Gregory Klimow. Berliner Kreml. Kapitel 13

Zwischen zwei Welten

1.

Vor dem Kriege kam mir einmal das Buch "Lohnt es für sie zu leben?" von Paul de Cruis in die Hand. Dieses Buch war für den Gospolitisdat (Russische Abkürzung für Staatsverlag für Politik) eine wahre Entdeckung, es entsprach voll und ganz dem damaligen, gegen die "verfaulten Demokratien" gerichteten Kurs des Politbüros; es wurden daher Riesenauflagen in russischer Sprache herausgebracht. Auf dem Umschlag waren zerlumpte, zu Skeletten abgemagerte Kinder zu sehen, die in Abfällen nach etwas Eßbarem suchten. Hinter den unglücklichen Kindern und dem Abfallhaufen erhoben sich die Wolkenkratzer von New York. Ein Blick auf den Umschlag des Buches genügte, um zu erkennen, wes Geistes Kind es war. Der russischen Ausgabe war ein Vorwort des Verfassers vorangestellt, das so sonderbar war, daß ich es einmal einem Freunde vorlas. Wörtlich hieß es dort: "Ich kann mich nicht für einen Proletarier ausgeben, eher bin ich der allerechteste Bourgeois, verweichlicht und verwöhnt durch die Segnungen meiner sozialen Lage. Mir, der ich in einer Hand einen Rebhuhnflügel, in der anderen ein Glas Burgunder halte, fällt es schwer, Betrachtungen über die sozialen Geschwüre und schmerzhaften Probleme der modernen Gesellschaft anzustellen. Trotzdem aber begeistere ich mich für das große sowjetische Experiment, erhebe meine rechte Faust (mit dem Rebhuhn oder dem Burgunder?) und rufe aus: 'Rot Front!'"

An dieser Stelle wurde es meinem Freund Semjon zu viel, er schleuderte das Buch mit einer Verwünschung in die Ecke. Wir beide bedauerten es tief, daß der naive Paul nicht bei uns im Zimmer war. Möglicherweise gibt es Interessenten, die gerne ein seziertes Versuchskaninchen sehen, das Kaninchen selbst wird jedoch kaum dieses Vergnügen teilen.

Paul de Cruis hat selbstverständlich nicht gelogen, er schildert wahrheitsgetreu und aufrichtig die Mängel der modernen amerikanischen Gesellschaft und verfolgte damit durchaus lobenswerte Ziele. Sein Buch war — unter amerikanischen Verhältnissen — ein Beitrag, der das Los vieler Menschen erleichtern half, vielleicht begünstigte es sogar die Durchführung gewisser sozialer Reformen.

Paul de Cruis stellt in dem Buch mit aufrichtiger Entrüstung fest, daß die amerikanischen Arbeitslosen, die auf Arbeitslosenunterstützung angewiesen sind, unter außerordentlich schweren Verhältnissen leben, daß ihre Nahrung hauptsächlich aus Bratkartoffeln und entsetzlich salzigem Schweinefleisch besteht. Die Kinder dieser Arbeitslosen erhalten von der Fürsorge täglich nur einige Liter gewöhnlicher, wenn auch pasteurisierter, so doch jedenfalls nicht vitamini- sierter Kuhmilch. Paul de Cruis ruft aus: "Lohnt es für sie zu leben?" Natürlich sind die Begriffe gut und schlecht durchaus relativ. Vielleicht hat Paul de Cruis recht, wenn er — im Vergleich zu den amerikanischen Lebensbedingungen — feststellt, eine solche Lage sei sehr schlecht.

Ein Sowjetmensch aber möchte beim Lesen dieser Zeilen fragen: "Und wie steht es mit den sowjetischen Arbeitern, die bis zum Weißbluten arbeiten, um dafür einen Lohn — keine Arbeitslosenunterstützung — zu bekommen, der ihnen nur in den seltensten Fällen einen solchen Leckerbissen wie Schweinefleisch, ganz gleich ob gesalzen oder nicht, gestattet. Wie ist es mit den Kindern dieser sowjetischen Arbeiter, die, selbst in den besten Jahren der Sowjetmacht, weniger Milch sahen, als die Kinder des amerikanischen Arbeitslosen? Was soll man von diesen Kindern sagen — hat es sich für sie gelohnt, geboren zu werden? Ist dies das Experiment, für das Mr. Paul de Cruis sich begeistert und seine rechte Faust erhebt mit dem Ruf: Rot Front?"

Jetzt, nach dem Kriege, muß ich wieder an dieses Buch denken, besonders an die Kindergestalten auf dem Umschlag und die Frage des Verfassers: "Lohnt es für sie zu leben?” Jetzt haben wir Gelegenheit, die Kinder der demokratischen Welt mit eigenen Augen zu sehen, wenn auch im besiegten Deutschland, also unter Verhältnissen, die weit schwieriger sind als in der Mehrzahl der übrigen demokratischen Länder. Jetzt haben wir Gelegenheit zum Vergleich.

Einmal sitzen Major Dubow und ich vor dem Haustor. Einige Schritte von uns entfernt spielt der Nachbarjunge Kolja vor dem Zaun. Er trägt, ungeachtet des warmen Wetters, einen dicken wattierten Mantel. Auf dem Kopf des Kleinen sitzt eine Offiziersmütze mit rotem Emaillestern, eine umgearbeitete Mütze seines Vaters.

Kolja wühlt eifrig und hingebungsvoll mit seinem Stückchen in der schmutzigen Erde. Er langweilt sich nicht und freut sich nicht — er ist einfach gleichgültig. Die Mutter hat ihn zum Spielen auf die Straße geschickt, und nun spielt er eben. Erdbrocken fliegen von Koljas Stückchen hochgeschleudert in alle Richtungen und fallen auch vor uns zu Boden.

"Eh, Kleiner!" ruft Major Dubow. "Wie heißt du?"

Kolja sieht uns nicht an und macht, als hätte er die Frage nicht gehört. Er fährt in seiner Beschäftigung fort und wühlt noch hingebungsvoller in der Erde.

"Komm doch mal her", fängt Dubow wieder an. "Bist Du am Ende taub?"

"M—m—m...", brummt Kolja zur Antwort und wirft uns unfreundliche Seitenblicke zu.

"Bist Du vielleicht stumm?" drängt der Major.

"M—m—m...", erfolgt der gleiche unbestimmte Laut. Kolja dreht sich wie ein furchtsames Tierchen zur Seite und senkt die Augen. "Warum bist Du denn so schmutzig?" läßt der Major nicht locker. "Geh und sag Deiner Mutter, sie soll Dich waschen."

"M—m—m..." reagiert Kolja, dieses Mal schon mit einer gewissen Feindseligkeit und peitscht mit seinem Stückchen den Zaun.

"Nun, wenn Du taub, stumm und obendrein schmutzig bist, dann scher Dich fort und wirf keinen Schmutz auf uns", bricht der Major seine Versuche, sich mit Kolja anzufreunden, ergebnislos ab.

Das veranlaßt den bis dahin wortlosen Kolja, ein wildes Geheul anzustimmen und, was er Beine hat, zur Mutter zu rennen, um ihr die erlittene Kränkung zu klagen. Reagenzglas sowjetischer Erziehung. Auf freundschaftliche Annäherungsversuche reagierte Kolja nicht, hörte aber unbewußt die unausgesprochene Drohung aus den Worten des Majors heraus, setzte sie in Furchtgefühl um — und das tat seine Wirkung. Die Gegenwirkung — klagen. Heute klagt er der Mutter, wenn er groß ist — wird er ein guter Zuträger der NKWD sein.

"Wenn ich so ein Geschöpf betrachte, tut es mir einerseits leid, andererseits verdrießt es mich aber", murmelt der Major, ärgerlich über diesen Ausgang, als er Kolja nachblickt.

Hier in Deutschland sticht uns der Unterschied zwischen den Kindern zweier Systeme schmerzhaft ins Bewußtsein. Anfangs merkten wir nur den äußeren Unterschied. Nachdem wir eine Zeitlang in Berlin gelebt und die Dinge beobachtet haben, erkennen wir einen anderen, viel tiefergehenden. Dieser Unterschied ist nicht äußerlich, sondern innerlich. Die sowjetischen Kinder gleichen kleinen seelenlosen Automaten, bei denen kindliche Lebensfreude und Ungezwungenheit, der eigenartige, nur Kindern eigene Zauber ausgerottet zu sein scheinen. Es ist das Ergebnis jahrelanger Zersetzung der Familie durch den Staat, das Ergebnis der Losreißung des Kindes aus dem Schoß der Familie. Manchmal versuchen wir diese Dinge durch die schweren Bedingungen der letzten Kriegsjahre zu erklären. Aber das ist eine wenig überzeugende Ausrede. Wir nehmen zu dieser Ausrede zu oft Zuflucht, als daß unser eigenes Gewissen sich dadurch noch beschwichtigen ließe.

Die sowjetischen Kinder wachsen in einer Atmosphäre mißtrauischer, argwöhnischer Abgeschlossenheit auf. Mit dem Kinde eines der uns gut bekannten sowjetischen Offiziere aus der Nachbarschaft in ein Gespräch zu kommen, oder gar Freundschaft zu schließen, ist für uns viel schwieriger, als mit irgend einem beliebigen deutschen Knirps in den Straßen Berlins.

Die deutschen Kinder, die in der Epoche Hitlers geboren und in den Jahren nach der Kapitulation aufgewachsen sind, können keine Musterbeispiele vorbildlicher Kinder sein. Geboren in einem totalitären Staat erlebten sie den ungeheuerlichen Alptraum des totalen Krieges an der Heimatfront und spüren heute gemeinsam mit ihren Eltern auf Schritt und Tritt alle Lasten des verlorenen Krieges am eigenen Leibe. Wir haben keinen anderen Vergleich vor Augen. Um so bedrückender ist es, diesen gewaltigen äußeren und inneren Unterschied zwischen den Kindern zweier Systeme zu beobachten. Denn die Kinder sind unsere Zukunft.

Das Kind und seine Erziehung im Vorschulalter ist fast ausschließlich Aufgabe der Mutter. Die sowjetische Mutter hat keine Zeit für ihr Kind — sie ist entweder im Dienst oder steht Schlange auf der ewigen Jagd nach einem Stück Brot, nach jeder lebensnotwendigen Kleinigkeit.

Ein bezeichnendes Streiflicht. Bei den Deutschen gilt es als Familienkatastrophe, die Schwiegermutter im Hause zu haben. Und die deutschen Schwiegermütter sind selbst der Ansicht, daß sie, wenn sie die Tochter glücklich unter die Haube gebracht haben, "das Leben genießen" können — sie fahren um die Wette Fahrrad, gehen ins Kino und leben zu ihrem Vergnügen. In einer sowjetischen Familie, in der Kinder vorhanden sind, ist es gerade umgekehrt. Die Schwiegermutter im Haus — das ist ein Glück für die Mutter und ganz besonders für das Kind. Die sowjetischen Kinder wachsen gewöhnlich unter der Obhut der Großmütter auf. Wenn die deutsche Frau über vierzig nach der Verheiratung ihrer Tochter häufig ihre "zweite Jugend" erlebt, so hat die russische Frau von vierzig Jahren praktisch gar kein persönliches Leben mehr und widmet sich voll und ganz ihrer "zweiten Familie", den kleinen Enkeln. Und nur in diesen Fällen ist eine normale Erziehung der Kinder gesichert.

Verallgemeinert heißt das: die deutsche Frau gehört der Familie, die amerikanische der society, und die sowjetische — dem Staat. Hier erhebt sich die Frage — was entspricht am ehesten dem eigenen Wunsch der Frau und den Interessen der Gesellschaft als solcher? Die natürlichen biologischen Funktionen der Frau — das Gebären und Erziehen der Nachkommenschaft — geben selbst die Antwort. Die Frau des Atomzeitalters ist immer noch die gleiche Mutter und Erhalterin der Art wie die Frau des Steinzeitalters.

Eine Sowjetfrau kann Lokomotivführerin, Bergarbeiterin, Steinmetz sein. Außerdem steht ihr das ehrenvolle Recht zu, ihre Stimme für Stalin abzugeben und Geisel ihres Mannes zu sein, wenn sich die NKWD für ihn interessiert. Ein einziges kleines Recht nur wird ihr vorenthalten — das Recht, glückliche Mutter zu sein. Die Frau ist gleichberechtigt — Wanja und Manja schmoren unter der gleichen stalinschen Sonne.

In der sowjetischen pädagogischen Wissenschaft lagen lange Zeit hindurch zwei entgegengesetzte Theorien über die Formung des Kindes miteinander im Kampf. Die eine, die Vererbungstheorie, behauptete, daß die Anlagen, die das Kind von seinen Eltern mitbekommen hat, die sogenannten Vererbungsgenen, bei der Entwicklung der seelischen Eigenschaften des Kindes die Hauptrolle spielen. Diese Theorie fand in der Pädagogik besonders weite Verbreitung nach dem Entstehen einer selbständigen Wissenschaft über die Vererbung der Arten, der Genetik. Die zweite Theorie, die Umwelttheorie, behauptete dagegen, daß die Seele des Kindes eine tabula rasa sei, eine unberührte Wachsplatte, auf die die Umwelt die Gesetze ihrer Entwicklung einzeichnet. Diese Theorie machte die psychische Entwicklung des Kindes ausschließlich von dem Einfluß der Umwelt abhängig. Beide Theorien sind nicht neu, sie bestanden nebeneinander in ungestörter Freundschaft bereits zu den Zeiten Pestalozzis; die naturalistische Theorie der Umwelt verkündete schon Jean Jacques Rousseau und auch Aristoteles erwähnt sie. Alle großen Denker waren gleichzeitig Pädagogen; man kann nicht über das Leben nach- denken ohne an die Embryonen der menschlichen Entwicklung, die Kinder, zu denken.

Die sowjetische Pädagogik erkannte auf ausdrücklichen Befehl des Politbüros entschlossen die Umwelttheorie als ihre Ausgangsbasis an. Der totalitäre Staat kämpft eifersüchtig um Seele und Körper seines Bürgers, er will auf dem Gebiet der Formung des Bürgers keinerlei Konkurrenten dulden, auch keinerlei Vererbungsgenen. Die sowjetische Pädagogik erklärt kurz, klar und unwiderruflich, daß das sowjetische Kind ein hunderprozentiges Produkt seiner kommunistischen Umwelt ist.

Darin stimme ich mit dem Politbüro völlig überein. Das enthebt uns der äußerst unangenehmen Suche nach den Ursachen des kolossalen Unterschiedes zwischen den sowjetischen Kindern und ihren deutschen Altersgenossen. Mir — und nicht nur mir, sondern vielen von uns sowjetischen Offizieren in Deutschland — tut es verteufelt weh, ungünstige Schlüsse über unsere sowjetischen Kinder zu ziehen, denn wir betrachten sie einfach als russische Kinder. Das Politbüro befreit uns durch den Mund des Volksbildungsministeriums von diesen düsteren Gedanken, wenn es selbst zugibt, daß die sowjetischen Kinder ein Produkt des totalitären Staates sind, nicht aber der russischen Genen.

Machen wir einen Abstecher in das Gebiet der stalinschen "Schmiede der Kader".

In der Periode des Süthens nach neuen Formen in der Pädagogik baute das Politbüro sein System der Erziehung der Sowjetbürger auf einem tendenziösen Schulprogramm und auf den politischen Organisationen der Jugend auf — den Pionierabteilungen und dem Komsomol. Hier schon begann der Dienst am Staat. Zum geistigen Helden der' sowjetischen Kinder wurde der Pionier Pawlik Morosow gemacht. Sein Vorzug bestand darin, daß er seinen Vater bei der NKWD anzeigte, die diesen daraufhin erschoß. Nachdem die eigenen Brüder Pawlik erschlagen hatten, wurde der treue Diener des Staates zum sowjetischen Märtyrer erklärt und ihm ein Denkmal errichtet, das ihn in voller Pionieruniform zeigt. Den anderen Kindern wurde nachdrücklich anempfohlen, seinem Beispiel zu folgen.

Die Jahre vergehen. Der Sowjetstaat verringert den Unterschied zwischen seiner Form und seinem Inhalt immer mehr. Nach langjährigen Experimenten mit der Orthographie des Politbüros selbst geht man von den "Methoden der Überzeugung" dialektisch zu den stabileren "Methoden des Zwanges" über. Im Jahre 1940 wird das Komitee für Angelegenheiten der Arbeitsreserven beim Rat der Volkskommissare der UdSSR gegründet, den Fabriken und Betrieben arageschlossene Berufs- und Gewerbeschulen eingerichtet. Die Zöglinge für diese Lehranstalten werden im Alter von 14 Jahren unter dem Anschein der Mobilisierung von Arbeitsreserven zwangsweise rekrutiert.

Im Jahre 1943 werden durch eine ordentliche Verfügung die Suwo- row- und Nachimow-Kadettenschulen gegründet. Aufgabe dieser Kadettenschulen — ihre Anzahl beträgt annähernd vierzig — ist es, die Kinder vom achten Lebensjahr an durch kasernenmäßige Erziehung auf eine militärische Laufbahn vorzubereiten.

Einmal hatte ich Gelegenheit, die Suworow-Kadettenschule in Kalinin zu besichtigen. Diese Lehranstalt ist die Moskau am nächsten gelegene und daher die privilegierteste von allen. Charakteristisch ist, daß es in Moskau selbst keine Suworow-Schule gibt. In der Suworow- Schule in Kalinin hatte ich das Glück, fast alle Enkel der Großväterchen aus dem Politbüro kennenzulemen. Petjka Ordshonikidse (Sergo Ordshonikidse, Volkskommissar für Schwerindustrie, starb 1936, Gerüchten zufolge wurde er liquidiert. Minister für Innen- und Außenhandel) saß in Unterhosen auf seinem Bett, da seine Uniformhosen mit den breiten roten Biesen in Reparatur waren, jeder Zögling der Schule aber auf Grund der Dienstvorschrift nur ein Paar davon besitzen darf. In dieser Hinsicht nützt nicht einmal der Ruhm des gewaltigen Großvaters etwas. Der Erzieher, ein Hauptmann, beschwerte sich über seine heikle Lage gegenüber dem jüngsten Sprößling Mikojans"), der die ganze Lehranstalt mit geschmuggelten Zigaretten versorgt; man kann ihn nicht gut in den Karzer stecken -— sein Großvater lebt noch und sitzt vorerst sehr sicher im Politbürosattel. Die Lausbuben stolzierten mit Vergnügen im Parademarsch und gaben auf Schritt und Tritt militärische Ehrenbezeugungen ab. Einige der zwölf- bis dreizehnjährigen Zöglinge trugen Kriegsauszeichnungen auf der Brust, sie hatten sich bei militärischen Operationen als Partisanen bewährt. In der Nähe sieht das alles gar nicht so schrecklich aus — die Su- worow-Schulen gelten als privilegierte Lehranstalten, in denen die Kinder auf Kosten des Staates gekleidet, ernährt und erzogen werden. Kandidaten gibt es im Überfluß, so daß es für ein gewöhnliches Kind gar nicht leicht ist, hineinzukommen. In der Suworow-Schule in Kalinin bestand fast die Hälfte der Zöglinge aus Sprößlingen von Generalen und Sowjetaristokraten.

Proletarierkinder kommen nur schwer in die Suworow-Schulen, ihr Anteil ist es, genau solche Proletarier zu werden wie ihre Eltern sind, für sie gibt es die Gewerbeschulen. Die Suworow-Schüler haben ihrerseits nicht das Recht, nach Absolvierung der Suworow-Schule in irgendeine andere als eine Offiziersschule einzutreten. Das Schicksal und die Laufbahn des Kindes werden in seinem achten Lebensjahr entschieden. Die klassenlose Gesellschaft teilt schon die Kinder in der Wiege in streng gesonderte Kasten — die privilegierte Kaste des Militärs und die Kaste der Proletarier, deren Aufgabe es ist, produktive Arbeit zu leisten, sich in bestimmten Grenzen zu vermehren und zum Ruhme des Führers schweigend zu sterben.

Der totalitäre Staat hat seine endgültigen Formen gefunden. Jetzt kann man kaum noch eine Abkehr von diesen zwei wichtigsten sowjetischen Institutionen erwarten — der Schmiede der Berufssoldaten und der der Berufssklaven. Die Samen werden früh gelegt, in dem einen Fall im Alter von acht, in dem anderen von vierzehn Jahren. Es ist eine Politik auf weite Sicht. Es ist keine Etappe, sondern Endstation.

Eine Bemerkung am Rande. Die Zeitungen der Westsektoren Berlins berichteten über das geheimnisvolle und spurlose Verschwinden von Hunderten deutscher Kinder* es wurde darauf hingewiesen, daß diese Kinder von den Sowjetbehörden "entführt" wurden. Die Deutschen zerbrechen sich die Köpfe — wozu das?

In seinem Roman: "Der Mann, der lacht" schildert Victor Hugo wandernde Zirkusleute des Mittelalters, die Kinder raubten, um sie ihren eigenen Beruf erlernen zu lassen. Die mittelalterlichen Chirurgen entstellten die Gesichter der Kinder durch plastische Operationen, verwandelten sie in Ungeheuer, die für immer an den verachteten Beruf schaustellernder Bajazzos gefesselt blieben.

Heute rauben die Agenten des Kreml Hunderte von Kindern in Deutschland, Griechenland und Korea. Diesen Kindern wird auf dem Wege langjähriger kommunistischer Erziehung in besonderen Internaten der Sowjetunion die Seele entsprechend operiert. Wenn die Zeit gekommen ist, werden die flügge gewordenen Vögel aus den Inkubatoren des Kreml ihre verachtete Rolle als politische Bajazzos auf der Weltbühne zu spielen haben.

Als 1937 das sowjetische Abenteuer in Spanien Schiffbruch erlitt, wurden Tausende spanischer Kinder in die UdSSR gebracht. General Franco hat sie wahrscheinlich vergessen, obwohl sie bei der künftigen Lösung des spanischen Problems die stärkste Waffe des Kreml abgeben werden. Wenn die Stunde schlägt und der Kreml seine "Befreierhand" nach der Pyrenäen-Halbinsel ausstreckt, werden Hunderte und Tausende bestens dressierte Quislinge mit spanischen Namen und in reinstem Spanisch sprechend alle Schlüsselstellungen des Landes einnehmen.

Diese Politik hat sich bereits in den meisten Ländern Osteuropas bewährt, die sich in der sowjetischen Einflußsphäre befinden. Jetzt zahlen diese Bajazzos dem Kreml hundertfach das Kapital zurück, das er in dieses Unternehmen hineinsteckte. Ein wenig peinlich, daß die Premierminister der neuen Volksdemokratien sowjetische Pässe und die sowjetische Staatsbürgerschaft in der Tasche haben. Doch das ist nicht schlimm. Bald werden die Völker dieser Länder sowieso einmütig bitten, sie in die große Völkerfamilie der UdSSR aufzunehmen, und dann brauchen die Premiers nicht noch einmal ihre Pässe zu wechseln.

Kürzlich fand im Arbeitszimmer des Chefs der Politverwaltung des SMA-Stabes eine außerordentliche Sitzung statt, auf der eine Verbesserung der pädagogischen Arbeit an den russischen Schulen Karls- horsts erwogen wurde. Anlaß dafür waren gewisse ungesunde Erscheinungen unter den Schülern der älteren Klassen. Sie wirbelten hinter den Schlagbäumen des Berliner Kreml viel Staub auf, obwohl die Einzelheiten streng geheimgehalten wurden.

Einen Monat zuvor hatte ein Schüler der neunten Klasse seinen Vater und dessen junge Geliebte erschossen. Der Vater war Parteimitglied, Oberstleutnant der Justiz und Mitarbeiter der Rechtsabteilung des SMA-Stabes. Der Parteihüter der Gerechtigkeit hatte anscheinend an den Gewohnheiten der Kriegszeit Gefallen gefunden. Offenbar störte ihn dabei auch nicht der Umstand, daß sich alles unter den Augen des erwachsenen Sohnes und seiner Tochter abspielte, deren Mutter in Rußland zurückgeblieben war.

Der siebzehnjährige Sohn, Mitglied des Komsomol, beschloß nach ergebnislosen Unterredungen, Bitten und Streitigkeiten mit dem Vater, die Parteiorganisation um Rat und Hilfe anzusprechen. Er reichte eine offizielle Meldung an den Chef der Politverwaltung des Stabes der SMA, die Vorgesetzte Parteibehörde des Vaters, ein. Wenn ein Parteimann moralischer oder krimineller Verbrechen beschuldigt wird, lassen sich die Parteiorgane gewöhnlich von dem Grundsatz leiten, "die schmutzige Wäsche nicht vor aller Augen zu waschen". Die Politverwaltung des SMA-Stabes wollte also die Sache vertuschen und beschränkte sich darauf, die Meldung... dem Vater weiterzuleiten. Die Folgen waren vorauszusehen. Der wutentbrannte Vater ging gemeinsam mit seiner Geliebten tätlich gegen den revoltierenden Sohn vor. Es endete damit, daß der Sohn dem Vater die Dienstpistole entriß und beide niederstreckte.

Kaum hatte sich der Staub gelegt, den das tragische Ereignis aufgewirbelt hatte, als der Kommandant von Karlshorst, Oberst Maxi- mow, einer Kompanie von Soldaten der Kommandanturwache einen etwas ungewöhnlichen Kampfauftrag erteilte. In den waldbestandenen Wildnissen und Sanddünen der Umgebung Karlshorsts — in dem Plan der Kampfoperation als Quadrat Katharinen-Spital, Rennbahn Karlshorsts und Südteil von Köpenick bezeichnet — hauste eine geheimnisvolle Räuberbande, die die Umgebung in Angst und Schrecken versetzte. Die Soldaten hatten strengen Befehl, ohne besondere Anweisung des Expeditionsführers nicht zu schießen, sondern zu versuchen, die Räuber lebend einzufangen. Denn die Waldpiraten waren Schüler der höheren Klassen der Schule von Karlshorst mit dem Sohn eines der Generale des SMA-Stabes an der Spitze. Bewaffnet waren sie recht solide — mit väterlichen Pistolen, manche sogar mit Maschinenpistolen.

Der verdächtige Bezirk wurde nach allen Regeln der Kriegskunst durchkämmt, dabei das Stabsquartier der Räuber im Keller eines zerstörten Hauses entdeckt und eine förmliche Belagerung eingeleitet. Erst nach langwierigen Verhandlungen unter Vermittlung von Parlamentariern — die bestürzten Eltern und Lehrer mußten zu Hilfe gerufen werden — erklärte sich der Räuberhauptmann bereit, zu kapitulieren.

Bezeichnend ist, daß diese Nachkommen Robin Hoods als erstes die Bedingung stellten, zur Strafe nicht nach Hause in die Sowjetunion zurückgeschickt zu werden. Der Expeditionsleiter mußte einen Verbindungsmann in den Stab der SMA schicken, um entsprechende Anweisungen einzuholen. Es war eine sehr charakteristische Kapitulationsbedingung, die die Politverwaltung der SMA nicht wenig beunruhigte.

Während die Leistungen in den oberen Klassen der Schule in Karlshorst im Vergleich mit denen der entsprechenden Klassen der UdSSR zurückgingen, erhöhte sich proportional die Zahl der geschwänzten Unterrichtsstunden. Nur die Noten im deutschen Sprachunterricht zeigten eine aufsteigende Kurve, worüber sich die Direktion der Schule nicht besonders freute, denn es war ein Beweis dafür, daß Beziehungen zu der deutschen Umwelt bestanden, was für die Direktion der Schule unangenehme Folgen haben konnte.

Die Kommandanturpatrouillen holen die Schüler von Karlshorst aus der Dunkelheit der Berliner Kinos heraus, die sie vorzugsweise während der Unterrichtsstunden besuchen. Die deutschen Filme interessieren sie mehr als die Geschichte der Pariser Kommune und das Studium der stalinschen Verfassung. Eine Untersuchung der Schulbänke der älteren Schüler brachte handgeschriebene verbotene Gedichte Sergej Jessenins und unmoralische Couplets Konstantin Simo- nows zutage, die während des Krieges bei den Soldaten von Hand zu Hand gingen. ' "Drück auf sämtliche Pedale — der Krieg löscht alles aus...!" Offenbar hat der Krieg nicht alles ausgelöscht, sondern legt seine Nachkriegsrechnunjjen der Jugend zum Löschen vor. Zu alledem meldete das Krankenhaus der SMA dem Chef des Stabes einige Fälle von Geschlechtskrankheiten unter den Schülern der höheren Klassen. Eine -sechzehnjährige Schülerin wurde mit einer schweren Blutung infolge einer mißlungenen Abtreibung ins Krankenhaus eingeliefert. Mehrere Monate lang schwebte eine andere Schülerin, fast noch ein Kind, im Krankenhaus zwischen Leben und Tod, nachdem sie einen erfolglosen Versuch unternommen hatte, sich aus unglücklicher Liebe mit Leuchtgas zu vergiften.

Alle diese Dinge führten schließlich zu der Einberufung der außerordentlichen Sitzung im Arbeitszimmer des Chefs der Politverwal- tung, in deren Verlauf beschlossen wurde, radikale Maßnahmen zur Verbesserung der kommunistischen Erziehung der sowjetischen Jugend in Deutschland zu ergreifen. Als wirksamstes Heilmittel wurde die bewährte Medizin gegen alle Krankheiten anerkannt — nämlich die Einführung zusätzlicher Unterrichtsstunden zum Studium des "Kurzen Lehrgangs der Geschichte der KPdSU(B)" und der Kindheitsund Jugendjahre der Führer des Weltproletariats — Lenins und seines treuesten Freundes, Mitarbeiters und Schülers Josef Wissariono- witsch Stalin. Beiläufig wurde der Beschluß gefaßt, unverbesserliche Sünder in die Sowjetunion heimzuschicken. Bis zu diesem Zeitpunkt beschränkte sich diese Bestrafung auf den erwachsenen Teil der Bevölkerung Karlshorsts.

Obwohl das Filmtheater "Capitol" für das deutsche Publikum gesperrt ist und dort nur ideologisch eindeutige sowjetische Filme gezeigt werden, obwohl die Straßenbahnhaltestelle aus Karlshorst verbannt wurde, ganz gleich — das Gift des Deutschlands der Nachkriegszeit sickert durch die Zäune und Schlagbäume in den Berliner Kreml. All das gemahnt an die Atmosphäre des "Tagebuches Kostja Rjabzews" und an die "Hundegasse", die in Kreisen der Pädagogen in den zwanziger Jahren so viel Aufsehen verursacht hatten. Damals, als die alten Ideale in den Schmutz getreten, neue aber noch nicht geschaffen waren, befand sich die Jugend in der geistigen Sackgasse oder am ideologischen Scheidewege. Womit kann man es heute erklären?

"Die Jugend ist das Barometer unserer Partei", sagte Trotzkij seinerzeit. Er sagte es im Hinblick, auf den Komsomol, aber seine Worte haben einen umfassenderen Sinn. Die Jugend — das ist das Barometer des Volkes. Der Zeiger des Barometers ist nach dem Kriege ins Schwanken geraten. Wohin wird er weisen?

2.

"Nun — hat's Dir gefallen?"

"Ja. Eine eigenartige Sache!"

"Unbestreitbar — tatsächlich ein Meisterstück..."

In der Dunkelheit trägt uns der dichte Menschenstrom durch den Hinterausgang aus dem Filmsaal des Offizierskasinos in Karlshorst hinaus. Die unsichtbaren Menschen tauschen unterwegs ihre Meinungen über den Film aus.

Heute hat Nadja, die Sekretärin des Parteileiters der Industrieverwaltung, uns alle durch ihre Zuvorkommenheit in Erstaunen versetzt. Sie wanderte der Reihe nach durch alle Zimmer und überreichte jedem eine Kinokarte. Sie fragte sogar liebenswürdigerweise, wieviele Karten ein jeder wünschte. Gewöhnlich ist es gar nicht so leicht, Kinokarten zu bekommen. Wenn jemand Lust hat, ins Kino zu gehen, muß er schon rechtzeitig bei Nadja anrufen und Karten bestellen.

"Ah, Nadjenka, mein Sonnenstrahl! Was gibt's denn heute für einen Film?" fragte ich, gerührt durch die ungewöhnliche Aufmerksamkeit. "Einen sehr guten, Gregory Petrowitsch. ,Der Schwur'! Wieviel Karten wollen Sie?"

"A-a! der Schwur?!" brachte ich achtungsvoll heraus. "In diesem Fall gib mir gleich zwei."

Uber diesen Film haben die Sowjetzeitungen viel geschrieben, haben ihn als neues Meisterstück wahrer Filmkunst in den Himmel gehoben. Obwohl ich Meisterstücken gegenüber recht skeptisch bin, beschloß ich doch, hinzugehen. Der Film wird so aufdringlich gerühmt, daß es einfach gefährlich wäre, ihn nicht anzusehen.

Fünf Minuten nach Beginn des Films blickten Hauptmann Bagdassar- jan und ich nicht mehr nach der Leinwand, sondern dauernd auf die Uhr. Den Saal verlassen wäre Selbstmord, und zuschauen... "Gehen wir hinaus — als müßten wir mal auf die Toilette", flüstert Bagdassarjan.

"Bleib lieber sitzen, sieh ihn Dir an — aus akademischem Interesse", besänftige ich ihn.

Wenn in den sowjetischen Filmen der Vorkriegszeit die Gestalt Stalins anfing, sich neben Lenin breitzumachen, so diente in dem "Schwur" Lenin nur noch als Dekorationsstück. Die Bauern, die von der schweren Erkrankung Lenins vernehmen, pilgern aus entlegenen Dörfern nach Gorki. Dabei stellt sich heraus, daß sie lediglich aus dem Grunde nach Gorki kamen, um Stalin mit Tränen in den Augen anzuflehen, ihr Führer zu werden. Sie schwören ihm filmkilometerlang ihre Treue und Ergebenheit.

Ich schwöre auch. Ich schwöre, daß ich noch nie im Leben, auch nicht in den Vorkriegsjahren, ein so dummes, grobes und unverschämtes Machwerk gesehen habe. Der Film selbst und der ganze Lärm um ihn her sind kein Zufall. Ebenso wie es kein Zufall ist, daß man schon seit Monaten aufgehört hat, in unserem Klub ausländische Filme vorzuführen.

"Weißt Du, was das bedeutet?" sagt Hauptmann Bagdassarjan, als wir nach Hause gehen. "Das bedeutet — zurück!"

"'Der Schwur' — das ist doch keine Kunst", fährt er fort. "Zeig einen solchen Film im Ausland und alle werden glauben, daß alle Russen tatsächlich Narren sind."

"Sie haben auch genug elende Filme", versuche ich den Freund zu beschwichtigen.

Die wenigen ausländischen Filme, die in der UdSSR gezeigt wurden, waren wahrhaftig Meisterstücke der internationalen Filmkunst. Selbstverständlich war die Vorführung dieser Filme immer nur ein vorübergehendes Zugeständnis an irgendwelche höheren Interessen und entsprach jeweils dem Zickzack der sowjetischen Außenpolitik. Infolgedessen bildete sich bei den Sowjetmenschen eine übertrieben begeisterte Meinung über die ausländische Filmkunst heraus. In Berlin haben wir weitgehende Möglichkeiten, uns an den Filmerzeugnissen sämtlicher Länder sattzusehen. Häufig lachen wir bis zu Tränen beim Anblick eines herzzerreißenden amerikanischen Schmachtfilms, in dem es mehr Schießereien als Dialoge gibt, in dem das Blut in Strömen von der Leinwand direkt in den Saal fließt und in dem man unmöglich verstehen kann, wer wen und aus welchen Gründen eigentlich mordet. Bezeichnend ist, daß solche Filme nicht einmal den einfachen russischen Soldaten Vergnügen bereiten, wenn man sich schon erlauben will, von dem Geschmack des "Plebs" zu sprechen.

Nicht weit von Karlshorst, in Köpenick, befindet sich die Filmfabrik "Kodak". Zufällig fanden einige Mitarbeiter der SMA, die mit dieser Fabrik dienstlich zu tun hatten, heraus, daß es dort einen Saal für geschlossene Filmvorführungen gibt und umfassende' Möglichkeiten, das Archiv der gesamten europäischen Filmindustrie zu diesem Zweck zu benutzen. Sie behandelten ihre Entdeckung mit der gebührenden Vorsicht und wahrten ihr verlockendes Geheimnis eifersüchtig; dabei genossen sie in vollen Zügen, wenn auch insgeheim, die verbotene Welt der vergangenen dreißig Jahre. Aber in der Welt gibt es nichts Absolutes und auch keine absoluten Geheimnisse. Unter feierlichen Schwüren ewigen Schweigens bis ins Grab hinein begann das Geheimnis der "Kodak" durch Karlshorst zu sickern.

Bald darauf wurden die Filmvorführungen bei "Kodak" zum inoffiziellen Klub der SMA-Angehörigen. Dort konnte man alle Dokumentär- und Spielfilme sehen, die nach der Kapitulation für die Vorführung in Deutschland verboten wurden. Dort "entrüsteten" wir uns lauthals über europäische Filme mit antisowjetischem Inhalt, deren Vorführung wir selbst "zwecks technischer Überprüfung" bei der Direktion der "Kodak" bestellt hatten. Diese Filme waren eigentlieh recht harmlos, teilweise sogar naiv. Aber sie spiegelten in gewissem Maße die Ansichten Europas über Sowjetrußland wider. Für uns war es interessant, uns selbst mit den Augen der Umwelt zu sehen. Es war ein Vergnügen eigener Art. überdies war das Gefühl der Freiheit angenehm, das Bewußtsein, "verbotene" Dinge zu sehen.

Wie sonderbar das auch scheinen mag, die deutschen Filme gefallen den Russen besser als alle übrigen. Ob man die Musik, die Literatur oder auch die Filmkunst nimmt, diese geistigen Offenbarungen des Lebens der Nation, immer wieder stellt man fest, daß die deutsche Seele den Russen verständlicher ist als alle übrigen. Hier ist die gleiche Gefühlsgebundenheit, die gleiche leichte Trauer, die Suche nach den tiefsten Ursachen der Erscheinungen. Nicht umsonst erfreut sich Dostojewskij bei den Deutschen größerer Beliebtheit als bei den Russen selbst, während der "Faust" die Krönung der russischen Bühnendarstellungen ist.

Häufig kann man hören, wie Russen deutsche Filme und Theaterstücke lebhaft diskutieren. Dabei fällt das für einen Sowjetmenschen ungewöhnliche Interesse für Einzelheiten, Tatsachen und für die Schauspieler selbst in die Augen. Hier gibt es genug Dinge, über die man streiten kann, über den Film "Der Schwur" gibt es nichts zu streiten.

"Ihre Kunst ist passiv, unsere aktiv. Ihre Kunst empfiehlt, unsere befiehlt", sagt Bagdassarjan. "Hast Du .Völkergericht' gesehen?"

"Ja."

"Nun, und?"

"Ein starkes Stück."

"Ich habe es kürzlich im amerikanischen Sektor gesehen. Sie haben eine ganz andere Montage gezeigt, unter dem Titel .Nürnberg'. Dasselbe Thema, macht aber überhaupt keinen Eindruck."

Seinerzeit sahen wir in unserem Offiziersklub den Dokumentarfilm über den Nürnberger Prozeß. Der Film war außerordentlich gekonnt zusammengestellt. Kampfszenen der Kriegswochenschauen verflochten sich mit Szenen aus dem Gerichtssaal, in der Dunkelheit erschallte der von Chamara gelesene unheilverkündende Zwischentext. Als wir im Filmsaal saßen, ballten sich unsere Fäuste. Der Film war unerhört eindrucksvoll. Dasselbe Material war in der amerikanischen Fassung unter dem Titel "Nürnberg" absolut harmlos, eine sachlich kalte Chronik.

Wir sind in der Wohnung Bagdassarjans angekommen. Unter dem Eindruck des soeben gesehenen Filmes unterhalten wir uns über die Möglichkeiten der Propaganda mit den Mitteln der Kunst.

"Die Amerikaner müssen noch hundert Jahre lernen, wie man aus schwarz weiß macht", der Hauptmann reckt sich faul, als er den Rock auszieht.

"Wenn Not am Mann ist, werden sie's schon lernen", sage ich.

"In einem Tag ist da nichts zu machen. Die Massen müssen in jahrelanger Arbeit erzogen werden."

"Was machst Du Dir eigentlich um die Amerikaner so viel Sorgen?" frage ich.

"Einfach so — vom Standpunkt der absoluten Gerechtigkeit."

"Wen interessiert sie — diese Gerechtigkeit? Recht hat, wer die Macht hat. Gerechtigkeit — das ist ein Märchen für Einfaltspinsel." "Ich gebe Ihnen eine Eins in Diamat" '), bemerkt der Hauptmann spöttisch.

"Die Engländer bereiten wieder eine Neufassung der .Anna Kare- nina' vor", sagt er dann und zeigt mir ein Journal. "Sie wird, glaube ich, schon zum zehntenmal im Ausland verfilmt. Bei uns hat man sie noch kein einziges Mal auf die Leinwand gebracht. Sie ist noch nicht an der Reihe. Bei uns ist man stattdessen entweder dabei, Peter den Großen zu vergewaltigen oder Iwan den Schrecklichen in ein Täubchen umzumalen."

"Was willst Du? Staatsinteressen..." versuche ich zu widersprechen. Vor dem Krieg war die sowjetische Filmindustrie mit verdächtiger Hingabe damit beschäftigt, große Männer der russischen Vergangenheit auf die Leinwand zu bringen. Zuerst erschien zur Verwunderung des Publikums Peter I. auf der Leinwand, nicht als Tyrann und "Ausbeuter", sondern als großer Staatsmann. Dann erhob sich noch mehr Lärm, der mit einem offenen Skandal endete, um die Verfilmung Iwan des Schrecklichen. Selbst die an Fälschungen gewöhnten sowjetischen Drehbuchverfasser und Regisseure waren dem Auftrag des Politbüros nicht gewachsen. Die erste Fassung unterlag schärfster Kritik und wurde vom Spielplan abgesetzt. Daran war noch nichts Erstaunliches, das gleiche Schicksal hatte schon mehr als einen Film betroffen. Erstaunlich war jedoch, daß der Befehl erlassen wurde, eine Neufassung des Films herzustellen. Dieselbe Geschichte ereignete sich bei der Inszenierung "Iwan des Schrecklichen" auf der Bühne des Moskauer Kleinen Theaters. Nach der Erstaufführung wurde das ganze leitende Personal gemaßregelt, worauf der Befehl erging, die Aufführung in Neuinszenierung herauszubringen.

Das Rätsel fand seine Lösung, als auf geschlossenen Sitzungen des Parteiaktivs die Redner des ZK der KPdSU(B) ohne jede Zurückhaltung erklärten: in der Auslandspresse werden häufig geschichtliche Parallelen zwischen den Tagen der Herrschaft Iwan des Schrecklichen und der Epoche Stalin-Rußlands gezogen. Jetzt war alles klar da man die Gegenwart nicht verändern kann, muß man versuchen, die Vergangenheit zu verfälschen. Es muß hinzugefügt werden, daß keine "Auslandspresse" diese Parallelen gezogen hatte. Vielmehr waren sie in dem entzündeten Gehirn des Politbüros selbst herangereift.

Fünfundzwanzig Jahre lang hatten die sowjetischen Geschichts- Lehrbücher den Schrecklichen entweder überhaupt totgeschwiegen oder seine Herrschaft als Beispiel des unmenschlichsten und blutigsten Absolutismus dargestellt. Jetzt ließ der Schatten Iwan des Schrecklichen Stalin keine Ruhe (Abkürzung für dialektischer Materialismus. Eins ist die beste Note).

"Wart, wie hieß doch die Lieblingsfrau des Schrecklichen?" fragt Bagdassarjan.

"Ich weiß nicht mehr", antworte ich. "Ich weiß nur, daß sie die siebente war."

"Einmal schwor ein Soldat, daß Stalin die Allelujewa mit eigenen Händen erwürgt habe. Sagte, daß sie gegen seine Kollektivisierungs- politik gewesen war. Und vor kurzem hörte ich, daß er mit seinem Sohn Jaschka das gleiche Stückchen angestellt hat. Der war doch bei den Deutschen in Gefangenschaft und kehrte dann nach Hause zurück."

"Siehst Du — deswegen ist eben der Film ,Iwan der Schreckliche* nötig", sage ich. "Du siehst ihn Dir an und Dir wird sofort klar, daß all das für das Wohl des Volkes notwendig ist. Iwan der Schreckliche hat auch seine Frauen erwürgt und seinen Sohn getötet aus Gründen der Staatsraison."

"Schön war's während des Krieges", seufzt der Hauptmann. "Erinnerst Du Dich an die Filme, die die Amerikaner für uns drehten?" "Ja, gute Filme. Es ist nur komisch, wie wenig sie von unserem Leben wissen. Im .Polarstern' war beim Kolchosbauern der Tisch so gedeckt wie selbst bei Sokolowskij nicht."

"Ja, und auf der Wiese wurden Reigentänze aufgeführt — wie irr der guten alten Zeit", lacht Bagdassarjan auf.

Von 1943 an wurden in der Sowjetunion Filme amerikanischer Herkunft zu russischen Themen gezeigt. Uns war der Film "Polarstern" besonders in Erinnerung geblieben. Ungeachtet dessen, daß der Film von großer Naivität und Unkenntnis der sowjetischen Wirklichkeit zeugte, ließ er doch aufrichtige Sympathie für die Russen erkennen. Häufig konnte man hören, wie die russischen Zuschauer nach der Vorstellung sagten: "Prächtige Kerle, die Amerikaner!" obwohl nur Russen auf der Leinwand gezeigt worden waren. In der günstigen Darstellung ihrer selbst spürten die Russen die Sympathien des amerikanischen Volkes.

"Da waren irgendwelche Fachberater mit russischen Namen", sagte ich. "Sie haben Rußland wahrscheinlich seit dreißig Jahren oder noch länger nicht gesehen. Und so haben sie eben üppige Klukwa (Klukwa = Moosbeere. Marquis de Custine veröffentlichte nach einer Moskau- Reise 1836 ein Rußland-Buch, in dem er unter anderen Ungenauigkeiten und Übertreibungen die "ausladenden Äste des Klukwa-Baumes" erwähnte, obwohl die Moosbeere eine höchstens einige Zentimeter große Pflanze ist. Seither ist "Klukwa" zu einem Begriff geworden, mit dem man Übertreibungen und unsinnige Behauptungen bezeichnet, übrigens wurde das Buch kürzlich in Amerika neu aufgelegt und wird von manchen Amerikanern als Quelle des Wissens über Rußland benutzt) wachsen lassen. Hast Du .Mission in Moskau' gesehen? Ha!"

"Komödie! Erinnerst Du Dich an die Szene, wie Karl Radek in die Kneipe kommt; dort spielen die Sieben aus dem ,Jar', Samoware stehen auf den Tischen, er selbst trägt ein Puschkin-Hemd. Und die Hauptsache — keine Schlußfolgerung."

"Ihre Technik ist gut, aber Ideologie haben sie keine", stelle ich fest. "Sie wissen wahrscheinlich überhaupt nicht, was das für ein Ding ist."

"Stalin macht ihnen die Hölle heiß, sie aber sperren nur Mund und Augen auf", sinniert Bagdassarjan. "Wissen nicht, was sie tun sollen. Jetzt fangen sie an, auf den Iwan zu schimpfen — blatternarbig ist er, und schielen tut er, und seine Zähne sind auch schief. Narren! Die letzten dreißig Jahre der Geschichte Rußlands — das ist doch ein weißer Fleck, ein unerschöpflicher Brunnen. Man braucht sie nur richtig zu bearbeiten. Man könnte doch Stalin im Handumdrehen bis aufs Hemd ausziehen — ihn so zeigen, daß die ganze Welt nur noch spucken wird. Wir hätten auch nichts dagegen. Wenn sie aber anfangen, den Iwan zu beschimpfen..."

Der Hauptmann schnalzt vielsagend mit der Zunge. Er ärgert sich, daß die Amerikaner nicht auf eine so einfache Sache kommen.

Uns verblüfft es oft, wie wenig die übrige Welt die wahre Lage der Dinge in Sowjetrußland kennt. Die dreißigjährige Arbeit des staatlichen Lügenapparates und die hermetische Abgeschlossenheit gegenüber einer freien Berichterstattung haben ihr Werk getan. Der Welt wird wie einem kleinen Kind eingetrichtert, daß das kapitalistische System zum Untergang verurteilt ist. In dieser Frage nehmen die Sowjetmenschen keinen festen Standpunkt ein. Die Geschichte entwickelt sich weiter und erfordert neue Formen. Aber die historische Bedingtheit des Kommunismus, die These, daß "alle Wege zum Kommunismus führen" — das ist ein Parameter in der Gleichung mit vielen Unbekannten und negativen Größen. Wobei für uns, für die Sowjetmenschen, diese Gleichung bereits eine irrationale Form angenommen hat.

Uns verbindet nicht die innere Einheit einer Staatsidee, sondern die äußeren Formen der materiellen Abhängigkeit, des persönlichen Interesses oder der Karriere. Und über all diesem herrscht die Furcht. Für die einen ist das ein unmittelbar physisch spürbares Etwas, für die anderen — eine unabwendbare Folge, wenn sie anders handeln oder auch nur denken, als es die totalitäre Maschine verlangt.

Wenn ein Deutscher auf einen sowjetischen Soldaten zugehen und versuchen würde, ihm zu sagen: "Iwan — schlecht", wird dieser Soldat ihm wortlos die Faust ins Gesicht schlagen. Wenn derselbe Deutsche Stalin, die Sowjetmacht und die Kommunisten mit den übelsten Schimpfworten belegen würde, wird der Soldat ihm sicher seine letzten Zigaretten geben. Das ist eine automatische Reaktion. Auf die gleiche Weise wird der russische Soldat auch im anderen Falle reagieren, in einem ernsteren Falle...

Später hatte ich, schon im Westen, Gelegenheit, den amerikanischen Film "Der Eiserne Vorhang" zu sehen, der den Zusammenbruch der sowjetischen Atomspionage in Kanada behandelt. Ich hatte vorher eine Menge Kritiken über den "Eisernen Vorhang" gelesen, wütende Angriffe der kommunistischen Presse. Mich interessierte es, in welcher Art die Amerikaner dieses ergiebige Thema bearbeitet haben. Der Film hinterließ zwei Eindrücke.

Einerseits das Gefühl einer Befriedigung — die Typen waren außerordentlich glücklich gewählt, das Leben der offiziellen sowjetischen Vertreter im Ausland und die Rolle der örtlichen kommunistischen Parteien waren völlig richtig dargestellt. Ich erlebte noch einmal meine Jahre im Berliner Kreml mit. Es war ein absolut objektiver, sogar höflicher Film. Gegen eine solche Darstellung wird kein Russe etwas einzuwenden haben. Kein Wunder, daß die ausländischen kommunistischen Parteien aus Anlaß des "Eisernen Vorhangs" ein Wutgeheul erhoben — denn die schmutzigste Rolle in diesem Spiel gehört ihnen. Das, was für das Personal des Militärattaches ein dienstlicher Auftrag ist, ist für die kommunistischen Söldlinge Verrat an ihrem Vaterland.

Andererseits hinterließ der Film in mir das unerklärliche Gefühl leichten Ärgers. Die Amerikaner hatten es doch nicht verstanden, alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Es war dasselbe, was damals Hauptmann Bagdassarjan verspürte. Die Sowjetmenschen sind an politisch zugespitzte Filme gewöhnt, in denen der Zuschauer aufgefordert wird, entsprechende Schlüsse zu ziehen. Das Drehbuch des Films "Der Eiserne Vorhang" war offensichtlich schwach.

Ich bin überzeugt, daß Hauptmann Bagdassarjan sich unter größter Gefahr in Zivil gekleidet, in einen der blockierten Sektoren Westberlins durchgeschlichen hat, um den "Eisernen Vorhang" zu sehen. Einfach aus "Liebe zum Sport". Sicher konnte er sich dieses Vergnügen nicht versagen. Von der gewagten Expedition nach Karlshorst zurückgekehrt, hat er selbstverständlich wieder die naiven Amerikaner beschimpft, die keinen richtigen antisowjetischen Film zu machen verstehen.

3.

Hier in Berlin haben wir Sowjetmenschen die Möglichkeit der Gegenüberstellung zweier Welten. Dabei ist es manchmal interessant, die Eindrücke des wirklichen Lebens den Fiktionen gegenüberzustellen, die der Sowjetstaat um sich selbst schafft und unterstützt. Unmittelbare Schöpfer dieser Fiktionen sind die Arbeiter der Feder, nach der sowjetischen Terminologie die "Ingenieure der menschlichen Seele".

Uns interessieren natürlich in erster Linie die Schriftsteller, die sich in diesem oder jenem Maße mit den Problemen Sowjetrußlands befassen. Man kann sie in drei Hauptkategorien einteilen: die sowjetischen Schriftsteller — die Sklaven des "sozialistischen Auftrags", die ausländischen Schriftsteller, die dem Stalinismus den Rücken gekehrt haben, und schließlich jene problematischen Geschöpfe unter der ausländischen Intelligenz, die bis auf den heutigen Tag bemüht sind, nach der Perle im Misthaufen zu suchen.

Betrachten wir sie einmal mit den Augen eines Sowjetmenschen.

Eines Tages fand ich auf Beljawskijs Tisch ein buntes Büchlein in französischer Sprache. Als ich auf dem Umschlag den Namen des Verfassers erblickte — Ilja Ehrenburg — war ich nicht wenig erstaunt.

"Nanu, hast Du das noch nicht in russischer Sprache gelesen?" fragte ich.

"Bisher ist dieses Buch in russischer Sprache nicht erschienen."

"Wieso denn das?!"

"Ganz einfach."

Die sowjetische Literaturforschung behauptet, daß in der modernen Literatur die besten Vertreter des journalistischen Genres Egon Erwin Kisch, Michail Koljzow und Ilja Ehrenburg sind. Kein Zweifel, sie alle sind fähige Schriftsteller. Die literarische Laufbahn Michail Koljzows fand 1937 dank der Einmischung der NKWD ein jähes Ende. Man sagt, daß er heute im STON (So nennt man das sibirische Gefängnis zur besonderen Verwendung, die Bastille der stalinsdien Epoche, in dem die Menschen ohne das Recht, mit der Außenwelt in Verbindung zu stehen, lebend begraben sind) seine Memoiren schreibt. Ilja Ehrenburg wurde lange Zeit hindurch als "Mitläufer" klassifiziert. Mit dem sowjetischen Paß in der Tasche zog er es vernünftigerweise vor, im Ausland, in achtungsvoller Entfernung vom Kreml, zu leben. Das Klima Westeuropas schien ihm für die Gesundheit zuträglicher zu sein. Das gewährte ihm eine gewisse Unabhängigkeit. Seine Bücher erschienen in sowjetischen Ausgaben mit großer Auswahl und erst nach sorgfältiger redaktioneller Umarbeitung. Kein Wunder, daß ich ein Buch von ihm in französischer Spradie entdeckte, das in der Sowjetunion unbekannt ist. Seinen literarischen Anstrich wechselte Ilja Ehrenburg entsprechend der politischen Wetterlage, aber erst der hitlersche Einbruch in Frankreich trieb ihn in die Heimat zurück.

Ilja Ehrenburg ist in erster Linie Kosmopolit. Viele betrachten ihn als Kommunisten. Er kritisiert mit großem Einfühlungsvermögen, Feinheit und Verstand alle Mängel Europas und der demokratischen Welt. Dazu braucht man aber nicht Kommunist zu sein. Die heutige Welt ist tatsächlich nicht ideal geordnet und viele Schriftsteller zeigen ihre Mängel auf, ohne im geringsten Kommunisten zu sein.

Ein Schriftsteller, selbst der begabteste, ist in gewissem Maße Handwerker — er verkauft seine Ware und muß an den Absatzmarkt denken. Ilja Ehrenburg stand vor einem Dilemma. Stalin und den Kommunismus zu entlarven, war für ihn erstens nicht ungefährlich, selbst solange er in Europa lebte, und zweitens unrentabel. Eine Hinneigung nach der entgegengesetzten Seite aber war unter dem Schutz der demokratischen Gesetze völlig ungefährlich und überdies garantierte sie einen umfassenden Absatzmarkt sowohl in der Sowjetunion als auch in der übrigen Welt. Der Umtausch von Rubeln in ausländische Valuta ist viel günstiger als umgekehrt. Und die Überzeugungen? Von Überzeugungen wird man nicht satt! Ehrenburg ließ sich auf ein Geschäft mit seinem eigenen Gewissen ein, indem er sich ein Hintertürchen offen hielt — in seinen Werken findet man das Wort "Kommunismus" und eine direkte Bestätigung seiner Einstellung nur selten. Ehrenburg wurde bald zum Handelsreisenden in Literatur, zum Fachmann im Einbruch in die öffentliche Meinung. Seine Umsicht kam Ehrenburg sehr zustatten, als der verlorene Sohn 1940 gezwungen war, an den heimatlichen Herd zurückzukehren. Obwohl er nicht als einer von den "eigenen" betrachtet wurde, so lagen doch gegen ihn keinerlei corpora delicti vor.

Nachdem er sich nach seiner rasenden, in unflätigsten Beschimpfungen gipfelnden Angeiferung der faschistischen Eindringlinge den Hals gereinigt hatte, setzte sich Ilja Ehrenburg an die Schreibmaschine und verfaßte munter rührselige Artikelchen über das herrliche, vergewaltigte Frankreich, über den standhaften britischen Löwen, über das demokratische Amerika. Während des Krieges lasen wir gerne solche Artikel; allerdings gewann die Sache anekdotischen Charakter, wenn darunter der Name Ilja Ehrenburgs prangte. Heute schleudert er, der Stimme seines Herrn gehorchend, seine giftigen Bannflüche gegen die Köpfe der amerikanischen "Imperialisten".

Es ist wenig wahrscheinlich, daß Ehrenburg jetzt noch einen Dauer- Auslandspaß bekommt. Er selbst wird wohl auch kaum die Unvorsichtigkeit begehen, einen solchen zu beantragen. Jedem ist noch das Schicksal Maxim Gorkijs in Erinnerung. Nach der Revolution hatte Gorkij große Meinungsverschiedenheiten mit den Bolschewiken. Lange Jahre verbrachte er in Italien, kehrte darauf nach Moskau zurück. Man sprach davon, daß er erneut um ein Auslandsvisum gebeten habe, es ihm aber abgelehnt wurde. Als während der Zeit der Moskauer Prozesse offiziell bekanntgegeben wurde, er sei gemeinsam mit seinem Sohn von der "trotzkistisch-bucharinschen Bande" vergiftet worden, war es jedem Sowjetmenschen sonnenklar, wessen Hand ihm das Gift bereitet hatte. Seine Schuld bestand darin, daß er seit seiner Rückkehr nach Moskau praktisch kein einziges Wort mehr geschrieben hatte. Es versteht sich von selbst, gegen wen dieser schweigende Protest gerichtet und für wen sein Tod von Nutzen war. Die Sowjetmenschen haben sich daran gewöhnt, alle offiziellen Verlautbarungen umgekehrt auszulegen. Auf diesem Wege finden sie wenigstens einen Teil der ihnen vorenthaltenen Wahrheit.

Auf diese Weise wurde Ilja Ehrenburg, der sich anfangs einer gewissen Unabhängigkeit erfreute, völlig auf den Kreml-Nenner gebracht.

Laufbahn und Schicksal Ilja Ehrenburgs sind sehr charakteristisch für viele sowjetische Schriftsteller. Sie haben nur eine Wahl — entweder das zu schreiben, was das Politbüro verlangt, oder zum literarischen Tod verdammt zu sein. Wenn Leo Tolstoj, Alexander Puschkin oder Lermontow in der stalinschen Epoche gelebt hätten, wären ihre Namen im Pantheon der menschlichen Kultur unbekannt geblieben. Sie wären vielleicht nur in einem Verzeichnis eines der NKWD-Lager aufgetaucht. Der literarische Tod eines Schriftstellers ist in der Sowjetunion gewöhnlich von seiner physischen Vernichtung begleitet.

In unserer Studentenzeit gingen die Bücher "Neun Punkte" von Kasakow, "Schwere Division" von Lebendenko und "Generalüberholung" von Sobolew von Hand zu Hand und wurden heißhungrig verschlungen. Diese Namen sind dem breiten Publikum wenig bekannt — die Bücher waren absichtlich in sehr niedriger Auflage gedruckt worden, und es war schwer, sie zu bekommen, obwohl es begabte Werke fähiger Schriftsteller waren. Charakteristisch, daß sie alle die Zeit von 1917—1920 behandelten, als die Massen noch von Schwung und Hoffnungen beseelt waren, über die Folgezeit zu schreiben erlaubte diesen Schriftstellern ihr Gewissen nicht — vor der Alternative zu lügen oder zu schweigen, wählten sie die Schweigsamkeit.

Wir haben unsere eigene nationale Literatur, die von der Kultur des Westens aufgenommen und anerkannt ist. Aber uns selbst wird unser eigenes Schaffen mit großer Auswahl unterbreitet — Säuberung des kulturellen Erbes der Vergangenheit und künstliche Ausrichtung des zeitgenössischen Schaffens in eine der Diktatur genehme Richtung.

Selbst Puschkin mußte in den ersten Jahren nach der Revolution lange Zeit in den Hinterstübchen des Gospolitisdat warten, bis die stalinschen Zensoren ihn schließlich für politisch unschädlich erklärten. Der erzählt ja irgendwelche Märchen von goldenen Hähnchen... Welchen Nutzen hat die Weltrevolution davon?! Wenn man dagegen Majakowskij betrachtet — der schreit direkt aus voller Kehle:

"Wer marschiert dort nach rechts?
Links, links!"
Solche Hähne brauchen wir!
"Schlag das Parabellum an
Auf die Furchtsamen.
Die Kugeln dichter
In die Dichte der Laufenden!"

Nur schade, daß Majakowskij sich selbst die Kugel in die Stirn jagte, als er erkannte, daß er umsonst geschrien und sich den Mund zerrissen hatte. Nach seinen eigenen Worten:........... erstickt am kommunistischen Auswurf." In seinem letzten Schreiben vor dem Tode sagt er in Umwandlung der Worte seines großen Vorgängers: "Und hat mich doch der Teufel geritten, in der UdSSR mit Seele und Begabung geboren zu werden..." Es ist schwer, sowjetischer Schriftsteller zu sein — wahres Talent kann nicht im Käfig schaffen. Selbst Schuster der Feder vom Typ eines Demjan Bednyj, auch sie brechen sich letzten Endes das Genick.

Man darf die sowjetischen Schriftsteller nicht verurteilen. Der Mensch ist aus Fleisch geschaffen und das Fleisch ist schwächer als Blei und Stacheldraht. Obendrein die verlockende Versuchung: auf der einen Seite — schöpferischer und physischer Tod, auf der anderen — alle Glückseligkeiten einer privilegierten Stellung. Vielleicht wird es vielen sonderbar erscheinen, daß es im Lande des Kommunismus Millionäre gibt? Jawohl, ganz wirkliche Millionäre, die ein Konto in der Gosbank haben und deren Eigentum eine Million Rubel übersteigt. Ein Beispiel dafür ist Alexej Tolstoj, Verfasser der Fälschung "Peter I." und der Drehbücher für "Iwan den Schreckliehen". Wer kann den ersten Stein auf einen Menschen werfen, der vor einer solchen Wahl steht?! Wer den ersten Stein werfen will, der versetze sich erst einmal selbst in ihre Lage.

Die sowjetischen Schriftsteller — das sind Vögel im vergoldeten Käfig. Sie können singen oder schweigen, aber fortfliegen können sie nicht. Anders steht es mit den Schriftstellern des Westens.

Den westlichen Schriftstellern kann man nicht trauen. Selbst den toten nicht. Einstmals leitete John Reed die amerikanische Sektion der Komintern. Er lebte allerdings in Moskau, aber das gehört zur Ordnung der Dinge. Er schrieb gewissenhaft ein solides Buch "Zehn Tage, die die Welt erschütterten". Der Volkskommissar für Volksaufklärung, Lunatscharskij, und die Frau Lenins, Nadeshda Konstan- tinowna Krupskaja, bestätigten höchstpersönlich in dem Vorwort zu diesem Buch, daß es die wahrheitsgetreueste Darstellung des kommunistischen Umsturzes in Rußland darstelle. John Reed war schlau genug, rechtzeitig das Zeitliche zu segnen, so daß seine sterblichen Überreste in die Kremlmauer eingemauert wurden — eine ehrenvolle Wohnung für besonders ausgezeichnete Kommunisten.

Dann kam der Skandal! John Reed hatte nicht vorausgesehen, daß die Geschichte in Rußland der Stalinepoche von rückwärts her aufgerollt wird. Er hatte es fertiggebracht, dem großen Stalin in der ganzen Revolution zwei ganze Zeilen zu widmen, und auch das nur beiläufig. Dafür hatte er Trotzkij und die anderen Schöpfer der Revolution in den Himmel gehoben, die nach dem Tode Lenins um die Wette anfingen, an Schnupfen und ähnlichen Krankheiten zu sterben.

Man mußte also posthum den ehrlichen John aus der Kremlmauer wieder entfernen.

Man könnte Dutzende weltberühmter Leute anführen, die sich auf der Suche nach neuen Wegen für den Kommunismus begeisterten. Sobald diese Leute die sowjetische Wirklichkeit kennenlernten, waren sie für immer von ihrem pro-sowjetischen Enthusiasmus geheilt. Es genügt, einen der letzten dieser Kategorie zu erwähnen. Theodor Plievier — Verfasser des Buches "Stalingrad", deutscher Schriftsteller und Kommunist, der lange Jahre in Moskau zugebracht hatte — flüchtete aus der Sowjetzone nach Westdeutschland. In dem Interview, das er Pressevertretern gab, erklärte er, daß es im sta- linschen Rußland keine Spur von Kommunismus mehr gibt, daß dort alle kommunistischen Ideen erstickt und alle sozialistischen Einrichtungen in Instrumente des totalitären Regimes des Kreml verwandelt worden seien. Er erkannte das kurz nach seinem Eintreffen in Moskau, mußte aber schweigen und sich mit der umgebenden Wirklichkeit abfinden, da er praktisch ein Gefangener war.

Theodor Plievier sagt sich vom Kommunismus nicht los, aber sein Eingeständnis ist für Stalin gefährlicher als eine direkte Kritik des Kommunismus. Das Schicksal Theodor Plieviers ist das Schicksal eines bedeutenden Teiles der kommunistischen Intelligenz des Westens, die Gelegenheit hatte, das stalinsche Rußland mit eigenen Augen zu sehen. Nicht alle haben die praktische Möglichkeit oder die moralische Ehrlichkeit, ein offenes Eingeständnis zu machen, viele ziehen es vor, dem Kreml auf Kosten ihres Gewissens zu dienen. Das Gewissen ist ein abstrakter Begriff, es gibt jedoch viele realere Dinge und Begriffe.

Man kann die Advokaten des Kreml nur schwer direkter Lüge überführen. Es gibt eine verfeinerte Art der Lüge — die einseitige Beleuchtung eines Gegenstandes. Auf diesem Wirkungsgebiet haben die Taschenspieler des Kreml und ihre commis voyageurs eine ganz besondere Kunstfertigkeit erlangt. Das eine absolut totzuschweigen oder wütend herunterzumachen, und gleichzeitig das andere in den Himmel zu heben. In der Falschspielersprache nennt man das "mogeln".

In Berlin kommen uns belustigende Büchlein in die Hände. Sehr belustigende. Sie sind von ausländischen Autoren verfaßt und von ausländischen Verlagen veröffentlicht; sie lobpreisen Stalin und das stalinsche Regime in ekelerregender Weise. Sehr bezeichnend, daß diese Bücher entweder überhaupt nicht in russischer Sprache herausgebracht werden oder in ganz unbedeutender Auflage, die zudem nicht in den Verkauf kommt. Diese Bücher sind nur für den äußeren Gebrauch bestimmt. Der Kreml zieht es vor, den Russen solche Bücher nicht zu zeigen — die Lüge ist zu plump und offensichtlich.

Nicht weit vom Brandenburger Tor befindet sich der Laden "Das internationale Buch”. Es ist ein sowjetischer Laden, der sich mit dem Verkauf von fremdsprachlicher Literatur befaßt und auf ausländische Käufer zugeschnitten ist. Wir gingen häufig dorthin. Natürlich kauften wir nicht die Werke Lenins, sondern gewöhnliche Schallplatten. Das, was in Moskau um keinen Preis zu bekommen ist, wird den Ausländern im Überfluß angeboten. Und dieser Laden ist es gerade, der Bücher vom Typ des Geschreibsels des Dekans von Canterbury vertreibt.

Was konnte den "roten Dekan" veranlassen, solche Dinge zu schreiben? Hat er etwa den Hintergedanken, daß er — wenn Stalin seine Herrschaft auf die Britischen Inseln ausdehnt — durch seine rechtzeitigen "sozialistischen" Gebete seine eigene Haut vor Sibirien retten wird? Oder daß er gar zum Erzbischof der Allengliscfaen SSR bestellt wird? Ein Sowjetmensch kann sich das nicht anders erklären. Propaganda! Nur ein Sowjetmensch kann verstehen, was das ist. Man sagt, Coca-Cola kostet fünf Cents: zwei Cent kostet die Mischung und drei Cent — die Reklame. Die Amerikaner sind überzeugt, daß es auf der Welt nichts Schmackhafteres, Gesünderes und Köstlicheres gibt. Die Leute lassen sich von der Reklame überzeugen.

Ähnlich ist es um die Sache des Kommunismus für die Sowjetmenschen bestellt. Ihnen wurde und wird dauernd eingetrichtert, daß der Kommunismus das Beste ist, eine unübertreffliche Errungenschaft. Die Mischung ist hier allerdings komplizierter als bei Coca- Cola. Sie durchdringt den Menschen voll und ganz vom Tage seiner Geburt an. Das, was in Amerika die Reklame tut, besorgt in der Sowjetunion die Propaganda. Der Mensch ist hungrig, nackt, auf das Niveau eines stummen Roboters herabgedrückt. Dabei wird er vom genauen Gegenteil überzeugt. Und was das Erstaunlichste daran ist — er glaubt, er bemüht sich zu glauben. So kann man die Schwierigkeiten leichter ertragen, wenn man nicht die Möglichkeit hat, ihnen zu entgehen oder gegen sie zu kämpfen.

Der. Kreml kennt die ungeheure Macht der Propaganda über die Seele der Menschen, er kennt die Gefahr, die ihm droht, wenn die Fata morgana zerstört wird. In Hitlerdeutschland war es während des Krieges verboten, feindliche Rundfunksender abzuhören, aber die Empfänger wurden den Menschen nicht abgenommen. Entweder muß Hitler geglaubt haben, daß es für die Deutschen nutzlos ist, sein Staatssystem zu kritisieren, oder er hatte mehr Vertrauen zu seinen Untertanen. Auf jeden Fall handelte sein Partner im Kreml anders. In der UdSSR wurden die Rundfunk-Empfangsgeräte gleich in den ersten Kriegstagen samt und sonders beschlagnahmt. Der Kreml kennt seine verwundbare Stelle sehr gut. Wenn die dreißigjährigen Bemühungen der Kreml-Propaganda erschüttert werden — wird die ephemerische geistige Einheit von Kreml und Volk beim ersten Windhauch wie ein Kartenhaus Zusammenstürzen.

Die Sowjetmenschen waren verblüfft über die Primitivität der deutschen Propaganda im Kriege. Sie sprachen in russischer Sprache, aber nicht für die Russen. Ihre Rundfunksendungen in russischer Sprache rochen entweder nach Naphtalin oder nach fremdem, deutschen Geist. Die Propaganda — das ist die Nahrung der Seele, man muß die Rezepte und Formeln kennen, die gerade für die russische Seele notwendig sind. Die Deutschen sagten nichts von der Zukunft, sie konnten keine vernünftige Kritik der Kreml-Diktatur geben. Sie verließen sich auf rohe Gewalt. Für die Seele braucht man aber die Kunst des Psychiaters, nicht das Gebrüll des Feldwebels.

"Die Presse — das ist die stärkste Waffe unserer Partei", sagte Stalin. Mit anderen Worten: Propaganda — das ist die stärkste Waffe des Kreml. Die Propaganda zementiert die inneren Kräfte und zersetzt die äußeren. Um so besser für Stalin, wenn seine Gegner sich die Richtigkeit und Bedeutung dieser Worte nicht klargemacht haben.


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