Ohr, wie Nikanor Iwanowitsdi Pjotr Jewstignejewitsch klagte: "Jetzt sitze ich schon den dritten Tag ohne Brei. Die ganzen Kalatschiki (Die Samen eines Unkrauts) von unserer Straße habe ich aufgegessen, jetzt finde ich überhaupt keine mehr. Brei aus Kalatschiki, muß ich gestehen, Pjotr Jewstignejewitsch, sind eine prachtvolle Sache. Direkt wie junges Spanferkel mit Kastanien. Jetzt muß ich wieder in meinen Büchern stöbern – man sagt, es gäbe noch irgendwelche eßbaren Wurzeln."

Armer Nikanor Iwanowitsdi! Hat das ganze Gras in seiner Straße aufgegessen, jetzt wird er nach Wurzeln suchen. Eine gute Nahrung für den Magen eines verdienten Ingenieurs, eines Pioniers der sowjetischen Fliegerei.

Zwei Stunden vor Beginn der Mittagspause nahm Nikanor Iwanowitsdi aus seiner Westentasche eine Taschenuhr an dicker Silberkette heraus – auch eine Erinnerung an ehemalige Verdienste – und legte sie vor sich auf den Tisch. Alle fünf Minuten blickte er mit Ungeduld und Arger auf die langsam kriechenden Zeiger. Eine Viertelstunde vor der Mittagspause begann er in seinen Schubladen zu kramen, suchte nach Löffel und Gabel, steckte sie in die Tasche und kontrollierte dann, ob seine Überschuhe fest saßen. Es war die Vorbereitung zum Start, mit siebzig Jahren fällt es nicht leicht, Wettläufe zu veranstalten. Endlich erbettelte er bei den Vorgesetzten sogar die Erlaubnis, fünf Minuten vor den anderen zum Mittagessen gehen zu dürfen.

Nach all diesen Erwartungen und Vorbereitungen trippelte Nikanor Iwanowitsch, mit einer Hand sein goldenes Pincenez auf der Nase festhaltend, über den Hof in die Kantine. Er ging nicht, er lief nicht – er hüpfte. Dort erwartete ihn das Mittagessen: als erste Speise grüne Tomaten, in kochendem Wasser ausgekocht, als zweite Speise – Haferbrei in Wasser gekocht und ohne jegliche Zusätze. Die Portion reichte gerade für eine Katze, nicht aber für einen Mann. Nach dem Essen kratzte Sikanor Iwanowitsch lange und sorgfältig auf dem Aluminiumteller herum, leckte eifrig seinen Löffel ab. Dann ging es wieder an die Arbeit, nach der Arbeit wird man sich auf die Suche nach eßbaren Wurzeln machen können. Die Stalinsche Verfassung sichert allen Sowjetbürgern das Recht auf Arbeit und Altersversorgung zu!

Wenn ich an Wassilij Wassiljewitsch denke, meinen Arbeitskollegen in Gorkij, kommen mir immer seine Erzählungen über die Wolga ins Gedächtnis.

"Ach, weißt Du, wie früher die Bettler lebten?" sagte Wassilij Wassiljewitsch. "Beneidenswert! Früher hatte ein Bettler drei Taschen; in die eine schüttet er das Mehl, in die zweite, auf dem Rücken, wirft er feste Stücke, und in die dritte, die über dem Arm hängt, kommen die Eierchen und die anderen leckeren Dinge. Damals sammelte ein Bettler an einem Tage mehr zusammen, als ich heute im Monat. Ja, gelebt haben diese Bettler! Fröhlich haben sie gelebt, ganze Dörfer im Kartenspiel verloren..."

"Wieso denn das?" fragte ich verständnislos.

"Ganz einfach", erklärte Wassilij Wassiljewitsch überlegen, nachsichtig lächelnd über meine Unerfahrenheit in Fragen der Vergangenheit. "Die Bettler gehen so ihres Wegs, ringsherum scheint die liebe Sonne, das Gras wuchert grün und üppig. Da sehen sie in der Ferne ein Dorf, setzen sich ins grüne Gras, und los geht’s mit dem Kartenspiel um das Dorf. Wer gewinnt, der darf ins Dorf betteln gehen. Mit einem Wort – Bettler, aber wie glücklich haben sie gelebt."

Früher war die Wolga berühmt für ihren Fischreichtum. Heute haben die Anwohner der Wolga vergessen, wie Fisch überhaupt auch nur riecht. Selbst die wenig wählerischen Krebse sind ans Ufer gekrochen und krepiert. An den Ufern der Wolga sind chemische Rüstungsfabriken entstanden, die ihre Abwässer direkt in den Fluß leiten. Der Fisch ist aus der Wolga verschwunden, chemische Produkte sind aber im Lande auch nicht zu haben.

Jeder von uns wird diesen Fabriken gerne die verlorene Fischsuppe aus Stör, die krepierten Krebse und vieles andere verzeihen, denn sie haben uns geholfen, die Hitlerarmeen aus unserem Lande zu vertreiben. Aber eines beunruhigt uns – das Fortbestehen dieser Fabriken und die alten Losungen des Kreml von der "Weltrevolution". Wir werden bereitwillig alles für die Erfordernisse zur Verteidigung unseres Vaterlandes opfern, nicht aber für die Schachzüge der Männer im Kreml.

1944. Die Sowjetarmee greift wie ein stählerner Mauerbrecher an den wichtigsten Frontabschnitten an. Das Gebiet der Sowjetunion ist fast vollständig von fremden Truppen gesäubert. Die Panzerkeile stürmen an die Grenzen des Reiches vor. In der Etappe, in den Reserveeinheiten, warten die Soldaten ungeduldig auf den Tag ihres Fronteinsatzes. Nicht aus Patriotismus. Nein. Einfach aus Hunger. Die Rationen in der Etappe sind so niedrig, daß manche Soldaten vor lauter Hunger in den Abfallgruben auf der Suche nach Kohlblättem oder gefrorenen, verfaulten Kartoffeln umherstöbern.

"Der Weg zum Herzen des Soldaten geht durch den Magen!" sagte General Bonaparte. Stalin hat die Worte des großen Feldherrn auf seine Manier modernisiert. Es genügt festzustellen, daß es in der Sowjetarmee zwölf Rationssätze gab: Frontration I, Frontration II, Etappenration I, Etappenration II, usw. bis herunter zur Ration XII, der sogenannten Sanatoriumsration. Nur zwei von all diesen Rationssätzen können als normal bezeichnet werden, die Frontration I und die Sanatoriumsration, alle übrigen ermöglichten nur verschiedene Grade des Hungerstadiums.

Schwierigkeiten der Kriegszeit! Wie oft versuche ich, das ganze Elend, das einem auf Schritt und Tritt in die Augen springt, vor meinem inneren Ich zu rechtfertigen. Ich bin doch sowjetischer Offizier, ich muß doch wissen, weswegen ich die Leute in den Kampf schicke. Häufig stelle ich mir die Frage – was wird, wenn wir den letzten Nazi von unserem Boden vertrieben haben? Wieder das, was früher war?! Man denkt nicht gern an den "heroischen Alltag des sozialistischen Aufbaus".

Wenn mich irgend jemand aus der Umwelt einmal fragen sollte: "Sagen Sie nur kurz – was ist das Sowjetleben, mit den Augen eines einfachen Menschen gesehen?" wird es mir schwer fallen, eine Antwort darauf zu geben. Ich werde von all dem Guten erzählen, das es bei uns wirklich gibt. Aber der Nationalstolz und die Scham um den in Schmutz gezogenen Begriff Mensch wird mir niemals erlauben, zuzugeben: "Das Sowjetleben? Das ist einfach der nackte, hungrige Mensch. Er wird gekleidet mit schönen Lügen und genährt mit noch schöneren Hoffnungen. Wenn er sich über sein Glück nicht genügend freut, wird er hinter Stacheldraht umerzogen."

Der Hunger ist in der Sowjetunion zum System erhoben. Er ist zu einem Mittel der Beeinflussung der Massen geworden, zum vollberechtigten Mitglied des Politbüros, zum treuen und zuverlässigen Verbündeten Stalins.

Der alte Rousseau teilte in seinen Forschungen die menschlichen Triebe in sechs Kategorien ein. Jeder folgende Trieb taucht im Bewußtsein des Menschen erst dann auf, wenn der vorhergehende befriedigt ist. Nach dem Selbsterhaltungstrieb steht an zweiter Stelle der Trieb zur Befriedigung des Hungers. Und erst an fünfter Stelle kommt der Trieb zur Befriedigung moralischer, politischer und gesellschaftlicher Interessen. Kurz gesagt – wenn das Leben in Gefahr ist, denkt der Mensch zu allererst daran, das Leben zu erhalten und vergißt darüber die Nahrung. Wenn er hungrig ist, denkt er wiederum nur an das Essen und vergißt alles übrige.

Beim Sowjetmenschen sind unter fürsorglicher Leitung von Partei und Regierung alle Triebe auf den zweiten Punkt konzentriert – den Hunger. Auf diese Weise wird er vor der Gefahr bewahrt, gesellschaftlichpolitische Bedürfnisse zu verspüren. Ein chronisch hungriger Mensch denkt mehr daran, wo er einen Laib Brot hernehmen könnte, als an politische Doktrinen. Für ihn denken die Führer. Der alte Rousseau war wahrlich kein Dummkopf!

Leningrad. Ein stolzes Wort. Ich war dort kurz nach der Befreiung der Stadt von der Blockade. Niemand kennt die genaue Zahl der Opfer des Hungers während der Belagerung. Beim Heranrücken der Hitlerarmeen drängten sich die Bewohner der Vorstädte und der Umgebung, in einer Gesamtzahl von annähernd acht Millionen, in der Stadt zusammen. Mindestens drei Millionen davon sind den Hungertod gestorben.

Einmal ging ich mit einem anderen Offizier am Ufer eines Sees in der Umgebung Leningrads entlang. Direkt am Wasser befand sich ein kleiner Friedhof, junges Gras wuchs zwischen den vernachlässigten Gräbern empor. Ein roter Granitblock lenkte meine Aufmerksamkeit auf sich, das Grab war ganz frisch. "Flieger-Oberleutnant... Erlitt den Heldentod in der Schlacht um die Stadt Lenins", las ich die in den Granit gemeißelte Inschrift.

"Ein Glücklicher", sagt mein Begleiter, der die ganze Belagerungszeit hindurch bei der Verteidigung der Stadt eingesetzt war. "Wer die Blockade überstanden hat, ist kein Mensch mehr. Nur noch die Hülle eines Menschen."

Wir gehen weiter. Mein Begleiter sagte mit zu Boden gesenktem Blick: "Nach allem, was ich hier gesehen habe, fühle ich mich nicht mehr als Mensch. Wir alle, die wir hier waren, sind jetzt für unser ganzes Leben psychisch anomale Menschen. Ich will Dir keine Einzelheiten erzählen."

"Ich bin ein passiver Mörder", erzählte mir ein anderer Bewohner Leningrads. "Ein Mensch liegt auf der Straße im Schnee, er ist hingefallen und kann vor Schwäche nicht aufstehen. Er bittet mich, ihm die Hand zu reichen, ihm zu helfen aufzustehen – sonst wird er erfrieren. Aber ich kann ihm meine Hand nicht geben, ich werde sonst selbst hinfallen und nicht mehr imstande sein aufzustehen, werde neben ihm erfrieren. Ich schleppe mich weiter, ich lasse ihn liegen, lasse ihn im Schnee erfrieren."

Die fetteste Gestalt des ganzen Politbüros hatte Andrej Shdanow. Er war gerade Generalgouverneur Leningrads während der Belagerung. Man sagt, er habe besondere Vorsichtsmaßnahmen ergreifen müssen, um nicht in die Bratpfanne zu wandern.

Ich würde jedem Leningrader Ehrenzeichen mit Lorbeeren verleihen. Seit den Tagen Trojas kennt die Geschichte keinen ähnlichen Fall des Heldenmuts der Bürgermassen, keine ähnlich heldenmütige Stadt. Es ist der Heldenmut der Bürger von Leningrad. War es für Stalin eine strategische Überlegung oder lediglich eine Frage des nackten Prestiges?

Wenn ein Mensch stirbt, ist es ein Drama, wenn Millionen sterben – ist es nur Statistik! Besonders wenn man dieses Massensterben von jenseits der Kremlmauern beobachtet.

Kurz vor Ende des Krieges fahre ich mit dem Zug von der Front nach Moskau. An den Bahnhöfen und Haltestellen stehen Haufen zerlumpter Frauen mit Kindern auf den Armen. Die Kinder haben bläulichbleiche durchsichtige Gesichter, von Hunger entzündete eitrige Augen, gleichgültigen, greisenhaften Gesichtsausdruck, ohne Lächeln, ohne Freude. Die Kinder strecken skelettartig dünne Hände vor: "Chleba, Chlebal"

Die Soldaten machen ihre Rucksäcke auf, reichen stumm Soldatenzwieback und Brot aus dem Wagenfenster hinaus. Jedem kommt der aufdringlich bedrückende Gedanke an die eigenen Kinder und Frauen. Diese Hilfe verschafft dem Herzen für einen Augenblick Erleichterung: lange aber bleibt das quälende Gefühl der Scham und Bitterkeit. Kann man denn mit diesem Stück Brot ein ganzes Land ernähren, das stumm in der Umklammerung des Hungers leidet?

Viele von uns überrascht eine Tatsache. In den von den Hitlerarmeen befreiten Gebieten sind die Bilder des Hungers weniger auffallend und sichtbar, als dort, wo der Arm des Politbüros herrschte. Hitler ließ das Kolchossystem unangetastet, das System, das die Möglichkeit der idealsten wirtschaftlichen Ausbeutung bietet; er besaß auf diesem Gebiet jedoch nicht die Erfahrung, wie sein Partner im Kreml.

Wenn die deutschen Kriegsgefangenen nach Hause zurückkehren, erzählen sie zweifellos über die entsetzlichen Ernährungsverhältnisse in den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern. Von ihrem Standpunkt aus haben sie recht. Diese Zustände sind nach europäischen Begriffen tödlieh, das feuchte schwarze Brot war Gift für einen europäischen Magen. Ich bin in Lagern für deutsche Kriegsgefangene gewesen, habe mit eigenen Augen die Lebensbedingungen dort gesehen. Ich möchte nur eines hinzufügen. Ob deutschen Kriegsgefangenen der Gedanke gekommen ist, daß die russische Bevölkerung jenseits des Stacheldrahtes noch schlechter ernährt war? Ob jemand daran gedacht hat, daß diese sogenannten "russischen" Zustände bedingt sind durch das Sowjetsystem und daß diese "russischen" Zustände später erfolgreich auch in Ostdeutschland blühen und gedeihen werden? – Moskau. Die letzten Tage des Krieges. Auf den Moskauer Märkten ein lebhafter Handel. In den Ecken drückten sich bleiche, ausgemergelte Frauen herum – in den ausgestreckten Händen ein paar Stück Zucker, ein, zwei Heringe. Der Mann ist an der Front gefallen, zu Hause weint ein hungriges Kind. Sie verkauft ihre ohnehin karge Ration, um für das Kind Milch oder Brot zu erstehen. Brot, Brot! In aller Augen der gleiche stumme Schrei, der gleiche Hunger.

Der gangbarste Artikel ist Machorka. Machorka in Säcken, Machorka in Gasmasken-Taschen. 15 Rubel das Glas. "Ei, Bürger-Genosse! rauchen wir einen Machorka – gleich ist das Leben schöner!" schreit ein beinamputierter Invalide, behängt mit glitzernden Orden und Medaillen.

Der Markt wimmelt von Invaliden – ohne Beine, ohne Arme, in Frontmänteln und Soldatenröcken, mit roten Verwundetenabzeichen auf der Brust. Die Milizionäre geben sich den Anschein, als sehen sie die Verstöße gegen das Monopol des Staatshandels nicht. Wenn irgendeiner der Hüter der Ordnung versucht, einen Invaliden zu "greifen", hallt die Luft wider von empörten Aufschreien: "Wofür hat er gekämpft? Wofür hat er sein Blut vergossen?!" Wie aufgescheuchte Wespen strömen von allen Seiten die Invaliden herbei, Krücken, Stöcke, sausen durch die Luft, die Leidenschaften entflammen. In den Augen drängender Zorn, in den weitgeöffneten schreienden Mündern – der Hunger!

Berlin hat kapituliert. Wenige Tage später kapituliert Deutschland. Die Menschen dachten, daß es buchstäblich am anderen Tage leichter werden würde. Es war die Hoffnung des Menschen, der nichts anderes hat als seine Hoffnung.

Der Krieg ist aus. Das erste Nachkriegsjahr ist vergangen. Das zweite geht zu Ende. Und nun lesen wir, die Menschen der sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland, die Briefe aus der Heimat. Wir lesen sie und sie wirken auf uns wie Gift. Dieses bittere Bewußtsein wird noch gefördert durch das, was wir ringsherum sehen.

Einmal saß' ich mit Andrej Kowtun zusammen. Wir unterhielten uns darüber, was uns hier in Deutschland umgibt. Nach und nach ging das Gespräch auf einen Vergleich über zwischen dort und hier.

"Die Berliner U-Bahn ist wirklich Mist," sagte Andrej. "Wenn man sie mit der Moskauer vergleicht, wird es einem angenehm ums Herz. Ich ertappe mich jetzt manchmal dabei, daß ich hier in Deutschland nach Dingen suche, die zu unseren Gunsten sprechen. Es ist schwer, sich mit dem Gedanken abzufinden, daß wir unser Leben lang einem Schatten nachgejagt sind."

"Ja", gab ich zu. "Hier leben die Menschen in der Gegenwart, während wir unser ganzes Leben in der Zukunft gelebt haben. Oder richtiger für die Zukunft. Ich verstehe Deine Gefühle voll und ganz. Störung der inneren Harmonie – würde der Psychiater sagen. Das einzige Heilmittel gegen diese Krankheit ist, einen anderen Glauben an die Zukunft zu finden."

"Schau doch mal, Gregory", fuhr Andrej fort. "Wir haben Flugzeuge und Panzer, eine machtvolle Schwerindustrie. Lassen wir den Preis einmal außer acht, um den das alles erkauft wurde, vergessen wir einmal all das Blut, den Schweiß, den Hunger. Jetzt müßte doch der Augenblick gekommen sein, alle diese Errungenschaften zu unserem eigenen Nutzen auszuwerten. Wir haben doch noch nichts vom Leben gesehen. Es waren immer nur Ziele und Ideale – Sozialismus, Kommunismus. Wann werden wir denn eigentlich leben? Erinnerst Du Dich, was Professor Alexandrow vom Katheder der Höheren Parteischule des ZK der KPdSU (B) sagte: "Wenn die Proletarier anderer Länder sich nicht selbst zu befreien imstande sein werden, so werden wir ihnen die helfende Hand reichen." Wir wissen, was das für eine "helfende Hand” ist. Was dann, wenn alle Versprechungen der Kriegszeit nur ungedeckte Wechsel sind? Im Kriege habe ich keine Angst gehabt, aber jetzt habe ich Angst... Ja, ich habe Angst."

Andrej drückte die gleichen Gedanken und Befürchtungen aus, die die Mehrzahl der jungen Sowjetintelligenz bewegt. Wir sind stolz auf die Errungenschaften unserer Heimat und auf unseren Sieg. Wir bedauern nicht die überstandenen Schwierigkeiten und Entbehrungen, mit deren Preis der Sieg und der Ruhm unseres Landes erkauft wurde. Aber im Westen begannen wir sehr scharf zu fühlen, daß all das, was von der sowjetischen Propaganda als ausschließliche Errungenschaft der Sowjetmacht gepriesen wird, eine kolossale Lüge ist. Wenn wir früher Zweifel hatten, so. werden sie jetzt zur Überzeugung, gegen die wir vergeblich anzukämpfen versuchen.

Wir haben begriffen, daß wir noch nicht gelebt haben, daß wir immer nur Opfer brachten für die Zukunft. Jetzt ist unser Glaube an diese Zukunft erschüttert. In dem Maße, in dem sich die Ereignisse der Nachkriegsjahre entwickeln, wächst in uns immer mehr und mehr eine innere Unruhe heran. Wohin führt das alles?

Berlin war in diesen Jahren der politische Mittelpunkt der Welt. Wir saßen in der ersten Reihe beim Schachturnier der internationalen Politik. Wir waren selbst die Bauern in diesem Spiel. Die Praxis der Nachkriegsjahre zeigte die volle Unbegründetheit der Hoffnungen und Erwartungen, die die russischen Soldaten und Offiziere in den Kriegsjahren aufrecht hielten. Was weiter?

"Laß Politik Politik und Leben Leben sein!" klingt Andrejs Stimme an mein Ohr. "Was haben wir vom Leben? Die Deutschen haben es eben nicht leicht, aber sie haben eine Vergangenheit, an die sie gerne denken, sie haben noch eine Hoffnung auf die Zukunft. Besiegte?! Ha! Sie können wenigstens hoffen, daß wir eines Tages Weggehen und sie wieder anfangen können zu leben. Worauf aber können wir hoffen – die Sieger?!"

Zwei Jahre sind seit Beendigung des Krieges vergangen. Jetzt finden wir die Bestätigung unserer schlimmsten Befürchtungen. Wieder herrscht der Hunger im Lande, ein noch ärgerer Hunger, als während des Krieges. Wieder hat die Partei beschlossen, das Volk fester in ihre Hand zu nehmen, sie hat beschlossen, das Volk zu zwingen, die illusorischen Hoffnungen zu vergessen und fahren zu lassen, die sie selbst in der kritischen Periode des Krieges in ihm künstlich erweckte und unterstützte. Die Partei hat wieder beschlossen, dem Volk zu zeigen, wer der wirkliche Herr im Lande ist und hat ihren ersten Diener, den Hunger, zu Hilfe gerufen.

Wenn der Hunger früher ein elementarer Notzustand war, so ist er heute eine wohlüberlegte Waffe der Politik in den Händen des Kreml. Heute ist der Hunger ein vollberechtigtes Mitglied des Politbüros. Hinter meinem Rücken schlägt die Uhr. Ich stehe auf und blicke mich im Zimmer um wie ein Fremder. Ich blicke auf meine Füße, sie stecken in hohen Stiefeln, die Beine in blauen Reithosen mit roten Biesen. Mein Blick streift die goldenen Knöpfe an dem dunkelgrünen Rock. Auf den Schultern glänzen die goldenen Achselstücke. Alles ist so nah und vertraut – und gleichzeitig so grenzenlos fremd.

Die Wände des Zimmers weichen zurück. Hinter ihnen dunkle, sternklare Nacht über Europa. Irgendwo weiter, weit-weit im Osten, liegt die Grenze des Heimatlandes. Dort ist es dunkel und still, so still wie in einem Bleisarg.


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