Gregory Klimow. Berliner Kreml

Im Kontrollrat

Eines Abends ließ General Schabalin mich zu sich rufen. Er zeigte mir eine Einladung des amerikanischen Hauptquartiers, in der er aufgefordert wurde, mit seinem Mitarbeiterstab an einer Konferenz in Frankfurt am Main teilzunehmen, die die Liquidierung des IG Farbenkonzerns behandeln sollte, und sagte: „Nehmen Sie meinen Wagen und fahren Sie nach Zehlendorf. überreichen Sie die Liste unserer Delegation und erkundigen Sie sich, wann das Flugzeug startet. Wenn wir nicht fliegen können, besorgen Sie Propuske, damit wir für die Fahrt unsere Wagen benützen können".

Als ich vor dem Gebäude des amerikanischen Hauptquartiers ankam, war es schon ein Viertel nach fünf. „Dumm, jetzt werde ich eine Stunde auf die Besuchsgenehmigung warten müssen", dachte ich, „am Ende wird man mich gar nicht zu dem Wirtschaftsberater Eisenhowers vorlassen, mit dem ich verhandeln soll, weil ich ja kein Beglaubigungsschreiben mithabe, das über den Zweck meines Besuches Auskunft gibt. Ob mein Personalausweis ausreicht?"

Ich stoppe am Tor und suche in meiner Tasche nach dem Ausweis. Der amerikanische Wachposten, mit weißem Koppel und ebensolchen Gamaschen, hebt die weißbehandschuhte Hand salutierend an den ebenfalls weißen Helm und scheint für meinen Ausweis nicht das geringste Interesse zu haben. Um mein Stoppen irgendwie zu begründen, stelle ich eine belanglose Frage. Er weist schweigend auf ein Schildchen mit einem Pfeil und der Aufschrift: „Information". Ich fahre langsam an dem liebenswürdigen Posten vorbei und schiele unauffällig zurück, um zu sehen, ob man mich nicht beobachtet. „Ich finde mich schon selbst zurecht", denke ich. Wahrscheinlich hatte ich dabei noch den Hintergedanken: „Gute Gelegenheit, sich ungestört umzuschauen! Will doch einmal sehen, was das für Vögel sind — die Amerikaner. Hoffentlich schnappen sie mich nicht gleich. Notfalls sage ich einfach, ich hätte mich verlaufen".

Dem Fahrer Mischa befehle ich strengstens, im Wagen zu bleiben und sich ja keinen Schritt davon zu entfernen. Was kann man wissen, am Ende kidnappen sie ihn noch und ich kann dann meinen Kopf herhalten.

Ich gehe einen Korridor entlang. Alle Türen sperrangelweit offen, die Zimmer leer. Hier und da sind deutsche Putzfrauen dabei, die Fußböden zu fegen. Auf jeder Tür ein ordentliches Schildchen: „Major sowieso" oder „Oberst soundso" und die Dienststellung. Mein lieber Himmel, was ist bei denen bloß los! Keine Spur von Wachsamkeit! Bei uns hängen gewöhnlich überhaupt keine Namensschilder an den Türen. Damit die inneren und äußeren Feinde nicht so leicht dahinterkommen, wer wo sitzt.

Mir ist ein bißchen ungemütlich, fast ängstlich zumut. Als wäre ich, ohne es zu wollen, in ein Geheimarchiv geraten und fürchte nun, erwischt zu werden. Auf der Suche nach dem richtigen Zimmer betrachte ich ein Türschildchen nach dem ändern und fühle mich dabei so, als spioniere ich die Kartei des feindlichen Generalstabes aus. Und das in kompletter sowjetischer Uniform!

So durchstöbere ich sämtliche Korridore aller Stockwerke, ohne — außer den Putzfrauen — eine Menschenseele anzutreffen. Inzwischen ist es halb sechs geworden.

Einer unserer Offiziere hat mir einmal erzählt, daß es keinen Zweck habe, nach fünf Uhr abends ein amerikanisches Büro aufzusuchen. „Später sind sie alle mit deutschen Mädchen unterwegs", erklärte er und ich konnte nicht feststellen, ob aus seinen Worten Verachtung gegenüber den amerikanischen Arbeitsmethoden oder blasser Neid sprach. „Sie meinen, wer nach Dienstschluß im Büro sitzt, versteht weder zu arbeiten noch seine Zeit einzuteilen."

„Der Kerl hat recht", denke ich, „die Amerikaner scheinen sich wirklich kein Bein auszureißen. General Schabalins Arbeitstag fängt erst um sieben Uhr abends richtig an. Was soll ich nun machen? Ich werde mich wohl doch an die ,Information' wenden müssen".

In der „Information" räkeln sich zwei Neger in ihren Sesseln, die Beine auf dem Tisch, hingebungsvoll an ihrem Gummi kauend. Mit einiger Mühe mache ich ihnen klar, daß ich General Clay zu sprechen wünsche. Ohne seine tiefsinnige Beschäftigung zu unterbrechen, quakt der eine Neger irgend etwas Unverständliches durch das kleine Schiebefensterchen in den Nebenraum. Selbst wenn in diesem Augenblick Präsident Truman, Marschall Stalin oder ein gehörnter Teufel vor ihnen aufgetaucht wäre, hätten sie wohl kaum daran gedacht, die Füße vom Tisch zu nehmen oder auch nur den Kaugummi von der rechten in die linke Backe zu schieben. Und trotzdem funktioniert die „Information" tadellos: der Sergeant hinter dem Fensterchen quakt seinerseits etwas ins Telefon und schon nach wenigen Minuten kommt ein amerikanischer Leutnant, der mich höflichst auffordert, ihm zu folgen.

Im Vorzimmer von General Clay blättert eine Sekretärin in einem bunten Journal. „Am Ende wird sie auch noch ihre Füße auf die Schreibmaschine legen!" denke ich und setze mich vorsorglich in sicherer Entfernung.

Wie ich noch überlege, ob ich schweigen oder mit der „Alliierten" ein Gespräch anfangen soll, stürzt aus der Tür, die zum Zimmer des Generals führt, ein langnasiger kleiner Soldat. Er rast wie ein Blitz durchs Zimmer und reißt, indem er der Sekretärin ein paar eilige Worte hinwirft, seine Mütze vom Nagel. „Das muß ein strenger General sein, wenn seine Soldaten sich so abhetzen", denke ich.

Der Soldat streckt mir seine Hand hin und läßt einen Redeschwall los, dem meine englischen Sprachkenntnisse entschieden nicht gewachsen sind. „General Clay", sagt die Stimme der Sekretärin erläuternd hinter meinem Rücken.

Ehe ich wieder zu mir komme, ist der General schon verschwunden. Eine Atombombe und kein General! Das einzige, was ich begriffen habe, ist „0-kay" und daß der entsprechende Befehl bereits erteilt sei. Und außerdem, daß es hier wirklich nicht so leicht ist, einen General von einem Soldaten zu unterscheiden. Die Soldaten räkeln sich, die Füße auf dem Tisch, in ihren Sesseln herum, während die Generale wie die Liftboys durch die Gegend rasen.

Dann erscheint in derselben Tür ein anderer Offizier und bittet mich ins Arbeitszimmer. Diesmal sehe ich mir vorsichtshalber gleich die Schulterstücke an. Wieder ein General. Ohne mir einen Stuhl anzubieten, aber auch ohne sich selbst zu setzen, hört der General mir mit kühler Sachlichkeit zu. Dann nickt er und geht hinaus.

Ich sehe mich um. Ein bescheidener Schreibtisch. Bescheidenes Schreibzeug. Ein dicker Packen Zeitungen. Ein Haufen Bleistifte, nichts überflüssiges. Ein Zimmer zum Arbeiten, nicht zum Grillenfangen. Als für General Schabalin ein seinem Rang entsprechender Schreibtisch gesucht wurde, hat man ganz Karlshorst und alle Beutelager auf den Kopf gestellt. Das Schreibzeug wurde speziell für ihn aus Dresden besorgt.

Wenig später kommt der General zurück und sagt mir, anscheinend auf Grund eines Telefongespräches, wann das Flugzeug bereitstehen wird. Ich habe mich auch später davon überzeugen können, daß dort, wo bei uns ein „Dokument" mit den Unterschriften von drei Generalen und noch zusätzliche Stempel verlangt werden, bei den Amerikanern ein ganz gewöhnliches Telefongespräch genügt.

Ich brauche nicht einmal die Liste der Sowjetdelegation vorzulegen. Hier wird alles familiär geregelt, ohne Liaison Service und ohne MWD-Kontrolle. Bei uns wäre so etwas undenkbar. Beiläufig überreicht mir der General einen Packen Informationsmaterial über den IG Farbenindustrie-Konzern, damit wir uns mit den künftigen Aufgaben der Konferenz vertraut machen können.

Am nächsten Morgen trifft die sowjetische Delegation, bestehend aus General Schabalin, Oberstleutnant Orlow, Major Kusnezow, mir und zwei Dolmetschern, auf dem Tempelhofer Flugplatz ein.

Der diensttuende Sergeant erklärt, er sei vollständig im Bilde und telefoniert dann lange mit verschiedenen Stellen; er bittet uns, etwas zu warten — unser Flugzeug werde etwas später starten. Anscheinend haben die Amerikaner bestimmte Gründe, unseren Abflug zu verzögern.

„Nun, was ist — wie lange werden wir hier noch warten?" sagt General Schabalin gereizt und blickt bald auf die Uhr, bald auf das betonierte weite Flugfeld.

In der Ferne rollen Flugzeuge langsam auf die Startbahn, aber keines von ihnen scheint die geringsten Anstalten zu machen, uns mitzunehmen. Der General flucht und wendet sich, da er nicht weiß, an wem er seine Wut auslassen soll, wieder an mich. „Was hat man Ihnen gestern denn eigentlich gesagt? Warum haben Sie sich keine schriftliche Bestätigung geben lassen?" Anscheinend ist General Schabalin fest überzeugt, daß ohne entsprechende schriftliche Bestätigung mit Stempel und Unterschrift Worte oder Versprechungen nicht den geringsten Wert haben. Nicht einmal die Worte eines amerikanischen Generals.

„Mir wurde völlig eindeutig erklärt", entgegne ich, „heute morgen 10 Uhr, Flugplatz Tempelhof. Es werde eine spezielle Maschine für uns bereitstehen und der Flugplatzkommandant sei unterrichtet".

Der General verschränkt die Hände auf dem Rücken, zieht seinen Kopf tiefer zwischen die Schultern und marschiert auf dem betonierten Weg vor dem Flugplatz-Verwaltungsgebäude auf und ab, ohne uns auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen.

Um irgendwie die Zeit totzuschlagen, fangen Major Kusnezow und ich an, den Flugplatz näher in Augenschein zu nehmen. Nicht weit von uns schlendert ein amerikanischer Soldat im Monteuranzug umher, wirft uns freundschaftlich neugierige Blicke zu und sucht offensichtlich nach einem Vorwand, mit uns ins Gespräch zu kommen. Er möchte sicher brennend gerne mit russischen Offizieren schwatzen, ihnen seine Souvenir-Kollektion zeigen, seinen vier-spracnigen Ausweis und überhaupt — den gesamten Inhalt seiner Taschen auspacken. In den ersten Tagen benahmen sich die amerikanischen Soldaten in Berlin den Russen gegenüber wie Kinder, die auf eine unerforschte Insel geraten sind und nun versuchen, mit den Wilden in freundschaftliches Einvernehmen zu kommen.

Eine stumpfnasige „Douglas" rollt jetzt zum Start, geschmückt mit seltsamen Zeichnungen, die an Abziehbilder erinnern. Während des Krieges kamen diese Transportmaschinen im Rahmen der Leih- und Pachtlieferungen massenweise in die Sowjetunion; jeder Russe kannte sie.

Der amerikanische Soldat lächelt, zeigt auf das Flugzeug und sagt: „S—47!"

Ich weise in dieselbe Richtung und erwidere belehrend „Douglas!". Der Soldat schüttelt verneinend den Kopf: „No, no... S—47. Sikorskij... Russian constructor..."

„Kann das wirklich eine Konstruktion Igor Sikorskijs sein, des Pioniers der russischen Luftschiffahrt im ersten Weltkrieg, des Erbauers der ersten mehrmotorigen Flugzeuge, Ilja Muromez'?" geht es mir durch den Kopf. Ich wußte, daß er gemeinsam mit Boris Sewerskij in Amerika auf dem Gebiet des Flugzeugbaues arbeitet, habe aber nie daran gedacht, daß die „Douglas" sein Werk sein könnte. Interessant, warum wohl die „Prawda" diesen Fall noch nicht zum Anlaß genommen hat, ein großes Geschrei zu erheben!

Der Soldat weist mit dem Finger erst auf die Uhr, dann in den Himmel. Er beschreibt mit der Hand anschaulich die Landung eines Flugzeuges und erklärt, indem er endlich mit dem Finger die Erde berührt — er scheint einige Übung in einer solchen Unterhaltungsmethode mit Russen zu haben — „General Eisenhower!" Und dann fügt er, als handle es sich um einen engvertrauten Kameraden, mit stoischer Ruhe hinzu: „0-kay!"

„Was, sollte tatsächlich General Eisenhower ankommen?" denke ich, „wahrscheinlich konnten wir deshalb auch noch nicht starten." Während wir uns mit dem Soldaten unterhalten, landet hinter uns ein Flugzeug, aus dem eine Gruppe fröhlicher älterer Herren wie eine Handvoll Erbsen herauskugelt. Wie eine losgelassene Kinderschar umringen sie lebhaft den verdatterten General Schabalin und fangen an, mit einer solchen Freude und Herzlichkeit seine Hände zu schütteln, als wären sie nur seinetwegen von jenseits des Ozeans herübergeflogen. Der General läßt sich von ihrer sorglosen Fröhlichkeit anstecken und drückt nun seinerseits nach links und rechts die entgegengestreckten Hände. Später stellt sich heraus, daß die Ankömmlinge General Schabalin versehentlich für Marschall Shukow gehalten haben.

Unterdessen hatte Oberstleutnant Orlow irgendwo herausgekriegt, daß diese lustigen alten Herren amerikanische Senatoren sind, die sich auf der Reise nach Moskau befinden. Kr flüstert es dem General ins Ohr, aber es ist schon zu spät. Der General hat mit den geschworensten Feinden der kommunistischen Ordnung bereits herzlichste Händedrücke gewechselt. Wahrscheinlich hat er später Angst, seine Hände würden verdorren.

Die fröhlichen Alten tragen einfache graue Mäntel, keineswegs nach dem letzten Schrei der Mode gearbeitet, und blankgewichste einfache schwarze Schuhe. In Rußland zeigten sich die Amerikaner gewöhnlich in Schuhen mit dreifacher Gummisohle. Diese hier würden aber in Moskau gar nicht als Ausländer auffallen. Nichts weiter als sympathische, gutaussehende ältere Herren. Allerdings gut erhalten, munter und lebensfroh. Ihre grauen, beinahe weißen Haare unterstreichen noch die gesunde rote Gesichtsfarbe. Nicht einfach ältere Herren, sondern wirksame Reklame einer Versicherungsgesellschaft.

Ringsumher schnappen die Verschlüsse von Fotoapparaten. Die Senatoren stellen sich mit dem größten Vergnügen in Positur, General Schabalin die Hände drückend. Der General hat zwar verteufelt wenig Lust, sich in so kompromittierender Gesellschaft fotografieren zu lassen, aber er muß gute Miene zum bösen Spiel machen. Er ist fest überzeugt, daß alle diese Fotos in die Archive der entsprechenden Auslands-Geheimdienste und infolgedessen auch in das Archiv des MWD gelangen werden — und dann werden die Scherereien kein Ende nehmen.

Nach überstandenem Fotoüberfall beginnt ein verdächtiger Handel. Der Schwärm der Umstehenden, in der Hauptsache amerikanisches Flugplatzpersonal, steckt den Senatoren neue Besatzungs-Banknoten zu. Aber mein neuer Bekannter, der Soldat von vorhin, zerstreut meinen Verdacht, es handele sich um offene Korruption von Vertretern des amerikanischen Senats. Mit siegessicherer Miene kommt er auf uns zu, ein knisterndes blau-rotes Papier schwenkend, das kreuz und quer mit Unterschriften bedeckt ist. Er prahlt mit seinen neuergatterten Trophäen und den Unterschriften Eisenhowers, Trumans, Marschall Shukows und vieler anderer berühmter Persönlichkeiten. Wie sich herausstellt, handelt es sich dabei um eine besondere Art des Autogrammsammelns. Da Tempelhof der Schnittpunkt aller großen Luftverkehrsverbindungen ist, fällt den Autogrammjägern hier immer reiche Beute in die Hände.

Vor kurzem erst ist die Potsdamer Konferenz der Großen Drei zu Ende gegangen. Interessant, ob jemand eine Unterschrift von Stalin ergattert hat? Kaum anzunehmen! Im übrigen ist Stalin ja gar nicht in Tempelhof gewesen. Er verherrlicht zwar die Luftfahrt, wo es nur angeht, hat sich aber selbst noch kein einziges Mal einem Flugzeug anvertraut.

Etwas abseits fragt Major Kusnezow ungläubig den Oberstleutnant Orlow: „Wie ist das — sind das wahrhaftig Senatoren?"

„Ja. Und noch dazu die verbissensten — die politische Kommission des Senats", antwortet Orlow.

„Die sehen aber gar nicht nach Kapitalisten aus", zweifelt Kusnezow noch immer.

„Ja, aussehen tun sie recht harmlos, aber in ihren Taschen stecken Millionen. Sie sind die reinsten Haifische!" entgegnet Orlow — anscheinend hält er es für eine Todsünde, Geld in der Tasche zu haben. Oberstleutnant Orlow ist durch und durch Parteimann; er wird nie auch nur einen Millimeter breit von der Parteilinie abweichen. „Sie sind doch im Grunde die Herren Amerikas und benehmen sich so frei und ungezwungen. Wenn einer von unseren Ministern..." Kusnezows Überlegungen werden dadurch unterbrochen, daß eine Kolonne geschlossener Limousinen durch das Eingangstor zum Flugplatz direkt auf uns zurollt. Eine Gruppe sowjetischer Offiziere steigt aus den Wagen. Die goldenen Schnüre an den Mützen und die roten Paspelierungen an den Mänteln lassen erkennen, daß es Generale sind.

„Nun geraten wir in das richtige Affentheater", brummt Kusnezow, „das ist ja Marschall Shukow mit seinem gesamten Stab. Schlagen wir uns lieber seitwärts in die Büsche."

General Schabalin scheint der gleichen Meinung zu sein. Er ist zu dieser Vorstellung nicht gebeten worden. Und bei Marschall Shukow ungebetener Gast zu sein — das ist eine ziemlich heikle Situation. Aber seine Generalsuniform verbietet es ihm, sich gleich uns hinter den Rücken anderer Leute unsichtbar zu machen.

Hier erweisen sich die lebenssprühenden Alten aus Amerika als Retter in der Not. Mit ungezwungenem „Hallo!", freundschaftlichem Händeschütteln und Rückenklopfen überwinden sie im Handumdrehen die Förmlichkeit des ersten Zusammentreffens und schaffen eine zwanglose, freundschaftliche Atmosphäre. Da muß selbst der hartgesottenste Melancholiker ein freundliches Lächeln aufsetzen und „hallo" brüllen wie ein echter Broadway-Yankee.

„Das sind mir Senatoren!" begeistert sich Kusnezow, „klatschen in die Hände wie auf dem Jahrmarkt. Als hätten sie ihr Lebtag Pferdehandel betrieben. Nette Kerle!" Er leckt sich die Lippen, als hätte er mit den Senatoren gerade erst Bruderschaft getrunken.

Marschall Shukow, mittelgroß, untersetzt, mit stark vorspringendem energischem Kinn, kleidet und benimmt sich außerordentlich einfach. Er achtet kaum auf die eilige Geschäftigkeit ringsumher, sondern scheint darauf zu warten, daß man endlich zur Sache übergeht. Im Gegensatz zu vielen Sowjetgeneralen, die ihre Karriere dem Krieg verdanken, gibt er durch sein ganzes Gebaren eindeutig zu verstehen, daß er nichts anderes sein will als nur Soldat. Während des Krieges saßen ihm bei den Lagebesprechungen die Kraftausdrücke recht locker auf der Zunge und er scheute sich nicht, auch den Generalen gelegentlich kräftige Maulschellen zu verabreichen. Er pflegte in solchen Fällen zu erklären, daß ihm das Leben von tausend Soldaten mehr wert sei, als der Zahn eines Generals. Sehr charakteristisch war es, daß er ganz ohne Unterstützung der offiziellen Kreml-Propaganda im ganzen Lande als zweiter Kutusow anerkannt wurde, als Retter des Vaterlandes im Zweiten Vaterländischen Krieg.

Der Flugplatz belebt sich immer mehr. Abteilungen der Militärpolizei in Paradeuniformen marschieren auf. Das diensttuende Personal eilt geschäftig hin und her. In der Nähe hat ein Ehrenbataillon Aufstellung genommen.

Lautlos landet eine viermotorige Maschine. Die Autogrammjäger erleben eine Enttäuschung. Schnell und unauffällig hat eine doppelte Postenkette die Landestelle abgesperrt.

Major Kusnezow blickt sich um und sagt: „Saubere Arbeit. Schau Dir mal diese Halsabschneider an. Die hat man wohl direkt aus den Gangsterbanden zur Armee einberufen."

Die erste Kette aus kräftigen Militärpolizisten bietet tatsächlich einen eindrucksvollen Anblick. Die Männer sehen recht finster aus, obwohl sie glattrasiert sind. Auch die zweite Kette scheint aus Boxern und Cowboys in Militäruniform zu bestehen, nur mit dem Unterschied, daß sie auf Motorrädern sitzen, die bedeutend mehr Krach machen als die Flugzeuge.

„Solche Soldaten gefallen mir", bemerkt Kusnezow nachdenklich, „denen wird man nicht so leicht an den Karren fahren."

Das Ehrenbataillon hat angefangen, seltsame Übungen zu machen. Die Soldaten heben die Arme in Schulterhöhe und zerstreuen sich in alle vier Himmelsrichtungen, wie Sportler auf einem Sportplatz. Für unsere Begriffe ziemlich ungeschickt und unmilitärisch.

„Das riecht irgendwie nach Operette", wendet sich Kusnezow an Oberstleutnant Orlow, „wozu drehen die sich da herum?"

Der Oberstleutnant winkt nur verächtlich mit der Hand ab: „Wie die Senatoren, so die Soldaten. Schokoladensoldaten. Wenn die einmal Schwarzbrot essen, werden sie krank."

„Seit wann bist Du denn in Schwarzbrot verliebt?" fragt Kusnezow spöttisch, „oder bist Du bloß wie üblich, um das Wohl Deiner Mitmenschen besorgt?"

Orlow überhört die Frage geflissentlich. Er gehört unserer Delegation als juristischer Sachverständiger an. Im übrigen ist er Staatsanwalt beim Militärgerichtshof und weiß deshalb sehr gut, was für Folgen allzu offenherzige Unterhaltungen und überhaupt zu vieles Reden haben können.

General Eisenhower, im Soldatenrock und mit dem üblichen breiten Lächeln auf dem Gesicht, begrüßt Marschall Shukow. Die großen Männer sind im Leben immer einfacher als auf den Bildern in Zeitungen und Zeitschriften. Eisenhower gibt ein paar Autogramme, erkundigt sich dann, wo man hier essen könne und fordert Shukow auf, mit ihm zu frühstücken.

„Na also. Die Generale haben sich zurückgezogen, um Kalorien zu sich zu nehmen, und für uns haben wohl die Stühle nicht mehr gereicht", resümiert Kusnezow. „Alles was Recht ist — wir haben am längsten auf Eisenhower gewartet." Er blickt zum Restaurant hinüber und besänftigt sich selbst: „Immerhin hat er uns die Hand gereicht. Unser General wird sich jetzt wahrscheinlich die Hand mit Karbol waschen. In was für eine Suppe ist der Arme heute bloß geraten."

Kaum haben sich die hohen Gäste entfernt, als der Dispatcher meldet, daß unsere Maschine startbereit ist. Jetzt ist uns klargeworden, warum wir so lange warten mußten.

Ein Mann in der Uniform eines amerikanischen Brigadegenerals wendet sich in reinstem Russisch an General Schabalin. Anscheinend hat er erfahren, daß wir nach Frankfurt fliegen und bietet uns nun seine Dienste an. Der Amerikaner spricht sozusagen ein besseres Russisch als wir. Er hat Rußland vor dreißig Jahren verlassen und spricht genau so, wie es in den aristokratischen Kreisen des alten Rußland üblich war. Unsere Sprache dagegen hat sich dem Umbruch der sozialen Lebensordnung in Sowjetrußland entsprechend verändert, sie ist verunreinigt durch Jargonausdrücke und durchsetzt von einer Menge neuer Wortbildungen. Der Amerikaner spricht in der konservierten Sprache eines toten Rußland. Wir glauben, den leisen Geruch von Parfüm und Naphtalin zu spüren. Interessant, was für einen Geruch er wahrgenommen hat?!

Ich weiß nicht, warum Eisenhower und Shukow nach Moskau flogen. Die sowjetischen Zeitungen brachten jedenfalls kein offizielles Kommunique. Als ich eine Woche später in General Schabalins Arbeitszimmer war, fragte er, nachdem ich meinen Bericht beendet hatte: „Wissen Sie, warum Eisenhower nach Moskau flog?"

„Wahrscheinlich als Ehrengast zur Parade", antwortete ich.

„Bei uns versteht man was von Gastfreundschaft", sagte der General, „man bewirtete Eisenhower mit einem so guten Wodka, daß er die ganze Nacht hindurch Lieder sang. Arm in Arm mit Budjennyj. In solchen Fällen wird Budjennyj immer als Dekorationsstück vorgeschoben."

Dann legte er den Finger warnend an die Lippen. Das war anscheinend alles, was der General über den Moskauer Besuch Eisenhowers wußte.

Diese kleinen Episoden lassen erkennen, in welcher Lage sich der stellvertretende Chef der SMA befand — er war nichts anderes als ein Laufbursche und erfuhr nur gerüchtweise, was sich „oben" tut.

***

Ein amerikanischer Offizier tritt auf den Chefadjutanten zu. Sein Krätzchen steckt in der hinteren Hosentasche. Er erweist die Ehrenbezeigung, indem er die Hand schwungvoll an den unbedeckten Kopf reißt. Dann stellt er sich in reinstem Russisch vor: „John Jablokow, Hauptmann der amerikanischen Armee!"

Major Kusnezow ist ein außergewöhnlich intelligenter Mensch, was ihn aber nicht hindert, ein lustiger Bruder und großer Spaßvogel zu sein. Er begrüßt den Amerikaner, indem er auffällig nach dem aus der Hosentasche herausragenden Krätzchen schielt: „Seien Sie gegrüßt, John Iwanowitsch! How do you do?"

Der amerikanische John Iwanowitsch scheint kein heuriger Hase zu sein. Er läßt sich durch das spöttische Lächeln des Majors kein bißchen aus der Ruhe bringen. „Ich weiß — bei Ihnen pflegt man in so einem Fall zu sagen:, K pustoj golowe ruku ne prikladywaj (Russische Redensart: „An einen leeren /= bloßen/ Kopf legt man keine Hand zum Gruße an"). Bei uns ist das anders."

Später stellte sich heraus, daß John Jablokow wirklich eine Seele von Mensch war. Entweder um uns ein Vergnügen zu bereiten oder um zu beweisen, daß er, obwohl Amerikaner, doch ein fortschrittlicher Mensch sei, beglückte er unsere Ohren mit einer solchen Flut russischer Mutterflüche, daß sie sicher imstande gewesen wären, das Empire State Building unter sich zu begraben. Er fluchte so glatt und reibungslos wie ein guter Prediger das Evangelium liest.

Aber das kam erst später. Heute ist Hauptmann Jablokow im offiziellen Auftrag erschienen, um General Schabalin die Einladung zur ersten Organisationsbesprechung des Wirtschaftsdirektorats im Kontrollrat zu übermitteln. General Schabalin dreht die in englischer Sprache abgefaßte Einladung mit der Tagesordnung zwischen den Fingern. Bemüht, nicht zu zeigen, daß das für ihn chinesische Hieroglyphen sind, fragte er: „Nun, was gibts bei Ihnen Neues?"

Der andere amerikanische Offizier, der sich in Begleitung Hauptmann Jablokows befindet, antwortet russisch: „Unser Chef, General Draper, gibt sich die Ehre, Sie zu einem..." Der Amerikaner scheint sich in der Terminologie von Konferenzen am roten Tisch nicht allzu gut auszukennen. Er denkt ein wenig nach, sucht nach dem passenden Ausdruck und benutzt schließlich den, der in der Einladung steht: „Meeting". „Äh... zu einem Meeting einzuladen, Herr General."

Nun sitzt der General wieder fest im Sattel. Die englische Sprache kennt er nicht, dafür aber umso besser die stalinsche Terminologie. Er sieht die Amerikaner mit einem Blick an, wie er weiland als Sekretär des Partei-Gebietskomitees die untergeordneten Parteifunktionäre betrachtet hat, und erklärt in belehrendem Ton: „Man muß arbeiten, und nicht Meetings abhalten."

Das ist eine stehende stalinsche Redensart, die seinerzeit allen Parteifunktionären als Knute diente; hier allerdings klingt sie etwas plump. Aber der General handelt nach dem Leitsatz, daß zuviel Butter noch keinen Brei verdorben hat und daß Stalins Worte nicht oft genug wiederholt werden können.

Ich sitze in einer Ecke und amüsiere mich königlich. Gleich wird der General anfangen, den Amerikanern einen Vortrag über Parteischulung zu halten. Der General hält sich, wie das im Verkehr mit Ausländern allgemein üblich ist, an das ungeschriebene Gesetz, niemals einem Übersetzer zu vertrauen und immer Kreuzverhörmethoden anzuwenden. Um so mehr, wenn der Übersetzer dem gegnerischen Lager angehört. Ich muß immer beiläufig acht geben, ob die Amerikaner nicht irgendwelche bösen Absichten verfolgen.

Der General hat sich derart in die Rolle des Parteivertreters hineingesteigert, daß er die Amerikaner zu überzeugen sucht, er habe grundsätzlich nicht die Absicht, Meetings zu besuchen, sondern vielmehr zu arbeiten. Während die Amerikaner eifrig bemüht sind, dem General auseinanderzusetzen, was man unter „Meeting" versteht, versuche auch ich, die Situation zu bereinigen. Der General liebt es nicht, wenn man ihm souffliert, hinterher aber brummt er: „Warum haben Sie denn Ihren Mund nicht aufgemacht?" Ich bemerke also taktvoll: „Das macht nichts, Genösse General. Die werden ihr Meeting abhalten und wir werden arbeiten."

Nachdem eine Reihe zweitrangiger Fragen geregelt ist, setzen sich die Amerikaner in ihren olivgrünen „Chevrolet" und fahren nach Hause. Major Kusnezow bemerkt: „Allerhand, wie sie russisch schwatzen. Aber die Schnurrbärtchen — wie Douglas Fairbanks." Der General ruft ihn zur Ordnung: „Denen sieht man es gleich an, was sie für Vögel sind. Die Bürschchen kommen mir chinesisch vor. Spione!"

Wenngleich schwerbeschäftigt, ist der General Schabalin doch außerordentlich gut über die Personalien seiner künftigen Kollegen orientiert. Tatsächlich erzählte mir Hauptmann Jablokow eines Tages im Laufe einer Unterhaltung mit größter Offenherzigkeit, daß er früher im amerikanischen Geheimdienst in China gearbeitet habe. Für ihn ist das keineswegs die Enthüllung eines Dienstgeheimnisses. Für einen sowjetischen Offizier allerdings hätte die Erwähnung einer solchen Sache ein schweres Dienstverbrechen bedeutet.

Ein paar Tage darauf fahren wir zur Konferenz des Kontrollrates, in der festen Absicht, zu arbeiten und nicht zu tagen. Haltet nur die Ohren steif, verehrte Verbündete!

Der Alliierte Kontrollrat befindet sich im Gebäude des ehemaligen Justizpalastes in der Elsholzstraße. Der Konferenzsaal ist beinahe leer. Die Delegationsmitglieder fangen gerade erst an, sich zu versammeln. Ich fürchte wahrhaftig, daß ich mich blamieren werde — wir haben keine Dolmetscher dabei, und mein Englisch ist reichlich schwach. Als ich es vorsichtig erwähne, erklärt der General kurz: „Sie müssen damit fertig werden!"

Wieder eine Parteilosung, aber mir wird davon nicht leichter. Bis zum Beginn der Sitzung ist die deutsche Sprache, die für die Alliierten zu einer Art Esperanto geworden ist, das Verständigungsmittel. Alle, ohne Ausnahme, können mehr oder weniger gut Deutsch.

Als der General bemerkt, daß ich mich mit Franzosen und Engländern deutsch unterhalte, wirft er im Vorbeigehen giftig hin: „Warten Sie nur, Major, ich werde Ihnen das Simulieren schon abgewöhnen. Märchen haben Sie mir erzählt — Sie und kein Englisch! Sogar mit den Franzosen schwatzen Sie drauflos; mir haben Sie kein Wort davon gesagt, daß Sie auch Französisch können." Es wäre nutzlos, mich zu verteidigen. Jetzt wird der General mich wahrscheinlich in die Ecke setzen, damit ich auch noch die französischen Dolmetscher kontrolliere.

Auch das ist ein Erbe der Parteipraxis des Generals. In der Sowjetunion kommt es häufig vor, daß Spezialisten und Fachleute sich vor verantwortungsvollen Posten drücken. Begabte Ingenieure, ehemalige Direktoren großer Trusts und Kombinate, gehen als „technische Leiter" in irgendeinen kleinen Betrieb, ein Invalidenartel „Daunen und Federn" oder dergleichen, in dem vielleicht nur fünf oder sechs Arbeiter angestellt sind. Da sind wenigstens die Chancen geringer, als „Saboteur" hinter Schloß und Riegel zu geraten, denken sie, und verbergen ihre Fähigkeiten und ihre Diplome. Die Parteifunktionäre wissen das und machen auf die „Simulanten" Jagd. Man kann auf diese Weise noch Pech haben — als „passiver Saboteur".

Ich atme erleichtert auf, als ich feststelle, daß die amerikanische und englische Delegation ausgezeichnete russische Dolmetscher hat.

Ein weiteres hemmendes Problem war für mich meine äußere Erscheinung. Ich sah aus, als hätte ich die Strecke von Stalingrad bis Berlin auf dem Bauch kriechend zurückgelegt. Meine Uniform, in allen Flüssen Rußlands und Europas gewaschenes Frontzeug, war bis zu völliger Farblosigkeit ausgeblichen; dazu trug ich einfache Soldatenstiefel. Vor der Abfahrt zur Konferenz hatte mich General Schabalin von oben bis unten kritisch betrachtet und durch die Zähne gepfiffen: „Schlimmere Lumpen haben Sie wohl nicht auftreiben können?" Wir verstanden uns. Er wußte genau, daß ich meine guten Sachen als eiserne Reserve zu Hause gelassen hatte.

Viele von uns stellten sich auf den Standpunkt: einerseits ist die Armee kein Theater und andererseits laufen zu Hause die Kinder nackt herum. Einer hat ein Schwesterchen, ein anderer eine kleine Nichte. Denen kann man aus den Uniformen warme Kleidchen oder Höschen machen — die Kinder werden sich riesig freuen. „Onkel Grischa hat in dieser Uniform gekämpft!" und die Kleinen zeigen voller Stolz die Löcher, die die Ordensschnallen hinterlassen haben. So hatte auch ich einige komplette Uniformen in Moskau zurückgelassen und angezogen, was nicht zu schade war. In Berlin erhält man sowieso die sogenannte „Auslands-Equipierung". Ich hatte mich nur insofern etwas verrechnet, als ich schon an den Kontrollratssitzungen teilnehmen mußte, ehe die neue Ausrüstung angekommen war.

Ich stehe am Fenster und unterhalte mich mit dem Chef der französischen Delegation, General Sergent. Wir reden über völlig belanglose Dinge, wobei ich vorsichtshalber versuche, das Thema Wetter nicht zu schnell auszuschöpfen, eingedenk der strengen Gebote General Schabalins. Wenn ich seine Befehle auch nicht ganz ernst nehme, muß ich doch feststellen, daß er dauernd auf die Bewegungen meiner Lippen achtet. Da ist es schon besser, vorsichtig zu sein. Vielleicht ist dieser Franzose im Herzen Kommunist? Oder er wird in aller Harmlosigkeit unser Gespräch weitererzählen und es wird letzten Endes bis zu... Ich weiß zu gut aus eigener Erfahrung, wie genau unser Geheimdienst über alles informiert ist, was sich bei den Alliierten tut.

General Sergent ist ein echter Vertreter seines Landes. Äußerlich erinnert er irgendwie an General de Gaulle — ob das nun an seinem hohen Wuchs liegt oder an der gleichen Uniform. Seine Höflichkeit und sein Taktgefühl machen mein Mißtrauen überflüssig. Die Unterhaltung geht nicht über die üblichen liebenswürdigen Phrasen hinaus. Wir bieten uns gegenseitig Zigaretten an, wobei ich feststelle, daß die französischen Zigaretten nicht ein bißchen besser sind als die deutschen, die wir rauchen. Möge General Sergent mir diesen unpatriotischen Vergleich verzeihen! Auf jeden Fall stimmen wir beide darin überein, daß man um des Sieges willen gerne auf gute Zigaretten verzichten kann.

Ein anderer Konferenzteilnehmer kommt auf uns zu und begrüßt uns. Ich sehe ein junges Gesicht und eine Hornbrille. Weiter sehe ich vorerst nichts, aber ich fühle, daß da irgend etwas nicht stimmt. Als unser neuer Bekannter, Hauptmann seines Zeichens, zu einer anderen Gruppe hinübergeht, schaue ich mir ihn etwas genauer an. Seine Toilette beginnt mit einem blauen Barett und rotem Pompon obenauf. Es folgt ein Unifonnrock mit normalen bunten Paspelierungen und Ordensschleifen. Das weitere wird aber schon etwas sonderbar — auf dem Bauch des braven Offiziers hängt an einem Lederriemen eine Tasche mit solidem Messingschloß, wie sie die Straßenbahnschaffner tragen. In demselben Augenblick zieht der Hauptmann aus dieser Tasche mit kaltblütiger Selbstverständlichkeit eine Pfeife hervor, stopft sie mit Tabak, den er dem gleichen Versteck entnimmt, und steckt sie an.

Und weiter... ja, weiter nimmt die Sache, wie es in den Anekdoten heißt, eine pikante Wendung. Die männlichen Lenden des Hauptmanns stecken in einem wundervollen, bunten, warmen und weichen — karrierten Röckchen. Als Junge träumte ich von einem Cowboy-Hemd aus solchem Stoff. Der Hauptmann hat seine Orden nicht umsonst verdient. Man muß schon überdurchschnittlichen Mut und echt schottische Kaltblütigkeit haben, um im Jahre 1945 in diesem Aufzug durch Berlin zu flanieren.

Bis zum heutigen Tag beschäftigt mich die Frage, wie wohl der Hauptmann das Problem der Unterwäsche gelöst hat? Damals dachte ich nur teilnahmsvoll: „Der arme Kerl friert sicher jämmerlich, wenn der Wind mal richtig weht...

Unter dem Rock des Hauptmanns kommen behaarte nackte Knie zum Vorschein. Seine Waden stecken in bunten Wollstrümpfen, die oben mit roten Bändchen gebunden sind. Den Stützpunkt dieser ethnographischen Erscheinung bilden normale Armeestiefel. All diese Dinge hindern den schottischen Hauptmann aber keineswegs daran, ein umsichtiger Berater des Hauptes der englischen Delegation, Sir Percy Mills, zu sein.

Punkt 10 Uhr beginnt die Konferenz. Nach Erledigung der einzelnen Punkte der Tagesordnung, die sich auf die Arbeit des Wirtschaftsdirektorats, auf die Sitzungstermine und die Reihenfolge des Vorsitzes beziehen und keinerlei Gegensätze hervorrufen, geht man zur Aufstellung der Tagesordnung für die nächste Sitzung über. Der Chef der amerikanischen Delegation, der turnusmäßig auf der ersten Sitzung den Vorsitz führt, stellt den Antrag, als ersten Punkt der Tagesordnung die „Ausarbeitung richtunggebender Grundsätze zur wirtschaftlichen Entmilitarisierung Deutschlands" aufzunehmen.

Vor einer Woche ist die Potsdamer Konferenz zu Ende gegangen, auf der beschlossen wurde, Deutschland wirtschaftlich zu entmilitarisieren, die Wiederauferstehung der Militärmacht Deutschlands unmöglich zu machen und ein friedensmäßiges wirtschaftliches Potential festzusetzen. Die Durchführung dieses Beschlusses wurde dem alliierten Kontrollrat in Deutschland übertragen. Die Dolmetscher übersetzen: „Ausarbeitung der Politik der wirtschaftlichen Demobilisierung." Wieder einmal ein linguistischer Grenzfall. Im englischen Text heißt es: „politics". Die Dolmetscher übersetzen wörtlich ins Russische „Politik", obwohl dieses Wort im Englischen einen viel umfassenderen Sinn hat und im gegebenen Fall dem russischen Ausdruck „leitende Grundsätze" weit eher entspricht.

General Schabalin springt bei dem Wort „Politik" wie gestochen in die Höhe. „Was für Politik? Alle politischen Fragen wurden auf der Potsdamer Konferenz erledigt!"

Der amerikanische Direktor, General Draper, pflichtet bei: „Ganz richtig — es wurde alles erledigt. Unsere Aufgabe ist es lediglich, diese Beschlüsse in die Tat umzusetzen und zu diesem Zweck die leitenden Grundsätze festzulegen."

Die Dolmetscher, sowohl der amerikanische als auch der englische, übersetzen wieder mit vereinten Kräften:... „politics".

General Schabalin widerspricht kategorisch: „Nichts von Politik. Das ist erledigt. Ich bitte, keinen Druck auf mich auszuüben!" „Aber das hat doch nichts mit Politik zu tun", versuchen die Dolmetscher den General zu beruhigen, „das ist — politics."

„Ics oder Ik, ich sehe keinen Unterschied", widersetzt sich der General. „Ich habe nicht die Absicht, die Potsdamer Konferenz zu revidieren. Wir sind hier, um zu arbeiten, und nicht um Meetings abzuhalten."

Im Anschluß daran entwickelt sich die erste stundenlange Schlacht am runden Tisch. Einzig und allein wegen des verzwickten Wortes „politics", das General Schabalin unter keinen Umständen in die Tagesordnung und in die Sitzungsprotokolle aufgenommen sehen will.

In den Wirtschaftskreisen des SMA-Hauptquartiers hört man oft, daß der Kreml die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz als den größten Sieg der Sowjetdiplomatie bewertet. Die Moskauer Instruktionen betonen das bei jeder Gelegenheit. Auf der Potsdamer Konferenz gelang es den sowjetischen Diplomaten, von den westlichen Verbündeten Zugeständnisse zu bekommen, die sie selbst nicht erwartet hatten. Vielleicht trug der erste Siegesrausch und der ehrliche Wunsch der westlichen Alliierten dazu bei, Rußland für die heldenhaften Anstrengungen und die ungeheuren Opfer des Krieges zu entschädigen. Vielleicht auch der Umstand, daß neue Männer an der Konferenz teilnahmen — Präsident Truman und Premierminister Attlee — die die Methoden der sowjetischen Diplomatie noch nicht genügend kennengelernt hatten.

Das Potsdamer Abkommen gab der Sowjetunion praktisch das Verfügungsrecht über Deutschland. Einige Punkte des Abkommens, die sehr fein formuliert waren, erlaubten in der Folge, dort, wo es erforderlich schien, verschiedene Auslegungen. Aufgabe der SMA war es nun, die Kunst der Sowjetdiplomatie erschöpfend auszuwerten. „Nichts von Politik!" verteidigt sich General Schabalin wie ein Bär vor dem Angriff des Wurfspeers. Ihm schwebt anscheinend der Zusatz auf der Zunge: „Ihr wollt mich wohl nach Sibirien treiben?" Hier findet die Gewohnheit selbst der höchsten sowjetischen Beamten ihren Ausdruck, nichts auf eigene Verantwortung und auf eigenes Risiko zu tun. Mögen die anderen entscheiden — ich führe bloß aus... Das ist der Grund, weshalb alle Entscheidungen ganz von oben herkommen.

In der Folge konnte ich mich davon überzeugen, daß die amerikanische oder englische Delegation ihre Entschlüsse im Verlauf der Verhandlungen ändern konnten. Die sowjetische Delegation dagegen kam und ging immer mit im voraus gefaßten Beschlüssen oder bestenfalls mit einem roten Fragezeichen auf dem betreffenden Schriftstück, das der General in einer roten Aktentasche trug, die er nie aus den Händen ließ. Seine Funktion bei den Sitzungen des Kontrollrats war eher die eines Kuriers als die eines Verhandlungspartners. Eine aufgeworfene Frage wurde niemals am selben Tag entschieden, sie wurde immer nur behandelt. Nachts ging im Arbeitszimmer des Generals hinter den filzbeschlagenen Türen die „Wertuschka", die direkte Telefonleitung nach Moskau. Gewöhnlich befand sich Anastas Mikojan am anderen Ende der Leitung, Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees und Außerordentlicher Bevollmächtigter des Ministerrats der UdSSR für Deutschland — praktisch der Vizekönig des Kreml für Deutschland. Hier wurden die Beschlüsse gefaßt oder, richtiger gesagt, die Befehle entgegengenommen, an denen sich später die Delegationen der Alliierten die Zähne ausbissen.

Während die Schlacht um die unglückseligen „politics" in vollem Gange ist, gehen mir allerhand Gedanken durch den Kopf. Solange ich in Rußland war, kam ich nie auf die Idee, darüber nachzudenken, wer ich eigentlich sei. Hier aber fühle ich mich ganz als Russe. Daran ist das spezifische Gewicht der Sowjetdelegation Schuld, das sie auf dieser Konferenz hat. Und dieses ist das Ergebnis des Heldenmuts und des Aufopferungswillens der russischen Soldaten. Wahrlich ein Grund, stolz zu sein!

Selbstverständlich ist Politik immer Politik. Man darf sich da keinen Illusionen hingeben. An jedem beliebigen anderen Tisch mögen meine ausländischen Kollegen die prächtigsten Burschen und Gesprächspartner sein; am Konferenztisch jedoch darf ich nie vergessen, daß ich Russe bin. Aber zum Teufel, es stimmt ja weder das eine noch das andere. An einem „anderen" Tisch soll ich ja mit ihnen gar nicht verkehren und am Konferenztisch — ja, was bin ich denn, zum Kuckuck noch einmal, für ein Russe, wenn ich doch Kommunist sein soll. Bin Kommunist kennt kein Vaterland. Jeder hier an diesem runden Tisch verteidigt die Interessen seiner Nation, seines Staates. Für „sie" bedeuten diese beiden Begriffe ein und dasselbe. Für uns aber...

Schon bei den ersten Begegnungen mit den Alliierten springt ein großer Unterschied in die Augen. Sie empfangen uns wie verdienstvolle Krieger und aufrichtige Verbündete in Krieg und Frieden. Sie betrachten die Sache vom nationalen Standpunkt aus. Zwischen uns bestehen keine nationalen Interessengegensätze oder Widersprüche, weder im gegenwärtigen Augenblick, noch in naher Zukunft. Sie nehmen an, daß diese einfache Tatsache uns ebenso klar sein muß wie ihnen,

Wir hingegen empfinden die „Alliierten" als Gegenseite, als Feinde, mit denen wir nur kraft taktischer Erwägungen gezwungen sind, an einem Tisch zu sitzen. Bei uns wird die Frage vom ideologischen Standpunkt aus gelöst. Die Alliierten glauben, Karl Marx und Lenin seien tot. Nein, ihr Schatten steht hinter uns in diesem Konferenzsaal des Alliierten Kontrollrats. Die Alliierten können das heute noch nicht begreifen. Das ist schlimm für sie.

Im übrigen vertreten die Mitglieder der Delegationen nicht nur die Interessen ihres Staates, sondern sind zudem außergewöhnlich typische Vertreter ihrer Nationen. Was natürlich nicht heißt, daß nun Dimitrij Schabalin Machorka raucht und William Draper Kaugummi kaut. Jedenfalls nicht während der Sitzungen.

Chef der amerikanischen Delegation, der amerikanische Direktor des Wirtschaftsdirektorates, ist General William Draper. Magere, sportliche Figur. Kantiges braunes Gesicht. Lebhaft und energisch. Wenn er lacht, leuchtet unter dem schwarzen Schnurrbärtchen das tadellose Weiß eines kräftigen Wolfsgebisses. Dem legt man die Finger besser nicht zwischen die Zähne! Er ist bei den Sitzungen tonangebend, selbst wenn er nicht den Vorsitz führt. Er strotzt von gesunder Energie, die jungen, selbstbewußten Nationen eigen ist. Ich weiß nicht, wieviele Millionen tatsächlich in William Drapers Taschen klimpern; ich weiß nur, daß General Schabalin mehr als einmal bemerkte: „A-a-ah! Millionär! Haifisch!" Interessant, von welchem Standpunkt er dabei ausging — von der kommunistischen Weltanschauung oder von den Ermittlungen unseres Geheimdienstes.

Chef der englischen Delegation und englischer Direktor des Wirtschaftsdirektorates ist Sir Percy Mills. Typischer Brite. Von ihm geht der Geruch von Nebel und Trafalgar-Square aus. Er trägt eine Soldatenuniform von grobem Tuch, ohne Rangabzeichen. Daraus, wie alle Anwesenden seine Meinung respektieren, erkennt man, daß er auf wirtschaftlichem Gebiet eine anerkannte Autorität sein muß. Nach den Ermittlungen General Schabalins ist er einer der Direktoren des größten englischen Industriekonzerns — Vickers, des englischen Krupp. Sir Percy Mills ist peinlichst glattrasiert. Wenn man dem Gerücht Glauben schenken will, daß die Engländer sich zweimal am Tage rasieren, dann trifft das jedenfalls in erster Linie auf Sir Percy Mills zu. Wenn er es einmal für nötig hält zu lächeln, dann geraten nur die schweren Falten um seinen Mund in Bewegung, während sich die Augen nach wie vor in Schriftstücke versenken und die Ohren aufmerksam den zahlreichen Beratern lauschen.

Großbritannien, in Gestalt Sir Percy Mills', arbeitet angestrengt, lauscht dabei aber sorgfältig auf die Stimme seines jungen Verbündeten und siegreichen Konkurrenten — Amerika.

Am Konferenztisch des Kontrollrats werden die Verschiebungen in der Weltgeltung der Großmächte deutlich sichtbar. Großbritannien hat seine Rolle ausgespielt. Geblieben ist nur England, das mit selbstbewußtem Stolz den Jüngeren und Stärkeren seinen Platz abtritt. Wie es sich für einen Gentleman gehört!

Frankreich. Abglanz all des Herrlichen, das jemals in der Kultur Europas zu finden war. Abglanz, aber auch nicht mehr. Nachfahren Bonapartes und Voltaires, Zeitgenossen Pierre Petains und Jean-Paul Sartres. Alles nur Vergangenheit. Der Existentialismus — eine Lehre, wie man sich über Wasser halten kann. Dem französischen Direktor des Wirtschaftsdirektorates, General Sergent, bleibt nichts Besseres zu tun, als in Erinnerung an die goldenen Tage Talleyrands auf möglichst taktvolle Weise zu lavieren, dem Westen keine allzu großen Zugeständnisse zu machen und den Osten nicht allzusehr vor den Kopf zu stoßen.

Der große östliche Verbündete ist vertreten durch den Sowjetgeneral Schabalin, dem das Wort „Politik" tödlichen Schrecken einjagt, und außerdem durch Major Klimow, der gleichzeitig die Pflichten eines Sekretärs, Dolmetschers und Beraters in allen Fragen zu erfüllen hat. Doch mit dem gleichen Erfolg hätte auf sowjetischer Seite ein einziger Mensch — der allergewöhnlichste Postbote vertreten sein können. Zu jener Zeit allerdings gab ich mich noch dem naiven Glauben hin, daß auf diesen Sitzungen tatsächlich irgend etwas gelöst und entschieden wird. Und wenn wir auch bis an die Zähne mit kommunistischer Theorie ausgerüstet waren, wurde mir doch recht ungemütlich, als ich sah, wieviele Mitglieder die übrigen Delegationen zählten und aus was für Leuten sie bestanden.

Im Westen nichts Neues. Mit vereinten Kräften bestehen die Alliierten auf der Formulierung „politics", während General Schabalin seit drei Stunden kategorisch wiederholt: „Nichts von Politik. Auf der Potsdamer Konferenz..." Zur Bekräftigung zieht er aus seiner Aktentasche eine Zeitung hervor und weist auf rotunterstrichene Stellen hin. Die westlichen Partner holen nun ihrerseits Zeitungen hervor und beginnen, die Texte zu vergleichen — vielleicht ist wirklich schon alles entschieden? Tatsächlich, es ist sehr interessant, einmal eine Sitzung des Kontrollrats mitzumachen — interessanter als eine Operettenaufführung. Allwöchentlich an ihnen teilzunehmen, ist aber gefährlich; man kann leicht an einer Zerrüttung des Nervensystems erkranken. Einen halben Tag lang schlagen sie sich um ein einziges Wort für die Tagesordnung der nächsten Sitzung!

Die Konferenzteilnehmer blicken immer häufiger unmißverständlich auf ihre Uhren. Der westeuropäische Magen ist an Pünktlichkeit gewöhnt. Endlich reißt auch General Schabalin die Geduld und er wettert: „Was will man eigentlich von mir — vergewaltigen? Ja?!" Die Dolmetscher beugen sich vor — ob sie sich auch nicht verhört haben. Dann fragen sie unsicher, da sie nicht wissen, ob das als Scherz oder als Ernst zu betrachten ist: „Sollen wir das wörtlich übersetzen?"

„Jawohl, wörtlich", antwortet der General hartnäckig.

Ich blicke aus den Augenwinkeln auf das reizende gemmenartige Profil der Sekretärin General Sergents. „Was wird wohl die Pariserin zu solcherart russischen Witzen sagen?" denke ich.

Sir Percy Mills versucht sich den Anschein zu geben, als fände er das alles äußerst lustig und verzieht seinen Mund zu einem Lächeln. General Draper steht auf und sagt: „Ich schlage vor, die Sitzung zu vertagen. Gehen wir essen!" Ob er nun tatsächlich hungrig geworden ist oder ob ihm die sowjetische Diplomatie Übelkeit verursachte, läßt sich schwer sagen. Alle atmen erleichtert auf, und damit ist die Sitzung zu Ende.

Wir sind als Sieger hervorgegangen. Eine ganze Woche haben wir gewonnen — das weitere wird sich schon finden. Heute nacht wird die „Wertuschka" General Schabalin die Möglichkeit geben, Genösse Mikojan zu fragen, ob man „Politik" auf die Tagesordnung setzen darf oder nicht.

Während wir tagen, sind das Sonderkomitee für Demontagen und die Abteilung für Reparationen mit General Sorin an der Spitze am Werk. Man wird die Alliierten einfach vor vollendete Tatsachen stellen, 0-kay! Letzten Endes schützt jeder doch seine eigenen Interessen.

***

Im Kontrollrat habe ich zum ersten Male Gelegenheit, unsere westlichen Alliierten persönlich kennenzulernen.

Während des Krieges habe ich, zuerst in Gorkij und später in Moskau, viele Amerikaner und Engländer getroffen, oder vielmehr gesehen. Dort hatte ich keinen offiziellen Vorwand für einen persönlichen Kontakt mit ihnen; ohne spezielle Erlaubnis des MWD ist aber in der Sowjetunion jede, selbst die harmloseste Bekanntschaft oder auch nur eine Unterhaltung mit einem Ausländer heller Wahnsinn. Es bestehen zwar keinerlei Verbote in dieser Richtung — jeder Sowjetbürger weiß jedoch ganz genau, welch üble Folgen ein solcher Leichtsinn nach sich ziehen kann. Man braucht einem Ausländer nur Feuer für seine Zigarette zu geben, um unverzüglich zum MWD vorgeladen und einem strengen Verhör unterzogen zu werden. Und das, wenns gut geht. Schlimmerenfalls verschwindet man als „Spion" in einem Lager des MWD und trägt dazu bei, die dortigen Arbeitsreserven aufzufüllen.

Um den Sowjetmenschen die Lust zu persönlichem Kontakt mit Ausländern zu nehmen, hat der Kreml die Legende in Umlauf gesetzt, alle Ausländer seien Spione und folglich sei jeder Sowjetbürger, der zu ihnen in Beziehung tritt, ebenfalls Spion. Das sei so sicher wie das Amen in der Kirche.

Eine der universellsten Errungenschaften des Sowjetregimes ist die zum Gesetz erhobene Gesetzlosigkeit und die sich daraus ergebende, ins Ungemessene gesteigerte, lähmende Furcht vor der „Macht". Jedermann ist in Angst eingehüllt. Dem Kreml dient sie als eines der wichtigsten Mittel zur Erziehung und Führung der Massen. Sie gehört gewissermaßen mit zum Bestand des Politbüros. Aber auch keiner der dreizehn superklugen Mitglieder des Politbüros ist frei von ihr.

Einmal macht Sir Percy Mills bei einer der üblichen fruchtlosen Debatten im Kontrollrat nach einem Blick auf die Uhr den Vorschlag, die Sitzung zu vertagen und lädt die Mitglieder der Delegation zu einem Mittagessen in seinem Hause ein.

General Schabalin setzt sich in den Wagen seines englischen Kollegen. Ich habe keinerlei Instruktionen bekommen, also setze ich mich auf den Platz des Generals und befehle Mischa, sich im Kielwasser des Wagens zu halten, in dem sich mein Chef befindet. Nach halbstündiger Fahrt hält die Autokolonne vor der Einfahrt einer Villa in einem Vorort Berlins.

Mit ziemlich unsicherem Gefühl betrete ich das Haus. Alle Gäste lassen ihre Kopfbedeckungen und Aktentaschen auf den Tischchen oder auf den Garderobenständern im Flur. Das Dienstmädchen nimmt mir die Mütze aus der Hand und streckt diensteifrig die Hand aus, um meine Aktentasche in Empfang zu nehmen. Meine Verwirrung wird immer größer. Ich trage die rote Aktentasche des Generals. Sie enthält nichts Besonderes — die Protokolle der letzten Sitzungen, die wir überdies von den Engländern zugeschickt bekamen. Im Auto kann ich sie nicht lassen, sie im Flur auf den Tisch zu legen, wie es die ändern tun, wäre ein Staatsverbrechen, — sie mit mir zu schleppen, sieht so dumm aus.

Endlich erlöst General Schabalin selbst mich aus der peinlichen Lage. Er kommt auf mich zu und sagt leise: „Was haben Sie hier zu suchen, Major? Gehen Sie und warten Sie im Wagen auf mich!"

Erleichtert gehe ich auf die Straße hinaus, setze mich in unser Auto und stecke eine Zigarette an. Nach wenigen Minuten taucht ein englischer Hauptmann, der Adjutant Sir Percy Mills', in der Tür der Villa auf und bittet mich hinein. Ich versuche mich herauszureden, erkläre, ich hätte keinen Appetit, aber der Hauptmann blickt mich so verständnislos an, daß mir schließlich nichts anderes übrig bleibt, als ihm zu folgen.

Als ich die Halle betrete, in der sich die Gäste in Erwartung des Essens niedergelassen haben, wirft mir der General einen schrägen Blick zu, sagt aber kein Wort. Wie sich herausstellte, hatte der Hausherr sein Einverständnis erbeten, seinen Adjutanten nach mir schicken zu dürfen. Nicht umsonst werden die Engländer als die taktvollsten Menschen der Welt gerühmt.

Die rote Aktenmappe übergebe ich dem General. Von allen albernen Möglichkeiten erscheint mir diese als die harmloseste. Soll er sich selbst damit amüsieren, wenn er mich schon zwingt, eine solche Komödie aufzuführen.

Ich stehe am riesigen venezianischen Fenster, das den Blick auf den Garten freigibt und unterhalte mich mit Brigadier Bader. Der Brigadier ist ein Kolonialwolf von reinstem Wasser. Farblose, von der Sonne ausgeblichene Haare und Augenbrauen, hellgraue, lebhafte Augen unter ausgeblichenen Wimpern, von der Tropensonne ausgedörrte Haut. Nach der liebenswürdigen Schilderung General Schabalins ist er nichts Geringeres als einer der gewiegtesten internationalen Spione. Und so habe ich also die Ehre, mit einer hervorragenden Persönlichkeit zu plaudern. Die Unterhaltung wird in englisch-deutschem Jargon geführt.

„Wie gefällt es Ihnen in Deutschland?" fragt der Brigadier.

„Oh, nicht schlecht!" antworte ich.

„Alles kaputt", fährt der Brigadier fort.

„Ja, ja. Ganz kaputt!" bekräftige ich.

Nach Erledigung der deutschen Probleme gehen wir zu anderen über. Da der Sommer 1945 außergewöhnlich heiß ist, frage ich: „Kommt es Ihnen hier nach dem englischen Klima nicht sehr heiß vor?"

„Oh, nein, ich bin Hitze gewöhnt", lächelt der Brigadier, „ich habe viele Jahre in den Kolonien zugebracht — in Afrika und Indien." Ich vermeide es sorgfältig, mein Gegenüber direkt anzureden. Wie soll ich ihn titulieren? Herr — das ist irgendwie peinlich. Mister — klingt in unseren Ohren wie ein Schimpfwort. Kamerad? Nein, dieses Wort will mir erst recht nicht über die Lippen.

In diesem Augenblick bemerke ich den forschend auf mich gerichteten Blick General Schabalins. Meinen Chef quält wahrscheinlich die Befürchtung, der Brigadier sei schon dabei, mich als seinen Agenten anzuwerben. Da kommt ausgerechnet auch noch das Serviermädchen mit einem Tablett auf uns zu. Bader ergreift eines der winzigen Gläser, gefüllt mit farbloser Flüssigkeit, hebt es in Augenhöhe und fordert mich damit auf, seinem Beispiel zu folgen. Ich setze das Glas an die Lippen und stelle es dann aufs Fensterbrett. Als der Brigadier einen Augenblick fortblickt, schütte ich den Whisky unauffällig aus dem Fenster. Wie in einem billigen Kriminalreißer. Dumm, aber nicht zu vermeiden. Und das Ärgerlichste daran ist, daß der General natürlich niemals an diese patriotische Handlungsweise glauben wird. In die Kehle oder durchs Fenster geschüttet — dieses Glas wird auf jeden Fall der Debet-Seite meines persönlichen Kontos zugeschrieben werden.

Heute ist der Chef der Abteilung Heizmaterial und Kraftwerke, Kurmaschew, als Mitglied der Sowjetdelegation zugegen. Ich weiß nicht, aus welchen Erwägungen heraus General Schabalin ihn mitgeschleppt hat. Die heutige Tagesordnung hat weder mit Heizmaterial noch mit Kraftstationen etwas zu tun. Ich hege den Verdacht, daß General Schabalin Kurmaschew als Dekorationsstück braucht. Die übrigen Delegationen haben alle eine Unmenge von Beratern. Schabalin möchte zeigen, daß auch er Mitarbeiter hat, mit denen er sich beraten kann.

Der unglückselige „Berater" hat sich möglichst tief in einen Sessel verkrochen, den Kopf zwischen die Schultern gezogen und weiß nicht, wo er seine Hände und Füße unterbringen soll; er hat tödliche Angst, von irgend jemanden in ein Gespräch gezogen zu werden, weil das natürlich nichts als Diversion und Provokation bedeuten würde. Als der Hausherr als höflicher Mann sich mit einer Frage an ihn wendet, zuckt Kurmaschew erschrocken zusammen und wirft einen angsterfüllten Blick durch die geöffnete Tür des Speisezimmers, durch die Tellergeklapper herüberdringt, als erwarte er von dort die Rettung.

Kurmaschew steckt als einziger von den Anwesenden in einem dunkelblauen Zivilanzug. Nur gut, daß er nicht in dem Aufzug hier erschienen ist, in dem er sonst in der SMA herumzustolzieren pflegt. Mit fortschreitender Organisierung und Erweiterung der Wirtschaftsverwaltung treffen bei uns immer mehr Mitarbeiter aus Moskau ein. Auf die Posten von Abteilungschefs der SMA, die praktisch die Funktionen von Ministerien der Sowjetzone Deutschlands ausüben, werden gewöhnlich stellvertretende Volkskommissare der entsprechenden Volkskommissariate berufen. Sie sind samt und sonders alte Parteifunktionäre, Spezialisten der sowjetischen Wirtschaftsführung. Wenn die neuen Chefs ihren Dienst antreten, kann man nur schwer das Lachen verbeißen. Augen geradeaus — die reinsten Kreuzritter des Kommunismus.

Kürzlich hatten wir Gelegenheit, uns an dem Anblick des neuernannten Chefs der Abteilung Industrie, Alexandrow, und seines Stellvertreters Smirnow zu ergötzen. Beide trugen quietschende, hochschäftige Stalinstiefel mit stumpfen Spitzen, die vom Schöpfer dieser Mode selbst längst zum alten Eisen geworfen waren. Darüber plusterten sich Reithosen aus Mantelstoff und als Krönung dieser harmonischen Ausstattung dienten dunkelblaue Soldatenblusen aus der Epoche des revolutionären Kommunismus. Seinerzeit war eine solche Bekleidung bei den Parteifunktionären, angefangen vom MTS (Maschinen-Traktoren-Station) - Vorsitzenden bis hinauf zum Volkskommissar, sehr modern und versinnbildlichte nicht nur die innere, sondern auch die äußere vom Scheitel bis zur Sohle reichende Ergebenheit gegenüber dem Führer. Jetzt tragen die Volkskommissare längst normale europäische Kleider, und einer solchen stalinschen Maskerade begegnet man höchstens in den weltabgeschiedensten Kolchosen.

Ich kann mir lebhaft vorstellen, was für einen Eindruck diese Vogelscheuchen auf die Deutschen machten. Eine haargenaue Kopie der hitlerschen Bolschewiken-Karikaturen.

Bald fühlten die übereifrigen Partei-Kreuzritter selbst, daß ihre historischen Kostüme unter den veränderten Bedingungen doch etwas sonderbar wirkten und fingen allmählich an, sich ihrer Umgebung anzupassen. Späterhin kleidete sich der ganze zivile Personalstab der SMA nach der neuesten europäischen Mode, ja sogar mit einem Stich ins Geckenhafte. Alle führenden Mitarbeiter der SMA und in erster Linie die im Kontrollrat beschäftigten, erhielten auf Grund besonderer Anweisungen eine ihrer Dienststellung entsprechende Auslands-Ausrüstung.

Im Zimmer herrscht eine Atmosphäre zwangloser Herzlichkeit und Gastfreundschaft. Diese internationale Gesellschaft fühlt sich durch die Vielfalt der Uniformen und des Sprachengewirrs in keiner Weise gehemmt. Nur der sowjetische Delegierte Kurmaschew sitzt einsam in seinem Sessel, ein Bein über das andere geschlagen, und leidet offensichtlich Tantalusqualen. Er fühlt sich entschieden ungemütlicher als ein Missionar inmitten von Menschenfressern — ununterbrochen wischt er sich den Schweiß von der Stirn, plustert sich mit wichtiger Miene wie ein Truthahn im Hühnerhof und sieht immer wieder nach der Uhr. Als zu Tisch gebeten wird, atmet Kurmaschew sichtlich erleichtert auf.

Sicher würde er mit dem größten Vergnügen mit seinen Nachbarn plaudern, selbst wenn er sich dabei der Zeichensprache bedienen müßte, lachen und ein paar Gläschen Whisky trinken. Aber er ist ja nicht ein Mensch wie alle ändern. Er ist Träger und zur gleichen Zeit Sklave der kommunistischen Weltanschauung.

General Schabalin sitzt beim Essen rechts neben dem Hausherrn und ein Dolmetscher vermittelt die angeregte Unterhaltung. Die Uniform stärkt sein Selbstbewußtsein und gibt ihm größere Sicherheit. Kurmaschew dagegen in seinem Zivilanzug versucht krampfhaft, völlige Gleichgültigkeit gegenüber allem, was um ihn her vorgeht, zu demonstrieren und kratzt mit größter Hingebung auf seinem Teller herum. Gar keine leichte Aufgabe, sich den Mund so vollzustopfen, daß man des Zwanges enthoben wird, mit den Tischnachbarn zu sprechen.

Mein Chef lächelt förmlich und zwingt sich zum Lachen, wenn Sir Percy einen Witz macht. Seinerseits macht er aber nicht ein einziges Mal den Versuch, das Gespräch fortzusetzen oder auch nur aufrechtzuerhalten. Kein Wunder, wenn die Engländer denken, daß die Russen nicht nur am Konferenztisch, sondern auch am Speisetisch schwierige Gesprächspartner sind. Einstmals haben wir den Engländern den Spitznamen „Engstirnige" gegeben, jetzt sind die Rollen vertauscht. Ich sitze am anderen Ende des Tisches zwischen Brigadier Bader und dem englischen Adjutanten.

Als ich zufällig vom Teller aufblicke, begegne ich dem durchdringend auf mich gerichteten Blick General Schabalins. Je länger das Mittagessen dauert, desto mehr lockert der General seinen bolschewistisehen Panzer und versteigt sich schließlich sogar zu einem Toast auf die Gesundheit des Hausherrn. Zwischendurch wirft er mir immer häufiger forschende Blicke zu.

Ich weiß natürlich, daß der General mich pflichtgemäß zu überwachen hat. Das ist die Ordnung der Dinge. Indessen merke ich, daß der General nicht so sehr mich beobachtet, als vielmehr herauszubekommen sucht, inwieweit ich ihn beobachte. Er ist der festen Überzeugung, daß ich beauftragt bin, ihn zu überwachen. Kurmaschew fürchtet den General, der General ist vor mir auf der Hut, ich mißtraue mir selbst. Je höher ein Sowjetmensch auf der Leiter der Sowjethierarchie hinaufklettert, um so intensiver erfaßt ihn diese Seuche von Furcht und Mißtrauen. Und am allermeisten leidet an ihr der Schöpfer dieses genialen Systems selbst. Wenn man die vor Furcht und Mißtrauen schlotternden sowjetischen Würdenträger betrachtet, verliert man jegliche Lust, auf der sowjetischen Karriereleiter emporzuklimmen. Als General Schabalin noch Schafe hütete oder den Boden pflügte, war er sicher unvergleichlich glücklicher als heute.

Nach dem Essen versammeln sich alle wieder in der Halle. Brigadier Bader bietet mir eine in Zellophan gehüllte dicke Zigarre mit goldener Bauchbinde an. Ich drehe sie neugierig zwischen den Fingern. Eine echte Havanna! Bisher kannte ich sie nur von Karikaturen, auf denen die Havanna als unvermeidliches Attribut zwischen den Zähnen eines jeden Millionärs — sprich Bösewichts — steckt, wie weiland der Dolch zwischen den Zähnen eines Piraten.

Mit der Miene eines erfahrenen Zigarrenrauchers versuche ich, die Spitze abzubeißen, aber die verfluchte Zigarre ist zäh. Ich habe den Mund voll bitteren Zeugs, das ich zu allem Überfluß nicht einmal ausspucken kann.

„Wie hat Ihnen das Essen geschmeckt?" erkundigt sich höflich der Brigadier.

„Oh, very well!" erwidere ich ebenso höflich und blase sorgfältig den blaugrauen Rauch durch die Nase.

In diesem Augenblick macht General Schabalin mir ein Zeichen. Ich entschuldige mich vor dem Brigadier, stecke die Zigarre vorsorglich in einen Blumentopf und folge meinem Chef. Wir gehen in den Park hinaus, als wollten wir etwas frische Luft schöpfen.

„Worüber haben Sie mit dem da gesprochen...?" brummt der General und vermeidet es, den Namen auszusprechen. „über das Wetter, Genösse General."

„Hm... hm...", faucht Schabalin wie ein Igel und reibt sich mit dem Knöchel seines Zeigefingers die Nase. Das tut er immer bei Unterhaltungen halboffiziellen Charakters. Dann wechselt er überraschend den Ton.

„Ich denke, daß Sie hier nun nichts mehr zu tun haben. Machen Sie sich einen schönen Tag. Nehmen Sie meinen Wagen und fahren Sie durch Berlin. Sehen Sie sich einmal die Mädchen an..."

Der General macht eine reichlich frivole Bemerkung und lächelt gezwungen. Ich höre aufmerksam zu und marschiere dabei mit ihm im gleichen Schritt durch den Park. Was für eine verdächtige Freundlichkeit und Fürsorge?

„... Rufen Sie am Abend Kusnezow an und sagen Sie ihm, daß ich direkt nach Hause fahre", sagt General Schabalin abschließend, indem er die Stufen zur Veranda hinaufgeht.

Also hat der General nicht die Absicht, heute noch zum Dienst zu gehen. Dort erwartet ihn der übliche Alltag, der sich meist bis drei Uhr nachts hinzieht. Arbeitsmäßig wäre das zwar nicht erforderlich, aber es ist seine Pflicht als Bolschewik. Er muß neben der „Wertuschka" Wache halten — möglicherweise fällt es dem „Herrn" mitten in der Nacht ein, ihn anzurufen.

Und jetzt, nach einem reichlichen Mittagessen und einigen Gläsern Wein fühlt der General das Verlangen, wenigstens ein paar Stunden lang ein Mensch wie alle anderen zu sein. Die Gemütlichkeit und ungezwungene Herzlichkeit dieser Gesellschaft haben selbst auf den alten Parteiwolf ihre Wirkung nicht verfehlt. Unbewußt hat er das Bedürfnis, einmal die Maske des eisernen Bolschewiken abzuwerfen, frei zu lachen und seinen Kollegen auf die Schultern zu klopfen— er möchte ein Mensch sein und kein lebendes Parteibuch. Deshalb schickt er mich fort, unter einem passenden Vorwand, wobei er es auch mir gönnt, die Zeit nach meinem eigenen Gutdünken zu verbringen.

Ich kehre ins Haus zurück, hole möglichst unauffällig meine Mütze und gehe hinaus.

Mischa duselt am Steuer.

„U—u—uh, Genösse Major!" seufzt er tief auf, als ich die Wagentür öffne. „Nach einem solchen Mittagessen muß man unbedingt ein wenig schlafen — im grünen Gras, so zwei, drei Stündchen."

„Hast Du auch gegessen?" frage ich verwundert.

„Was denn sonst", bringt Mischa stolz heraus und steckt den Schlüssel in den Anlasser. „Wie ein Fürst habe ich gegessen."

„Wo?"

„Na, hier. Man holte mich. Da war ein besonderer Tisch gedeckt. Wie ein Tischlein-deck-dich. Und wissen Sie was, Genösse Major", Mischa schielt mich mit Verschwörermiene an, „unser General ißt nicht so gut wie ich heute. Das ist mal klar."

Eine Zeitlang fahren wir schweigend weiter. Dann murmelt Mischa wie im Selbstgespräch: „Kann es denn wirklich möglich sein, daß bei ihnen alle Soldaten so ein Essen kriegen?"

Nachdem ich das Haus Sir Percy Mills' kennengelernt habe, muß ich es unwillkürlich mit der Wohnung General Schabalins vergleichen. Im Kontrollrat hat sich die Sitte eingebürgert, daß die Direktoren ihre Kollegen von der Wirtschaftsabteilung reihum zu sich einladen. Als die Reihe zum ersten Male an Schabalin kam, seine Kollegen einzuladen, ignorierte er diese Regel wie aus Zerstreutheit oder Vergeßlichkeit. Der wahre Grund aber war, daß er einfach nicht wußte, wohin er die Ausländer einladen sollte.

Selbstverständlich könnte Schabalin eine seinem Rang entsprechende Wohnung beschlagnahmen und einrichten. Aber er kann sich nicht dazu entschließen, es auf eigene Verantwortung zu tun, während der Chef der AHO (Administrations-Abteilung der SMA), General Demidow, es schon darum nicht tun würde, weil dem sowjetischen General laut Vorschrift ein solcher Luxus nicht zusteht. Für eine spezielle „Auslands-Ausrüstung" wurde immerhin gesorgt; an entsprechende Wohnungen hat aber noch niemand gedacht. Sein kleines Häuschen hat Schabalin jetzt gegen eine Fünfzimmerwohnung in einem Hause eingetauscht, in dem die meisten Mitarbeiter der Wirtschaftsverwaltung wohnen. Nikolai, die Ordonnanz, und Mischa, der Chauffeur, haben Möbel und allerhand Krimskrams aus dem ganzen Viertel in die neue Wohnung angeschleppt, aber was dabei herausgekommen ist, gleicht eher einer Diebeshöhle als einer Generalswohnung. Unvorstellbar, hier ausländische Gäste zu empfangen. Das fühlt sogar Schabalin selbst.

Wieder einmal die Widersprüche zwischen bolschewistischer Theorie und Praxis. Die Kreml-Aristokratie hat längst auf die von ihr gepredigte proletarische Moral gepfiffen und schwimmt in einem Luxus, den sich nicht jeder Kapitalist leisten kann. Sie können das um so ungenierter, als ihr persönliches Leben durch eine Anzahl von Mauern vor den Augen des Volkes gesichert ist. Die „kleinen" Führer treten immer mehr und mehr in die gleichen Fußstapfen. Die Parteiaristokratie führt, ähnlich Schabalin, ein Doppelleben — ihren Worten nach sind sie ideale Bolschewiken, während sie in Wirklichkeit die von ihnen selbst gepredigten Ideale mit Füßen treten. Diese beiden Dinge auf einen Nenner zu bringen, ist nicht so leicht. Alles wird heimlich getan, vorsichtig, in dem ständigen Gefühl, auf der Hut sein zu müssen. Man verwickelt sich in den eigenen Klassen-theorien und den sowjetischen Vorurteilen. Hier gibt es keinen Kreml und keine Sperrzonen, hier geht alles mehr oder weniger offen vor sich. Wenn aber die Herren des Kreml es sich plötzlich einfallen lassen, einen anzuschnauzen?

Anfangs aß General Schabalin in der sogenannten Kantine des Militärsowjets, das heißt im Generalskasino. Jetzt aber fährt Dusja, das ungesetzliche Dienstmädchen, dreimal am Tage mit dem Auto dorthin und holt das Essen nach Hause. Doch selbst unter diesen Umständen kann sich der General keine Gäste ins Haus laden, und in die Kantine des Militärsowjets darf man keine Besucher mitbringen — Ausländer erst recht nicht.

Selbst hier, im besetzten Deutschland, wo wir weder durch Wohnraum noch durch Rationsbeschränkungen geknebelt sind, wo für uns alles buchstäblich auf der Straße liegt, selbst hier behalten wir unsere sowjetische Lebensweise bei.

Wenig später trug der Stab der SMA den Gegebenheiten Rechnung und löste das Problem auf altbewährte potemkinsche Art. Es wurde ein spezieller Klub eingerichtet, in dem die führenden Mitarbeiter der SMA Empfänge für ihre westlichen Kollegen geben konnten. In jedem einzelnen Fall muß im voraus eine genaue Liste der Geladenen dem Liaison Service der SMA vorgelegt werden, die von der NKWD sorgfältig überprüft wird und die Unterschrift des Chefs des Stabes der SMA tragen muß. Eine so einfache Einladung wie die von Sir Percy Mills: „Kommen Sie zu mir zum Essen, Gentlemen", die sogar den Chauffeur Mischa einschloß, kann hier natürlich nicht genügen.

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Bei meinen ersten Begegnungen mit den Alliierten hatte ich ernstlich befürchtet, daß man mir zu viele Fragen stellen würde, die ich nicht beantworten könnte. Oder vielmehr nicht beantworten dürfte. Je länger ich nun aber im Kontrollrat arbeite, desto weniger kann ich mir ihr Verhalten erklären. Die Vertreter der demokratischen Welt unternehmen nicht nur keinen Versuch, uns politische Fragen zu stellen, die meiner Meinung nach beim Zusammentreffen mit Vertretern eines absolut entgegengesetzten Staatssystems unbedingt auftauchen müssen, sondern sie legen eine für mich völlig unbegreifliche Gleichgültigkeit diesem Thema gegenüber an den Tag.

Anfangs hielt ich das für Taktgefühl. Dann aber überzeugte ich mich eines anderen. Der Durchschnittsmensch des Westens interessiert sich, wie paradox das auch sein mag, für Politik und alles was damit zusammenhängt, viel weniger, als der durchschnittliche Sowjetmensch. Den Menschen des Westens interessiert es viel mehr, wieviel Flaschen Champagner auf dem diplomatischen Empfang im Kreml getrunken wurden und was für ein Abendkleid Frau Molotow bei dieser Gelegenheit trug. Und das im besten Falle. Gewöhnlich beschränken sich seine Interessen auf Sport und die hübschen Schauspielerinnen auf den Titelseiten der Magazine. Das erscheint einem jeden Menschen, der unter normalen Verhältnissen lebt, völlig natürlich. Und wenn die Sowjetmenschen wählen könnten, täten sie es genau so.

Unpolitisches Lesen ist bei uns dank der Eigentümlichkeit der sowjetischen Presse ausgeschlossen. Jede Zeile ist von Politik durchsetzt. Viele ziehen es deshalb vor, überhaupt nicht zu lesen und werden dann mit Hilfe von politischen Zirkeln und Politunterricht künstlich ernährt. Diejenigen, die noch lesen, sind nicht so dumm, alles widerspruchslos zu glauben, was ihnen vorgesetzt wird. Hieraus erklärt sich auch das ständig unbefriedigte Interesse an der verbotenen Frucht — der objektiven Wahrheit. Es ist die geknebelte politische Aktivität, das heimliche Interesse an den Problemen und Erscheinungen der Umwelt im Vergleich zu der Welt der Sowjetwirklichkeit.

Major Kusnezow drückt dieses Gefühl mit den nachdenklichen Worten aus: „Hm! So sind sie also — die Senatoren?!", der Chauffeur Mischa mit der naiven Frage: „Kann es denn wirklich möglich sein, daß bei ihnen alle Soldaten so ein Essen kriegen?" Der Durchschnittsmensch des Westens, der in normalen Verhältnissen lebt, zerbricht sich nicht den Kopf über die Ursachen der Erscheinungen. Wozu auch? Es ist ja alles in Ordnung. Aber die Sowjetmenschen haben nichts außer dem Glück, dem Wohlergehen und der Freude — die samt und sonders nur auf dem Papier stehen. Da fängt man unwillkürlich an, über die Ursachen und Wechselbeziehungen der Erscheinungen nachzudenken. Vieles gibt Anlaß zum Nachdenken, und ich sehe, daß die Menschen nicht blind daran vorbeigehen. Sie beobachten schweigend und ziehen heimlich ihre Schlüsse.

Wenn man deutsche und anglo-amerikanische Zeitungen in die Hände bekommt, wundert man sich immer wieder, wie wenig die Welt von dem weiß, was in der Sowjetunion vorgeht. Daß man uns bewußt eine falsche Vorstellung von der Umwelt vermittelt, ist durchaus verständlich. Daß die Deutschen, die neuerdings im Sowjetraum reichliche Erfahrungen gesammelt haben, heute durch entsprechende Anordnungen des Kontrollrats daran gehindert werden, über dieses Thema frei zu sprechen, auch das leuchtet ein. Daß aber die freie anglo-amerikanische Presse über die Sowjetunion so zurückhaltend schreibt, und wenn sie es tut, nur absolut harmlose Dinge behandelt — das ist schwer zu verstehen.

Ist das einfach Gleichgültigkeit, bedingt durch völlige politische Uninteressiertheit, und in der Sprache der Diplomatie „Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Nationen" genannt, oder ist es das Fehlen guter Informationen? So oder so — die Blindheit gegenüber den äußeren und inneren Prozessen, die sich in Sowjetrußland entwickeln, wird den westlichen Demokratien noch große Kopfschmerzen bereiten. Wir sind jetzt hart aneinandergeraten. Die Verbündeten von gestern sind zu Widersachern von heute geworden, morgen schon können sie zu Feinden werden. Um den Feind bekämpfen zu können, muß man ihn kennen, mit seinen schwachen und seinen starken Seiten.

Der Westen hat die ungeheuerliche Zwiespältigkeit der sowjetischen Wirklichkeit noch nicht erfaßt. Wir haben uns in den dreißig Jahren grundlegend geändert, wir sind in gewissem Maße sowjetisch geworden, wenn man das als Auswirkung der kommunistischen Theorie auf die gegebene nationale Umwelt verstehen will. Dieses Sowjetisch-Werden bedeutet gleichzeitig ein Immun-Werden gegen den Kommunismus. Der Westen ahnt das nicht einmal. Der heutige Sowjetstaat ist eine reife Frucht, deren Wurzeln bereits zu faulen beginnen. Nicht umsonst hat das Politbüro angefangen, das Sowjetgebäude durch das alte nationale Fundament zu untermauern, das sich während des Krieges gut bewährte. Nach überstandenem Krieg fährt man fort, den verfaulenden staatlichen Organismus in diesem Sinne abzusetzen.

Diese Methode wird zweifellos eine Zeitlang Erfolg haben — sie wird die einen verwirren und bei den anderen illusorische Hoffnungen erwecken. Die Grundpläne des Kreml werden darum aber doch keine Änderung erfahren.

Ein kleines, aber charakteristisches Beispiel. Im besetzten Deutschland gebrauchen jetzt alle russischen Soldaten und Offiziere wie ein Mann das Wort „Rossija" — Rußland. Das kam ganz von selbst. Manchmal entschlüpft aus alter Gewohnheit die Bezeichnung „UdSSR", wird aber gleich verbessert — Rossija. Es kommt uns selber sonderbar vor, aber es ist so.

Ein Vierteljahrhundert lang hatte der Gebrauch des Wortes „Rossija" die Beschuldigung zur Folge, man sei Chauvinist, und die Anwendung des entsprechenden Artikels aus dem Kodex der NKWD. Selbst wenn man Klassiker las, mußte man dieses ominöse Wort rasch und möglichst unauffällig überfliegen. Diese scheinbare Kleinigkeit springt in die Augen, wenn heute das Wort „Rossija" aus dem Munde ausnahmslos aller Soldaten zu hören ist. Mit diesem Wort betont der Soldat unbewußt den Unterschied zwischen den Begriffen „sowjetisch" und „russisch". Die ausländische Presse verwechselt diese Begriffe mit konstanter Bosheit. Das, was wir selbst nicht ausstehen können, nennt sie „russisch", was uns lieb und wert ist, bezeichnet sie als „sowjetisch". Die Sowjetmenschen haben weder den Wunsch noch das Bedürfnis, den Ausländern das politische Alphabet beizubringen und ihnen das Wesen der sowjetischen Wirklichkeit zu erklären. Wozu soll man den eigenen Kopf riskieren, um die müßige Neugier eines fremden Menschen zu befriedigen, der dem Thema im Grunde herzlich wenig wirkliches Interesse entgegenbringt?

Wie gehemmt sich die Sowjetmenschen im Umgang mit dem „Ausland" fühlen, zeigt folgende Begebenheit.

Eines Tages unterhielten sich einige Mitglieder der Delegationen während einer Pause zwischen den Sitzungen des Kontrollrats darüber, was sie am nächsten Sonntag tun wollten. Dem Vorsitzenden des sowjetischen Industriekomitees, Koslow, entschlüpfte das unvorsichtige Eingeständnis, daß er mit einer Gruppe von Kollegen zur Jagd fahren werde. Koslows ausländische Kollegen waren begeistert über die Aussicht, einen Sonntag gemeinsam zu verbringen, und erklärten, sie würden gerne mitmachen. Koslow mußte sich den Anschein geben, als wäre er darüber äußerst erfreut.

Am Sonntag machte sich die Jagdgesellschaft in mehreren Autos auf den Weg. Unterwegs bemühten sich die sowjetischen Teilnehmer krampfhaft, den übrigen Mitgliedern der Jagdgesellschaft zu entwischen. Aber die höfliche Rücksichtnahme und die ausgezeichneten Wagen der westlichen Teilnehmer gaben Koslow zu dessen größtem Arger keine Gelegenheit, die unbequemen Freunde loszuwerden. Am Bestimmungsort angelangt, lagerten sich die Alliierten ins Gras, in der Absicht, einen Imbiß zu halten und ein wenig zu schwatzen. Um dem zu entgehen, schlugen sich Koslow und die anderen seitwärts in die Büsche und trieben sich den ganzen Tag über im Wald herum, ihr Geschick verfluchend, das ihnen eine politisch so unzuverlässige Jagdgesellschaft auf den Hals geladen hatte.

Später schimpfte und fluchte Koslow, um sich vor eventuellen Scherereien zu sichern, die ganze Woche in sämtlichen Büros der Wirtschaftsverwaltung über sein sonntägliches Pech und betonte dabei vorsorglich seine eigene „wachsame" Haltung.

Wir können nicht frei mit dem Westen verkehren. Was aber tut der Westen, um die sowjetischen Probleme kennenzulernen?

Ich hatte ein paarmal Gelegenheit, zu beobachten, auf welche Weise der Westen aus „zuverlässigen und zuständigen" Quellen Informationen über Sowjetrußland erhält. Die Informationsquellen sind gewöhnlich Journalisten. Die amerikanischen und englischen Journalisten geben sich größte Mühe, mit ihren sowjetischen Kollegen zusammenzutreffen, weil sie überzeugt sind, daß gerade diese ihre Fragen erschöpfend und wahrheitsgetreu beantworten können. Naive Leute! Von einem sowjetischen Journalisten kann man ebensowenig Wahrheit erwarten, wie von einer Prostituierten Keuschheit. Man kann nicht versuchen, sich von Menschen informieren und orientieren zu lassen, deren Beruf es ist, die öffentliche Meinung zu desinformieren und zu desorientieren.

Trotz der verschiedentlichen nützlichen Lehren, die dem Westen im Lauf der Jahre erteilt wurden, hat er nichts gelernt.

Die amerikanischen Journalisten in Berlin suchten lange nach einer Gelegenheit, mit ihren sowjetischen Brüdern von der Feder zwanglos zusammenzukommen. Die sowjetischen Journalisten dagegen versuchten mit allen Mitteln, ein solches Zusammentreffen zu vereiteln. Schließlich ließ es sich nicht länger umgehen — sie mußten die Ausländer in ihren Presseklub einladen. Es war immerhin ein Fortschritt, daß die Amerikaner bei dieser Gelegenheit Fragen stellten, die selbst die mit allen Wassern gewaschenen Bauernfänger der Feder und Tinte nicht so leicht beantworten konnten. In solchen Fällen schwiegen sie sich einfach aus. Aufschlußreich ist ferner, daß die Amerikaner allmählich hinter die Bedeutung des Begriffes „NKWD" gekommen sind; allerdings nahmen sie an, daß ihre sowjetischen Kollegen Opfer der NKWD und von allen Seiten von Spitzeln umgeben seien und daß in jedem Tisch ein Diktaphon eingebaut sei. Dabei wäre die Annahme weitaus berechtigter, daß die Gastgeber selbst Agenten der NKWD waren. Meine Erfahrungen in der Akademie haben mich gelehrt, daß alle Auslandskorrespondenten der Sowjetunion nebenbei Mitarbeiter der NKWD sind.

Die schweigsame Zurückhaltung ihrer sowjetischen Kollegen hielten die Amerikaner für Angst. Diese Annahme kommt der Wahrheit recht nahe, wenn sie die Dinge auch nicht ganz richtig auslegt. Einmal berührten die Amerikaner sogar das Thema „Seele des Sowjetmenschen", machten dabei aber den Fehler, die Seele als solche zu betrachten. Die Seele des Sowjetmenschen ist eine Funktion der sowjetischen Wirklichkeit, man kann sie nicht unabhängig von ihrem Milieu analysieren.

Erst in der Zukunft wird der Westen die Notwendigkeit erkennen, sich intensiver mit dem Studium der sowjetischen Probleme zu befassen.

Die Tätigkeit im Kontrollrat war sehr aufschlußreich. Man wird in gewisser Weise an ein Theater erinnert, in dem ein historisches Schauspiel gegeben wird. Ich sitze in der vordersten Reihe und erkenne allzu deutlich die Schminke auf den Gesichtern der Schauspieler und höre das Flüstern der Souffleure.

Gleich nach den ersten Sitzungen sehe ich ein, daß die bei dem Mann von der Straße weit verbreitete Meinung falsch ist, der Beruf eines Diplomaten sei leicht und verhelfe zu einem sorglosen Leben — weiße Smokingbrüste, erhobene Champagnergläser und elegante Abendkleider schöner Frauen. In Wirklichkeit sieht alles ganz anders aus. Es ist eine verteufelt schwere, oder richtiger: langweilige Beschäftigung. Man muß die Haut eines Nilpferdes, das Feingefühl einer Antilope, Nerven aus Manilaseil und die Ausdauer eines Jägers haben, den die Sonne sticht, der Durst quält, die Mücken plagen und der sich trotzdem keine unvorsichtige Bewegung erlauben darf, um das Wild nicht zu verschrecken. Ein englisches Sprichwort sagt, es sei die höchste Errungenschaft des guten Tones, sich zu Tode zu langweilen, ohne es sich anmerken zu lassen. Jetzt gibt General Schabalin seinen Kollegen weitgehende Möglichkeiten, die Wahrheit dieser Behauptung nachzuprüfen. Es ist erstaunlich, mit welch ernster Miene ernste Leute sich stundenlang mit einem unlösbaren Problem herumschlagen können, ehe sie zugeben, daß es in der Tat unlösbar ist.

Bei der Auswahl ihrer Diplomaten lassen sich die Engländer von dem Grundsatz leiten: für den diplomatischen Dienst am ungeeignetsten ist ein Mann, der energisch und dumm, wenig geeignet einer, der energisch und klug, am allergeeignetsten aber ein Mensch, der klug und passiv ist. Die Engländer ziehen es vor, langsam und sorgfältig zu überlegen, um dann einen richtigen Beschluß zu fassen, und fürchten nichts mehr als übereilte, falsche Entscheidungen. Für die Sowjetdiplomaten gilt diese Regel mit umgekehrten Vorzeichen. Der ideale Sowjetdiplomat muß ausnehmend energisch und ebenso ausnehmend dumm sein. Verstand braucht er nicht, da er sowieso keine selbständigen Beschlüsse fassen darf. Energie dagegen ist. eine Eigenschaft, die jeder commis voyageur braucht, ganz gleich, ob er den Leuten Rasierklingen oder die Politik seiner Arbeitgeber aufbinden will. General Schabalin stellt ein leuchtendes Beispiel dieser bevorzugten Kategorie von Sowjetdiplomaten dar. Im übrigen zeichnen sich alle Sowjetdiplomaten durch große Aktivität aus. Man kann dem Kreml alles andere eher zum Vorwurf machen als Passivität.

Die ersten Begegnungen im Kontrollrat sind recht bezeichnend. Trotz meiner ziemlich skeptischen Einstellung gegenüber der Politik der Westmächte — wobei ich dem nationalen und staatlichen Egoismus jeder Seite Rechnung zu tragen suche — muß ich mich davon überzeugen, daß die westlichen Verbündeten aufrichtig bemüht sind, mit uns bei der Lösung der Nachkriegsprobleme zusammenzuarbeiten. Die Bildung der Organisation der Vereinten Nationen zeugt von dem Willen der westlichen Demokratien, den Frieden in der Welt zu sichern.

Äußerlich geben wir uns den Anschein, als wären auch wir daran interessiert und gewillt, diesen Weg zu beschreiten. Doch schon die ersten praktischen Maßnahmen beweisen das Gegenteil. Die Bereitwilligkeit zur Zusammenarbeit in der Frage des Weltfriedens ist nichts als ein taktisches Manöver, das die Erhaltung der demokratischen Maske zum Ziel hat, Zeitgewinn zur Reorganisation der Kräfte, Ausnutzung der demokratischen Tribünen zur Sabotage an der Meinung der Weltöffentlichkeit. Die ersten Sitzungen des Kontrollrats öffnen mir schon die Augen und lassen mich diese traurige Tatsache mit voller Klarheit erkennen.

Manchmal versuche ich mir selbst einzureden, daß der Kreml, nachdem er auf der Potsdamer Konferenz verstanden hat, ein ordentliches Stück des europäischen Kuchens zu ergattern, eine Atempause nötig hat, um die Beute zu verdauen. Ich versuche, einen egoistisch nationalen Standpunkt einzunehmen, um auf diese Weise die Politik des Kreml zu rechtfertigen. Aber das ist eine wenig stichhaltige Rechtfertigung, genauer gesagt ein Selbstbetrug.

Ich erinnere mich der Worte Anna Petrownas, die mich in Moskau in Erstaunen versetzt haben. Damals mußte ich ihren Worten entnehmen, daß der Kreml für die Zeit nach dem Kriege ein aktives Vorgehen der sowjetischen Streitkräfte plane. Es schien mir absurd, an irgendwelche Kriegspläne zu denken, wo eben erst das ungeheuerliche Schlachten in der Welt beendet war und die ganze Welt nichts sehnlicher und dringender wünschte als den Frieden. Es erschien mir so völlig unwahrscheinlich und unmöglich. Und dann wurde es schon nach den ersten Kontrollratssitzungen klar — wenigstens für mich, der ich weder Diplomat noch Politiker war — daß der Kreml nicht den leisesten Wunsch hat, mit dem demokratischen Westen zusammenzuarbeiten. Im Lichte dieser Erkenntnis scheinen mir die Worte Anna Petrownas richtig zu sein!

Die Vertreter der Demokratien plagen sich mit tausend Zweifeln, sie rätselraten um das Problem, wodurch sich die sonderbare Haltung ihrer östlichen Verbündeten erklären läßt. Mit der gleichen Hartnäckigkeit, die die mittelalterlichen Alchimisten darauf verwendeten, die Formel für den Stein der Weisen zu finden, suchen sie nach dem modus vivendi für den Umgang mit dem Moskauer Kreml. Sie suchen den Schlüssel zu dem Rätsel der Seele des Ostens, sie wirbeln den Staub historischer Folianten auf und kommen dabei nicht auf den nächstliegenden Gedanken — sich die Millionenausgaben der Werke Lenins und Stalins zu den Fragen der kommunistischen Theorie und Taktik anzusehen. Sie verlassen sich zu sehr auf die Auflösung der Komintern. Sie kennen das geflügelte Wort nicht mit dem die sowjetischen Führer jede ihrer Abweichungen von der Generallinie der Partei begründen: „Eine zeitweilige Abweichung ist durchaus gerechtfertigt, wenn sie der Reorganisation und der Sammlung neuer Kräfte für den folgenden Angriff dient." Die unbeugsame Generallinie kann sich gelegentlich winden wie eine Natter.

Ich würde für die westlichen Diplomaten das Studium der Grundlagen des Marxismus-Lenismus als Pflichtfach einführen. Sie würden danach im Umgang mit den Sowjetdiplomaten an Sicherheit gewinnen. Vorerst pflegt der Westen aber nur verständnislos den Kopf zu schütteln und wie eine Kuh, die die lästigen Fliegen vertreiben will, mit dem Schwanz um sich zu schlagen.

Solcherart waren die Beziehungen der Alliierten in den ersten Monaten des Wirkens des Alliierten Kontrollrats. Sie sind recht bedeutsam für das Verständnis der weiteren Arbeit und des Schicksals dieses höchsten gesetzgebenden Organs Nachkriegsdeutschlands.