Gregory Klimow. Berliner. Kreml Kapitel 16

Die Partei Stalins

1.

Die Tage verstreichen, werden zu Wochen, die Wochen zu Monaten. Unaufhörlicher Lauf der Zeit, in der es kein Ziel gibt, in der man nur zurückblickt und Leere im Herzen verspürt.

Der Winter ist angebrochen. Das neue Jahr kommt näher. In diesen Tagen pflegt man das vergangene Jahr zu überdtenken und Pläne für das neue Jahr zu schmieden. Diese Grenze erweckt in uns, den Sowjetmenschen, die auf der Scheide zweier Welten stehen, wenig freudige Erinnerungen und noch weniger freudige Erwartungen. Vor kurzem waren wir Zeugen zweier denkwürdiger Ereignisse, im Oktober der ersten Wahlen zum Berliner Magistrat nach dem Kriege und im November der üblichen Wahl der Kandidaten für den Obersten Sowjet der UdSSR.

Die deutschen Wahlen riefen bei den Sowjetmenschen ein viel größeres Interesse hervor, als zu erwarten stand. Vielleicht, weil sie sich wesentlich von dem unterschieden, was wir gewöhnt sind. Seltsam war es, die Wahllosungen der verschiedenen Parteien zu sehen. Auffallend dabei die starke und geschickt aufgezogene Propaganda der SED. Aus ihr sprach die langjährige Erfahrung der sowjetischen Propaganda, Selbstbewußtsein und — Schamlosigkeit. Uns fiel das wohl am stärksten auf, weil wir, die Herren der SED, wußten, was sich hinter diesen Losungen und Versprechungen verbirgt.

Mir blieb ein Erlebnis im Zusammenhang mit den Berliner Wahlen besonders klar im Gedächtnis.

An einem Sonntagmorgen im Oktober wollte ich mit zwei anderen Offizieren das prachtvolle Wetter nutzen, um eine Motorradfahrt zu unternehmen. Wir holten uns aus dem Kraftfahrbataillon drei schwere Militärmaschinen und preschten unter Motorengeheul aus Karlshorst auf die Frankfurter Allee hinaus.

Irgendwo unterwegs zum Alexanderplatz überholten wir eine langsam marschierende Menschenkolonne mit roten Transparenten und Fahnen in den Händen. Die Demonstranten machten einen ausnehmend deprimierten und freudlosen Eindruck. Links und rechts von ihnen eilten Männer in Thälmann-Kappen und roten Armbinden geschäftig auf und ab.

"Sieh mal — die führen einen Elefanten!" schrie mir einer meiner Kameraden zu und wies auf die Demonstranten.

Wir drosselten die Motoren und fuhren um die Kolonne herum. Es war eine von den Gewerkschaften des Sowjetsektors organisierte Kundgebung, die Wunsch und Willen des deutschen Volkes zum Ausdruck zu bringen hatte. Teilnahme war Pflicht. Wer sich nicht beteiligte, lief Gefahr, seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Lächerlich und jämmerlich war der Anblick dieser Menschen in Filzhüten, die sich wie eine Herde Schafe unter der Leitung der Hirten mit den Thälmann-Kappen vorwärtsschleppten.

Ich weiß nicht, was uns dreien in den Kopf gekommen war. Vielleicht das gleiche Gefühl, wie wenn man auf eine widerliche Raupe blickt und das Verlangen hat, sie zu zertreten. Die drei mächtigen Militärmaschinen fingen jedenfalls an, mit bedrohlichem Geheul um die Kolonne zu kreisen.

Die Leute in Filzhüten blickten einander erschrocken an, wahrscheinlich in der Annahme, daß es sich um eine Militärpatrouille handelt, die aufpaßt, daß die Herde nicht auseinanderläuft. Die Hirten mit den Thälmann-Mützen sahen uns ratlos an — wir streiften fast die Seiten der Kolonne, so daß die Hirten, ihre Würde außer acht lassend, zur Seite springen mußten, um nicht unter die Räder der sich kindlich vergnügenden Offiziere zu geraten. Einerseits widerlich, die abscheuliche Komödie anzusehen. Andererseits angenehm, daß man dieses Mal nicht selbst an dem Affentheater teilzunehmen braucht. Das Geheul der starken Motoren drückte unsere Gefühle aus — Widerwillen und zugleich Freude.

Am selben Tage wurde in Berlin ein Amerikaner von einer sowjetischen Patrouille erschossen, als er versuchte, eine ähnliche Kundgebung im Sowjetsektor zu fotografieren. Anscheinend nimmt jemand an, daß solche Fotografien auf den aufmerksamen Beschauer den gleichen Eindruck machen könnten, wie wir ihn erhalten haben. Am 21. Oktober fanden die Wahlen statt. Ich habe nie beobachten können, daß sich die Sowjet-Menschen bei den Wahlen zu den sowjetischen Wahlorganen für die Abstimmungsergebnisse interessieren. Am Tage der Wahlen zum Berliner Magistrat dagegen gab es wohl kaum einen Menschen in Karlshorst, der sich nicht für die Wahlergebnisse interessiert hätte. Viele verfolgten sie an Hand deutscher Zeitungsmeldungen. Am interessantesten erschien es, daß von allen Parteien die SED den vorletzten Platz einnahm, über diese vielsagende Tatsache wurde nicht viel gesprochen.

In der Industrieverwaltung der SMA boten die Berliner Wahlen Anlaß zu einem Gespräch zwischen Hauptmann Bagdassarjan und Major Shdanow.

"Weißt Dü, wenn man diese Wahlen betrachtet, kommt! einem ein absurder Gedanke", sagte Hauptmann Bagdassarjan, indem er auf eine der Zeitungen mit den Wahlergebnissen hinwies. "Alle Parteien stimmen ab. Nehmen wir nun einmal an, die Kommunistische Partei erhält die Mehrzahl der Stimmen. Wie ist es — wird ihr in dem Falle also die Macht übertragen?"

"Ja, es scheint wohl so zu sein..." erwiderte Major Shdanow unsicher.

"Drollig ist das!" Der Hauptmann wiegt seinen Kopf. "Wenn die Kompartei an die Macht gelangt, macht sie in erster Linie allen anderen Parteien den Garaus. Gleichzeitig sind diese anderen Parteien bereit, ihr die Macht widerspruchslos in die Hände zu geben.

Da stimmt doch was nicht. Das kommt doch darauf hinaus, sich selbst die Schlinge um den Hals zu legen."

"Mit dieser Demokratie findet man sich nicht gleich zurecht",, seufzte der Major.

"Offensichtlicher Blödsinn", schloß sich der Hauptmann seiner Meinung an.

"Vielleicht ist das gar nicht so dumm", der Major runzelte die Stirn in dem Versuch, in das Wesen der unbegreiflichen Erscheinung einzudringen. "Die Demokratie als politische Form ist der Wille der Mehrheit. Wenn die Mehrheit für den Kommunismus stimmt, wird es also Kommunismus geben. Allerdings stimmen vorläufig nur wenige dafür", schloß er in verändertem Ton.

"Trotzdem ist es irgendwie merkwürdig", Hauptmann Bagdassarjan wühlte mit den Fingern in seinem krausen Haar. "Reden alle gegeneinander, aber keiner setzt den anderen fest. Bei uns sagt man gar nichts und wird festgesetzt. Bei uns denkt man sogar gar nichts- — und wird doch festgesetzt..."

Im Dezember begannen im Karlshorster Offiziersklub die Wahlversammlungen, auf denen die Kandidaten für den Obersten Sowjet der UdSSR aufgestellt wurden. An dem für die Industrieverwaltung der SMA festgesetzten Tage mußten alle Mitarbeiter der Verwaltung im Klub erscheinen, der aus diesem Anlaß mit einer dreifachen Anzahl von Führerporträts und rotem Tuch geschmückt war.

Die Leute saßen im Saal und langweilten sich. Endlich erteilte der Vorsitzende des Präsidiums einer vorher bestimmten Person das Wort. Diese begab sich mit einem Papier bewaffnet auf die Tribüne und setzte uns an Hand dieses Spickzettels mit monotoner Stimme auseinander, was für ein Glück es für uns sei, selbst die Vertreter der höchsten Gewalt unseres Landes wählen zu dürfen. Anschließend erschien der nächste Statist auf der Tribüne und machte den Kandidaten des Sonderwahlkreises, den die sowjetische Besatzungszone bildete, für den Obersten Sowjet namhaft. Ihm folgte aus den Kulissen wie in einem gut einstudierten Theaterstück der Kandidat selbst in Generalsuniform auf dem Fuß und erzählte seine Lebensgeschichte. Mit so welker und ergebener Stimme hatte der General wahrscheinlich während seiner ganzen Militärlaufbahn nicht gesprochen. Der zweite Kandidat war eine uns allen absolut unbekannte Größe. Die Versammlungsteilnehmer erfuhren von seiner Existenz erst, als er — dieses Mal nicht aus den Kulissen, sondern aus dem Publikum kommend — das Rednerpult betrat und seine Lebensgeschichte vorlas. Er war berufen, die Rolle des Kandidaten "aus der Hefe des Volkes" zu spielen. Die Kandidatur dieser beiden Statisten war im vorhinein von der Politverwaltung der SMA bestimmt und von Moskau bestätigt.

Das Publikum erwartete mit Ungeduld das Ende der langweiligen Prozedur, um so mehr als es wußte, daß nach der Versammlung eine Filmvorführung stattfinden sollte. Als der Vorsitzende des Präsidiums höflich vorschlug, zur Abstimmung überzugehen, atmeten die Leute im Saal erleichtert auf und rissen, ohne das Kommando zur Abstimmung abzuwarten, eilig ihre rechten Hände in die Höhe. Entweder in dem Wunsch, möglichst schnell die "Wahlen" hinter sich zu haben, oder in der Angst, man könnte sie sonst verdächtigen, kein Vertrauen zu den Kandidaten zu haben. Viele stützten aus Gründen der Sicherheit ihren rechten Ellbogen mit der linken Hand.

Durch den Saal liefen mit Bleistift und Papier bewaffnete Stimmzähler. Die Ungeduld der Wähler machte sich in lärmender Unruhe Luft. Endlich waren die Stimmen gezählt und der Vorsitzende des Präsidiums fragte mit verschlafener Stimme: "Wer ist dagegen?" Totenstille trat ein. Niemand rührte sich.

Der Vorsitzende machte eine Pause und überblickte den Saal, um damit zu betonen, daß jedermann die unbeschränkte Möglichkeit habe, dagegen zu stimmen. Dann, um die Wirkung der Willenseinheit der Wähler zu erhöhen, fragte er mit gespieltem Erstaunen: "Ist niemand dagegen?!"

Aus der Dunkelheit der letzten Reihen erschallte eine junge, ungeduldige Stimme: "Alle einstimmig dafür... Her mit dem Film!" Im Saal flammte Licht auf. Durch die Reihen ging eine erleichterte Bewegung. Alles wartete auf die anschließende Filmvorführung.

So wählten wir die "Auserwählten des Volkes" in den Obersten Sowjet der UdSSR. Wenn die Wähler beim Verlassen des Versammlungsraumes nach den Namen der soeben gewählten Kandidaten gefragt worden wären, hätte kaum einer sie noch gewußt.

Die Grenzscheide zwischen 1946 und 1947 war in Karlshorst durch eine ganze Reihe von Ereignissen gekennzeichnet, die dazu zwangen, noch einmal auf die seit der Kapitulation Deutschlands vergangenen anderthalb Jahre zurückzublicken.

Im Frühherbst 1946 hielt der Außenminister der Vereinigten Staaten, Byrnes, in Stuttgart eine Rede, in der er versuchte, zum ersten Male seit Beendigung des Krieges einen nüchternen Überblick über die Ereignisse zu geben und auf die einzelnen Abschnitte der amerikanischen Außenpolitik hinzuweisen. Erst jetzt, nach anderthalb Jahren, fingen die Amerikaner an zu ahnen, daß es nicht leicht ist mit dem guten Burschen Joe die Grütze aus einer Schüssel zu essen. Dafür muß man einen langen Löffel haben.

Die Rede Byrnes war nicht nach dem Geschmack des Kreml. Molo- tows Rede anläßlich der Jubiläumsfeierlichkeiten am 7. November 1946 war die schroffe Antwort darauf. Der Molotow-Rede wurde eine solche Bedeutung beigemessen, daß sie in den politischen Unterrichts- zirkeln aller Verwaltungen der SMA auf höheren Befehl durchgearbeitet werden mußte. Vor den verantwortlichen Mitarbeitern der SMA wurden die inneren Zusammenhänge zwischen der Rede Byrnes und der Molotows nicht einmal verheimlicht — beide Reden wurden gleichzeitig vorgenommen, wobei die Diskussionsteilnehmer der Reihe nach die imperialistischen Ränke Byrnes zu entlarven und die friedliebende Politik Molotows hervorzuheben hatten. Für die politisch weniger beschlagenen Mitarbeiter der SMA war die Rede Byrnes zu gefährlich; in diesen Fällen begnügte man sich mit der Durcharbeitung der Rede Molotows.

Diese zwei politischen Reden kann man als offiziellen Ausbruch des Kalten Krieges betrachten. Die Beziehungen der Verbündeten im Kontrollrat, die schon längst ihren anfänglichen Sinn eingebüßt hatten, wurden noch kälter und gingen nicht mehr über den Rahmen diplomatischer Höflichkeit hinaus. Die Entscheidungen über die Schicksale Deutschlands verlagerten sich aus den Sitzungssälen des Kontrollrats immer weiter und weiter in die Regierungsräume des Kremls und des Weißen Hauses.

Die daraus entstandene Situation war das Signal für das endgültige Anziehen der Schrauben an der Nachkriegsfront des sowjetischen Lebens. Die Politverwaltung der SMA erließ einen Befehl, der die untergeordneten Parteibehörden beschuldigte, die Verbindung zu den Massen verloren und die politische Erziehungsarbeit vernachlässigt zu haben. Es war das drohende Knallen der Peitsche. Man konnte unschwer erraten, was folgen würde. Und in der Tat — das erste Ergebnis war die Absetzung der Parteileiter aller Verwaltungen der SMA. Dieser Maßnahme folgte eine Welle weiterer auf dem Fuß, die die Schrauben und Schräubchen in allen Teilen des sowjetischen Apparates anziehen sollten.

Bis zu dieser Zeit hatten die Menschen in Karlshorst ohne Polit- unterricht gelebt und gearbeitet. Wer das sowjetische Leben kennt, wird diese Tatsache zu würdigen wissen. Die hohen Vorgesetzten wunderten sich insgeheim, die "kleinen Leute" freuten sich im stillen. Doch sowohl die einen wie die anderen schwiegen still, nach dem Grundsatz — mal den Teufel nicht an die Wand, sonst kommt er. Jetzt aber wurde erneut der Politunterricht mitsamt dem Studium des "Kurzen Lehrgangs" eingeführt. Und noch dazu im Eiltempo. Offenbar, um das Versäumte nachzuholen.

Die nächste Maßnahme war die Kampagne zur Hebung der Arbeitsdisziplin. Man beschloß, den sowjetischen Bürgern im Ausland das Vorhandensein der sowjetischen Arbeitsgesetze in Erinnerung zu bringen. In allen Verwaltungen wurden funkelnagelneue Tabellen aufgehängt, jeder mußte viermal am Tage sein Nummernschildchen abnehmen und wieder aufhängen. In der Sowjetunion rufen diese Tabellen Angst und Schrecken hervor, bei uns eher Ärger. Der Chef der Verwaltung, Alexandrow, übergab sein Nummernschildchen seinem Fahrer, der es bald darauf verlor. Die Offiziere, die das Aufhängen der Tabellen als Schlag ins Gesicht empfanden, nahmen die Nummernschildchen der Reihe nach gleich für mehrere Personen ab. Aber das Sowjetgesetz mit all seinen Folgen hing trotzdem wieder drohend über dem Kopf eines jeden einzelnen.

Anschließend entlud sich eine hysterische "Kampagne der Wachsamkeit". In allen Verwaltungen der SMA wurden eigene Kaderabteilungen eingerichtet. Ihre Bestimmung war jedem klar — eine eingehendere Beobachtung der Mitarbeiter. Neuerlich erschienen auch wieder umfangreiche Fragebogen "für sowjetische Bürger im Ausland". Die Fragebogen hatten eine Unzahl von Punkten und mußten alle drei Monate neu ausgefüllt werden. Daher behielten viele Mitarbeiter ein Exemplar der ausgefüllten Fragebogen zu Hause, "zur Erinnerung", und schrieben in der Folgezeit die Antworten einfach ab. Die Sowjetregierung hatte wieder einmal beschlossen, ihren Bürgern auf den Zahn zu fühlen.

Zum Chef der Kaderabteilung der Industrieverwaltung wurde ein demobilisierter Leutnant der NKWD-Truppen bestimmt. Vom ersten Tage an rief sein ungeniertes und unverschämtes Benehmen bei vielen Mitarbeitern der Verwaltung, die zum größten Teil höhere Offiziere waren, helle Empörung hervor.

Aus seinem Arbeitszimmer im Untergeschoß rief der neue Chef der Kaderabteilung am: "Genosse Oberst, komm zu mir und füll Deinen Fragebogen aus."

Häufig erhielt er die Antwort: "Wenn Du von mir etwas brauchst, bring den Fragebogen selbst her. Vorläufig bin ich, glaube ich, immer noch Oberst..."

Allen Mitarbeitern der SMA wurde ein Befehl des Chefs des Stabes der SMA, General Dratwin, zur Kenntnis gebracht, in dem — wenn auch ohne Namensnennung — verlautbart wurde, daß die Frauen einer ganzen Reihe verantwortlicher Mitarbeiter der SMA die Zeit, in der sich ihre Männer im Dienst befanden, dazu verwendeten, in die Westsektoren Berlins zu fahren, wo sie unerlaubte Beziehungen zu Offizieren der Westmächte unterhielten. Der Befehl war ausnehmend skandalös, es war darin von mondänen Restaurants, teuren Pelzen und — als Krönung — von Agenten ausländischer Nachrichtendienste die Rede. Die Schuldigen wurden innerhalb von 24 Stunden in die Sowjetunion zurückbeordert, während die Gatten wegen mangelnder bolschewistischer Wachsamkeit einen Verweis erhielten. Das Rätsel dieses in seiner Offenherzigkeit ungewöhnlichen Befehls fand seine Erklärung im zweiten Punkt, der allen Mitarbeitern der SMA kategorisch untersagte, die Westsektoren Berlins aufzusuchen, und an die Notwendigkeit erinnerte, bei einem Aufenthalt im Auslande besondere Wachsamkeit walten zu lassen. Die Züchtigung der Ehefrauen mußte als Lehre für die übrigen dienen.

Anschließend drohte General Dratwin denjenigen, die gegen diesen Befehl verstoßen, die Anwendung strengster Maßnahmen an... einschließlich der Rücksendung in die Sowjetunion. Hier plauderte General Dratwin ungewollt aus der Schule. Die Zurückberufung in die Heimat wurde hier offiziell, durch den Mund des Chefs des Stabes der SMA, als strengste Bestrafung eines Sowjetbürgers im Ausland verkündet.

All das war uns an sich nicht neu. Doch nach der siegreichen Beendigung des Krieges, nach der schmerzlichen Erwartung irgendwelcher Veränderungen im sowjetischen System und besonders nach dem verhältnismäßig freien Leben im besetzten Deutschland — nach alledem zwang die scharfe Umkehr zu den alten Praktiken, über verschiedene Dinge nachzugrübeln. Oder vielmehr — das Grübeln möglichst zu vermeiden. Darin lag die einzige Rettung.

2.

Ich lernte Major Dubow noch während des Krieges kennen. Selbst eine kurze Kriegskameradschaft bindet die Menschen fester aneinander als langjährige Bekanntschaft unter normalen Verhältnissen. Vielleicht aus diesem Grunde begrüßten wir uns, als wir uns in der SMA begegneten, wie alte Bekannte.

Dubow war über vierzig Jahre alt. Äußerlich rauh, verschlossen, wenig umgänglich, hatte er nicht viele Freunde und mied lärmende Geselligkeit. Anfangs führte ich seine Zurückhaltung einfach auf seine Veranlagung zurück. Später merkte ich, daß er eine krankhafte Abneigung gegen Menschen hatte, die in seiner Anwesenheit politische Gespräche anfingen. Ich nahm an, daß er dafür seine Gründe haben müsse und belästigte ihn niemals mit unnützen Fragen.

Es ergab sich, daß ich der einzige war, den Dubow bei seiner Familie einführte. Er hatte eine reizende, gebildete Frau und zwei Kinder. Nachdem ich Major Dubows Familienleben kennengelernt hatte, erkannte ich, daß er nicht nur ein guter Gatte und Vater war, sondern auch ein moralisch selten sauberer Mensch.

Dubows wahre Leidenschaft gehörte der Jagd. Auf dieser Grundlage kamen wir uns noch näher. Häufig setzten wir uns sonnabends in den Wagen und fuhren zur Jagd. Ganze Tage und Nächte verbrachten wir so, abgeschnitten von Karlshorst und der ganzen übrigen Welt.

Einmal lagerten wir uns bei einem solchen Ausflug, von stundenlangem Umherirren durch dichten Waldbestand und zwischen kleinen Seen ermüdet, um uns zu erholen. Zufällig kamen wir auf einen uns beiden bekannten Offizier zu sprechen. Bei diesem Gespräch ließ ich die Bemerkung fallen: "Er ist noch zu jung und dumm..."

Major Dubow sah mich prüfend an und fragte mit seltsamem Lächeln: "Und Du selbst bist schon reichlich alt und klug?"

"Nicht ganz", entgegnete ich. "Aber immerhin habe ich schon gelernt, mein Herz nicht auf der Zunge zu tragen."

Der Major sah mich wieder forschend an: "Sag mal, gab es in Deinem Leben schon einmal... so etwas?"

"Absolut nichts", erwiderte ich; ich verstand, worauf er anspielte. "Warum bist Du dann nicht in der Partei?" fragte der Major beinahe rauh.

"Ich hatte einfach keine Zeit", antwortete ich kurz, da ich keine Lust hatte, mich näher auf dieses Thema einzulassen.

"Sieh Dich vor, Gregory Petrowitsch, damit ist nicht zu spaßen!" sagte Dubow langsam, und ich hörte aus seiner Stimme etwas Väterliches heraus. "In Deiner Stellung sieht das wie eine Demonstration aus. Als Außenstehender merkt man das eher als Du selbst. Es kann letzten Endes schlecht ausgehen."

"Ich leiste in meiner Arbeit nicht weniger als andere, die Parteileute sind", widersprach ich.

Dubow lächelte trübe. "Ich habe auch einmal so gedacht", sagte er, und aus seinen Worten klang bittere Ironie.

Dann, ohne daß ich irgendwelche Fragen gestellt hätte, erzählte er mir mit leidenschaftsloser Stimme seine Geschichte, die ihn in die Partei geführt und gelehrt hatte, Leute zu meiden, die politische Gespräche führen.

Hier ist sie, die Geschichte des Mitglieds der KPdSU(B) Major Dubow. 1938 arbeitete Ingenieur Dubow in einer Fabrik für Feinmechanik in Leningrad. Er war ein fähiger Ingenieur und arbeitete in verantwortlicher Stellung an der Konstruktion von Präzisionsgeräten für die Luftwaffe und die Kriegsmarine. Er lebte nur seiner Arbeit, widmete seine ganze freie Zeit seinen Forschungsarbeiten und kümmerte sich wenig um Politik. Trotz seiner verantwortlichen Stellung blieb er parteilos.

Eines schönen Tages wurde Ingenieur Dubow von seinem Arbeitsplatz weg in das Arbeitszimmer des Direktors gerufen. Von diesem Augenblick an wurde er in der Fabrik nicht mehr gesehen. Auch nach Hause kehrte er nicht zurück. Was mit ihrem Mann geschehen war, erkannte Frau Dubow, als mitten in der Nacht NKWD-Leute in ihrer Wohnung erschienen und nach einer sorgfältigen Haussuchung alle persönlichen Dinge ihres Mannes beschlagnahmten. Am nächsten Tage ging sie zur NKWD, um sich nach ihrem Mann zu erkundigen. Ihr wurde erklärt, daß man ihn hier nicht kenne, und geraten, sich und andere nicht zu beunruhigen. So sei es für alle Teile besser. Wenn es notwendig werden sollte, werde sie schon eine entsprechende Benachrichtigung erhalten.

über ein Jahr verbrachte Dubow in den Untersuchungskellern der Leningrader NKWD. Die Beschuldigung lautete auf Sabotage und konterrevolutionäre Tätigkeit. Das Strafmaß betrug die übliche Norm — zehn Jahre Kerker, zu verbüßen in einem der Lager Mittelsibiriens, wo neue Kriegsindustrien im Entstehen waren. In diesem Lager arbeitete er weiter als Ingenieur.

Den Grund seiner Verhaftung erfuhr Dubow zwei Jahre später, als der Chefingenieur der Leningrader Fabrik für Feinmechanik mit einer Gruppe neuer Gefangener im Lager eintraf. Dubow war herzlich erfreut, seinen ehemaligen Vorgesetzten wiederzusehen. Dieser aber verhielt sich merkwürdig zurückhaltend und mied Dubow soweit wie möglich.

Monate vergingen. Nach und nach kamen sich die beiden Ingenieure näher; zwischen ihnen entstand eine Freundschaft, wie sie Gefangene in gemeinsamer Erinnerung an die Freiheit verbindet. Einmal kamen sie auf die Gründe zu sprechen, die sie in das Lager geführt hatten. "Mich hat irgend jemand denunziert", sagte Dubow.

Der Chefingenieur senkte die Augen, seufzte dann und lachte schließlich bitter auf: "Willst Du wissen, wer Dich denunziert hat?"

Dubow sah ihn mit verhaltenem Mißtrauen an.

"Ich!" sagte der Chefingenieur kurz und sprach dann, ohne Dubow Zeit zu einer Erwiderung zu lassen, rasch weiter: "Wir bekamen in der Fabrik regelmäßig Befehle, der NKWD soundso viele Leute mit diesen und jenen Fachkenntnissen namhaft zu machen. Die Listen mußten vom Parteileiter aufgestellt und vom — Chefingenieur und Direktor bestätigt werden. Was konnte ich tun? Ich hatte doch auch Frau und Kinder..."

.Warum bin ich auf diese Liste gekommen?" fragte Dubow mit seltsamer Gleichgültigkeit.

"Weil Du nicht Parteimitglied warst", sagte sein Lagerkamerad. "Der Parteileiter hat Dich auf die Liste gesetzt."

Dubow schwieg lange, dann sah er den ehemaligen Chefingenieur müde an und fragte: "Und warum bist Du hierher gekommen?"

Der Neueingelieferte konnte nur ratlos die Schultern zucken.

Vier Jahre verbrachte Dubow in Gefangenschaft. Diese Jahre über litten nicht so sehr er selbst als vielmehr seine Frau und seine Kinder. Nach den sowjetischen Gesetzen erstreckt sich die Schuld eines politischen Gefangenen auch auf seine Familie. Dubows Frau wurde moralisch und physisch zermürbt. Seine Kinder wuchsen in dem Bewußtsein heran, einen "Feind des Volkes" zum Vater zu haben, und bekamen auf Schritt und Tritt zu spüren, daß sie keine vollwertigen Mitglieder der Sowjetgesellschaft waren.

1943 wurde der Gefangene Dubow vorfristig entlassen. Ohne Angabe von Gründen wurde er völlig rehabilitiert, die Vorstrafe gestrichen. Direkt aus dem Gefangenenlager wurde er zur Armee einberufen. Das war auch der wahre Grund seiner vorzeitlichen Entlassung. Ohne seine Familie sehen oder sich von ihr verabschieden zu können, geriet Dubow als Offizier direkt an die Front.

Major Dubow war ein vorbildlicher Frontoffizier. Ebenso wie er ein vorbildlicher Ingenieur in Leningrad und ein vorbildlicher Gefangener im sibirischen Lager gewesen war. Er war gerecht gegen seine Soldaten und unbarmherzig gegen den Feind. Und er war dem Vaterland ergeben — mitsamt seinen Parteileitern und seinen Lagern.

Kurz vor Beendigung des Krieges wurde er mit einem Kampforden belohnt und dadurch noch besonders ehrenvoll ausgezeichnet, daß er die Aufforderung erhielt, Mitglied der KPdSU (B) zu werden. Dieses Mal zögerte Dubow nicht, der Aufforderung nachzukommen. Stumm füllte er die Fragebogen und Antragsformulare aus. Ebenso stumm nahm er die Parteimitgliedskarte aus den Händen des politischen Stellvertreters des Korpskommandeurs in Empfang.

Auf diese Weise wurde Major Dubow Parteimitglied.

In der Sowjetischen Militär-Administration galt Dubow als einer der zuverlässigsten und fähigsten Ingenieure. Er hatte in verantwortlicher Stellung für die Umstellung der deutschen Industrie auf neue Geleise zu sorgen; aber sein Rang und seine Dienststellung blieben immer die gleichen. Warum? Die Antwort darauf ergab sich aus seinen Personalpapieren. Ungeachtet der vollen Rehabilitierung und Streichung der Vorstrafe befand sich in der Personalakte Major Dubows doch der kurze Vermerk: "Vorstrafe laut Artikel 58". Das genügte, um einen Schatten auf das ganze fernere Leben eines Menschen zu werfen, auf den das Los gefallen war.

3.

Während meiner Karlshorster Zeit schloß ich enge Freundschaft mit Hauptmann Beljawskij. Allmählich lernte ich auch seine Vergangenheit kennen, über die er sehr ungerne und meistens nur in Andeutungen sprach.

1936 befand sich Beljawskij in Spanien, wo er im Range eines Leutnants im Stabe der republikanischen Truppen Dienst tat. Zu dieser Zeit wurde sein Vater im Verlauf der hemmungslosen "Jeshowschtschina" (Die große "Säuberung" der dreißiger Jahre unter Leitung von Jeshow) in der Sowjetunion verhaftet und verschwand spurlos. Beljawskij wurde unverzüglich aus Spanien zurückberufen und ohne Angabe von Gründen demobilisiert. Bis zum Jahre 1941 teilte er das Schicksal der übrigen Angehörigen von "Feinden des Volkes", d. h. er war ein Ausgestoßener — ihm waren alle Gebiete des sowjetischen Lebens verschlossen, in denen die Ausfüllung von Fragebogen verlangt wurde. Sinn und Bedeutung eines solchen Zustandes kann nur ein Sowjetmensch begreifen.

Bei Ausbruch des Krieges 1941 wurde Beljawskij als "politisch Unzuverlässiger" nicht in die Armee einberufen. Als die deutschen Truppen bis dicht vor Leningrad, der Heimatstadt Beljawskijs, vordrangen, meldete er sich bei der Militärkommandantur als Freiwilliger. Seinem Aufnahmegesuch wurde stattgegeben; noch am gleichen Tage wurde er als gewöhnlicher Soldat innerhalb eines — Strafbataillons in den Kampf geworfen, d. h. auf Himmelfahrtskommando geschickt. Doch dieses Mal war das Schicksal ihm gnädiger als die Regierung — Beljawskij kam mit einer Verwundung davon.

Die folgenden drei Jahre verbrachte er als einfacher Soldat im belagerten Leningrad. Da er eine vorbildliche Haltung zeigte, wurde ■er mehrfach als Offiziersanwärter vorgeschlagen, aber jedesmal machte der Fragebogen einen Strich durch die Rechnung. 1944, als es um das Offizierskorps außerordentlich schlecht bestellt war, wurde Beljawskij wieder einmal in den Stab befohlen.

Der Oberst, der Beljawskijs Fragebogen prüfte, wies mit dem Finger auf die Worte "Artikel 58" und fragte: "Wozu erwähnen Sie solche Dummheiten in Ihrem Fragebogen?"

Beljawskij stand stumm.

"Sie haben wohl keine Lust zu kämpfen?" wiederholte der Oberst scharf, wobei er es geflissentlich vermied, die Orden auf der Brust des Soldaten zu bemerken.

Beljawskij zuckte nur mit den Schultern. Die Orden klangen leise aneinander, als gäben sie eine Antwort auf die Fragen des Obersten. "Wenn Sie solche Dinge erwähnen, kann ich das als Drückebergerei vor der Dienstpflicht hinstellen", sagte der Oberst. "Nehmen Sie ein neues Formular und füllen Sie es so aus, wie es sich gehört. Für den Dienstrang lassen Sie einen freien Raum."

Der Soldat Michail Beljawskij kehrte nicht mehr in seine Kompanie zurück. Dafür fuhr am folgenden Tage der Oberleutnant Beljawskij nach Moskau. In seiner Tasche befand sich die Kommandierung in die Militär-Diplomatische Akademie des Generalstabes der Roten Armee. In Kriegszeiten braucht man die Menschen und hat keine Zeit, sich mit der gründlichen Überprüfung von Fragebogen abzugeben. Dafür ist nach dem Kriege Zeit genug —- für die, die mit dem Leben davonkommen.

Auf diese Weise gelangte Michail Beljawskij in eine der privilegiertesten Militärakademien der Sowjetunion.

Im Herbst 1945 wurde Beljawskij aus der Akademie entlassen und im Range eines Hauptmanns zur Arbeit in der Sowjetischen Militär- Administration in Deutschland abgestellt. Daran war nichts Außergewöhnliches. Viele Hörer der Akademie wurden sogar mitten im Schuljahr vom Unterricht befTeit, um zum Arbeitseinsatz albkomman- diert zu werden.

Im Berliner Kreml atmete Beljawskij aus voller Brust auf. Endlich konnte er sich wieder als wirklicher Mensch und vollwertiger Bürger der Sowjetgesellschaft fühlen. Er lebte in dem Glauben, daß die Regierung nach der siegreichen Beendigung des Krieges beschlossen hätte, die kleinen persönlichen Rechnungen mit ihren Bürgern zu vergessen. Um so mehr, wenn diese Bürger ihre problematische Schuld durch das Blut gesühnt haben, das sie um der Erhaltung dieses Staates willen vergossen haben.

Die Personalpapiere Hauptmann Beljawskijs, die in der Kaderabteilung der SMA aufbewahrt wurden, waren tadellos in Ordnung. In allen Zeugnissen stand der Satz: "Der Partei Lenins-Stalins ergeben". Es war eine Standardphrase, die die Personalakten fast aller Offiziere enthielten, aber bei Hauptmann Beljawskij war die Feststellung eher berechtigt als bei den meisten anderen.

An einem der Tage, der dem Politunterricht Vorbehalten war, erschien Hauptmann Beljawskij wie üblich zwei Stunden vor Dienstbeginn, nahm seinen Platz ein und vertiefte sich in seine Nachschriften. Beljawskijs Politzirkel hatte besseres Niveau als üblich, da er fast ausschließlich aus Leuten mit höherer Schulbildung bestand. Es waren wahrhaftig keine dummen Menschen, die da herumsaßen. Sie blätterten mit ernsten Gesichtern im "Kurzen Lehrgang", um sich den Anschein zu geben, als seien sie bis über die Ohren in ihr Studium vertieft. Zur gleichen Zeit mußten sie sich im stillen eingestehen, daß dieses Buch eine einzige Lüge und Fälschung ist, obendrein noch in einer primitiven Sprache verfaßt.

Der Leiter des Politzirkels, zu gewöhnlichen Zeiten ein ebenso gewöhnlicher Mensch wie die übrigen Teilnehmer des Zirkels, begann den Unterricht mit der Frage: "Nun, wer möchte zum dritten Kapitel Stellung nehmen? Freiwillig!"

Die Anwesenden senkten ihre Köpfe tiefer über die Bücher. Die einen begannen noch eifriger in den Konzepten zu blättern, die anderen richteten ihre Blicke auf die Tischplatte, als sammelten sie ihre Gedanken, um später das Wort zu ergreifen. Kein Freiwilliger meldete sich.

"Dann wollen wir nach der Liste Vorgehen", schlug der Leiter vor.

Er rief den ersten nach der Liste auf. Ein Seufzer der Erleichterung ging durch das Zimmer.

Die meisten Lehrgangsleiter haben alphabetische Verzeichnisse der Zirkelteilnehmer. Jeder kennt seine Reihenfolge. Hier wird die Frage einfach entschieden. Der erste nach dem Verzeichnis beginnt den Inhalt des Kapitels wiederzugeben, der zweite liest inzwischen weiter und unterstreicht die wichtigsten Stellen mit Rotstift. Während der erste noch spricht, hat sich der zweite vorbereitet. Auf diese Weise verlaufen die Unterrichtsstunden in den meisten Politzirkeln ziemlich zwanglos.

Alle Anwesenden haben den "Kurzen Lehrgang" bereits mehrere Male durchgearbeitet und durchgekaut. Allen ist diese Affenkomödie sterbenslangweilig. Wenn man seine Pflicht erfüllt hat, sieht man aus dem Fenster, raucht oder spitzt Bleistifte.

Alles ging seinen gewohnten Gang. Monoton summten die Stimmen der Redner. Der Leiter saß, die Augen auf sein Notizbuch geheftet, ohne zuzuhören reglos da. Es war heiß, lähmende Schläfrigkeit breitete sich aus. Und in diesem schlafenden Reich geschah mit Hauptmann Beljawskij etwas, wofür er selbst wohl schwerlich einen Grund hätte anführen können.

Als er an die Reihe kam, mußte er an Hand des Buches die drei Feldzüge der Entente behandeln. Das Thema als solches war spannend und hatte Parallelen zu den Ereignissen des kürzlich zu Ende gegangenen Krieges. Hauptmann Beljawskij erhob sich und fing an zu sprechen. Schon bei seinen ersten Worten hob der Leiter des Zirkels seine schläfrigen Augen vom Notizbuch und sah den Redner erstaunt an. Dann begannen alle Anwesenden der Reihe nach verständnislose Blicke auf Beljawskij zu werfen.

Beljawskij sprach wie auf der Rednertribüne. Seine Stimme klang ungewöhnlich überzeugt, beinahe ergreifend. In ihr war Glaube, war mitreißender Schwung. Er schilderte die drei Versuche einer ausländischen Intervention in der Sowjetunion nach der 1917er Revolution und verknüpfte dieses Ereignis geschickt mit dem Einbruch und der Zerschlagung der Hitlerarmee in den Jahren 1941—1945. Er gab nicht die. Worte des "Kurzen Lehrgangs" wieder, er sprach aus sich selbst heraus, aus überzeugtem Herzen. In den verständnislosen Blicken der übrigen Mitglieder des Zirkels stand die stumme Frage: "Ist er verrückt geworden? Wozu diese unnötige Anstrengung?"

An diesem Tage war der Instrukteur der SMA-Politverwaltung als Beobachter anwesend. Beljawskijs Rede erregte seine Aufmerksamkeit. Offenbar hatte er es nicht oft erlebt, daß Menschen beim Polit- unterricht mit Überzeugung sprechen. Der Instrukteur zog Erkundigungen ein und faßte einen entsprechenden Beschluß. Am folgenden Tage wurde Beljawskij in die Politverwaltung beordert.

"Hören Sie, Genosse Hauptmann", wandte sich der Instrukteur an Beljawskij, als dieser das Arbeitszimmer betrat. "Ich wundere mich über Sie! Ich habe mir Ihre Personalakten angesehen. Vorbildlicher Offizier, die besten Zeugnisse — und trotzdem nicht in der Partei.

Das taugt nichts! Die Partei muß solche Leute wie Sie heranziehen und sich um sie kümmern.

"Nein, nein, nein..." als befürchte er, Beljawskij könne Einwendungen erheben, hob der Instrukteur kategorisch seine rechte Hand. "Gestern haben Sie im Politunterricht eine so prächtige Rede gehalten... Und bis heute hat man Sie nicht zur Parteiarbeit herangezogen. Wir werden Sie beauftragen, den Politunterricht der Offiziersfrauen zu leiten. Das zum ersten. Und zum zweiten reichen Sie unverzüglich Ihr Aufnahmegesuch in die Partei ein. Keine Widerreden! Verstanden?"

Beljawskij dachte nicht daran zu widersprechen. Mitgliedschaft in der Partei bedeutete eine vollberechtigte Stellung in der Sowjetgesellschaft. Tiefe Freude erfüllte sein Herz, als er in aufrichtiger Dankbarkeit die Hand des Instrukteurs der Politverwaltung drückte. Die Novemberfeierlichkeiten rückten näher. Der Berliner Kreml bereitete sich auf die Feier des Jahrestages der Oktoberrevolution vor. Außer mit der Leitung des Politunterrichts wurde Beljawskij mit der Vorbereitung des Festes beauftragt. Er tauchte restlos in der gesellschaftlichen Arbeit unter und widmete ihr seine ganze freie Zeit. Hauptmann Beljawskij erlebte eine innere Wiedergeburt. Am meisten beglückte ihn die Überzeugung, daß die Partei die Vergangenheit begraben hatte, daß der Makel von ihm genommen war. Jetzt erst kam es ihm voll zum Bewußtsein, wie sehr ihn bisher das Gefühl belastet hatte, ein Außenseiter der Gesellschaft, ein Ausgestoßener zu sein.

Zur selben Zeit ereignete sich eine unbedeutende, ja dumme Geschichte, die unerwartete Folgen nach sich ziehen sollte.

Beljawskij war ein großer Motorradliebhaber. Seit er in Karlshorst lebte, waren zahllose Maschinen durch seine Hände gegangen. Schließlich entschied er sich für eine außergewöhnlich schöne BMW-Renn- maschine. Ganz Karlshorst kannte sie, und viele junge Offiziere blieben stehen, um die nickelglänzende Schönheit zu bewundern.

Eines Abends, als Beljawskij an dem Haus vorbeifuhr, in dem Walja Grintschuk wohnte, sah er Licht in ihrer Wohnung und beschloß, sie zu besuchen. Da er nicht die Absicht hatte, lange zu bleiben, lehnte er die Maschine an den Gartenzaun, ohne sie wie üblich zu sichern. Walja hatte jedoch Besuch, die Gesellschaft war vergnügt und Beljawskij blieb länger, als er vorgehabt hatte. Erst gegen 10 Uhr abends (verabschiedete er sich. Den Zündschlüssel in der Hand öffnete er die Gartentür. Der Platz, an dem das Motorrad gestanden hatte, war leer. Er sah sich nach allen Seiten um in der Annahme, daß irgend jemand die Maschine aus Scherz beiseite gerollt habe. Aber sie war nirgends zu sehen.

Beljawskij brach in laute Verwünschungen aus. Das Motorrad war gestohlen. Was ihn aber am meisten aufbrachte war, daß der Dieb unter den eigenen Leuten gesucht werden mußte. Denn kein Berliner Dieb wird sich nach Karlshorst wagen, erst recht nicht, um ein Motorrad zu stehlen.

Die Kommandantur von Karlshorst befand sich nur wenige Schritte entfernt. Beljawskij meldete dem diensttuenden Kommandanten den Diebstahl. Der wachhabende Leutnant drückte dem erregten Hauptmann sein Bedauern aus und versprach nachzuprüfen, ob nicht einer der Kommandantur-Posten das Motorrad gestohlen habe. Der Leutnant war gut darüber unterrichtet, wer die meisten Diebstähle in Karlshorst auf dem Gewissen hat.

Beljawskij, der nicht viel Zutrauen zur Kommandantur hatte, begab sich anschließend zum deutschen Polizeirevier, das sich gleich hinter der Grenze des Sperrbezirks befand. Von dort kehrte er in Begleitung eines deutschen Polizisten mit einem Spürhund an den Platz zurück, von dem das Motorrad verschwunden war. Obwohl er wenig Aussicht auf Erfolg hatte, wollte er doch nichts unversucht lassen.

Der begleitende Polizist setzte den Hund auf die Spur. Der Hund drängte sofort durch die Nachbargartenpforte. Beljawskij wußte, daß hier der Parteileiter der Rechtsverwaltung, Major Jeroma, und sein Vertreter, Major Nikolajew, wohnten. Daher erschien ihm das Verhalten des Hundes sinnlos. Der Polizeihund wurde noch ein paarmal auf die Spur gesetzt, aber er führte jedesmal beharrlich zur nachbarlichen Gartenpforte. Endlich winkte Beljawskij ergeben mit der Hand ab und entließ den Polizisten.

Am Tage darauf kam Beljawskij an der Gartentür vorbei, die der Spürhund angesteuert hatte. Er wollte für alle Fälle in dem Haus Erkundigungen einziehen. Im Wohnzimmer saßen vier junge Frauen. In einer von ihnen erkannte Beljawskij die Herrin des Hauses, die Frau Major Nikolajews, in der zweiten — die Frau des Chefs der Politverwaltung der SMA, General Makarow.

Sie alle waren problematische Ehefrauen ihrer Männer, d. h. die Ehe galt nur innerhalb der Grenzen Karlshorsts. Fast alle hohen SMA- Beamten in Karlshorst hatten ausnehmend junge Frauen. Die Frau Marschall Sokolowskijs war um mehrere Jahre jünger als seine Tochter. Es waren Nachwehen des Krieges.

Beljawskij entschuldigte sich höflich wegen der Störung, erklärte den Grund seines Kommens und erkundigte sich, ob die Hausbewohner am vorigen Abend nicht etwas Verdächtiges bemerkt hätten.

Die jungen Frauen warfen einander verlegene Blicke zu und drückten ihre Empörung über den Diebstahl aus. Sie langweilten sich offenbar und waren daher so liebenswürdig, Beljawskij zum Bleiben aufzufordern. Eine ziemlich lebhafte Unterhaltung kam in Gang. Im weiteren Verlauf der Geschichte sollte diese Unterhaltung eine nicht geringe Rolle spielen. Hauptsächlich darum, weil — Beljawskij auf die jungen Frauen einen sehr günstigen Eindruck machte.

Die folgende Woche brachte keinerlei Ergebnisse. Beljawskij hatte sich schon mit dem Gedanken abgefunden, seine geliebte Maschine nicht wiederzusehen, als er eines Abends gegen Dienstschluß zum Telefon gerufen wurde. Zu seiner Verwunderung vernahm er eine weibliche Stimme.

"Genosse Hauptmann?" fragte die Unbekannte und fing dann eilig an zu sprechen: "Entschuldigen Sie, wenn ich meinen Namen nicht nenne.

Idi bin eine der Damen, die... Erinnern Sie sich, Sie kamen, um sich nach dem Motorrad zu erkundigen... Ich möchte Ihnen mitteilen, daß sich Ihr Motorrad im Keller eben desselben Hauses befindet. Gehen Sie sofort hin, Sie werden es finden. Wer es gestohlen hat, werden Sie wohl erraten können... Ich bitte Sie, niemandem zu sagen, auf welche Weise Sie es erfahren haben. Ich möchte nicht..."

Ohne sie ausreden zu lassen, dankte Beljawskij schnell und warf den Hörer auf die Gabel. Er blieb eine Minute am Tisch sitzen, um zu überlegen, was zu tun sei. Der Dieb konnte ja niemand anders sein, als der Parteileiter der SMA-Rechtsabteilung und Major des Justizdienstes, Jeroma, persönlich.

Schließlich beschloß er zu handeln. Er bat Oberstleutnant Potapow und Major Berko, als Zeugen mit ihm zu gehen. Unterwegs holten sie den diensttuenden Kommandanten aus der Kommandantur und begaben sich in die Wohnung Major Jeromas.

Major Jeroma war nicht zu Hause, er war auf einer Parteiversammlung in der Politverwaltung aufgehalten worden. Auf Ersuchen des diensttuenden Kommandanten wurde der Keller geöffnet. Dort stand nickelglänzend das Motorrad Hauptmann Beljawskijs. Der diensttuende Kommandant setzte ein offizielles Protokoll über den Diebstahl und die Auffindung des gestohlenen Gegenstandes auf. In seiner seelischen Einfalt schrieb er: "Der Dieb ist der Major des Justizdienstes, Jeroma, Parteileiter der Rechtsverwaltung der SMA." Das Protokoll wurde von allen Zeugen unterschrieben, u. a. auch von der Frau Major Jeromas.

Als die vier Offiziere ächzend und fluchend die schwere Maschine die Stufen hochschleppten, konnte sieh der diensttuende Kommandant nicht enthalten zu bemerken: "Ein Mann allein kann das nicht geschafft haben. Es müssen noch mindestens zwei geholfen haben."

Später stellte sich heraus, daß er recht hatte.

An dem bewußten Tage, an dem das Motorrad gestohlen wurde, kehrte Major Jeroma mit zwei anderen Offizieren der Rechtsverwaltung wie gewöhnlich spät abends von einer politischen Instruktionsstunde in der Politverwaltung zurück. Als er sich seinem Hause näherte, bemerkte Jeroma vor der nachbarlichen Gartenpforte das in der Dunkelheit blitzende prachtvolle Motorrad. Ohne lange zu überlegen, rollte er mit Hilfe seiner Parteigenossen das Motorrad in seinen Keller. Wahrscheinlich hätte die Sache damit ihr Bewenden gehabt, wenn Beljawskij nicht zufällig die jungen Frauen getroffen hätte. Sie wußten ganz genau, daß Major Jeroma am Tage zuvor eine Maschine angeschafft hatte, kein Mensch ahnte, woher. Als Beljawskij von seinem Pech erzählte, kamen sie gleich dahinter, welche Zusammenhänge zwischen den beiden Ereignissen bestanden, ließen aber ihre Vermutung aus begreiflichen Gründen nicht laut werden. Nachdem Beljawskij gegangen war, begann ein Streit. Die junge Frau des Chefs der Politverwaltung stellte sich auf die Seite des Hauptmanns und erklärte, das Motorrad müsse ihm wiedergegeben werden. Das übrige läßt sich leicht erraten.

Empört über den Vorfall wollte Beljawskij alles tun, um den Schuldigen seiner gerechten Bestrafung zuzuführen. Er verfaßte eine entsprechende Meldung an den Chef des Stabes der SMA, General Drat- win, an die Politverwaltung und an die Militärstaatsanwaltschaft der SMA. Wenn die Sache ihren gesetzmäßigen Weg ging, mußte Major Jeroma aus der Partei ausgeschlossen und seines Offiziersranges entkleidet werden und überdies eine Gefängnisstrafe wegen Diebstahls verbüßen. So lautet der Buchstabe des Gesetzes. Des gleichen Gesetzes, das zehn Jahre Freiheitsentzug für das Sammeln von Ähren auf Kolchosfeldern und fünf Jahre für ein Stück in der Fabrik entwendeten sozialistischen Zuckers vorsieht.

Als Major Berko von den Meldungen erfuhr, riet er Beljawskij, nichts zu überstürzen. Die Person Jeromas beschuldigen, hieß gleichzeitig vieles andere anklagen. In solchen Fällen ist Vorsicht geboten. Berko riet Beljawskij, erst einmal mit Major Jeroma persönlich zu verhandeln. Sie kamen überein, ihm während der Mittagspause einen Besuch abzustatten.

Dieses Mal war Jeroma zu Hause. Er saß mit offenem Rock und ohne Koppel am Tisch. Vor ihm stand eine dampfende Aluminiumschüssel mit Borschtsch. Beim Eintreten der Besucher hob er nicht einmal den Kopf, sondern fuhr fort, die Suppe aus der Schüssel zu löffeln.

"Nun, wie ist es, Jeroma?" wandte sich Beljawskij an ihn. "Auf welche Weise ist mein Motorrad in Ihren Keller gelangt?"

"Ich habe es gefunden", erwiderte Jeroma mit vollem Mund, ohne mit der Wimper zu zucken.

"Ich werde eine Meldung an die Politverwaltung erstatten", Beljawskij wußte nichts anderes zu sagen, stutzig geworden durch die unverfrorene Frechheit des Parteileiters.

Jeroma fuhr fort, seine Suppe zu fressen. Ja, er aß nicht, sondern er fraß — schmatzend, schlürfend, mit krummem Rücken über den Tisch gebeugt und die Augen vor Vergnügen schließend. Sein Gesicht war vor Anstrengung schweißbedeckt. Sobald er seine Suppe verschlungen hatte, stülpte er die Schüssel über den Löffel, um noch die letzten Tropfen aufzufangen. Dann leckte er den Löffel ab und schleckte sich genußsüchtig die Lippen.

"Nein, einem solchen Kerl wirst Du mit einer Meldung nicht beikommen", platzte Berko heraus. "Spuck ihm lieber in den Teller und laß uns gehen!"

Aber auf den Parteileiter machte nicht einmal das Eindruck. Kaltblütig schob er die Schüssel seiner Frau zu, die der Szene stumm gefolgt war, und gab ihr ein Zeichen, sie von neuem zu füllen. Mitten in Europa, mitten in Berlin, im Herzen der Sowjetischen Militär-Administration saß da ein solches Stück Vieh, wie weder Berko noch Beljawskij in ihrem ganzen Leben jemals gesehen hatten. Sie knallten die Tür hinter sich zu und gingen.

Am Abend betrat Beljawskij das Empfangszimmer des Chefs der Politverwaltung und übergab dem diensttuenden Adjutanten seine Meldung. Während der Adjutant die Meldung interessiert las, trat General Makarow selbst aus seinem Arbeitszimmer in das Vorzimmer heraus.

"Noch eine Sache gegen Jeroma, Genosse General", meldete der Adjutant mit kurzem Auflachen.

"Aha, das ist gut", warf der General im Vorbeigehen hin. "Er ist bei uns sowieso schon auf der Liste, wegen Bigamie."

Der Adjutant erzählte Beljawskij, daß Jeroma, dem Beispiel der Älteren folgend, sich ebenfalls eine neue Frau angeschafft habe. Allerdings beging er dabei einen taktischen Fehler. Erstens hatte er, im Gegensatz zu den anderen, seine Ehe im SAGS (Russische Abkürzung für Standesamt) von Karlshorst registrieren lassen. Zweitens hatte er sich nicht erst damit abgegeben, sich von seiner ersten Frau in Rußland scheiden zu lassen.

Anschließend ging Beljawskij zum Militär-Staatsanwalt der SMA, Oberstleutnant Orlow. Der Oberstleutnant kannte Beljawskij persönlich und sagte ihm daher, nachdem er die Meldung gelesen hatte, offen: "Wir können keine Anklage gegen ihn erheben. Hier hängt alles von der Politverwaltung ab. Du weißt doch selbst — die Partei!"

Hätte Beljawskij mehr Erfahrung in Parteidingen gehabt, so hätte er es wahrscheinlich vermieden, seine Kräfte mit denen der Partei zu messen. Die dumme Geschichte mit dem Motorrad führte zu völlig unerwarteten Ergebnissen.

Die Parteizelle legte der Politverwaltung den Antrag auf Aufnahme Hauptmann Beljawskijs in die Partei zur Bestätigung vor. Diesem Antrag waren glänzende Zeugnisse über die Haltung Beljawskijs für die ganze Kriegszeit beigefügt. Gleichzeitig aber wirbelte die Angelegenheit mit dem gestohlenen Motorrad in ganz Karlshorst größten Staub auf. Die Politverwaltung beschloß, um die Skandalaffäre zu vertuschen, eine der streitenden Parteien mundtot zu machen: Die Wahl fiel auf Beljawskij.

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel wirkte der Befehl, über seine Demobilisierung und Rückkommandierung in die Sowjetunion auf Beljawskij. Er wußte sogleich, was vorging. Das einzige, was er nicht wußte, war, daß ihn nach Rückkehr in die Heimat eine Gerichtsverhandlung erwartete. Zur gleichen Zeit setzte der Dieb und Bigamist, der Parteileiter Jeroma in aller Ungeschorenheit seine Existenz in Karlshorst fort. Die Lösung des Rätsels erklärt sich folgendermaßen. Kurz vorher hatte Beljawskij wie alle Mitarbeiter der SMA Fragebogen ausgefüllt. Dieses Mal wurden die Fragebogen — entsprechend den neuen, strengeren Anordnungen — zur Überprüfung durch die örtlichen MWD-Organe an alle angegebenen ehemaligen Aufenthaltsorte weitergeleitet. Wenig später kam Beljawskijs Fragebogen aus Leningrad mit dem Vermerk zurück: "Vater verurteilt laut Artikel 58". Das genügte der Politverwaltung. Beljawskij wurde demobilisiert und in die Sowjetunion zurückgeschickt, wo ihm wegen Fragebogenfälschung, zu der er seinerzeit unter Androhung des Kriegstribunals gezwungen worden war, der Prozeß gemacht wurde.

Damit endete der Kampf Michail Beljawskijs um seinen Platz im Leben. Der Staat hatte den problematischen Punkt nicht vergessen, wenn auch der Hauptmann geglaubt hatte, ihn durch sein Blut abgewaschen zu haben, das er für die Erhaltung eben dieses Staates vergossen hatte. Jedem seinen Platz. Der Platz Michail Beljawskijs ist — unter den Ausgestoßenen.

Der zufällige Zusammenstoß mit dter Partei in Gestalt Major Jero- mas war für die Abkommandierung Beljawskijs nicht von entscheidender Bedeutung. Er war nur ein beiläufiger Schlußpunkt. Auch ohne ihn wäre das Schicksal des Hauptmanns besiegelt gewesen. Er gehörte zu der bestimmten Kategorie, deren Los vorherbestimmt war.

Das bestätigte die Tatsache, daß beinahe gleichzeitig mit Michail Beljawskij auch Major Dubow den Befehl über seine Demobilisierung und Abkommandierung in die Sowjetunion erhielt. Was sich hinter diesem Befehl verbarg, wußte allein die Kaderabteilung der SMA und vielleicht noch Major Dubow selbst. Auch ihm stand bevor, seinen Platz im sowjetischen Leben der Nachkriegszeit einzunehmen.

4.

Zwei Menschen aus meiner nächsten Umgebung sind aus dem Leben hinausgerissen und über Bord geworfen worden. Ich achtete sie als Menschen und liebte sie als gute Kameraden. In den Augen der anderen waren und blieben sie ebenfalls zuverlässige Vorbilder der neuen sowjetischen Gesellschaft. Und doch sind diese Menschen zum Untergang verurteilt. Niemand kennt den anderen Teil ihres Lebens. Niemand ahnt auch nur die Ursachen, die für ihr Verschwinden aus Karlshorst als Vorwand dienten.

Major Dubow und Michail Beljawskij hatten nichts gemein mit den alten Klassen, die nach marxistischer Klassifizierung zur Liquidierung verurteilt sind. Dubow und Beljawskij sind durch die sowjetische Umwelt zu dem geworden, was sie waren, im besten Sinne dieses Wortes echte Bürger der modernen Sowjetgesellschaft. Trotzdem sind sie verdammt, unwiderruflich verdammt zum Untergang. Und — solcher Menschen sind Millionen.

Davon kann man sich leicht überzeugen. Während der dreißig Jahre der Sowjetherrschaft wurden mindestens dreißig Millionen Menschen aus politischen Gründen verfolgt. Da die Angehörigen der politisch Verfolgten automatisch der Kategorie der politisch Unzuverlässigen zugerechnet werden, ergibt das — bei nur je zwei Angehörigen —- sechzig Millionen Menschen, die auf der schwarzen Liste stehen. Wenn man annimmt, daß von den obenerwähnten dreißig Millionen zehn Millionen in den Lagern umgekommen sind, zehn Millionen — im günstigsten Fall — heute noch in den Lagern sitzen und zehn Millionen nach Verbüßung der Strafe in Freiheit gesetzt wurden — wobei sie unter besonderer Aufsicht der NKWD verblieben — so ergibt sich eine Summe von achtzig Millionen Menschen, die die Sowjetregierung zu ihren Feinden gemacht hat, oder auf jeden Fäll für ihre Feinde hält. Hieraus erklärt sich, warum in jeder Zelle der sowjetischen Staats- maschinerie Kaderabteilungen bestehen, die für die unaufhörliche Überprüfung der Fragebogen sorgen. Heute stellt die nach Millionen zählende Armee der automatischen Feinde des Sowjetstaates zweifellos die Hauptklasse der neuen Sowjetgesellschaft dar.

Diese unsichtbare Klasse der automatischen Feinde — die gleichzeitig Sklaven sind — durchdringt die gesamte Sowjetgesellschaft. Lohnt es sich, Beispiele anzuführen? Es sind nicht nur die Sklaven im vollen Sinne des Wortes, die Gefangenen der NKWD-Arbeitslager. Viele Namen von Marschällen der Sowjetunion, von Stalinpreisträgern sind darunter, die einmal NKWD-Gefangene waren, große Männer, die die Welt kennt. Von den Millionen kleiner Zusammenstöße zwischen Staat und Persönlichkeit weiß niemand etwas.

Staat und Persönlichkeit! Unwillkürlich taucht die Gestalt Walja Grintschuks vor den Augen auf. Ein kleines, junges Mädchen, Partisanenkämpferin. Um ihre Freiheit zu verteidigen, griff sie in den Feuerflammen des Krieges nach dem Gewehr. Mutig kämpfte sie. Doch sie verteidigte nicht nur ihre Freiheit gegen den äußeren Feind, sondern arbeitete sich auch auf der Stufenleiter der Sowjetgesellschaft empor. Sie erhob sich aus der grauen Masse, wurde zu einer Persönlichkeit. Kaum hatte sie das erreicht, da verspürte sie schon die lastende Hand des Staates.

Ihre Dienstpflichten führten Walja häufig in den Kontrollrat. Dort lernte sie einen jungen alliierten Offizier kennen. Nach außen hin konnte diese Bekanntschaft anfangs keinerlei Einwände hervorrufen, da Walja den Kontrollrat nur in dienstlichem Auftrag besuchte. Nach einiger Zeit bildete sich aus der Bekanntschaft eine persönliche Freundschaft heraus.

Eines schönen Tages wurde Walja in die Parteiorganisation vorgeladen. Dort wurde ihr in sehr höflicher Form zu verstehen gegeben, daß man über ihre Bekanntschaft mit einem alliierten Offizier unterrichtet sei. Zu ihrer Verwunderung wurde ihr nichts weiter gesagt, sondern scheinbar nur mitfühlend dazu Stellung genommen. Nach einiger Zeit wiederholte sich die Geschichte., Walja erhielt den Eindruck, als werde diese Bekanntschaft sogar gefördert.

Die Zeit verging, und aus der Freundschaft des sowjetischen Mädchens mit dem alliierten Offizier wurde eine aufrichtige Verbundenheit zweier junger Menschen. In diesem Augenblick wurde Walja erneut in die Parteiorganisation gerufen und als Parteimitglied vor die Alternative gestellt, ihre Liebe mit den Staatsinteressen zu vereinbaren.

Am nächsten Tage mußte sich Walja ins Krankenhaus begeben. Die Ärzte stellten stark erhöhte Temperatur und erhöhten Blutdruck fest. Die Ursache des krankhaften Zustandes konnten die Ärzte nicht klären. Wochen vergingen, ohne daß sich der Zustand des Mädchens besserte.

Eines Tages kam ein älterer, erfahrener Neuropathologe ins Krankenzimmer. Er betrachtete die Krankengeschichte und fragte Walja kopfschüttelnd: "Hatten Sie vielleicht irgendwelche großen Unannehmlichkeiten... eh-eh-eh... im Privatleben?"

"Nein", antwortete das Mädchen kurz und hart.

Uber zwei Monate verbrachte Walja im Krankenhaus. Nach der Entlassung erreichte sie unter Hinweis auf ihren Gesundheitszustand die Versetzung auf einen anderen Arbeitsplatz, um nichts mehr mit dem Kontrollrat zu tun zu haben. Walja ließ dem geliebten Mann durch Bekannte mitteilen, sie sei nach Rußland zurückgekehrt. Das kleine Mädchen hatte das Herz eines Soldaten.

Nur wenige wußten etwas über diese Zusammenhänge. Für alle blieb Walja nach wie vor der Frontoffizier, der verdientermaßen seinen Platz in der Sowjetgesellschaft einnahm. Und nur wenige bemerkten, daß sie immer häufiger anstelle des ordengeschmückten Offiziersrockes gewöhnliche Mädchenkleider zu tragen begann.

All das geschieht in meiner nächsten Umgebung. Mich persönlich betrifft es insofern, als ich selbst in die Partei eintreten muß. Eine andere Wahl habe ich nicht. Es sei denn, ich schaute der Zukunft in die Augen, die für Major Dubow und Michail Beljawskij zur Gegenwart wurde. Ich will versuchen, vor mir selbst ganz ehrlich zu sein und midi in der umgebenden Wirklichkeit zurechtzufinden.

Heutzutage gibt es in der Sowjetunion keine Kommunistische Partei. Es gibt lediglich eine Partei Stalins mit einem veralteten Aushängeschild. Selbstzweck dieser Partei ist eines — die Macht, die unteilbare Macht. Das ideale Parteimitglied darf nicht selbständig denken, es muß ein stumpfes Vollzugsinstrument des Willens von oben sein. Ein anschauliches Beispiel — der Parteileiter Jeroma, ein idealer Bolschewik der stalinschen Schule, ein Stück Vieh, das aber immer auf die Füße fällt.

Ich trage die Schulterstücke eines sowjetischen Offiziers und bin Zeitgenosse der Oktoberrevolution. Wenn ich zwanzig Jahre früher geboren wäre, wäre ich vielleicht überzeugter Marxist und Revolutionär der Oktoberrevolution gewesen. Heute bin ich, trotz allem, kein Mitglied der Kommunistische Partei. Wenn ich mich nicht der Notwendigkeit gegenübersehen würde — ja, der unbedingten Notwendigkeit, so käme mir der Gedanke überhaupt nicht in den Kopf, in die Partei einzutreten, die heute den Namen Kommunistische Partei der UdSSR trägt.


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