Gregory Klimow. Berliner Kreml

Hauptstab

Ein paar Monate Karlshorst vermittelten mir einen recht guten überblick über den Aufbau und die Funktionen des Hauptstabes der Sowjetischen Militär-Administration in Deutschland. Die Tätigkeit in unmittelbarer Nähe der höchsten Spitzen der SMA gab mir die Möglichkeit, den Mechanismus des Hauptstabes besser zu erfassen, als nur durch einen Blick hinter seine Kulissen.

Der Chef der SMA in Deutschland, Marschall Shukow, ist gleichzeitig Oberkommandierender der Sowjetischen Besatzungsstreitkräfte (kurz GSOW genannt) in Deutschland. Als solcher hat er ein zweites Stabsquartier in Potsdam, das den Hauptstab der GSOW beherbergt.

Marschall Shukow genießt mit vollem Recht höchste Autorität und hat seine Berufung auf den Posten des Militärgouverneurs im besiegten Deutschland seinen hohen Verdiensten als glänzender Feldherr, der im Kriege eine der entscheidendsten Rollen gespielt hat, zu verdanken. Uberdies war Marschall Shukow äußerst populär, was durch eine Menge von Geschichten um die Persönlichkeit des Marschalls und sein Verhältnis zu den Soldaten bezeugt wird. Hier ein Beispiel.

Während des Vormarschs beschloß Marschall Shukow einmal, die Lage an den Frontstraßen zu inspizieren. Er zog einen abgetragenen Soldatenmantel über seine Marschalluniform, setzte sich eine alte Ohrenkappe auf, nahm einen abgeschabten Tornister auf den Rücken und begab sich auf eine Straße unmittelbar an der Front. Hier stellte er sich an den Wegrand, einsam und allein, auf einen Stock gestützt, und markierte den verwundeten Soldaten. Wenn mit Offizieren besetzte Personenwagen vorbeifuhren, versuchte er sie durch Winken aufzuhalten, aber seine Bitte um Hilfe war vergeblich. Keines der Autos hielt an. Aber am nächsten Kontrollpunkt — KPP — wurden sie dann befehlsgemäß angehalten. Die Offiziere fluchten wütend über den unerwarteten Aufenthalt. Wenig später erschien der Marschall selbst im KPP in seinem alten Soldatenmantel.

„Welcher Idiot hat den Befehl gegeben, uns hier am Kontrollpunkt aufzuhalten?" herrschten die Offiziere den trotzdem unerbittlichen Wachposten an.

„Das habe ich befohlen", bemerkte Shukow ruhig, auf seinen Stock gestützt.

„Wer bist denn Du überhaupt?" fielen die Offiziere grob über ihn her. „Wer ich bin? Ich bin — russischer Soldat!" erklärte der Marschall mit der gleichen unheilverkündenden Ruhe und öffnete wie zufällig die Knöpfe des Soldatenmantels. Überflüssig, das ratlose Entsetzen der Offiziere zu beschreiben, als sie unter dem Soldatenmantel die Marschalluniform erblickten und den Frontkommandeur erkannten.

„Nehmen Sie ihnen die Ausweise ab. Die Sache wird dem Kriegsgericht übergeben", befahl der Marschall seinem inzwischen herbeigeeilten Adjutanten.

In seinen Memoiren drückte General Eisenhower, der erste amerikanische Generalgouverneur Deutschlands, mehrfach sein Erstaunen über die für einen amerikanischen Oberbefehlshaber verblüffende Unselbständigkeit Marschall Shukows aus; während ihrer gemeinsamen Tätigkeit wagte Shukow nie, eigenmächtige Entschlüsse zu fassen. Nach amerikanischen Begriffen ist ein solcher Mann unfähig, seinen verantwortungsvollen Aufgaben gerecht zu werden und müßte seines Postens enthoben werden. Nach sowjetischen Begriffen aber war Marschall Shukow zu selbständig, und das war auch eine der Ursachen, die als Vorwand für seine baldige Abberufung von dem Posten des Oberbefehlshabers der SMA diente.

In der Tat fällte Marschall Shukow, wie General Eisenhower das richtig bemerkte, niemals eine Entscheidung, ohne sich vorher mit Moskau ins Einvernehmen zu setzen. Aber seine Schuld bestand darin, daß er, auch wenn er die Direktiven des Kreml genau befolgte, die Kühnheit besaß, seine eigene Meinung zu dieser oder jener Frage zu äußern. Nicht selten bat er um die Revision der Anordnungen, die er von Moskau erhielt, wenn er sie für verfrüht oder für unzweckmäßig hielt. Das war für den Kreml Grund genug, um den Marschall rebellischer Neigungen zu verdächtigen.

Als Marschall Shukow im März 1946 aus Deutschland zurückberufen wurde und als Kommandeur eines Militärbezirks in der Provinz verschwand, traten die Diktaturmethoden des Kreml wieder einmal anschaulich zutage. Marschall Shukow war für die Sowjetunion der Nachkriegszeit zu populär und genoß zu großes Ansehen im Volk. Dieser Umstand hätte schon genügt, — auch wenn der Marschall sonst keinerlei Veranlassung dazu gegeben hätte — um den Kriegshelden seines führenden Postens zu entheben. Der Kreml fürchtet die Konzentrierung allzu großer Macht in den Händen eines Menschen, der nicht zum Kreml-Olymp gehört.

Der Nachfolger Marschall Shukows auf dem Posten des Oberbefehlshabers der SMA, Armeegeneral Sokolowskij, der kurz darauf zum Marschall befördert wurde, störte die Ruhe der Olympier im Kreml weniger. Bis dahin war er Marschall Shukows Stellvertreter gewesen, wie sich überhaupt seine ganze frühere Karriere darin erschöpft hatte, ewig nur Stellvertreter zu sein. Er war ein begabter Administrator, kam aber nie darüber hinaus, mehr als das Vollzugsorgan fremden Willens zu sein. Ein solcher Kommandeur war in den Augen Moskaus eher geeignet, den veränderten Verhältnissen der Nachkriegszeit gerecht zu werden, in der das Politbüro nach Überwindung der kritischen Periode die Zügel wieder fester in seine Hände genommen hatte.

Dem Oberbefehlshaber untersteht unmittelbar der Politische Berater. Er ist der eigentliche Vertreter der sowjetischen Parteipolitik in Deutschland, und seine Rolle übersteigt bedeutend die eines einfachen Beraters. Er ist verantwortlich für die Durchführung der politischen Linie des Kreml in Deutschland und kontrolliert gleichzeitig als inoffizieller Politkommissar alle Maßnahmen des Oberbefehlshabers. Wenn Molotow auf dem Wege zur Londoner Konferenz oder zu den folgenden Außenministerkonferenzen in Berlin Aufenthalt nahm, empfing er immer zuvor den Politischen Berater und erst, nachdem er dessen Bericht entgegengenommen hatte, den Oberbefehlshaber selbst. Wenn der Oberbefehlshaber die Sowjetregierung verkörpert, so verkörpert der Politische Berater die Partei. Dementsprechend sind auch ihre gegenseitigen Beziehungen — der erstere vollstreckt den Willen des letzteren.

Die Politverwaltung des Stabes der SMA ist, wenn sie auch eine ähnliche Bezeichnung trägt wie die Verwaltung des Politischen Beraters, doch eine Institution für sich. Wenn die Verwaltung des Politischen Beraters die Verbindung der SMA nach oben — d. h. nach Moskau — darstellt, so stellt die Politverwaltung der SMA die Verbindung nach unten dar, d. h. ihr untersteht die politische Arbeit innerhalb des Büros der SMA in Deutschland und die Leitung des gesamten politischen Lebens Deutschlands. Hier werden die Instruktionen erteilt und die Rechenschaftsberichte der Parteifunktionäre entgegengenommen, die als Politkommissare jedem einzelnen Chef eines jeden Büros, einer jeden Abteilung und Verwaltung der SMA beigeordnet sind. Obwohl die Einrichtung der Politkommissare bereits mehrfach mit großem Lärm offiziell liquidiert wurde, besteht sie doch nach wie vor inoffiziell weiter in der Armee unter der Bezeichnung „Stellvertreter des Kommandeurs in politischen Angelegenheiten" und in den zivilen Behörden als „Partorg" (Parteiorganisator).

Die politische Verwaltung überwacht die Tätigkeit der politischen Parteien der Sowjetzone Deutschlands. Von hier aus werden den Führern der deutschen Kommunisten, dem Dreigespann Pieck, Grotewohl und Ulbricht, das vor den Wagen der SMA gespannt ist, die direkten Moskauer Instruktionen erteilt. Zu den Pflichten der Politverwaltung gehört ferner die Propagierung und Verbreitung der sowjetischen Ideologie. Diesem Zweck dient sowohl das „Haus der Kultur der Sowjetunion" als auch die „Tägliche Rundschau" und der „Sowjetexportfilm", und als Gegenstück die Spezialabteilung Zensur für Presse, Film und Rundfunk.

Eine Abteilung der Politverwaltung befaßt sich mit Fragen der Aufklärung und der politischen Arbeit innerhalb der deutschen Jugend. Alle Lehrpläne und Lehrbücher für die deutschen Schulen werden nach den Richtlinien der Verwaltung für Aufklärung der SMA zusammengestellt, müssen aber außerdem, bevor sie in Druck gehen, der Politverwaltung nochmals zur Überprüfung und endgültigen Billigung vorgelegt werden. Das beweist, welch große Bedeutung der Erziehung der deutschen Jugend in sowjetischem Geist beigemessen wird.

 

Ohne Genehmigung der Politverwaltung kann niemand im öffentlichen Leben der deutschen Sowjetzone eine Rolle spielen. Selbst dort, wo — wie z. B. bei den Wahlen der Vertreter der deutschen Parteien und Gewerkschaften — die Demokratie scheinbar aufrechterhalten wird, bestimmt die Politverwaltung den Ausgang der Wahlen im voraus. Dabei bedient sie sich verschiedener Methoden, vorzugsweise einer Unterhaltung im Stab der SMA, wo man mit den „demokratischen" Vertretern auch sonst nicht viel Federlesens macht und sie kurzerhand auffordert: „Legen Sie uns eine Liste Ihrer Kandidaten zur Bestätigung vor."

 

Ein anschauliches Beispiel bildet der Fall Dr. Friedensburgs, des früheren Vorsitzenden der deutschen Verwaltung für Brennstoffindustrie und gleichzeitig einer der führenden Persönlichkeiten der Christlich-Demokratischen Union der Sowjetzone. Als sich geringfügige politische Meinungsverschiedenheiten zwischen den Ansichten Dr. Friedensburgs und dem Standpunkt der Politverwaltung der SMA bemerkbar machten, wurde Dr. Friedensburg mit großem Krach seines Postens enthoben. Später, nach der endgültigen Spaltung Berlins, wurde der „degradierte" Dr. Friedensburg als Bürgermeister in den Magistrat Westberlins gewählt.

Neben der Politverwaltung besteht die Verwaltung für innere Angelegenheiten der SMA, die unterteilt ist in die eigentliche Verwaltung für Innere Angelegenheiten und in die Verwaltung für Staatssicherheit. Der Zweck dieser Unterteilung ist nicht sofort klar ersichtlich. In der Sowjetunion gibt es offiziell zwei verschiedene Polizeiministerien, das Ministerium des Innern — MWD — und das Ministerium für Staatssicherheit — MGB. Zum MWD gehört die Verwaltung - und die Kriminalpolizei, die Feuerwehr und das Standesamt — SAGS. Im günstigsten Fall entfallen auf das MWD nur fünf Prozent des Budgets des zweiten Ministeriums, des MGB, d. h. kurz und klar, der geheimen politischen Polizei. Im Grunde genommen sind MWD und MGB Synonyme. Da MGB zu sehr an Tscheka — GPU — NKWD erinnert, hat man ihm fürsorglich den Schafspelz „Ministerium des Innern" umgehängt. So klingt es harmloser. Innenministerien gibt es in allen demokratischen Ländern.

Die Verwaltung des MWD bei der SMA bildet nur den Mittelpunkt des weitverzweigten Netzes des MWD in ganz Deutschland. Die Vollzugsorgane des MWD werden als Operationsgruppen bezeichnet und umfassen jeweils eine Provinz. Die zentrale Operationsgruppe des MWD befindet sich in Potsdam, die Berliner Operationsgruppe unweit von Karlshorst, in Lichtenberg. Wohl niemand, der mit der Straßenbahn an diesem stillen Gebäude vorbeifährt, an dessen Eingangstür ein Posten mit grüner Kopfbedeckung Wache hält, vermutet, was für ein fieberhaftes Leben in diesem äußerlich so verträumten Hause Tag und Nacht pulsiert. Langjährige Erfahrungen haben das MWD gelehrt, Verhöre niemals in Zimmern durchzuführen, deren Fenster nach der Straßenseite gehen. Zu oft warfen sich Menschen während eines Verhörs aus dem Fenster auf die Straße. Die Operationsgruppe des MWD in der Schloßstraße verfügt über genügend Gebäude in der Tiefe eines schattigen Gartens. Bäume erzählen nicht, was sie gehört und gesehen haben.

 

Für die Arbeit des MWD in der SMA ist folgende Tatsache bezeichnend. Seinerzeit wurde die Nachforschung nach ehemaligen deutschen Gestapo-Beamten und die Einrichtung eines entsprechenden Archivs mit größter Aufmerksamkeit betrieben. Auf Grund dieser Archive wurde eine umfassende Kartei ehemaliger Agenten der Gestapo zusammengestellt. Wer aber glaubt, daß diese Kartei dazu dienen sollte, die Betreffenden ihrer Bestrafung zuzuführen, irrt gewaltig. Im Gegenteil. Die meisten von denen, die ausfindig gemacht werden konnten, wurden nach sorgfältiger Überprüfung und moralisch-politischer „Bearbeitung" nach der üblichen Sowjetmethode als „freiwillige" Mitarbeiter für das Agentennetz des MWD angeworben.

 

Auf diese Weise wurde dank der unermüdlichen Fürsorge des MWD die Grundlage für die erfolgreiche Erfassung der deutschen Bevölkerung geschaffen. Bis auf den heutigen Tag dienen sowohl die ehemaligen Spitzel der Gestapo als selbstverständlicherweise auch sämtliche Mitglieder der deutschen KP diesem Zweck, wie es ihre Parteidisziplin verlangt. Eine ganze Reihe von „Spezialschulen" bildet unter dem Protektorat des MWD in aller Eile Kader aus der Mitte der Deutschen selbst heran, die dem deutschen Volk eine glückliche Zukunft sichern sollen.

Einer der führenden Agenten der Gestapo, Lange, leitet heute eine Agentenschule des MWD. Diese Spezialschule hat eine westliche und eine östliche Abteilung, entsprechend dem künftigen Tätigkeitsfeld ihrer Zöglinge.

Die Einrichtungen totalitärer Systeme können manchmal Widersacher sein, oder vielleicht richtiger gesagt, Rivalen, wenn sich der Wind aber dreht, finden sie rasch die gemeinsame Sprache.

Die Verwaltung des MWD der SMA hat eine Unterabteilung, der die Beobachtung und Überwachung der sowjetischen Armeeangehörigen und Zivilisten in Deutschland obliegt. Diesem Zweck dient ferner noch die Abteilung des Armee-Geheimdienstes, „SMERSCH", die im Kriege geschaffen wurde. „SMERSCH" ist die Abkürzung der beiden Worte „Smertj Spionam" („Tod den Spionen"). Es ist das MWD im Quadrat. Im Apparat des MWD spielt „SMERSCH" die gleiche Rolle wie das Kriegs-Feldgericht in der Armee. Wenn nach der stalinschen Terminologie MWD das gezogene Schwert des Proletariats ist, so ist „SMERSCH" die scharfe Schneide des Schwertes.

 

Die meisten Offiziere in Karlshorst, die Tag für Tag durch die Rheinsteinstraße gehen, wissen nicht, welche Behörde sich in dem stillen und scheinbar unbewohnten Hause an der Ecke Königswinterstraße befindet. Wer dieses Haus betritt und erfährt, was für eine Bestimmung es hat, muß es für sich behalten und kann sich mit niemandem über seine Eindrücke unterhalten.

 

Nach der vom MWD festgelegten Ordnung kommen auf jeden etatmäßigen Offizier des MWD mindestens zehn nicht etatmäßige Mitarbeiter, d. h. geheime Agenten und Spitzel, die verpflichtet sind, allwöchentlich schriftlich Bericht zu geben über alles, was sie gehört und gesehen haben. Wenn man die allgemeine Anzahl der Mitarbeiter in Karlshorst durch die Zahl der „operativen Mitarbeiter" der Abteilung für Innendienst des MWD in Karlshorst teilt, ergibt sich aus dieser einfachen mathematischen Berechnung, daß ungefähr jeder fünfte Mensch im Hauptstab der SMA für das MWD arbeitet. Im Jargon des MWD nennt man das „Sättigungskoeffizient"; dieser schwankt entsprechend der Wichtigkeit dieses oder jenes Objektes — in der Politverwaltung ist er höher, in der Administrations- und Wirtschaftsabteilung niedriger.

 

Hand in Hand mit „SMERSCH" arbeitet die Abteilung für die Repatriierung von Sowjetbürgern. Ausnahmslos alle Mitarbeiter dieser Abteilung sind Kaderoffiziere des, MWD oder des „SMERSCH". Die ehrenvolle Aufgabe der Rückführung der in die Irre gegangenen Sowjetbürger in den Schoß der Mutterheimat befindet sich in zuverlässigen Händen. Die Offiziere der Repatriierungsmissionen erfüllen auf dem Territorium ihrer westlichen Verbündeten gleichzeitig Funktionen delikateren Charakters, nämlich die von Spionage-Residenten, Briefkästen und Kurieren des Spionagenetzes, wenn man schon bei dem einschlägigen Berufsjargon bleiben will. Die Funktionen der erwähnten etatmäßigen Offiziere bedürfen keiner zusätzlichen Erläuterung.

 

Als nächstes ist die Justizverwaltung der SMA zu nennen. Sie arbeitet nach dem Prinzip, das von dem ehemaligen Generalstaatsanwalt der UdSSR, Wyschinskij, mit außergewöhnlicher Klarheit definiert wurde: „Recht und Gesetz ergeben sich aus der Generallinie der Partei und dienen den Interessen des Sowjetstaates." Zum Aufgabenbereich der Justizverwaltung der SMA gehört die Revision der alten deutschen Gesetzgebung sowie der Entwurf neuer Gesetze. Zur größten Überraschung der Gesetzgeber der Justizverwaltung erwiesen sich viele der während der Hitlerzeit erlassenen Gesetze als durchaus brauchbar und konnten von der neuen „Demokratie" unverändert übernommen werden. Andererseits stellte sich jedoch heraus, daß eine ganze Reihe von Gesetzen aus der Kaiserzeit und der Republik äußerst unbequem war. So ein unbequemes Überbleibsel ist zum Beispiel die deutsche Arbeitsgesetzgebung, die noch zu Zeiten des Eisernen Kanzlers von den deutschen Sozialdemokraten im Sturm erkämpft wurde. Sie räumt den Arbeitern zu viele Rechte ein, behindert offensichtlich die Entfaltung der neuen Demokratie und hemmt die Reparationslieferungen. General Sorin erkundigt sich recht häufig bei dem Genossen Karassow danach, wie weit die Erneuerung dieser Gesetzgebung fortgeschritten ist.

 

Die Gruppe der rein militärischen Verwaltungen der SMA, eingeteilt nach Waffengattungen — Armee, Luftwaffe und Marine — befaßt sich mit dem Studium und der Auswertung der militärischen Erfahrungen der deutschen Wehrmacht und insbesondere der deutschen Kriegstechnik. Dazu dient eine große Anzahl von der ehemaligen deutschen Wehrmacht übernommener militärisch-wissenschaftlicher Forschungsinstitute und Versuchsstationen.

 

Außerdem bestehen noch Verwaltungen für Gesundheits- und Verkehrswesen, Aufklärung und eine Reihe untergeordneter Abteilungen. Von der Wirtschaftsverwaltung, die einen bedeutenden Teil des Hauptstabes der SMA ausmacht, war schon oben die Rede.

 

In den Hauptstädten der fünf Provinzen der deutschen Sowjetzone gibt es Provinzialverwaltungen der SMA, deren Aufbau und Organisation denen des Hauptstabes genau entsprechen. Sie stellen, mit Hilfe der örtlichen Kommandanturen, die es in allen Städten gibt, die Verbindung zur Peripherie her.

 

Der Sowjetsektor Berlins ist eine besondere Einheit und gilt offiziell als sechste Provinz. Die Pflichten der Provinzialverwaltung der SMA für Berlin werden zum großen Teil von der Sowjetischen Zentralkommandantur in der Luisenstraße erfüllt.

 

Fast allen Verwaltungen und Abteilungen des SMA-Hauptstabes sind entsprechende Komitees des Kontrollrates angegliedert, die als sowjetische Vertreter bei den gleichnamigen Direktoraten des Kontrollrats arbeiten und deren Aufgabe darin besteht, die Handlungen der Alliierten in Deutschland zu koordinieren.

 

Die Gruppe der Sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland — GSOW — ist eine völlig unabhängige Einheit, die ihr Hauptquartier in Potsdam hat und mit der SMA nur dadurch verbunden ist, daß der Oberbefehlshaber der SMA gleichzeitig der Oberkommandierende der GSOW ist. Die GSOW hat Anspruch auf besondere Lieferungen aus der deutschen Industrie, die durch ihre eigenen Kontrolloffiziere in den Werken überwacht werden.

SMA und GSOW unterscheiden sich in vieler Hinsicht. Die SMA-Offiziere erfreuen sich großer Freiheiten und Privilegien und sind ernährungs- und bekleidungsmäßig besser versorgt. Eine Anstellung bei der SMA gilt als Auslandskommandierung, Die SMA-Angestellten bekommen doppeltes Gehalt — eines in „Valuta", das andere in Rubeln — repräsentative Auslands-Ausrüstung von besonders guter Qualität, die sich von der üblichen Armee-Ausrüstung merklich unterscheidet, erhöhte Rationssätze und andere Vergünstigungen. Die Offiziere der Besatzungstruppen dagegen klagen bei ihren Kameraden von der SMA über unvergleichlich härtere Bedingungen sowohl im Dienst als auch im Privatleben.

Die örtlichen sowjetischen Kommandanturen bilden gewissermaßen ein Mittelding zwischen SMA und GSOW. Sie sind kleine Einheiten einer bewaffneten Streitmacht, die zur Aufrechterhaltung der von der Besatzungsmacht garantierten Ordnung erforderlich sind; gleichzeitig aber verfügen sie über Wirtschaftsabteilungen und erfüllen damit auch verwaltungsmäßige Funktionen. Die Sowjetische Kommandantur in Berlin nimmt auf Grund ihres vielseitigen Aufgabenbereichs und der durch die Vierteilung der Stadt entstandenen besonderen Verhältnisse eine Sonderstellung ein.

Das ist in großen Zügen der Aufbau des Berliner Kreml.

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Im Dezember erkrankte General Schabalin unerwartet. Es wurde erklärt, er sei überarbeitet und müsse das Bett hüten. Gleichzeitig verbreiteten sich in den Korridoren des Stabes hartnäckige Gerüchte, nach denen die Wirtschaftsverwaltung reorganisiert werden sollte. Wenig später bekam ich einen chiffrierten Befehl aus Moskau zu Gesicht, der General Schabalin ohne Angabe von Gründen aufforderte, unverzüglich seine Dienstgeschäfte zu übergeben und nach Moskau zurückzukehren, um sich dort der Kaderabteilung des ZK der KPdSU (B) zur Verfügung zu stellen.

Als ich den General in seiner Wohnung aufsuchte, sah er eher niedergeschlagen und beunruhigt als krank aus. Die geheimnisvolle Kommandierung nach Moskau machte seine sonderbare Krankheit durchaus verständlich. In der Sowjetunion ist es im Gegensatz zu den demokratischen Ländern nicht üblich, hochgestellte Persönlichkeiten ehrenvoll zu pensionieren, wenn sie mit ihren Aufgaben nicht fertig werden. Die Sowjetführeir steigen entweder wohlbehalten immer höher oder — verschwinden spurlos. Der General hatte daher allen Grund, sich über seine Amtsenthebung, deren Folgen völlig ungewiß waren, aufzuregen.

Ein paar Tage darauf machte sich General Schabalin in Begleitung Kusnezows auf die Rückreise nach Moskau. Bei unserer letzten Begegnung machte der Wirtschaftsdiktator Deutschlands einen jammervollen Eindruck; er glich eher einem Angeklagten, der ein strenges Strafgericht erwartet, als einem hochgestellten General, der seine verdienstvolle Tätigkeit ehrenvoll quittiert. Ihn beherrschte das gleiche Gefühl eigener Machtlosigkeit, absoluter Abhängigkeit von der Willkür der Machthaber und ständiger Angst um sein Schicksal, das der neuen „Klasse" der Sowjetführer allgemein eigen ist.

Nach seiner Rückkehr nach Moskau zog General Schabalin seine Generalsuniform aus und wurde auf einen recht hohen Posten in der Parteiführung — als Sekretär eines Gebietskomitees der KPdSU (B) — irgendwo an die Wolga abgeschoben. Seine Furcht erwies sich also als unbegründet. Obwohl die Verdienste Schabalins um den Stab der SMA nicht sehr hoch eingeschätzt wurden und einige seiner Kollegen sogar behaupteten, der General sei einfach dumm, konnten ihm doch direkte Beschuldigungen nicht gemacht werden. Er gab sich Mühe und war der Partei ergeben — das war die Hauptsache. Und daß er dumm war? Für einen Parteifunktionär ist Dummheit kein Laster!

Nach der Liquidierung der Wirtschaftsverwaltung wurden alle ihre ehemaligen Abteilungen zu selbständigen Verwaltungen, die dem Stellvertreter des Oberbefehlshabers für Wirtschaftsfragen unterstanden. Auf diesen Posten wurde der aus Moskau abkommandierte Genösse Kowal berufen, der bis dahin Mitglied des Sownarkom gewesen war.

Ein Teil der Mitarbeiter des persönlichen Stabes General Schabalins wurde von dem Apparat Kowals übernommen, ein anderer Teil nahm die gute Gelegenheit der Reorganisierung wahr, um in anderen Verwaltungen eine neue Arbeit zu suchen. Dabei konnte man eine charakteristische Beobachtung machen. Diejenigen ehemaligen Mitarbeiter der Wirtschaftsverwaltung, die keine spezielle Ausbildung und auch sonst keine besonderen Kenntnisse und Fähigkeiten für eine wirtschaftliche Tätigkeit aufzuweisen hatten, verzogen sich wie die Wanzen vor dem Licht scharenweise in den Schoß des „Apparates", d. h. in den persönlichen Stab Kowals, in dem die Arbeit hauptsächlich in Papierkrieg besteht und in dem der Parteiausweis Diplome und Kenntnisse ersetzt. Da diese Menschen weder fähig noch willens waren, produktive Arbeit zu leisten, regten sie sich entsetzlich auf, sie könnten am Ende keinen Platz mehr im „Apparat" finden.

Der Anführer dieser Postenjäger war Winogradow. Er wurde Chef der Privatkanzlei Kowals, bekam einen Dienstwagen und ein repräsentatives Arbeitszimmer. Wer ihn hier besuchte, wäre wohl kaum auf den Gedanken gekommen, daß der Leiter der Privatkanzlei noch vor wenigen Monaten auf der Jagd nach „Trophäen" nächtlicherweise wie ein Dieb im Schweiße seines Angesichts im Staub und Schutt der Keller und leeren Wohnungen Karlshorsts gewühlt hatte.

Die zweite Gruppe bestand aus Spezialisten, die sich durch die Verhältnisse im „Apparat" bedrückt fühlten. Diese nahmen jede Gelegenheit wahr, um in die Verwaltungen zu gelangen, in denen sie ihre beruflichen Kenntnisse verwerten konnten. Major Kusnezow wurde nach seiner Rückkehr aus Moskau, wo er inzwischen zum Oberstleutnant befördert worden war, in die SMA des Landes Sachsen auf den Posten des Chefs der Abteilung Bergwerke nach Dresden versetzt.

Auch mir stand ein Wechsel des Arbeitsplatzes bevor. Ich hätte ruhig abwarten können, bis mir die Kaderabteilung eine neue Arbeit zuweist, wenn ich nicht zu befürchten hätte, daß Oberst Utkin mich nach Prüfung meiner Papiere in die Verwaltung für Staatssicherheit oder eine andere rein militärische Verwaltung stecken könnte. Es wäre zu gewagt, einen solchen ehrenvollen Auftrag ein zweites Mal abzulehnen.

Ich erinnerte mich an die Worte, die General Bijasi mir zum Abschied sagte: „Wo Sie sich auch befinden mögen, Sie gehören doch immer dem Generalstab an." Im Hinblick auf den bevorstehenden Wechsel meiner Dienststellung beunruhigten mich diese Worte. Noch ganz vor kurzem war ich stolz auf die militärisch-diplomatische Karriere, die sich vor mir auftat. Heute aber ging mir immer mehr und mehr der Sinn der kunstlosen Worte Walja Grintschuks auf: „Ich möchte einfach so leben — um des Lebens willen..." Offenbar steht der Weg, den wir gehen, mit dem wahren Leben nicht ganz in Einklang, wenn sich uns, den jungen Zöglingen Stalins, ein und dasselbe anfangs unbewußte Gefühl aufdrängt.

Verworren zogen die Gedanken durch meinen Kopf. Ich bin doch nach Deutschland gegangen, um mich von quälendem Zweifel und Schwanken zu befreien. Ich habe mich doch ganz bewußt in die vorderste Linie der Nachkriegsfront begeben, um als überzeugter, vollwertiger Kommunist nach Moskau zurückzukehren. Statt dessen versuche ich jetzt, nach einem halben Jahr, der Entscheidung aus dem Weg zu gehen. Jetzt, wo ich am Kreuzweg stehe — hier der Weg der militärischen Karriere, dort der zurück zu meinem Beruf als Ingenieur — fühle ich, daß...

Um Auseinandersetzungen mit Oberst Utkin zu vermeiden, beschloß ich, ohne die Vorladung der Kaderabteilung abzuwarten, mich an den Chef der Verwaltung für Industrie, Alexandrow, zu wenden. Alexandrow hatte mich während der gemeinsamen Arbeit bei General Schabalin näher kennengelernt. Nachdem er meine Papiere geprüft hatte, erklärte er sich bereit, bei der Kommandoführung der SMA meine Versetzung in die Verwaltung für Industrie zu befürworten.

„Wenn meine Papiere nur nicht Utkin in die Hände geraten", hoffte ich im stillen.

Aber alles ging gut. Zu dem Zeitpunkt brauchte man mehr Industriespezialisten als Militärs. Ein paar Tage darauf bekam ich meine offizielle Ernennung zum Leitenden Ingenieur der Verwaltung für Industrie. Das bedeutete, daß man mir die Aufgabe übertrug, einen bestimmten Zweig der Industrie zu leiten, d. h. zu kontrollieren. Damit tat ich also einen weiteren Schritt ab vom Wege. Wohin soll das alles noch führen?

 

***

 

Die Verwaltung für Industrie der SMA erfüllt im wesentlichen die Funktionen eines Industrieministeriums der deutschen Sowjetzone. Die wichtigsten Aufgaben der Verwaltung für Industrie sind in erster Linie die Sicherstellung der Reparationslieferungen — was eine enge Zusammenarbeit mit der Verwaltung für Reparationen und für Lieferungen der SMA voraussetzt —, in zweiter Linie die Sicherstellung der Lieferungen für die Gruppe der Sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland und in dritter Linie schließlich die Sicherung der Produktion für die Bedürfnisse der deutschen Bevölkerung. Diese letztere Funktion wird gewöhnlich nur auf dem Papier ausgeübt, besonders dann, wenn es gilt, irgend einen neuen Betrieb in Gang zu bringen. Sobald das Werk die Arbeit erst aufgenommen hat, geht seine Produktion auf Kosten der Reparationslieferungen.

 

Kurz nach der Kapitulation schuf die SMA entsprechend ihren eigenen Verwaltungen eine Reihe von deutschen Zentralverwaltungen — eine Deutsche Verwaltung für Landwirtschaft, für Industrie usw. Alle diese Deutschen Verwaltungen wurden in dem Gebäude von Görings ehemaligem Luftfahrtministerium untergebracht und waren gehorsame Werkzeuge in den Händen der SMA. Später wurde auf der Grundlage dieser deutschen Verwaltungen, wieder auf Befehl aus Karlshorst, die Deutsche Wirtschaftskommission — DWK — gegründet, deren Aufgabe es war, die deutsche Wirtschaft nach den Richtlinien der SMA — wenn auch durch deutsche Handlanger — zu leiten.

 

Das Verhältnis zwischen SMA und Deutschen Zentralverwaltungen — den Marionettenministerien der Sowjetzone — wird am besten klar an dem Beispiel der Wechselbeziehungen zwischen der Verwaltung für Industrie der SMA und der Deutschen Zentralverwaltung für Industrie, weil diese recht wichtige Vertreter der beiden Seiten sind. Die Pflichten der beiden Seiten sind sehr einfach zu umreißen: die erstere befiehlt und kontrolliert, die letztere gehorcht ergebenst und läßt sich zum Sündenbock machen. An der Spitze der Deutschen Zentralverwaltung für Industrie steht ein windiger Bursche mit dem ebenso windigen Namen Skrshepschinskij. Niemand weiß, für welche besonderen Verdienste die SMA ihm diesen ziemlich verantwortungsvollen Posten übertragen hat. Jedenfalls aber erfüllt er ihre Instruktionen mit großem Eifer — und das ist die Hauptsache.

Der Chef der Verwaltung für Industrie der SMA, Alexandrow, verfügt über ein sehr trügerisches Äußere. Mittelgroß, mit einem gedunsenen, nichtssagenden Gesicht, spricht er immer mit einer monotonen und leidenschaftslosen Stimme. Ungeachtet dieser unansehnlichen äußeren Schale hat er große Erfahrungen auf dem Gebiet der Industrie und erfreut sich der Achtung seiner Mitarbeiter. Bis zu seiner Berufung nach Deutschland war er stellvertretender Minister für mittleren Maschinenbau der UdSSR. Es ist sehr aufreibend, an Konferenzen im Arbeitszimmer Alexandrows teilzunehmen. Das eine Auge des Chefs der Verwaltung blickt aus dem Fenster, das andere gleichzeitig zur Decke. Wenn er spricht, ist es unmöglich, festzustellen, wohin er schaut und an wen er sich wendet.

Der Stellvertretende Chef der Verwaltung, Smirnow, ist ein Mensch mit einem blassen, hageren Gesicht, dünnen, farblosen Lippen und stechenden Augen. Er erinnert irgendwie an den typischen MWD-Untersuchungsrichter, und dieser Schein ist nicht einmal so trügerisch, denn seine Dienstobliegenheiten sind hier ähnlicher Art. Obwohl er hier niemandem etwas zuleide getan hat, machen die meisten Mitarbeiter einen Bogen um ihn und ziehen es vor, mit Alexandrow zu tun zu haben.

Der Verwaltung ist ferner ein Industriekomitee des Kontrollrats angeschlossen, das die Aufgabe hat, die Arbeit der Verwaltung für Industrie und des Wirtschaftsdirektorats des Kontrollrats zu koordinieren. Leiter des Industriekomitees ist Koslow — ein finsterer und äußerst unumgänglicher Mensch.

In der Verwaltung für Industrie herrscht eine ganz andere Atmosphäre als in der Dienststelle des Politberaters, in der Politverwaltung oder in den Militärverwaltungen. Obwohl auch hier die meisten Angestellten Uniform tragen, fühlen sie sich doch, da sie alle Ingenieure oder Techniker sind, als Zivilisten. Hier wird von einem Menschen in erster Linie verlangt, daß er auf seinem Spezialgebiet etwas leistet. In den anderen Verwaltungen dagegen spielt der Parteiausweis die größte Rolle.

Fünfundneunzig Prozent der Ingenieure in der Verwaltung für Industrie sind Parteimitglieder. Das hindert sie jedoch nicht, die Umwelt mehr oder weniger kritisch zu betrachten und selbständig zu beurteilen. Wenn sie ihre Gedanken auch nicht immer laut werden lassen, fühlen und denken sie jedenfalls anders, als die „Parteileute reinsten Wassers". Hier wird der Unterschied zwischen den beiden Begriffen sowjetische technische Intelligenz und Parteiintelligenz klar. Die erste Gruppe, die zwar gleichfalls der sowjetischen Epoche angehört, geht doch bei weitem nicht immer mit der Parteilinie konform. Sie besteht zum größten Teil aus erzwungenen Mitläufern. Ingenieur sein und der Partei nicht angehören — eine solche Kombination ist recht gefährlich und auf die Dauer praktisch unmöglich. Die zweite Gruppe, die sogenannte Parteiintelligenz, deren einziger Rückhalt der Parteiausweis ist, hat nur eine eng spezialisierte Parteiausbildung genossen. Deshalb muß sie ihrem Parteiausweis und der Partei, der sie ihre ganze Existenz verdankt, gewollt oder ungewollt die Treue halten.

Eine der ersten Maßnahmen der Verwaltung für Industrie, an deren Durchführung ich mitzuwirken hatte, war die Festsetzung des Friedenspotentials für die Industrie der deutschen Sowjetzone. Um diese Maßnahme richtig zu verstehen, muß man sich den Zustand der sowjetzonalen Nachkriegsindustrie vor Augen halten. In kurzen Umrissen sah dieser folgendermaßen aus:

 

Unmittelbar nach Abschluß der Kampfhandlungen flutete die erste Demontagewelle über das Land. Mehrere Monate lang arbeiteten in der gesamten Sowjetzone die Demonteure fieberhaft unter der Parole:

„Alles auf die Räder!" Sie ließen sich dabei von einem einzigen Grundsatz leiten — soviel Tonnage als irgend möglich zu verfrachten, gleichgültig, ob das betreffende Objekt in der Sowjetunion gebraucht wird oder nicht. Pläne oder Beschränkungen gab es nicht. Der einzige, zwar sehr kleine aber sichere Felsen, an dem sich die Demontagewelle brach, war das Sequester des Oberkommandos der Besatzungstruppen. Erzeugte eine Fabrik Dinge, die für die Armee notwendig waren, wurde sie beschlagnahmt — es erschien eine Gruppe Soldaten mit einem Offizier an der Spitze und verweigerte jedem Demonteur mit der Waffe in der Hand den Zutritt. Allerdings fielen die Sequester der Besatzungstruppen im allgemeinen wenig ins Gewicht, da sie in der Hauptsache Betriebe der Leichtindustrie betrafen.

Nachdem die Demonteure der Sowjetzonen-Industrie auf diese Weise mit dem Schraubenschlüssel zu Leibe gegangen waren, gingen ihre Überreste in das Verfügungsrecht der SMA über. Die erste Maßnahme der SMA war die Schaffung eines Komitees zur Liquidierung des Kriegspotentials, das seine Aufgabe, die ganz einfach in der Vernichtung der Kriegsindustrie bestand, sehr schnell bewältigte. Die Fabriken, deren Maschinen schon vorher demontiert waren, wurden dem Erdboden gleichgemacht. Da die deutsche Industrie lange vor Ausbruch des Krieges auf die Erfordernisse des Krieges umgestellt worden war, konnte eine genaue Grenze zwischen Friedens- und Kriegsindustrie häufig — wie z. B. im Falle der chemischen Industrie — nur schwer gezogen werden. Und so mußte bei dieser „Liquidierung des Kriegspotentials" auch ein Teil, wenn nicht der Friedensindustrie, so doch jedenfalls der Grundindustrie, daran glauben. Es war ungefähr dasselbe, als hätte man die Wurzeln eines Baumes angeschlagen.

 

Da ein Teil der Demontagen als Staatsgeheimnis selbst vor der Verwaltung für Industrie der SMA geheimgehalten und auch über die übrigen nicht systematisch Buch geführt wird, können sich nicht einmal Alexandrow und die Leitenden Ingenieure der einzelnen Industriezweige ein genaues Bild von dem Zustand der Sowjetzonen-Industrie machen. Dazu kommt noch eine bedeutende Anzahl von Objekten, auf die das MWD seine Hand gelegt hat und die buchungsmäßig überhaupt nicht in Erscheinung treten. Es sind Betriebe, an denen Moskau besonders stark interessiert ist und über die es ohne Zutun der SMA verfügt. Dazu gehören zum Beispiel die Versuchsstationen und die Forschungs-einrichtungen der V 2 in Peenemünde.

 

Nach der ersten Demontagewelle und dem Abbruch der Kriegsindustriebetriebe nahm die SMA ihre Hauptaufgabe an der Wirtschaftsfront Nachkriegsdeutschlands in Angriff — die Entnahme von Reparationen. Dabei darf nicht außer acht gelassen werden, daß die Demontagen in dieser oder jener Form nach wie vor weitergingen. Moskau hat buchstäblich Dutzende von Malen Fristen für den endgültigen Abschluß der Demontagen festgelegt und diese Fristen jedesmal wieder hinausgeschoben.

Wenn man weiß, daß es bei der SMA eine spezielle Verwaltung für Reparationen gibt, die personalmäßig die umfangreichste im Hauptstab ist, erscheint es seltsam, daß die Verwaltung für Industrie sich praktisch mit der gleichen Aufgabe — nämlich mit den Reparationen — befaßt. Im Diebesjargon könnte man die Rolle der Verwaltung für Industrie als die des „Kundschafters" bezeichnen.

Hier stoßen wir nun auf den Begriff: Reparationen aus der laufenden Produktion. Diese Formulierung diente als Stein des Anstoßes, an dem — wenn vielleicht auch nur formell — alle Verhandlungen der folgenden Außenministerkonferenzen der Siegermächte scheiterten. Die Reparationen aus der laufenden Produktion — das sind die reinen, unverhüllten Reparationen, die man übersehen und somit in Rechnung stellen kann. Die Werksdirektoren der Sowjetzone kennen die Formulare der Reparationsauftrags-Befehle mit dem grünen Querstrich sehr gut. Das Original behält die SMA, eine Kopie geht an den Betrieb, der den Reparationsauftrag auszuführen hat, und die zweite an den Bürgermeister, der zahlen muß.

Da wir als SMA-Ingenieure dauernd mit den Reparationslieferungen zu tun haben, beschäftigt uns häufig die Frage, ob der Wert der demontierten und in die Sowjetunion abtransportierten Ausrüstungen von den zehn Milliarden Dollar abgezogen wird, auf die wir als Reparationsleistung Anspruch erheben. Die Deutschen müssen an dieser Frage, die uns vom rein akademischen Standpunkt aus beschäftigt, weit größeres Interesse haben.

Im Safe der Geheimabteilung der Verwaltung für Industrie wird ein Dokument ganz besonders sorgfältig aufbewahrt — die Liste der in der Sowjetzone demontierten Industrieausrüstungen. Diese Liste, die ihrem Umfang nach an Meyers Konversationslexikon erinnert, enthält folgende Rubriken: „Objekt", d. h. demontierter Betrieb, „Anzahl der einzelnen demontierten Ausrüstungen", „verladene Tonnage" „verladen per Adresse..." Das ist alles. Den Wert der demontierten Ausrüstungen zu berechnen, überlassen die Demonteure den Buchhaltern der betreffenden „Objekte". Vielleicht werden diese Ziffern irgendwann einmal auf irgendwelchen internationalen Konferenzen in Erscheinung treten; heute, bei der Berechnung der Reparationslieferungen, ist von ihnen jedenfalls nicht die Rede.

Eine ebenso akademische Frage ist die des deutschen Eigentums in Oesterreich. Die Sowjetbehörden haben in Oesterreich einen bedeutenden Teil der österreichischen Industrie mit der Begründung konfisziert, es handle sich um deutsches Eigentum. Angenommen, das strittige Eigentum sei tatsächlich deutscher Besitz, dann taucht unwillkürlich die Frage auf, auf welches Konto es verbucht werden wird. Einmal wandte sich auf einer Konferenz einer der führenden Mitarbeiter der Verwaltung für Reparationen an den stellvertretenden Oberbefehlshaber der SMA für Wirtschaftsfragen, Kowal, mit einer diesbezüglichen Frage. Kowal lächelte flüchtig und erwiderte: „Mir ist vorläufig nichts darüber bekannt, daß dieses Eigentum dem deutschen Reparationskonto gutgeschrieben wurde." Kowal ist eine Persönlichkeit, deren Worte genügend Autorität besitzen.

Die Lieferungen auf das Konto der sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland gelten nicht als Reparationslieferungen. Entsprechend dem Potsdamer Abkommen geht der Unterhalt der Besatzungsarmee zu Lasten des besetzten Landes, d. h. Deutschlands. Es sind sozusagen laufende Ausgaben.

Das Potsdamer Abkommen verpflichtet die Kontrollorgane der Alliierten in Deutschland, d. h. den Alliierten Kontrollrat, die Grenzen für ein Friedenspotential der deutschen Industrie festzulegen, das einerseits die Möglichkeit einer Remilitarisierung Deutschlands ausschließen, andererseits aber dem deutschen Volk einen durchschnittlichen europäischen Lebensstandard gewährleisten sollte. Da die Pariser Außenministerkonferenz, auf der die deutsche Frage als erster Punkt der Tagesordnung behandelt werden sollte, heranrückte, nahmen der Kontrollrat und die Militäradministrationen der vier Mächte in Berlin das Problem des Friedenspotentials in Angriff. Aus diesem Anlaß wurden die Leitenden Ingenieure der verschiedenen Industriezweige zu einer Konferenz beim Chef der Verwaltung für Industrie der SMA einberufen.

„In allernächster Zeit werden im Kontrollrat auf Grund der Entwürfe aller vier Seiten konkrete Limite für ein Friedenspotential der deutschen Industrie festgelegt werden", erklärte Alexandrow einleitend. „Der Oberbefehlshaber hat uns beauftragt, ihm unseren Standpunkt darzulegen und einen Entwurf für ein Friedenspotential der Sowjetzonenindustrie zur Bestätigung vorzulegen, der als sowjetischer Beitrag zur Lösung dieser Frage dem Kontrollrat unterbreitet werden wird. Der Oberbefehlshaber macht darauf aufmerksam, daß dieser Entwurf gleichzeitig unmittelbar dem Genossen Molotow überreicht werden wird."

Alexandrow machte eine bedeutungsvolle Pause, um die Wirkung seiner letzten Worte zu unterstreichen. Daraufhin murmelte er etwas von der Weisheit der Führer und dem gewaltigen Vertrauen, das sie uns durch die Übertragung einer so verantwortungsvollen Aufgabe bewiesen hätten. Tatsächlich, man könnte fast glauben, das Schicksal Deutschlands sei in unsere Hände gelegt, in die Hände einer Handvoll sowjetischer Ingenieure im Arbeitszimmer Alexandrows.

Auf den ersten Blick schien die Aufgabe interessant und bedeutungsvoll. Mit der Festlegung des Industriepotentials legen wir praktisch die Lebensbedingungen Deutschlands fest. Es gibt wohl kaum ein zweites Land in der Welt, in dem das gesamte Leben in solchem Maße von dem Umfang seiner industriellen Produktion abhängt. Das Industriepotential — das ist das Äquivalent des deutschen Lebensstandards, das ist die Menge des Brotes auf dem Tisch eines jeden Deutschen.

„Welches sind die methodischen Richtlinien?" fragte einer der Anwesenden.

„Als Grundlage müssen die durchschnittlichen Lebensbedingungen vor 1933 genommen werden", erwiderte Alexandrow. „Man muß den damaligen durchschnittlichen Verbrauch des deutschen Binnenmarktes pro Kopf der Bevölkerung oder die entsprechenden Werteinheiten berechnen. Von diesen Daten und der gegenwärtigen Bevölkerungszahl der Sowjetzone ausgehend, werden wir das Friedenspotential der Sowjetzonen-Industrie errechnen."

Alexandrow erwähnte nur den Binnenmarkt. Jeder von uns wußte aber genau, daß in der deutschen Wirtschaftsbalance der Export eine viel wichtigere Rolle spielt als der Bedarf des Binnenmarktes. Wenn man bei dieser Berechnung den Export außer acht läßt, so kann das nur in der Absicht geschehen, den Umfang der Industrieproduktion gegenüber dem der dreißiger Jahre künstlich um ein Vielfaches herabzudrücken. „Wie steht es mit der Industriekapazität, die früher dem Export zugute kam?" berührte schließlich Ingenieur Woronin die uns alle interessierende Frage.

„In unseren Berechnungen spielt der Export keine Rolle", entgegnete Alexandrow mit monotoner Stimme. „Während der Besatzungszeit wird die Exportquote durch Reparationen ersetzt. Sollte das Besatzungsregime geändert werden, wird an die Stelle direkter Reparationen irgend etwas anderes treten."

Alexandrow wählte seine Ausdrücke sehr überlegt. Er sagte nicht „Beendigung der Besatzung", sondern nur „Änderung des Besatzungsregimes". Die ersten Schritte auf dem Weg zu „irgend etwas anderem" anstelle direkter Reparationen erfolgten bedeutend schneller als die Änderung des Besatzungsregimes, und zwar in Gestalt der sowjetischen Aktiengesellschaften, die ein halbes Jahr später gegründet wurden.

„Was wird aus den einzelnen Industriebetrieben, die gegenwärtig noch über das Limit hinaus bestehen?" fragte ein anderer Konferenzteilnehmer. Dann aber schien er sich der Demonteure zu erinnern und verbesserte sich rasch: „übrigens wird ein solcher Fall nach Durchführung der Demontagen wohl kaum eintreten. Was geschieht aber im umgekehrten Falle, wenn die heutige Produktion nicht an das Limit des künftigen Friedenspotentials heranreicht?"

„Ein solcher Fall ist für uns rein problematisch. Sofern es im Interesse der Reparationen notwendig ist, werden wir die Produktion erhöhen", antwortete Alexandrow. „Im übrigen aber — unsere Sache ist es, die Limitziffern festzulegen. Diese ganze Prozedur interessiert uns nur insoweit, als die Ziffern für den Kontrollrat erforderlich sind."

Alexandrow bemühte sich, sein Phlegma zu überwinden und betonte das Wort „Ziffern". Der einzige richtunggebende Faktor in der Frage der Industrieproduktion der Sowjetzone war für uns einzig und allein die Sicherstellung der Reparationslieferungen. Die Festsetzung irgendwelcher problematischer Friedenspotentiale für das zukünftige Deutschland — das war für uns lediglich eine Geste der Höflichkeit gegenüber dem Potsdamer Abkommen.

Die Ausarbeitung des Entwurfs für das Friedenspotential schien eine einfache Sache zu sein, wenn man sich nur buchstäblich an die Instruktionen Alexandrows hielt. Als Grundlage wurde der Binnenmarktverbrauch ganz Deutschlands im Jahre 1930 genommen. Die Bevölkerung Deutschlands innerhalb der Grenzen des Jahres 1930 wurde mit 70 Millionen angenommen. Da die Bevölkerung der Sowjetzone ungefähr 20 Millionen beträgt, hätte man das gesuchte Friedenspotential mit Hilfe der allereinfachsten Gleichung leicht bestimmen können. So sah es in der Theorie aus. In der Praxis war alles selbstverständlich viel komplizierter, vor allen Dingen infolge der Aufteilung Deutschlands in Zonen. Zum Beispiel befindet sich ein großer Teil der deutschen elektrotechnischen Industrie in der Sowjetzone. Hier war die vorhandene Industriekapazität in vielen Fällen höher als das in Aussicht genommene Potential.

Dafür ergab eine ganze Reihe von Zweigen der Metallindustrie ein diametral entgegengesetztes Bild. Jedem der Leitenden Ingenieure war es von vornherein völlig klar, daß niemand die Industrieproduktion der Sowjetzone entsprechend den problematischen Ziffern des Friedenspotentials steigern oder drosseln wird. Dafür sind andere, weit schwerwiegendere Faktoren maßgebend. Der einzige normale Ausweg wäre, Deutschland als Einheit zu betrachten. Molotow hatte uns aber in dieser Frage nicht um unsere Ratschläge gebeten. Der Entwurf des Friedenpotentials wurde fertiggestellt und auf dem Instanzenweg dem Kontrollrat zugeleitet. Wir Ingenieure, die wir bei seiner Ausarbeitung mitgewirkt hatten, waren wahrscheinlich die ersten, die im voraus erkannten, daß er unrealistisch und undurchführbar war.

Der Entwurf wurde auf den Konferenzen des Kontrollrats lange Zeit diskutiert und Dutzende von Malen umgearbeitet. Selbstverständlich war die erste Voraussetzung für die Festlegung eines Friedenspotentials die Einheit Deutschlands. Als Zwischenlösung hätte notfalls noch die Zulassung eines freien und unbegrenzten Warenaustausches zwischen den Zonen dienen können. Aber ein freier Warenaustausch läßt sich nur schwer mit Reparationsentnahmen aus der laufenden Produktion vereinbaren, denn dabei könnte die Gefahr bestehen, daß ein Teil der Reparationen in Seitenkanäle abfließt.

 

Bei seinem Aufenthalt in Berlin im April 1946, auf dem Wege zur Pariser Außenministerkonferenz, prüfte der sowjetische Außenminister Molotow unter anderem auch den Entwurf des Friedenspotentials und nahm ihn nach Paris mit, um zu beweisen, daß die Sowjetunion den Wunsch hat, ein normales Regime in Deutschland festzusetzen. Er bestand dort ebenso leidenschaftlich auf der Festlegung eines Friedenspotentials wie auf Reparationen aus der laufenden Produktion. Für einen Nichtfachmann ist es nicht leicht, sich in diesen theoretischen Betriffsbestimmungen auszukennen und zu begreifen, daß diese beiden Dinge sich gegenseitig ausschließen. Molotows Eskapaden auf der Pariser Konferenz waren nichts anderes als Propagandamanöver, die auf äußeren Effekt berechnet waren.

 

Während die SMA sich nach außen hin auf abstrakte Ausführungen über das deutsche Friedenspotential konzentrierte, beschäftigte sie sich gleichzeitig mit viel lebensnäheren Dingen — Maßnahmen, die weitgesteckte Ziele verfolgten; so mit der Sozialisierung der Industrie oder der Schaffung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, der SED.

 

In der Verwaltung für Industrie hatte ich oft mit Marschall Shukows Befehl Nr. 124 zu tun, mit dem ich auch schon früher während meiner Arbeit bei General Schabalin in Berührung gekommen war. Damals erhielten wir aus der Privatkanzlei Marschall Shukows Tag für Tag Packen von Briefen und Bittschriften, in denen der Marschall um Überprüfung der Beschlagnahmen gebeten wurde, mit denen die SMA deutsches Eigentum belegt hatte.

 

Der Befehl Nr. 124, der kurz nach der Kapitulation erlassen wurde, enthielt Richtlinien für die Beschlagnahme des unbeweglichen Eigentums von ehemaligen Mitgliedern der Nationalsozialistischen Partei und von Spekulanten, die sich in der Zeit der Hitlerherrschaft und des Krieges bereichert hatten, und deren Übergabe in die Hände der örtlichen deutschen Selbstverwaltungen. In der Regel versah die Wirtschaftsverwaltung diese Gesuche, ohne die Sache zu untersuchen, mit dem Vermerk „Gemäß dem Befehl Nr. 124 ist die Angelegenheit an Ort und Stelle zu überprüfen" und gab sie an die örtlichen Kommandanturen weiter, in deren Bereich sich das strittige Objekt befand. Der Vermerk „Gemäß dem Befehl Nr. 124 zu überprüfen" bedeutete nach Lage der Dinge „abzulehnen". Damals brauchte ich mich mit dieser Frage nicht eingehender zu befassen, und die Beschlagnahme ehemaligen Nazieigentums schien völlig gerechtfertigt.

 

Jetzt aber brachte mich meine Tätigkeit in der Verwaltung für Industrie immer wieder in nahe Berührung mit den Betrieben, die auf Grund des Befehls Nr. 124 beschlagnahmt wurden. Dieser Befehl erfaßte in der Hauptsache Betriebe, an denen die SMA nicht unmittelbar interessiert ist, d. h. solche, die nicht demontiert werden und auch keine Reparationslieferungen leisten können — kleine Fabriken, Mühlen und Reparaturwerkstätten, ferner Versorgungsbetriebe und Konsumgenossenschaften.

 

Man kann die Industrie der Sowjetzone vom Standpunkt der SMA aus in zwei Kategorien einteilen — in nützliche und nutzlose. Zur ersten Kategorie gehören die Grundindustrien, die die SMA mit Hilfe spezieller Bevollmächtigter, die in allen größeren Werken sitzen, unter ihrer Kontrolle hat. Diese arbeiten unter dem Deckmantel verschiedenartigster Bezeichnungen: Sequester-Offiziere, Demontage-Bevollmächtigte — die aber auch nach abgeschlossener Demontage als Kontrolleure der SMA im Betrieb bleiben — Reparations-Bevollmächtigte, sowjetische Konstruktions- oder wissenschaftliche Forschungsbüros usw. Wie immer sie sich nennen mögen, ihre Aufgabe ist immer die gleiche, nämlich dafür zu sorgen, daß der betreffende Betrieb nach den Plänen der SMA arbeitet. In diesen Fällen kümmert sich die SMA nicht im geringsten um die verwickelte juristische Rechtslage der Eigentumsbestimmung;

ihr ist es gleich, ob es sich um eine KG, eine AG oder irgendeine andere kapitalistische Begriffsbestimmung handelt. Im übrigen wurde dieser ganze Fragenkomplex wenig später durch die Gründung der Sowjetischen Aktiengesellschaften — SAG — auf eine einfache Art gelöst.

 

Die zweite Kategorie der Sowjetzonen-Industrie, an der die SMA nicht unmittelbar interessiert ist, blieb anfangs praktisch sich selbst überlassen. Einerseits war es sinnlos, in jeden kleinen Betrieb SMA-Vertreter hineinzusetzen, anderseits widerspricht es den sowjetischen Traditionen und Gepflogenheiten, selbst unwichtige Betriebe ohne Aufsicht zu lassen. Daher wurde also beschlossen, den Befehl Nr. 124, der sich ursprünglich nur auf das Eigentum ehemaliger Nazis bezog, praktisch auf die ganze Gruppe der „nutzlosen" Industrie auszudehnen, um auch aus ihr möglichst wirkungsvollen Nutzen zu ziehen. Zu diesem Zweck wurden diese Betriebe kurzerhand enteignet, mit dem Etikett „Volkseigener Betrieb" versehen und den Händen der örtlichen deutschen Selbstverwaltungen übereignet. Nachdem das alles mit gebührendem Pomp vonstatten gegangen war, erklärten die Vertreter der neuen Macht mit stolzgeschwellter Brust, die Betriebe seien nun endlich zum „Eigentum des deutschen Volkes" geworden.

 

Im Grunde genommen ist das nichts anderes als die Sozialisierung der kleinen Industrie auf kaltem Wege. Bei diesem Vorgehen läßt sich die SMA von zwei Erwägungen leiten. In erster Linie gilt es, der zweiten selbständigen Schicht der deutschen Gesellschaft, den Unternehmern und Industriellen, die wirtschaftliche Grundlage zu entziehen. In der Landwirtschaft ist diese Operation bereits mit Hilfe der Bodenreform vorgenommen worden. Zweitens soll dadurch der Anschein der Fortschrittlichkeit des neuen Regimes aufrechterhalten werden, um daraus, wenn auch nur vorübergehend, politisches Kapital für die Sowjets und ihre Marionetten zu schlagen.

 

Der SMA ihrerseits geht durch diese Entwicklung nichts verloren. Unter den Bedingungen der neuen Planwirtschaft ist die ganze Gruppe der „nutzlosen" Industrie sowieso zum Untergang verurteilt, da sie ohne Kredite und Dotationen nicht in der Lage ist, weiterzubestehen. In diesem Falle ist es also durchaus zweckdienlich, das unrentable Objekt in „die Hände des deutschen Volkes" zu übergeben.

In der Folge erfüllten die „landeseigenen Betriebe" durchweg treu und brav die Aufträge der Werke, die Reparationslieferungen zu erfüllen hatten. Obwohl die „landeseigenen Betriebe" selbst keine Reparationsaufträge bekamen, arbeiteten sie auf diese Weise trotzdem auf Konto der Reparationen.

 

Die auf diese Art und Weise begonnene Sozialisierung griff nach und nach auch auf andere Gebiete des „privatkapitalistischen" Sektors über. Einerseits unterwirft die SMA die deutschen „Selbstverwaltungen" immer mehr und mehr ihrem Einfluß, anderseits übergibt sie in immer größerem Umfang die bis dahin verhältnismäßig selbständigen Sektoren des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens der Sowjetzone in die Hände eben dieser „Selbstverwaltungen". Die Gesamtsumme bleibt die gleiche, auch wenn man die einzelnen zu addierenden Posten verschiebt.

Einer der scharfsichtigsten Schachzüge der Politverwaltung der SMA im Kampf um die politische Herrschaft in Deutschland war die Schaffung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands.

Gleich in den ersten Tagen nach der Kapitulation bemühte sich die SMA, die Stellung der Kommunistischen Partei Deutschlands — KPD — mit allen Mitteln zu stärken und ihre Autorität im deutschen Volk zu festigen. Dabei bediente sie sich einer praktisch bewährten Methode: der Zugestehung aller nur erdenklichen Privilegien an die Mitglieder der KPD einerseits und der Ausübung eines steigenden Druckes auf Menschen, die nicht Mitglieder der KPD werden wollten, anderseits. So alt wie die Welt, jedenfalls aber wie die Sowjetunion, ist diese Politik der Peitsche und des Zuckerbrotes. Eine Zeitlang hatte diese Methode tatsächlich Erfolg, dann aber senkte sich die Zahl der Neuzugänge der KPD beträchtlich, um schließlich ganz aufzuhören. In noch stärkerem Maße als die Zunahme der Parteimitglieder sank das Ansehen der KP in den Augen des deutschen Volkes. Es war allen klar, daß die KPD eine Partei ist, die sich nur auf die Bajonette der Besatzungsmacht stützt. Selbst Leute, die bis dahin mit der marxistischen Lehre sympathisierten, erkannten, nachdem sie die Praxis des Stalinismus kennengelernt hatten, daß der Weg, den sie beschritten hatten, ein Irrweg war. Infolgedessen brachte der Ruck nach links, den das deutsche Volk nach dem Zusammenbruch der totalitären Diktatur verständlicherweise vollzogen hatte, nicht ein Anwachsen der Kommunistischen, sondern der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands — SPD — mit sich. Und die SPD erwies sich, trotz ihrer „linken" Einstellung, als nicht sehr umgänglich und begegnete den hartnäckigen Annäherungsversuchen der SMA mit kühler Zurückhaltung.

 

Die besonderen Verhältnisse des übergangsstadiums machten trotz der reichlich ungenierten wirtschaftlichen Maßnahmen die formelle Einhaltung gewisser demokratischer Spielregeln erforderlich. Eine der ersten „Formalitäten" dieser Art war die Wahl der deutschen Gemeindevertretungen. Die westlichen Alliierten beantragten wiederholt, die Abhaltung allgemeiner Wahlen in Berlin auf die Tagesordnung der Alliierten Kommandantur zu setzen. Die SMA verstand es jedoch, die Entscheidung in dieser Frage immer wieder hinauszuzögern. Und zwar aus dem Grunde, weil Karlshorst durchaus nicht überzeugt davon war, daß die KPD bei den Wahlen die von der SMA gewünschte Stimmenmehrheit erzielen werde.

 

In der Politverwaltung der SMA fanden mehrfach Konferenzen mit den Führern der KPD, an ihrer Spitze Wilhelm Pieck, statt. Die Politverwaltung bestand darauf, daß der Einfluß der KPD mit allen Mitteln zu stärken sei. Pieck konnte nur hilflos mit den Schultern zucken. Damals wurde, nach eingehenden Besprechungen mit dem Politischen Berater der SMA, zum erstenmal die Möglichkeit eines Zusammenschlusses der KPD mit der SPD erwogen. Das würde der KPD mit einem Schlag einen riesigen Zuwachs an Mitgliedern und damit an Stimmen verschaffen. Die SMA betrachtete die SPD als eine zahlenmäßig zwar starke, im übrigen aber politisch hilflose Organisation ohne festes Rückgrat. Wenn die KPD — zahlenmäßig zwar schwach, aber energisch, skrupellos in der Wahl ihrer Mittel und dazu noch gestützt auf die Bajonette der Besatzungsmacht — imstande wäre, die SPD zu schlucken und zu verdauen, dann wäre der Erfolg, wenigstens der äußere, gesichert. So urteilten die politischen Großmeister von Karlshorst. Sie beschlossen, die künftige Koalitionspartei bis auf weiteres mit dem Aushängeschild „Sozialistische Einheitspartei Deutschlands" zu versehen.

Gesagt, getan. Eine geräuschvolle politische Kampagne für die Vereinigung von KPD und SPD kam ins Rollen. Doch gleich zu Anfang störte eine Dissonanz die Harmonie des lautstarken Einheitskonzerts — es war die entschlossene Stimme der SPD-Führung und ihres Stabsquartiers, das außerhalb der Reichweite der SMA lag. Sie weigerten sich nachdrücklich, die Koalition einzugehen und den Zusammenschluß oder richtiger die Einbeziehung ihrer Mitglieder in den Bestand der SED, bei deren Gründung die SMA Pate stehen sollte, anzuerkennen.

Daraufhin machte die SMA innerhalb ihres eigenen Herrschaftsbereiches einige Renegaten ausfindig, die sich im Namen der Ostzonen-SPD bereit erklärten, die sozialistische Koalition mit der KPD einzugehen. Die formelle Spaltung der SPD in zwei Teile — den westlichen und den östlichen — war die Folge. Wenig später erblickten die Ostzonen-Bewohner auf Zäunen und Häusermauern bunte Plakate, auf denen KPD und SPD sich brüderlich die Hände reichen. Die Sowjet-offiziere spöttelten: „Die Hand strecken wir euch entgegen, die Füße werdet ihr schon selber ausstrecken."

Wie sehr sich Karlshorst in der Beurteilung der politischen Reife der Deutschen verrechnet hatte, ergab sich bei den Wahlen, die im Oktober 1946 in Berlin abgehalten wurden. Der neugeborene politische Bastard, auf den die SMA so große Hoffnungen gesetzt hatte, ging von den vier an der Wahl beteiligten Parteien als vorletzter durchs Ziel.

Wenn die SED auch in Berlin, wo eine freie Meinungsäußerung der Deutschen zu erwarten war, eine skandalöse Niederlage erlitten hatte, gelangte sie in den Ländern der Sowjetzone, wo sie mit allen Mitteln kämpfen konnte, doch an die Macht. Das Besatzungsregime hat Möglichkeiten genug, die Massen zu beeinflussen.

Mich als Sowjetoffizier interessierten alle diese Maßnahmen in erster Linie von dem Gesichtspunkt aus, welchen Nutzen sie meinem Volk und meinem Lande bringen. Es ist aber noch zu früh, Schlüsse zu ziehen.

***

Das Gebäude der Verwaltung für Industrie befindet sich außerhalb des Sperrbezirks Karlshorst. Der schädliche Einfluß der Umwelt wirkt sich offenkundig aus — gegenüber der Verwaltung ist ein deutscher Zeitungskiosk, in dem viele Mitarbeiter auf ihrem Weg zum Dienst deutsche Zeitungen und Zeitschriften kaufen. Einfach zu dem Zweck, „sich in der deutschen Sprache zu üben". Dreimal wöchentlich werden in der Verwaltung obligatorische deutsche Sprachkurse abgehalten. Heute fällt der Unterricht aus irgendeinem Grunde aus, so daß eine unerwartete „Lücke" entstanden ist. Ich sitze in meinem Arbeitszimmer und blättere in verschiedenen Papieren. Die Tür zum Nebenzimmer steht zufällig offen, und so sehe ich, wie Hauptmann Bagdassarjan beim Eintritt ins Zimmer einen Packen Zeitungen auf den Tisch wirft und nachlässig erklärt: „Nun, wollen mal sehen, was es hier für neue Sensationen gibt." Das bezieht sich auf den „Kurier" und „Telegraph" — Zeitungen, die in den West-Sektoren Berlins erscheinen. Er hängt seinen Mantel ordentlich über den Bügel — das ist nun schon ganz offensichtlich eine „europäische" Gewohnheit — und vertieft sich in seine Zeitungen.

Wie er so mit gesenktem Kopf vorgebeugt am Tisch sitzt, könnte man annehmen, er sei mit wichtigen dienstlichen Schriftstücken beschäftigt, die besondere Aufmerksamkeit und Konzentration erfordern. Zu allererst entfaltet er die „Illustrierte Rundschau", die wöchentliche illustrierte Beilage der „Täglichen Rundschau". Zeitung und Beilage sind offiziöse SMA-Organe in deutscher Sprache und erscheinen unter der Aufsicht des Chefredakteurs Oberst Kirsanow.

„So, so. Die Deutschen pflügen mit Traktoren. Richtig — sollen sie nur pflügen, essen werden wir." Der Hauptmann blättert weiter. „Aha, bei uns wird auch gepflügt", er beugt sich noch tiefer über die Zeitschrift und versucht, die kaum sichtbaren Einzelheiten zu erfassen, „offenbar hat man den Treckerführer eingekleidet, bevor man ihn für die Presse fotografierte — ärmlich sieht er aber doch aus, der Treckerführer. Ein Minuspunkt für Oberst Kirsanow!"

An einem zweiten Tisch neben Bagdassarjan sitzt Leutnant Kompanijez. Vor ihm liegt ein aufgeschlagenes Lehrbuch der deutschen Sprache. Er bewegt unhörbar die Lippen, anscheinend mit dem Einpauken deutscher Deklinationen beschäftigt.

Der Hauptmann ist ganz hingerissen und fährt in seinem Selbstgespräch fort: „Ah — das sind Torten! Schöne und wohlschmeckende, süße und duftende Torten! Diesmal ist es der Sohn Präsident Roosevelts persönlich, der mit Torten traktiert wird. Einen guten Papa hatte er, nur zu idealistisch. Torten wie vom Fließband — man braucht nur den Mund aufzusperren. Ihr macht dort Autos auf dem Fließband, wir aber — Torten. Wessen Leben ist nun süßer?! Beißt mal an, Amerikaner! Mordskerl, Kirsanow! Das Bildchen ist richtig!"

Der Hauptmann betrachtet eine Aufnahme aus den Werkshallen der Moskauer Konditorfabrik „Krassnyj Oktjabr", die beim dortigen Besuch des Sohnes Präsident Roosevelts gemacht wurde. Wir alle wissen, daß die Erzeugnisse dieser Fabrik in erster Linie für den Export und sonst nur für die „Lux" - Läden bestimmt sind („Lux" — staatliche Verkaufsstellen, in denen alle Waren zu spekulativen Preisen verkauft werden, die praktisch für die breite Masse der Bevölkerung nicht zugänglich sind. In den Jahren 1945—47 kostete eine Tafel Schokolade im „Lux" 100 Rubel, was dem Wochenlohn eines sowjetischen Arbeiters entspricht).

„Und wer der Schokolade überdrüssig wird, der kann zur Abwechslung etwas Brot versuchen", fährt Bagdassarjan philosophierend fort und blättert weiter: „Was für eine Unmenge Brot — das springt einem ja direkt aus dem Bild entgegen".

Der Hauptmann lehnt sich mit dem Blick eines Ästheten zurück und betrachtet noch einmal liebevoll das Bild. Dann wirft er sich aber plötzlich vornüber und ruft aus: „Ah, ah—h—h! Du mein Brot, mein geliebtes! Du bist ja ganz zusammengefallen. Wer von den Deutschen in Gefangenschaft war, der wird dieses Brotchen gleich wiedererkennen. Wie kann man nur ein solches Bild den Deutschen vorlegen."

Ich stehe auf, gehe ins Nebenzimmer und rate Bagdassarjan halblaut, seine Selbstgespräche etwas leiser zu führen. Ich beuge mich nieder und betrachte mit ihm zusammen die Aufnahme, die in einer Kiewer Brotfabrik gemacht wurde. Im Vordergrund sieht man einen ganzen Berg von frischgebackenem Brot. Der Anblick ist in der Tat wohlbekannt — zusammengefallene Laibe, innen also roher klebriger Kleisterteig. Wenn den Soldaten an der Front aus diesem Brot hergestellter Zwieback zugeteilt wurde, konnten sie ihn nicht einmal mit dem Gewehrkolben kleinkriegen. Hauptmann Bagdassarjan hatte endlich gefunden, was er gesucht hatte. Wenn man irgendjemanden mit der Exportpropaganda in die Irre führen kann, dann jedenfalls nicht einen Sowjetmenschen. Wir haben in bezug auf die stalinsche Propagandaküche einen sechsten Sinn.

„Aber hier sind gute Autos", fährt der Hauptmann in seinen Betrachtungen fort, „komfortable Limousinen, die ,SIS', die in der Moskauer Autofabrik ,Stalin' in Serienproduktion hergestellt werden", liest er die Unterschrift unter einer Aufnahme.

„Sobald ich nach Hause zurückkomme, kaufe ich mir unbedingt eine ,SIS'. Ich muß nur noch ein bißchen Geld sparen. Wieviel brauche ich da?" Er holt eine Logarithmentafel hervor. „Der alte ,SIS' kostete 29 000. Der neue, sagt man, kostet 50 000. Wenn meine Frau und ich beide arbeiten und sparen, können wir monatlich 100 Rubel zurücklegen. Das macht im Jahre 1200. In zehn Jahren 12 000. Also da brauchen wir im ganzen nur vierzig Jahre und ein bißchen."

„Hier scheint alles in Ordnung zu sein", der Hauptmann sieht sich noch einmal die Aufnahme an, „nur die Physiognomie des Arbeiters ist so finster. Der Fotograf ist nicht darauf gekommen, ihm irgendeinen Teufelswitz zu erzählen, damit er lacht. Sonst aber ganz gemütlich. Es fehlen nur noch die Teppiche in den Werkhallen."

„Weißt Du, mit den Teppichen kann man in der Tat verschiedenes anstellen", erhebt Kompanijez seine Stimme. „Ich hatte einen Bekannten, er war Hörer der Militärakademie ,Stalin'. Eines Tages wurden sie dort von einer Besucherdelegation heimgesucht. Ich weiß nicht mehr, war es eine persische oder eine türkische. Natürlich wollte man den Asiaten zeigen, was man kann. Als sie kamen, hing der ganze Korridor voller Teppiche wie im Harem. Wohin sie nicht kamen, — überall Teppiche. Sobald sie weitergingen, wurden die Teppiche eingerollt und schnell über die Hintertreppe nach oben gebracht. Sie waren mit der Besichtigung der ersten Etage nicht fertig, als die zweite Etage schon wieder voller Teppiche hing."

Bagdassarjan nimmt eine neue Nummer der „Täglichen Rundschau" und blättert sie flüchtig durch. Man sieht es ihm an, daß er nicht erwartet, darin etwas Interessantes zu finden.

„Nichts Neues", sagt er, „die Hälfte ist aus der ,Prawda' abgedruckt, allerdings mit deutschen Verfassernamen."

In diesem Augenblick wird die Tür einen Spalt breit geöffnet und unser Chauffeur Wassilij Iwanowitch steckt seinen Kopf ins Zimmer. Als er sieht, daß die Atmosphäre friedlich ist, schiebt er sich furchtlos über die Schwelle.

„Guten Morgen", begrüßt er die anwesenden Offiziere auf deutsch. Dann schüttelt er jedem einzelnen, sich genau an die Rangordnung haltend, die Hand. „Gesundheit wünsche ich, Genösse Hauptmann. Gesundheit wünsche ich, Genösse Leutnant. Mein Chef ist noch nicht da. Da wollte ich mich bei Ihnen etwas aufwärmen. Erlauben Sie, daß ich hier warte?"

Vor kurzem noch war Wassilij Iwanowitch Soldat. Jetzt ist er demobilisiert und arbeitet als Chauffeur in der SMA. Er weiß seine zivile Stellung zu würdigen und läßt keine Gelegenheit ungenutzt, die Offiziere durch Handschlag zu begrüßen, sich bescheiden in eine Ecke zu setzen und dann und wann ehrerbietig in die Unterhaltung einzugreifen. Nach fünf Jahren Kommißleben, in denen sich der Umgang mit den Offizieren auf die Ehrenbezeugung und auf knappe Antworten beschränkte: „Jawohl, Genösse Leutnant!" bereitete es ihm eine tiefe Befriedigung, mit ihnen privat und einfach menschlich verkehren zu können. Wassilij Iwanowitch setzt sich vorsichtig auf den Rand eines Stuhles neben der Tür.

Hauptmann Bagdassarjan fährt fort, in den Zeitungen zu blättern. Die Anwesenheit eines Außenstehenden erlaubt ihm nicht, weiter seiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen — nach Fehlern und faux pas in der Arbeit des Obersten Kirsanow zu suchen. Für ihn ist das ebenso ein Sport wie für andere Kreuzworträtsel. Für uns, die sowjetischen Offiziere in Deutschland, spielt die „Illustrierte Rundschau" die Rolle des lustigsten und anregendsten Witzblattes. Man kann hier nicht nur lachen, sondern auch gleichzeitig zwischen den Zeilen manches lesen, was man in den Sowjetzeitungen nicht findet. Jetzt, nach dem Eintritt Wassilij Iwanowitschs, muß man die Platte wechseln.

„Oh! Sogar Trotzkis haben sie sich erinnert", wendet sich der Hauptmann an Leutnant Kompanijez. „Schau mal, Semjon Borissowitsch. Was ist das eigentlich — permanente Revolution?"

„Das sind irgendwelche taktischen Meinungsverschiedenheiten", erwidert der Leutnant widerwillig. Er vertieft sich in seine deutsche Sprachlehre und versucht, von seiner Umwelt keine Notiz zu nehmen. „Nun, ja — taktische Meinungsverschiedenheiten", antwortet an seiner Stelle Wassilij Iwanowitch, „der eine sagt — laß uns von vorne einbrechen, — der andere — nein, von hinten. Der eine sagt — machen wir's heute, der andere — nein, morgen. Das steht sogar im ,Kurzen Lehrgang', Genösse Hauptmann", er beruft sich auf das Lehrbuch der KPdSU (B), um seinen Worten größeres Gewicht zu verleihen.

„Ich kann mich gar nicht erinnern, daß es dort so geschrieben ist", bemerkt Bagdassarjan vorsichtig.

„Dort steht auch noch etwas über ,Scheren'. Wissen Sie, was das ist? In der Bauernfrage." „Ich erinnere mich nicht..."

„Da stritt Trotzki auch einmal mit dem Genossen Stalin." Wassilij Iwanowitch schnitt mit den Fingern in der Luft wie eine Schere. „Der eine sagt, man muß den Mushik scheren, der andere sagt, da braucht's keine Scherereien, den Bauern kann man auch barbieren. So streiten sie hin und her — scheren und barbieren. Ich habe nur nicht recht begriffen, wer sie scheren, und wer sie barbieren wollte." Der Hauptmann tut, als hörte er nicht zu.

„Ja, lauter taktische Meinungsverschiedenheiten. Nikolaschka (Der letzte russische Kaiser Nikolai II) verschwand, und der Thron blieb leer", brummt der Ex-Soldat vor sich hin und spielt mit seinem Hut, setzt ihn erst auf das eine Knie, dann auf das andere. „Jeder möchte gern draufklettern... Man sagt, als Genösse Lenin starb, hinterließ er ein Testament. Haben Sie nichts davon gehört, Genösse Hauptmann?"

„Nein."

„Man sagt, dort standen spaßige Dinge. Als hätte Genösse Lenin ungefähr ges..."

Hauptmann Bagdassarjan, der schon die ganze Zeit unruhig auf seinem Stuhl hin- und hergerutscht war, beschließt, das gefährliche Gespräch zu unterbrechen. In der Sowjetunion geht die Legende um, daß Lenin in seinem politischen Testament seine zwei Nachfolger folgendermaßen charakterisiert hätte: „Trotzki ist ein kluger Schurke, und Stalin — ein schurkischer Dummkopf." Man flüsterte, Lenin habe dieses Testament auf dem Totenbett seiner Frau Krupskaja gegeben, der Stalin es mit Gewalt abgenommen habe. Krupskaja selbst schickte der „treue Freund und Schüler" seinem „Lehrer" nach zu ihren Vorvätern. Das Testament wird, wie die Legende erzählt, bis auf den heutigen Tag im Privatsafe Stalins aufbewahrt, zu dem er allein Zutritt hat. Soweit die Legende. Wenn sie vielleicht auch nicht der Wahrheit entspricht, so charakterisiert sie doch recht anschaulich die Meinung des Volkes über seine „Führer".

Sehr begreiflich, daß Hauptmann Bagdassarjan versuchte, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.

„Schau mal, Semjon Borissowitsch", versucht er erneut, seinen Kameraden von dem Studium der deutschen Deklinationen abzulenken. „Was für einen Lärm die ausländischen Zeitungen wegen Sostschenko erhoben haben. Er hat da irgendwelche kleinen. Abenteuer eines Affen" geschrieben. Hast Du was darüber gelesen? — Was ist das?"

Leutnant Kompanijez hebt den Blick nicht von seinem Lehrbuch. An seiner Stelle antwortet wiederum Wassilij Iwanowitch.

„Sie wissen nicht, was das ist, Genösse Hauptmann?" fragt er mit gespieltem Erstaunen. Er ist anscheinend mit diesem Thema gut vertraut und versucht nun, den Hauptmann zu einem Gespräch herauszufordern.

„Hast denn Du das gelesen?" fragt der Hauptmann, erstaunt darüber, daß ein einfacher Chauffeur die neueste Literatur kennt.

„Aber nein, gelesen habe ich es nicht. Nur gehört. Wissen Sie, Genösse Hauptmann, wir Chauffeure sind Leute, die alles wissen. Allerhand kluge Leute müssen wir fahren — sogar Sokolowskij und selbst Wjatscheslaw Michailowitsch. (W. M. Molotow) Da weiß man schon allerhand."

„Nun, schön — was hat Dir Sokolowskij also erzählt?" forscht der Hauptmann skeptisch.

Wassilij Iwanowitsch, gekränkt darüber, daß man an seiner Wohlinformiertheit zweifelt, räuspert sich und beginnt: „Hm, hm... Es war also einmal ein Affe. Irgendwo dort in Leningrad. Man muß annehmen, daß es damals schon Krieg gab." Er holt sein Tabakbeuteichen heraus und dreht sich in aller Ruhe eine Zigarette: „Gestatten Sie, Genösse Hauptmann, ein Stückchen von Ihrer Zeitung abzureißen. Mit Zeitungspapier schmeckt sie besser."

„Diesem Affen fiel es plötzlich ein, er wollte einmal unter den Menschen leben. Ein bißchen Kultur wollte er riechen. Gedacht — getan, der Affe entwetzte kurzerhand aus dem Käfig und setzte sich erst einmal in die Straßenbahn. Als er in die Straßenbahn stieg, war er ein richtiger Affe, als er herausstieg aber — weder Affe, noch Mensch, wer weiß was. Später ging er in die Banja (Badeanstalt). Nun, Sie wissen selbst, wie es da zugeht. Aus dem Waschen wurde zwar nichts, dafür fing er aber eine Menge Flöhe. Dann bekam er Hunger. Ging in einen Laden. Guckte und guckte — und ging hungrig wieder hinaus."

Wassilij Iwanowitsch zieht hingebungsvoll an seiner aus der „Täglichen Rundschau" gedrehten Zigarette.

„Wo er noch überall war, weiß ich nicht. Es endete jedenfalls damit, daß er in seinen Käfig zurücklief, die Tür hinter sich zuknallte und sich zitternd wie Espenlaub in eine Ecke drückte. Man sagt, er wäre lange nervenleidend gewesen, ehe er sich wieder erholt hätte."

„Wie es um den Käfig für Sostschenko bestellt ist, weiß ich nicht. Wahrscheinlich hat man ihn auf die Warteliste gesetzt", schließt Wassilij Iwanowitsch tiefsinnig. „Was steht denn da in der Zeitung, hat man ihn noch nicht eingesteckt?"

„Na, ich muß jetzt mal nachsehen, ob mein Chef inzwischen gekommen ist." Wassilij Iwanowitsch setzt den Hut auf, gibt ihm noch einen kleinen Schubs und schließt leise hinter sich die Tür. „Kennst Du ihn näher?" fragt Leutnant Kompanijez und nickt in der Richtung nach der Tür.

„Ja, er ist ein guter Kerl, schwatzt nur zu viel."

„Schau einer an — einfaches Soldatenvolk und interessiert sich auch für Politik."

„Ja, die sagen nur so zu uns ,Jawohl!' Hör Du aber einmal hin, was die so unter sich reden."

„Ich habe das vor dem Krieg nicht so gemerkt. Ob wohl die Verhältnisse hier sie beeinflussen?"

„Was nicht noch. Nach dem Krieg fühlt sich jeder Soldat selbstsicherer. Sie sind ja auch in der Tat Helden und Sieger. Fühlst Du denn das nicht selbst?"

„Doch, das ist richtig", stimmt der Leutnant bei.

„Jetzt muß mein Herr Meier gleich kommen", sagt Hauptmann Bagdassarjan nach einem Blick auf die Uhr. „Er versichert mir, er sei Kommunist. Lügt wahrscheinlich. Wer vor der Kapitulation Kommunist war — dem kann man glauben. Aber alle diese jetzigen...", der Hauptmann rümpft verächtlich die Nase.

Der Leutnant betrachtet eine Zeitung. „Allerhand, wie Kirsanow über Amerika herzieht", sagt er. „Ich wundere mich nur über ihre Geduld. Wir beschimpfen sie in allen Tonarten, und sie wissen nicht, was sie antworten sollen."

„Das Kritisieren der Alliierten ist durch den Kontrollrat verboten", bemerkt der Hauptmann.

„Warst Du in Westdeutschland?" unterbricht ihn Kompanijez.

„Nein, warum?"

„Ich leitete die Verladung von demontierten Ausrüstungen in Bremen", sagt der Leutnant. „Da war ich wahrhaftig erstaunt. An den Zäunen hängen überall kommunistische Zeitungen und brüllen aus voller Kehle: ,Nieder mit Amerika!' und die Amerikaner gehen daran vorbei — als wäre nichts. Sollte mal einer versuchen, irgendwo hier in unserer Zone ein Plakat ,Nieder mit der UdSSR!' anzubringen!"

„Na, wie war es dort sonst — werden diese Zeitungen viel gelesen?"

„Ich war wahrscheinlich der einzige. Aus Neugier. Die Kommunisten kleben ihre Zeitungen dort schlauerweise immer an den Straßenbahnhaltestellen an. Psychologisch durchdacht—wenn ein Mensch auf seine Straßenbahn wartet, liest er aus lauter Langeweile, was da hängt."

„Vielleicht ist das einfach ein amerikanischer Trick. Ist es wirklich möglich, daß sie erlauben, gegen sich zu hetzen?"

„Wenn man genau überlegt, ist das gar nicht so gefährlich. Diese Zeitungen schaden uns mehr als daß sie nützen."

„Wieso denn das?"

„Wenn ein vernünftiger Mensch im Westen eine kommunistische Zeitung liest, dann muß er spucken. Man sieht doch gleich, wessen Geld dahinter steckt. Ist es kalt — sind die Kapitalisten schuld, ist es heiß — wieder sie. Dafür ist aber in der UdSSR alles — seeeehr gut."

„Und doch ist die Presse eine große Sache. Schau mal — nehmen wir hier zwei Zeitungen", der Hauptmann schlägt mit der Hand auf einen Haufen Zeitungen, „die ,Rundschau' und hier irgend so ein ,Kurier'. Wir wissen doch, wie das alles gemacht wird, und was es im Grunde ist. Nicht wahr? Wenn man den ,Kurier' liest — nichts, keine Bewegung. Da gibt es Streiks, irgendwo wurde irgendwer ermordet, irgendwo tritt irgendeine Schauspielerin auf. Ehrenwort, man liest und hat den Eindruck, daß es tatsächlich eine verfaulte Welt ist. Leben ist da wohl, aber keine Bewegung."

„Das scheint Dir nur so, weil es Dir ungewohnt ist", bemerkt Kompanijez. „Erinnerst Du Dich an 1933? In den Straßen lagen die Hungerleichen herum, in den Zeitungen aber — nichts als Glück und Segen. Bei denen ist das umgekehrt — die leben zu ihrem eigenen Vergnügen, in den Zeitungen aber machen sie Panik."

„Ja, vielleicht hast Du recht", sagt der Hauptmann zögernd, „und trotzdem... nimm einmal die ,Rundschau'. Ein einziger Aufruf! Ein Leben haben die Deutschen heute eigentlich nicht. In einem solchen Augenblick kann man den Ruf erschallen lassen. Die hungrigen Menschen gehen dort hin, wo man ihnen am meisten verspricht."

„Was willst Du", klingt die Stimme des Leutnants, „das ist schlaue Politik — erst den Menschen nackt ausziehen und ihn dann mit dem Zuckerbrot locken. Ein Satter wird in eine solche Falle nicht gehen." „Eine große Sache — der Ruf", schwärmt der Hauptmann. „Bei uns ist davon nichts mehr zu spüren... wir stehen schon in der zweiten Runde."

Man hört ein Klopfen an der Tür. Auf der Schwelle erscheint eine magere Gestalt in grünem Lodenmantel, mit dem Hut in der Hand. „Guten Morgen, Herr Kapitän!" sagt die Gestalt mit honigsüßer Stimme und verbeugt sich kriecherisch nach rechts und links. „Ein Moment", winkt der Hauptmann nachlässig ab. Die Gestalt schiebt sich rücklings zurück und verschwindet hinter der Tür.

Der Hauptmann kramt hastig die auf dem Tisch umherliegenden Zeitungen zusammen und steckt sie ins Fach, dann holt er ein paar Aktendeckel heraus.

„Dieser Dreckskerl behauptet, er sei Kommunist. Man muß für alle Fälle die Zeitungen wegpacken", murmelt er halblaut und schreit dann: „Herr Meier! Herein!"

So sieht der Hauptstab der Sowjetischen Militär-Administration aus — von außen und von innen, wenn man in die Seelen der Menschen hineinschaut.