Gregory Klimow. Berliner Kreml

Der rationelle Kern

Vor kurzem fiel in der Akademie einer der Offiziere am hellichten Tag einem widersinnigen und ungewöhnlichen Zufall zum Opfer. Dieser Hauptmann hatte gerade den letzten Kursus der japanischen Abteilung absolviert und war anschließend auf einen glänzenden Posten im Auslandsdienst berufen worden; außerdem war er glücklich verheiratet. Man sollte meinen, dieser Mensch stehe auf der Schwelle zu einem wolkenlosen Glück. Wer konnte ahnen, daß sich ein paar Stunden später sein tragisches Geschick erfüllen werde?

Die Vorderfront der Akademie geht auf die Wolotschajewskaja Uliza hinaus. Eine fünfzig Meter breite Lücke zwischen den Gebäuden ist durch einen gewöhnlichen Zaun ausgefüllt gewesen. General Bijasi, der nicht nur auf das Äußere seiner Zöglinge, sondern auch auf das Äußere des Gebäudes den größten Wert legt, befahl, den alten Zaun abzutragen und an seiner Stelle einen würdigeren Ersatz zu errichten.

Nachdem der Zaun entfernt war, ergab sich für die Hörer ein sehr bequemer Durchgang direkt zur Straßenbahnhaltestelle. Vorher hatte man einen recht großen Umweg durch das Außentor machen müssen. Die Folge war nun, daß die ganze Akademie durch das „neue Tor" aus und ein ging. Als der General dahinter kam, befahl er einen Wachposten an die bewußte Stelle mit dem strengen Befehl, niemanden durchzulassen. Wie kann ein Wachposten eine fünfzig Meter lange Front gegen eine ganze Akademie halten, und noch dazu gegen seine eigenen Kameraden?! Daraufhin nahm sich der General den Wachposten höchstpersönlich vor und drohte ihm mit der Hauptwache.

„Was soll ich denn machen, Genösse General?" fragte flehend der Posten, „schießen?"

„Jawohl, schießen! Ein Wachposten ist eine heilige Sache. Sie kennen doch Ihre Dienstvorschriften?" antwortete der General. Nach Schluß der Vorlesung strömte wieder eine Menge Offiziere durch die Lücke zur Straßenbahnhaltestelle. Umsonst schrie und drohte der Posten aus Leibeskräften — es half nichts. Gleichzeitig wurde in der Ferne die rundliche Gestalt des Generals sichtbar, der seinen üblichen Rundgang machte. Der „japanische" Hauptmann ging, genau wie alle übrigen, an dem Posten vorbei, ohne sich im geringsten um dessen Geschrei zu kümmern.

„Stoj!" schrie der Posten in seiner Verzweiflung.

Der Hauptmann setzte ruhig seinen Weg fort, in Gedanken versunken.

„Stoj! Oder ich schieße!" brüllte der Posten von neuem.

Der Hauptmann ging weiter, die Gestalt des Generals aber kam immer näher.

Außer sich riß der Wachposten das Gewehr hoch und schoß ohne zu zielen. Es war vier Uhr nachmittags, die Straße war voller Menschen und der Posten so aufgeregt, daß er, wenn er gezielt hätte, bestimmt vorbeigeschossen hätte. Und trotzdem verfehlte die verhängnisvolle Kugel ihr Opfer nicht! Lautlos sank der Hauptmann mit durchschossenem Schädel zu Boden. Den ganzen Krieg über war er nicht einen Tag an der Front gewesen, hatte nicht ein einziges Mal das Pfeifen der Kugeln gehört — und ein paar Tage nach Kriegsschluß trifft ihn die tödliche Kugel eines Kameraden mitten in Moskau!

Dem Wachposten passierte natürlich nichts. Obwohl es ein offensichtlich skandalöser Fall war, drückte der General dem Posten mündlich seine Dankbarkeit für „vorbildliche Pflichterfüllung" aus. In einem solchen Fall kann man den Posten nicht zur Verantwortung ziehen, um auf die übrigen keinen unerwünschten Eindruck zu machen. „Besser, während des Wachdienstes einen Unschuldigen erschießen, als einen Feind verfehlen" heißt ein Armeegesetz.

Dieser Fall läßt mich unwillkürlich über das Schicksal nachdenken. „Dem Schicksal entgeht man nicht", sagten unsere Vorväter. Wir glauben nicht mehr an diese Dinge. Oder richtiger, man lehrt uns, nicht mehr an sie zu glauben. Damit mehr Raum bleibt für den Glauben an den Führer.

Heute habe ich mehr Veranlassung als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt, über mein Schicksal nachzudenken. Ich habe die Akademie beendet und stehe jetzt auf der Schwelle einer neuen Lebensetappe, oder bildlich gesprochen — an einem Kreuzungspunkt der Schicksalswege. Diese Wege sehe ich ziemlich klar vor mir, am allerklarsten sehe ich aber eines — wenn ich einen dieser Wege beschreite, gibt's keinen mehr zurück. Heute habe ich wenigstens gewisse Möglichkeiten der Wahl und ich muß daher alles genau überlegen. In letzter Zeit sind mir mehrfach Gerüchte zu Ohren gekommen, daß ich als Kandidat für den Posten eines ordentlichen Lektors an der Akademie vorgesehen sei. Im Grunde genommen ist das eine Aussicht, wie sie nicht glänzender sein könnte. Es ist praktisch der Gipfelpunkt der Möglichkeiten, die sich einem Absolventen der Akademie bieten.

Der Personalstab der Akademie wechselt dauernd. Er bildet praktisch die Reserve des Generalstabes, die man immer wieder näherer Betrachtung unterzieht, wenn Sonderaufgaben im Ausland zu lösen sind. Heute besteht die Möglichkeit, Irgendwo nach Europa kommandiert zu werden, morgen schon kann es Amerika sein. Man fährt zwar meist nur als bescheidenes Mitglied einer würdigen Delegation, hat dabei immer selbständige und verantwortungsvolle Sonderaufträge zu erfüllen. Nach der Rückkehr nach Moskau hat man nicht der Behörde Rechenschaft abzulegen, als deren Vertreter die Delegation im Ausland war, sondern der entsprechenden Abteilung des Generalstabs.

Erst vor ganz kurzer Zeit wurde einer der Lektoren der Akademie zu einer Rundreise durch die Tschechoslowakei, Österreich und andere Länder Mitteleuropas abkommandiert. Er begab sich auf die Reise als „Dolmetscher" eines weltbekannten sowjetischen Botanikers, eines Mitglieds der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Was für Pflänzchen der Professor mit einem solchen „Dolmetscher" einzuheimsen gedenkt und wer sich wessen Willen unterzuordnen hat, ist unschwer zu erraten.

Gehört man zum Stab der Akademie, so befindet man sich am Ausgangspunkt vielversprechender Wege. Der Personalstab der Akademie ist über die Fragen, die hinter den Kulissen des Generalstabs spielen, aufs beste informiert. Persönliches Verstehen, Protektionen und Beziehungen spielen eine große Rolle. Hier hat man immer Gelegenheit, das eigene Schicksal unauffällig zu beeinflussen. Das ist schon nicht mehr der blinde Zufall, der mich mitten in der Nacht aus den Wäldern der Leningrad-Front herausgerissen und in den brodelnden Kessel der Kreml-Akademie geworfen hat. Kurz — die Zugehörigkeit zum Personalstab der Akademie ist der sicherste Weg zu den Karrieren, von denen die Mehrzahl der Akademie-Zöglinge kaum zu träumen wagt.

Als ich zum ersten Male von meiner in Aussicht genommenen Kandidatur hörte, rief diese Tatsache in mir ziemlich gemischte Gefühle hervor. Einerseits — Moskau, die Atmosphäre der neuen Hofkreise, breiteste Möglichkeiten, ein weites Betätigungsfeld und verlockende Perspektiven für die Zukunft.

Aber... Es gibt hier ein ernstes und schwerwiegendes „aber"! Dieser Weg kann nur in einer Richtung vorwärtsführen. Wenn man sich nur einmal rückwärts, oder auch nur zur Seite wendet — ist man verloren. Will man diesen Weg beschreiten, muß man absolute innere Harmonie und den Glauben an die Richtigkeit vorgeschriebener Überzeugungen haben. Es gibt natürlich auch Ersatz: Heuchelei, Sucht nach Karriere um jeden Preis, Prinziplosigkeit in der Wahl der Mittel. Ich bin Erziehungsprodukt der stalinschen Epoche und hatte genügend Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß diese Ersatz-Überzeugungen im Sowjetland eine existentielle Rolle spielen. Und trotzdem — es ist Ersatz — kann man sich damit begnügen? Ich bin weder ein naiver Waisenknabe noch ein Philantrop; ich kann die Abwendung zweifelhafter Mittel zur Erreichung eines höheren Zieles rechtfertigen. Dafür aber muß man sich der Unanfechtbarkeit des Endzieles sicher sein. Entgegen meinem eigenen Wünschen und Streben habe ich heute diese Sicherheit noch nicht.

Manchmal ärgere ich mich selbst über meine innere Unausgeglichenheit. Wozu dieses Wühlen im eigenen Seelenleben? Ich versuche dauernd strenge Selbstkontrolle zu üben. Man darf diesen „Intelligenzler"-Gefühlen nicht freien Lauf lassen. Diese Dinge sind überlebt. Um sich unter den Sowjetverhältnissen zu behaupten, muß man die Zähne eines Wolfes und die Schlauheit eines Fuchses haben. Mit den Zähnen zupacken und dann die Spuren verwischen. Ich überblicke manchmal meine Vergangenheit auf der Suche nach Spuren von „Zarthäutigkeit". Nein, ich glaube tatsächlich — diesen Fehler habe ich nicht.

Ich brauche eine Atempause, um mein Denken und Fühlen in gewisse Ordnung zu bringen. Die langen Kriegsjahre haben mich einfach aus meinem seelischen Gleichgewicht gebracht. Ich brauche Luftveränderung, um alles einmal aus einer anderen Perspektive zu beurteilen. So wie ein Künstler sein Werk betrachtet, indem er sich von der Staffelei entfernt oder eine Linse braucht, die ihm die nötige Entfernung von seinem Werk verschafft.

Nach den lärmerfüllten Tagen des Sieges ist die Atmosphäre in Moskau grau und eintönig geworden. In Europa weht ein frischer Wind, dort vollzieht sich ein grandioser historischer Umbruch. Die Hörer der Akademie, die nach kurzer Dienstreise aus dem Westen zurückkehren, wissen interessante Dinge zu berichten. Es würde auch mir nichts schaden, den Patienten kennenzulernen, den zu kurieren auch ich berufen werden soll.

Das beste wäre für mich, wenn man mich in einem der besetzten Länder Europas einsetzen würde. Dort, in einer neuen Umgebung, unmittelbar an den Stätten unserer Siege werde ich in schöpferischer Arbeit das verlorene Gleichgewicht wiederfinden und voller Zuversicht, voller Glauben daran nach Moskau zurückkehren. Außerdem gehöre ich sowieso der Reserve des Generalstabs an und bin gebunden.

Von diesen Überlegungen ausgehend unterhalte ich mich mit dem Oberstleutnant Taube.

Der Oberstleutnant — Professor Baron von Taube — ist einer der Stellvertreter des Obersten Gorochow in der Ausbildungsabteilung. Er gilt in der Akademie als eine Art Museumsexemplar, ist aber gleichzeitig dank seiner außergewöhnlichen Kenntnisse und Fähigkeiten unersetzlich. Ungeachtet seines kompromittierenden Adelstitels hat der Name des Oberstleutnant Taube Gewicht und sein Wort ist nicht selten von entscheidender Bedeutung. Bei den Hörern gilt er als außergewöhnlich kultivierter Mensch, als sachlicher und aufmerksamer Offizier und Erzieher, mit dem man offenherzig reden kann. Außer dem Oberstleutnant Taube hat der Generalmajor Ignatjew in der Akademie einen guten Namen. In seiner Jugend Page des letzten Zaren, Zögling der zaristischen Akademie des Generalstabs, war er später lange Jahre Militärattache des Zaren in Paris. Nach der Revolution lebte er verhältnismäßig lange in der Emigration, ging aber in den dreißiger Jahren aus unbekannten Gründen den Weg nach Canossa.

Bei den Studenten hatten seine Memoiren „Fünfzig Jahre in Reih und Glied" großen Erfolg. Heute trägt der ehemalige Gardeoffizier Graf Ignatjew wieder die Generalsuniform und gilt als Geschichtsforscher der Roten Armee. Selbstverständlich genießt er kein Vertrauen und seine Hauptaufgabe besteht darin, die Toleranz der Sowjetmacht gegenüber reuigen Sündern zu beweisen. In seinen Memoiren führt er eine Menge zweifelhafter Gründe an, die ihn zur Rückkehr bewegt hätten. In Moskau aber erzählt man sich offen, daß es ihm einfach zu viel geworden sei, das viele Geschirr in den Pariser Restaurants zu spülen.

Im letzten Kriegsjahr kehrten mehrere mehr oder weniger namhafte Emigranten in die Sowjetunion zurück. Kürzlich kam zum Beispiel der seinerzeit bekannte Schriftsteller Kuprin nach Moskau. Die Moskauer beschreiben seinen Einzug folgendermaßen: als er aus dem Moskauer Bahnhofsgebäude trat, stellte Kuprin seine Koffer hin und kniete nieder, um angesichts des ganzen Volkes die Heimaterde zu küssen. Als er wieder aufstand und nach seinen Koffern greifen wollte, waren diese spurlos verschwunden.

Vor kurzem hörten Beljawskij und ich ein Konzert von Alexander Wertinskij. Sein öffentliches Auftreten hatte niemand erwartet und es befriedigte die meisten Menschen als Bestätigung der neuen, liberalen Linie der Regierungspolitik. Er durfte auftreten, das ist wahr — allerdings nur in kleinen Klubs in den Vorstädten Moskaus. Und die Tatsache an sich, daß er auftreten durfte, war in der Tat wichtiger und auch angenehmer, als der ganze Wertinskij und seine Kunst. Von der Bühne wehte ein Geruch nach Morphium, und das menschliche Wrack, das da in Begleitung seiner Frau, einer jungen Sängerin, auftrat, rief einen kläglichen und sentimentalen Eindruck hervor, als wollte es sagen: „Spendet einem "Ehemaligen" !" Das Andenken an die Vergangenheit ist angenehmer als der Anblick einer aus dem Grabe auferstandenen Leiche.

Die Sowjetmacht hat, vielleicht unbewußt, klug gehandelt, der jungen Generation die alte Welt in dieser Form zu zeigen. Durch eigenen Augenschein, ohne jegliche Propaganda, konnten wir uns davon überzeugen, wie weit unsere eigene Welt und unsere Interessen inzwischen vorangeschritten sind.

Oberstleutnant Taube hört mich aufmerksam an — ich erwähne natürlich mit keinem Wort die inneren Beweggründe, die mich veranlassen, um meine Kommandierung ins Ausland zu bitten — und verspricht, bei den höheren Instanzen meine Abkommandierung ins Ausland zu befürworten; meine Kandidatur in der Akademie soll dadurch nicht berührt werden.

Außer dem Oberstleunant habe ich noch einige andere Eisen im Feuer, Menschen, die bei der Verteilung von Posten an die Absolventen der Akademie ein Wort mitzureden haben. In dieser Frage muß man mit aller Vorsicht vorgehen und genau wissen, wem man was zu sagen hat. In manchen Fällen muß man, um das gewünschte Ziel zu erreichen, sich den Anschein geben, als wünsche man genau das Gegenteil. Diejenigen, die ihr Interesse an einem Auslandseinsatz offen bekunden, kommen niemals ins Ausland.

Kurze Zeit später werde ich in das Arbeitszimmer des Obersten Gorochow befohlen. Der Oberst begrüßt mich wie einen alten Bekannten.

„Ah, Major Klimow! Freue mich, Sie zu sehen", beginnt er so liebenswürdig, als sei es sein sehnlichster Wunsch gewesen, mich wiederzusehen.

Ich nehme sofort innerlich Abwehrstellung ein. Je liebenswürdiger der Oberst ist, desto unerwarteter kann der Ausgang des Gespräches sein.

„Sie sind meinem Rat doch nicht gefolgt. Haben der Ost-Abteilung den Rücken gekehrt", wiegt der Oberst bedauernd den Kopf, als hätte er einen ungehorsamen Jungen vor sich. „Ich würde es Ihnen nie verzeihen, wenn Sie nicht so gute Fürsprecher hätten."

Ich schweige und warte darauf, daß der Oberst zur Sache übergeht. Er hat mich sicher nicht rufen lassen, um mir Komplimente zu machen.

„Sie wollen also gerne einmal in voller Freiheit arbeiten?" erklingt die freundschaftliche Frage.

Ich ziehe fragend die Augenbrauen hoch.

„Wir wollten Sie gerne hierbehalten", sagt der Oberst. „Jetzt wird aber vorgeschlagen, Ihnen Gelegenheit zu geben, sich an anderer Stelle zu bewähren. Ich nehme an, daß das nicht ganz ohne Ihr Zutun geschehen ist..."

Er blickt mich ironisch fragend an. Kein Zweifel, daß er längst erraten hat, welche Rolle ich selbst bei meiner Überführung aus der Ost-Fakultät in die West-Fakultät gespielt habe.

„Ich habe nichts gegen Ihre Abkommandierung einzuwenden", erklärt der Oberst nach kurzem Schweigen. „Ich denke, auch sie haben nichts einzuwenden."

Ich versuche, ein gleichmütiges Gesicht zu machen. Für Generalstabsoffiziere ist es besser, keine unnötige Neugier zu zeigen und unnütze Fragen zu vermeiden. Nirgends hat das alte Sprichwort „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold" mehr Gültigkeit als hier. Nur wenige wissen, daß die Kunst, zu schweigen und zuzuhören heutzutage eine seltene Ausnahmeerscheinung ist. Die meisten Menschen legen mehr Wert darauf, sich selbst zu zeigen, als ihre Partner kennenzulernen.

„Sie haben einen einzigen Fehler", fährt der Oberst fort. „Warum sind Sie immer noch nicht Mitglied der Partei?"

„Ich bin erst seit einem Jahr an der Akademie, Genösse Oberst", entgegen ich. „Man muß von drei Parteimitgliedern empfohlen sein, die einen mindestens zwei Jahre lang im gemeinsamen Dienst kennengelernt haben, wenn man in die Partei aufgenommen werden will."

„Und früher?"

„Ich hatte bisher nicht die Gelegenheit, mehr als zwei Jahre an einem Ort zu verbringen."

Am liebsten würde ich dem Oberst erklären: ich finde, daß ein Mensch in die Partei eintreten soll, wenn er bereits ein hervorragendes Mitglied der Gesellschaft geworden ist, und nicht, um die Partei als Sprungbrett für seine Karriere zu benutzen.

Die meisten „echten" Kommunisten handeln heutzutage nach dem letzteren Prinzip. Gerade sie sind es, die den meisten Staub aufwirbeln, um zu beweisen, wie „linientreu" sie sind. Diejenigen aber, die durch eigene Kraft etwas erreicht haben und infolgedessen wohl oder übel in die Partei eintreten müssen, sind in der Regel passive und unbeteiligte Mitläufer.

Kann man so etwas aussprechen? Das würde bedeuten, daß man in gewissem Maße unsicher ist und zweifelt. Wenn ein Sowjetmensch aber leben will, muß er vom Tage seiner Geburt an bedingungslos an die Unfehlbarkeit der Parteilinie glauben. Ich müßte ein schlechter Schüler der Akademie sein, wollte ich mit dem Oberst offenherzig reden. „Gebt niemals der ersten Regung eures Herzen nach, weil sie die aufrichtigste und reinste Regung ist!" sagte Charles Talleyrand.

„Ich hoffe, daß Sie bis zu unserem nächsten Zusammentreffen diesen Fehler gutgemacht haben", sagt der Oberst abschließend. „Im übrigen sind die Gutachten über Sie tadellos in Ordnung. Ihre Angelegenheit wird dem Heerespersonalamt übergeben, von dort aus wird Ihnen Ihr Arbeitsplatz zugewiesen."

Nach der Unterhaltung mit Oberst Gorochow warte ich auf die übliche Überprüfung der Fragebogen durch höhere Instanzen.

Gewöhnlich werden sogar die Hörer unserer Akademie, die ohnehin außerordentlich streng gesiebt sind, vor einem Auslandseinsatz zur Überprüfung der Fragebogen vor die Mandatskommission des Heerespersonalamts der Roten Armee und vor die Auslandsabteilung der KPdSU (B) geladen. Man kann nie wachsam genug sein. Möglicherweise ist der eine oder andere in der Zwischenzeit „wurmstichig" geworden oder in seiner Verwandtschaft oder in der seiner Frau sind wichtige Veränderungen eingetreten.

Eine der unangenehmsten Erscheinungen des Sowjetlebens ist die kollektive Verantwortlichkeit der gesamten Sippe. Ein Mensch kann ein noch so einwandfreies Mitglied der Sowjetgesellschaft sein — wenn irgendein entfernter Verwandter mit der NKWD in Konflikt kommt, wird er automatisch in die Kategorie der „politisch Unzuverlässigen" eingereiht. Sogar in Nazi-Deutschland, in dem ebenfalls das System der Sippenhaft existierte, hingen die politische Zuverlässigkeit und die dienstliche Karriere eines Menschen nicht von dem Verhalten seiner gesamten Verwandtschaft ab.

Während des Krieges gab es eine spezielle Kategorie von „Unzuverlässigen", die nicht zum Militärdienst eingezogen wurden. Ein Teil von ihnen mußte in den Arbeitsbataillonen dienen. Sie bekamen keine Waffen in die Hand und man hielt sie in sicherer Entfernung von der Front. Es handelte sich dabei hauptsächlich um Leute, deren Verwandte zu nahe Bekanntschaft mit der NKWD gemacht hatten. Wer persönlich mit der NKWD in Berührung gekommen war oder auf der schwarzen Liste der NKWD stand, war rechtzeitig in den ersten Kriegstagen verhaftet und interniert worden. Wenn einer der „Unzuverlässigen" den Antrag stellte, als Freiwilliger an die Front geschickt zu werden, wurde er unverzüglich verhaftet und in ein NKWD-Lager geschickt. Die Militärkommandanturen wußten diese Art von Patriotismus richtig einzuschätzen. Die Sowjetmacht rechnet damit, daß ungeachtet der langen Jahre der Umerziehung die Treue gegenüber Vater, Mutter und dem eigenen Blut in der russischen Seele stärker ist als die durch kommunistische Schulung anerzogene Weltanschauung.

In den letzten Kriegsjahren wurden infolge des großen Mangels an Menschenmaterial die „Unzuverlässigen" nicht mehr nur für die Arbeitsbataillone, sondern auch für die reguläre Armee eingezogen. Sie mußten als einfache Soldaten an die Front, obwohl die Mehrzahl von ihnen Intelligenzler und Reserveoffiziere waren. Wenn ich einem Soldaten begegnete, der vor dem Krieg Lehrer oder Ingenieur war, wußte ich auch ohne Fragebogen, wes Geistes Kind er war.

Die Anzahl der „Verfolgten" hat im Laufe der langen Jahre der sowjetischen Experimente ein so kolossales Ausmaß erreicht, daß der „Schwanz" der automatisch „Unzuverlässigen" heute zweifellos die bedeutendste soziale Gruppe der neuen Sowjetgesellschaft bildet. Beide Seiten müssen nun einen Ausweg aus der verwickelten Situation suchen. Die Menschen wollen leben, und die Macht braucht Menschen. Zwischen diesen beiden Notwendigkeiten steht als unüberwindliches Hindernis der Fragebogen. Viele dieser Menschen haben nie in ihrem Leben ihren „bösen Geist" gesehen, haben mit ihm nichts zu schaffen und erwähnen ihn natürlicherweise auch nicht in ihren Fragebogen. Die Machthaber wissen, daß die Fragebogen nicht genau genug ausgefüllt sind, sehen sich aber oft gezwungen, diese Ungenauigkeiten in den Fragebogen „nicht zu bemerken".

Die Politik des Terrors hat die Sowjetmachthaber in eine Sackgasse geführt — nach sowjetischer Klassifizierung gibt es heute in der Sowjetunion weniger tadellos saubere und zuverlässige Bürger als vor dreißig Jahren. Infolgedessen prüfen die Machthaber in weniger wichtigen Fällen oder wenn sie einen Menschen dringend brauchen, die Angaben der Fragebogen weniger streng. Dafür trauen sie aber in wichtigen Fällen keinem Fragebogen und nicht einmal den von ihnen selbst verfaßten Gutachten über die betreffende Person und überprüfen den Kandidaten immer und immer wieder mit hysterischem Mißtrauen und kleinlichster Sorgfalt.

Die Kontrollzeit vor einem Auslandseinsatz schwankt zwischen drei und sechs Monaten. Wenn bei Überprüfung der Angaben durch die NKWD am Wohnort des Kandidaten festgestellt wird, daß irgendein entfernter Verwandter z. B. aus ungeklärten Gründen spurlos verschwunden ist, so genügt allein diese Tatsache, um den Auslandsauftrag rückgängig zu machen. Alles, was ungeklärt erscheint, wird von vornherein als negativer Faktor gewertet.

Statt der erwarteten Vorladung in das Personalamt des Generalstabes bekomme ich nach ein paar Tagen den Befehl, mich beim Chef der Akademie einzufinden. Das fällt aus dem Rahmen des üblichen und unwillkürlich überlege ich auf dem Weg zur Audienz, was wohl hinter dieser Vorladung stecken mag.

Uber General Bijasi sind in der Akademie die widersprechendsten Gerüchte im Umlauf. Ein Teil der Hörer äußert sich voll verdächtig lauter Begeisterung über die außerordentlichen Fähigkeiten des Generals und kann sich nicht genug daran tun zu erzählen, daß er ein Mensch von außergewöhnlich hoher Kultur sei, daß er seinerzeit Gesandter in Italien gewesen sei und nicht nur alle Sprachen einwandfrei beherrsche, die in der Akademie gelehrt werden, sondern sogar in den Herzen der Menschen lesen und ihre geheimsten Gedanken erraten könne. Kein Zweifel, daß diese Hörer, die ihren Vorgesetzten in dieser Weise in den Himmel heben, auf der diplomatischen Karriereleiter höher klettern werden als diejenigen, die behaupten, General Bijasi habe seine Karriere mit dem Verkauf von Chalwa und Früchten auf den Märkten von Tiflis begonnen und seine hervorragendsten Eigenschaften seien sein glanzvolles Äußere und seine honigsüßen Manieren und Redensarten.

Häufig ertönt auf dem Hof der Akademie warnendes Geflüster: „Attention! Der General reitet sein Steckenpferd!" Darauf verziehen sich die durch die Erfahrung gewitzigten Hörer schleunigst aus dem Bereich seines Blickfeldes und beobachten aus sicherer Entfernung die weiteren Vorgänge. Äußerlich ist der General außerordentlich liebenswürdig und höflich, betont gepflegt und elegant. Seinem kritischen Auge entgeht nicht die geringste Einzelheit der äußeren Erscheinung des armen Hörers, der das Pech hat, ihm in die Quere zu kommen.

„Nun, mein Täubchen, warum schleichen Sie hier herum wie ein lahmer Gaul?" hält der General mitten auf dem Hof einen sorglos schlendernden Hauptmann an. „Zeigen Sie doch einmal, wie ein richtiger Offizier zu gehen hat!"

Und dann beginnt eine Vorstellung, die das größte Vergnügen der Hörer hervorruft, die sie aus den Fenstern des zweiten Stockwerks verfolgen.

„Warum sind Ihre Stiefel nicht geputzt, mein Bester?" forscht der General mit süßlicher Stimme weiter. „Die Stiefel müssen glänzen wie ein Rasierspiegel."

„Auf dem Hof sind Pfützen, Genösse General!" verteidigt sich der Unglückliche mit schreckweiten Augen.

„Dann passen Sie besser auf, wo Sie hintreten! Gucken Sie nicht in die Sterne! Wer zwingt Sie, in die Pfützen zu treten?! So müssen Stiefel aussehen!" Und der General streckt seinen kleinen fetten Fuß vor, der in engen spiegelblanken Lackstiefeln mit hohen Absätzen steckt.

„Jawohl, Genösse General!"

„Außerdem, ist das eine Art, Vorgesetzte zu grüßen? Wiederholen Sie den Gruß!"

Der General hetzt den Hauptmann kreuz und quer über den Hof, um ihm die Ehrenbezeugung beizubringen. Er kommt immer mehr in Fahrt und fängt schließlich selbst an vorzumachen, wie dieser komplizierte Vorgang „regelrecht" zu sein hat.

„Als ich jung war... war ich nicht so ein Waschlappen... wie Sie, junger Mann..." ächzt der General außer Atem.

„Als Du jung warst, hast Du mit Äpfeln gehandelt", denkt das Opfer wutentbrannt im stillen. „Wann läßt mich dieser verdammte Kerl bloß endlich laufen?"

„Oh! Und was ist denn d-a-a-as?!" Der General streicht im gespielten Entsetzen mit der Hand über die Wange des mit der Hand an der Mütze erstarrten Hauptmanns. „Ai—ai—ai! Zu einem Mädchen würden Sie mit einem solchen Bart sicherlich nicht gehen...! Schlimm, schlimm... Wie oft werde ich Euretwegen noch vor Scham erröten müssen..."

Nachdem der General sich genug amüsiert hat, stolziert er weiter — auf der Suche nach dem nächsten Erziehungsobjekt. Seine Äuglein glänzen triumphierend, um dann den Ausdruck stillen Grames anzunehmen — er ist wie ein liebevoller Vater, dem seine zahlreichen Kinder seine väterliche Fürsorge mit lauter Kränkungen vergelten.

Der Hauptmann hat kaum Zeit, erleichtert aufzuatmen, als er schon feststellen muß, daß seine Freude verfrüht war. Der Adjutant des Generals, der diesem wie ein stiller Schatten auf dem Fuß folgt, ist stehengeblieben, nimmt sein Notizbuch aus der Tasche und winkt den Hauptmann herbei. Er muß doch seine Buchhaltung auf dem laufenden halten. Am folgenden Tag bekommt der Schuldige eine entsprechende Benachrichtigung. Hausarrest wird bei den Offizieren durch Abzug von der Löhnung für die Tage der Bestrafung ersetzt.

Wer zum General befohlen wird, ist niemals über den Ausgang der Audienz sicher. Die Akademie wartet überhaupt jederzeit mit den größten Überraschungen auf. So wurde zum Beispiel vor kurzem die ganze japanische Abteilung mit Ausnahme der obersten Kurse mit dem Ziel reorganisiert, in kurzfristigen Lehrgängen Armee-Übersetzer auszubilden. Die enttäuschten künftigen Diplomaten wurden besänftigt — es sei nur eine vorübergehende Maßnahme, später würden sie alle wieder die Möglichkeit haben, ihr Studium wie bisher fortzuführen. Vorläufig aber sitzen sie vom Morgen bis zum Abend und büffeln japanische militärische Terminologie. Die Reorganisation erfolgte unmittelbar nach der Krim-Konferenz und das Unterrichtstempo wurde sofort dermaßen forciert, daß die Hörer sich unzweideutige Blicke zuzuwerfen begannen. Die Lehrpläne lassen genau erkennen, wann die Schulung abgeschlossen zu sein hat und wohin der Hase läuft... Im allgemeinen sind die Geheimklauseln des Jalta-Abkommens für uns durchaus kein Geheimnis. Nicht umsonst wird uns jeden Tag von neuem erklärt, daß die Beamten der ausländischen Gesandtschaften äußerst glücklich wären, einen von uns näher kennenzulernen. Wenn einer von uns es sich ohne Sondergenehmigring einfallen läßt, in den Straßen Moskaus ein paar Worte mit einem Ausländer zu wechseln, bedeutet das, daß er von seinem Schutzengel zu viel erwartet.

Manche Hörer müssen vor dem Auslandseinsatz noch einen Spezialkursus durchmachen — Regeln des guten Tones und feines Benehmen im Umgang mit Ausländern. Häufig werden bei diesen Kursen die Hörer einzeln vorgenommen, je nachdem, in welches Land sie geschickt werden sollen. Manchmal wird besonderes Gewicht auf die Erlernung moderner Tänze des westlichen Auslandes gelegt oder auf die Hohe Schule des Umgangs mit Frauen, einschließlich der Kunst, Herzen zu brechen, über die der Weg zu den Safes der Diplomaten führt. Die Instruktionen berücksichtigen in manchen Fällen selbst die Farbe des Schlafanzuges, intime Offenbarungen aus den Memoiren eines Kammermädchens und Rezepte aus den Küchen Mephistos und Casanovas. In diesen Lehrgängen spielt General Bijasi, der erste Kavalier der Akademie, konkurrenzlos die erste Geige.

Womit wird er mich wohl beglücken? Vielleicht wieder so ein Speziallehrgang!

Nach all diesen Überlegungen bin ich nicht wenig erstaunt, als General Bijasi mir kurzerhand erklärt, daß ich auf Befehl höherer Stellen dem Hauptstab der Sowjetischen Militär-Administration in Deutschland zukommandiert sei.

Allem Anschein nach hält man mich für so zuverlässig und für so vielseitig gesiebt, daß eine nochmalige Überprüfung unmittelbar vor der Abreise sich erübrigt.

„Wir können in jeder Beziehung stolz auf Sie sein", erklärt der General. Sein Gesicht und sein Benehmen erinnern in nichts mehr an die übliche süßliche Maske. Er spricht kurz und sachlich. Es ist die Unterhaltung eines Vorgesetzten mit dem jüngeren Kameraden, in der der General äußerliche Effekthascherei für überflüssig hält. Der Fall ist geklärt und er hat mir nur noch die Entscheidung zur Kenntnis zu bringen.

„Vergessen Sie nicht — wo immer Sie sich befinden, Sie sind und bleiben einer von uns", der General legt auf das Wort „uns" besondere Betonung. „Sie stehen von jetzt an unter einem anderen Kommando, aber wir können Sie zu jeder beliebigen Minute zurückbeordern. Nötigenfalls haben Sie das Recht, sich über den Kopf Ihres künftigen Vorgesetzten hinweg mit uns in Verbindung zu setzen. In der Armee ist das an und für sich, wie Sie wissen, verboten, aber in diesem Falle besteht eine Ausnahme von der Regel." „Davon, wie Sie sich in der praktischen Arbeit bewähren, hängt Ihr weiteres Schicksal ab. Ich hoffe, daß wir uns später wiedersehen werden..."

Ich lausche den Worten des Generals mit einer eigentümlichen Ruhe. Während des Krieges war ich voller Begeisterung und Leidenschaft für alles, was ich erlebte, ich hatte bestimmte Ziele vor Augen. Jetzt aber erfüllt mich nur noch eisige Ruhe. Die gleiche Ruhe wie damals, als ich im Juni 1941 erfuhr, daß der Krieg ausgebrochen war. Damals war es die angespannte Erwartung kommender Ereignisse. Was es heute ist, kann ich vorerst einfach nicht verstehen. Unsere innere Welt ist das Spiegelbild unserer Umgebung. Jetzt stelle ich meine innere Welt mit vollem Bewußtsein auf die Probe. In der aktiven Arbeit, in dem Schmelztiegel der internationalen Interessen, werde ich hinter den Sinn unseres Daseins kommen. Einen geeigneteren Ort als Berlin kann man dafür kaum finden.

„Ich bin überzeugt, Sie werden sich des Vertrauens würdig erweisen, das das Vaterland Ihnen schenkt, indem es Sie an dem wichtigsten Abschnitt der Nachkriegsfront einsetzt. Die Arbeit dort ist wichtiger und verantwortungsvoller als während des Krieges", fährt der General fort und drückt mir abschiednehmend die Hand. „Viel Erfolg, Genösse Major!"

„Jawohl, Genösse General!" entgegne ich, ihm fest in die Augen blickend, und erwidere seinen festen Händedruck. Ich fahre ja nach Berlin, um von dort als besserer Bürger meines Vaterlandes nach Moskau zurückzukehren, als ich es heute sein kann.

***

Im Winter hörte das Rätsel um Shenjas Leben auf, für mich ein Geheimnis zu sein. Im Januar kehrte Shenjas Mutter nach Moskau zurück. Den ganzen Krieg über hatte sie, um in der Nähe ihres Mannes zu sein, als Ärztin an Frontlazaretten gearbeitet. Jetzt war sie aus der Armee entlassen worden und kehrte heim.

Anna Petrowna war das genaue Gegenteil von Shenja. Ihr größtes Vergnügen bestand darin, von ihrem Mann zu erzählen. Es kostete mich nicht wenig Geduld und Ausdauer, zum zehntenmal die gleichen Geschichten mit dem gleichen Interesse anzuhören — wie sie heirateten, wie ihr Mann niemals zu Hause war, weil er seine ganze Zeit dem Dienst widmete, wie schwer es sei, die Frau eines Berufsoffiziers zu sein.

Mit allen Einzelheiten schilderte sie seine und ihre Eltern, einfache Leute, seinen allmählichen Aufstieg und schließlich seine atemberaubende Karriere während des Krieges. Anna Petrowna war außerordentlich liebenswürdig und natürlich. Sie, die Frau eines bekannten Generals, bildete sich auf die hohe Stellung ihres Mannes gar nichts ein, sondern erzählte im Gegenteil mit Vorliebe Anekdoten über die Unbildung und Ignoranz der neuen Aristokratie. Darin lag kein Widerspruch. Anna Petrowna verstand ganz genau, welche Verantwortung die hohe Stellung ihres Mannes ihr auferlegte, sie versuchte in jeder Hinsicht, mit der Zeit und mit ihrem Mann Schritt zu halten. Sie wurde innerlich und äußerlich ihrer Stellung in der Gesellschaft voll und ganz gerecht.

In breiten Kreisen betrachtete man die neue Aristokratie recht skeptisch als „Emporkömmlinge". Das hing in großem Maße damit zusammen, daß während der Revolution neue, völlig unbekannte Leute an die Spitze kamen. In der Revolutionszeit war das natürlich. Nach der Revolution nahmen diese Leute leitende Staatsstellungen ein, denen sie häufig weder ihren Kenntnissen noch ihren Fähigkeiten nach gerecht zu werden vermochten. Das einzige, was man den leitenden Sowjetfunktionären nicht absprechen kann, sind rastlose Energie und unerschöpfliche Beharrlichkeit. Mit der Zeit wurde die revolutionäre Garde älter, überlebte ihre Zeit, und ihre mangelnde Eignung zur Erfüllung der neuen Aufgaben wurde immer offensichtlicher.

Gleichzeitig wuchsen die neuen sowjetischen Kader von Spezialisten der verschiedensten Fachgebiete heran. Sie entstammten der breiten Masse der Bevölkerung, hatten aber bereits die erforderliche Schulbildung und eine spezielle berufliche Ausbildung genossen und sich praktische Erfahrung in leitender Tätigkeit angeeignet.

Der Krieg brachte den bürokratischen Sumpf wie ein Geschwür zum Aufbrechen. Es wurde notwendig, die Helden der Revolutionszeit, die inzwischen schon Schimmel angesetzt hatten, durch neue, den Aufgaben besser gewachsene Kader junger Führer sowjetischer Schule zu ersetzen. Nicht erworbene Verdienste, sondern Fähigkeiten allein wurden jetzt entscheidend. Es ist kein Zufall, daß in den Kriegsjahren, besonders in der Armee, eine Menge neuer begabter militärischer Führer an die Oberfläche kam, die bis dahin unbekannt und unerkannt dahinvegetiert hatten.

Die Vorkriegsaristokratie der Partei und der Bürokratie verlebte ihre Tage in der gleichen Pracht und Herrlichkeit, die einst der zaristischen Aristokratie zum Vorwurf gemacht worden war. Während des Krieges wurde sie — vielleicht nur vorübergehend, um die Situation zu retten — durch die besten Kräfte der Nation ersetzt. Shenjas Vater gehörte zu dieser Elite.

Anna Petrowna war auf die Karriere ihres Mannes außerordentlich stolz, bedauerte es aber halb unbewußt, daß diese Karriere praktisch ihrem Familienleben ein Ende bereitet hatte.

Allmählich freundete ich mich mit Anna Petrowna so herzlich an, daß ich manchmal mit ihr gemeinsam gegen Shenja Stellung bezog. Shenja hatte sich so sehr an ihre Selbständigkeit gewöhnt, daß sie sich der Autorität ihrer Mutter absolut nicht mehr beugen wollte. Das einzige, was Eindruck auf sie machte, war die Drohung: „Wart nur — ich schreibe es dem Vater, wie Du Dich hier benimmst..."

Da gab Shenja, wenigstens zeitweise, klein bei. Während der Staatsexamen hatte ich, um mich auf die Arbeit konzentrieren zu können, Shenja nicht gesehen und sie nur manchmal telefonisch angerufen.

Jetzt habe ich meine Kommandierung nach Berlin in der Tasche und kann Shenja nach langer Zeit zum erstenmal wieder besuchen. Ich erwarte von ihr alles andere eher als einen zärtlichen Empfang.

Zu meiner größten Überraschung begrüßt Shenja mich aber so stürmisch, daß Anna Petrowna tadelnd den Kopf schüttelt: „Vergiß doch wenigstens nicht, daß ich auch noch da bin!"

„Grischa!" sie wirbelt mit mir wie ein Kreisel durchs Zimmer. „Papa war hier... ganze zwei Wochen... Stell Dir nur vor — ganze zwei Wochen!"

Shenja liebt und vergöttert ihren Vater grenzenlos. Ebenso grenzenlos ist aber auch ihre Eifersucht auf seinen Dienst und ihre Sehnsucht nach ihm; er ist so selten zu Hause.

„Schau doch mal, was er mir alles mitgebracht hat!"

Sie zieht mich mit sich und zeigt mir voller Stolz eine ganze Menge von Schätzen, die ihr der Vater geschenkt hatte. Früher schon wurden ganze Kisten mit Trophäen in die Wohnung gebracht. Jedesmal, wenn einer der Stabsoffiziere nach Moskau fuhr, brachte er vom General Geschenke mit. Das war in allen Offiziersfamilien während des Vormarsches der Roten Armee in Ostpreußen üblich. Die jüngeren Dienstgrade schickten nur „Fähnchen" nach Hause, billiges Zeug, die älteren dagegen solidere Sachen — einschließlich Möbel und Klaviere. Juristisch betrachtet — Raub; in der Sprache des Krieges Trophäen genannt. überdies war man in bezug auf die Deutschen der Ansicht — eine Hand wäscht die andere. An Moral kann man später denken.

In Moskau kursiert eine neue Anekdote. Ein Frontoffizier schickte seiner Frau eine Kiste Seife. Ohne lange zu überlegen, verkaufte diese die ganze Seife kurzerhand auf dem schwarzen Markt. Nach ein paar Tagen kommt ein Brief des Mannes, in dem er schreibt, daß in jedem Stück Seife eine goldene Uhr versteckt ist. Die einen Chronisten berichten, je nach Geschmack, daß sich die Frau daraufhin erhängt, die anderen, daß sie sich ertränkt und die dritten, daß sie sich vergiftet habe.

Die Philosophen erklären mit Vorliebe, daß Armut den Menschen adelt. In bestimmtem Rahmen und unter bestimmten Voraussetzungen mag das schon sein. Aber chronische und massenweise auftretende Armut entwürdigt und gibt den Anstoß zu vielen, abscheulichen Dingen, die eines Menschen unwürdig sind.

Im Wohnzimmer auf dem Fußboden steht ein riesiger Radioapparat. Beim ersten Blick auf die glänzende Tastatur der Knöpfe und Hebel erkenne ich nicht gleich — ist das ein Rundfunkempfänger oder ein Sendegerät? Tatsächlich, der General hat einen Radioapparat ausfindig gemacht, der seinem Rang durchaus entspricht. Endlich überzeuge ich mich, daß es ein Supergerät ist, das Neueste vom Neuen. Gerade als ich die Schnur in die Steckdose stecken will, hebt Anna Petrowna warnend den Finger: „Grischa! Schalten Sie um Gottes willen nicht ein. Kolja hat es strengstens verboten."

„Nanu... Was brauchen Sie denn zu befürchten?" erwidere ich.

„Nein, nein... Bevor das Verbot nicht aufgehoben ist — auf keinen Fall. Kolja hat selbst nicht eingeschaltet."

Da haben wir's! Einen Monat nach Kriegsende wagt es nicht einmal ein siegreicher Sowjetgeneral, Radio zu hören, bevor der Kreml es nicht ausdrücklich gestattet.

„Grischa, haben Sie die neue Anekdote schon gehört?" versucht Anna Petrowna mich vom Radio abzulenken.

„Von der Seife?" frage ich; ich habe mich schon an die Erzählungen Anna Petrownas über die Frauen der Generale und Offiziere gewöhnt.

„Nein... eine neue! Ein General schickt seiner Frau ein Piano von der Front. Nun, die Fahrt war dem Piano schlecht bekommen, es war verstimmt. Ein Stimmer wird geholt. Er stimmt das Klavier und soll es nun auf den richtigen Platz stellen. Unbedingt auf einen Platz, der es zum Blickfang macht.

„Das geht nicht", sagt der Stimmer „da wird es keine Resonanz haben. "

„Ach Unsinn! " winkt die Frau herablassend ab. Ich brauche nur meinem General zu schreiben und der schickt mir auch die Resonanz. Shenja unterbricht uns.

„Grischa, guck mal. Ich habe hier noch etwas", sie stürzt ins Nebenzimmer. „Eine goldene Pistole!"

Ich erwarte, ein originelles Feuerzeug oder sonst ein Damenspielzeug zu sehen. Shenja wirft mir schwungvoll etwas Schweres in gelber Ledertasche in den Schoß.

Ich öffne die Ledertasche und halte eine matt schimmernde vergoldete Walter-Pistole in der Hand. Auf der Seitenfläche eingravierte gotische Buchstaben. Zwei zickzackförmige Blitze — das Zeichen der SS — springen in die Augen. Die Inschrift lautet:

„Dem SS-General Andreas von Schönau im Namen des Großdeutschen Reiches. Der Führer."

Eine goldene Ehrenwaffe! Ein Geschenk Hitlers an einen seiner SS-Generale. Einstmals erfüllte dieses glänzende Stück Metall das Herz eines Menschen, der sich hoher dünkte als andere Lebewesen, mit Stolz und Überheblichkeit. Jetzt sitzt er im Kriegsgefangenenlager und sammelt Kippen, während dieses stolze Spielzeug ebenso unbeteiligt in der Hand des Siegers glänzt.

„Jetzt nimm Dich in acht vor mir", Shenja löst den Ladestreifen aus.

„In voller Kampfbereitschaft!"

Der Ladestreifen gleitet schlangengleich auf das Kissen des Sofas. Die roten Köpfchen der Patronen werden sichtbar.

„Was für eine Idee, so ein Spielzeug zu verschenken", sage ich und lege die Patronen beiseite, „und zu allem Überfluß auch noch Dir?!"

„Reg Dich nicht auf. Wenn Du Dich gut benimmst, passiert Dir nichts", beruhigt mich Shenja.

„Außerdem hat Papa noch zwei Opel mitgebracht", plappert sie weiter. „Den ,Admiral' will er selbst fahren, der ,Kapitän' gehört mir. Verstehst Du? Er gehört mir! Daß Du mir morgen ja hier bist. Du mußt mir doch das Fahren beibringen. Wiederhol den Befehl!"

„Hör mal, Grischa, was hast Du überhaupt für Zukunftspläne?" fragt Shenja schalkhaft und die neuen Spielsachen sind schon vergessen. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre goldene Pistole handhabt, legt sie meinen Kopf in ihren Schoß und schreibt mit dem Finger ein großes Fragezeichen auf meine Stirn.

Aus ihrer Stimme spricht spielerische Herausfordemng. Der uralte Instinkt weiblicher Koketterie ist auch im Herzen der Tochter eines Sowjetgenerals noch immer der gleiche.

Ich möchte Shenjas freudige Stimmung nicht verderben. Irgendwo in der Tiefe meiner Seele regt sich ein Gefühl des Bedauerns, daß ich schon morgen diese ganze Welt verlassen muß. Aber es muß sein, und es ist ja auch nicht für immer.

„Morgen fliege ich nach Berlin..." sage ich langsam und blicke zur Decke. Ich spreche so leise und vorsichtig, als wäre ich an irgend etwas schuld.

„Wa-a-as?" fragt Shenja ungläubig. „Schon wieder einer Deiner dummen Scherze?"

„Es ist kein Scherz..."

„Nirgends fliegst Du hin. Vergiß den Unsinn! Verstanden?!"

„Das hängt nicht von mir ab..."

Ich zucke hilflos die Achseln.

„Herrgott! Ich würde Dir am liebsten das Fell über die Ohren ziehen!" ruft Shenja aus. „Geh doch in die Operette, wenn Du unbedingt das Ausland sehen willst. Tut es Dir denn überhaupt nicht leid, wieder fortzufahren und mich hierzulassen — mit meinen ewigen langweiligen Integralen?"

Sie schaut mir beinahe flehend in die Augen, in ihrem Blick liegt mehr als nur eine Bitte oder eine Laune.

„Das hängt nicht von meinen Wünschen ab, Shenja... die Pflicht..."

„Pflicht, Pflicht..." wiederholt Shenja meine Worte. „Ich höre dieses Wort zu oft — Pflicht!"

Ihre Sorglosigkeit und Fröhlichkeit sind wie mit einem Schlage fortgewischt. Ihre Stimme wird traurig und ernst.

„Ich war so grenzenlos froh, daß Du kein Berufsoffizier warst. Glaubst Du vielleicht, ich wäre zu Hause glücklich? Ich bin doch — eine Waise!"

Shenja sitzt plötzlich sehr gerade, ihr Gesicht ist blaß geworden, die schmalen Finger spielen nervös mit den seidenen Fransen eines Kissens.

„Mein Leben lang habe ich meinen Vater nur wochenweise zu Gesicht bekommen... Wir sind uns beinahe fremd. Du fragst Dich wohl, warum er mich mit Geschenken überschüttet? Er fühlt dasselbe wie ich. Einmal China, dann Spanien, dann noch was... und so das ganze Leben lang..."

Shenjas Stimme zittert und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Sie hat ihre Selbstbeherrschung verloren, die Worte entströmen ihrem Mund wie eine leidenschaftliche Anklage, wie ein Vorwurf gegen das Schicksal.

„Meine Freundinnen sagen, ich sei glücklich — der Vater hat die ganze Brust voll Orden... Ich hasse diese Orden... Sie haben mir meinen Vater weggenommen... Jeder von ihnen bedeutet Jahre der Trennung. Sieh Dir doch Mama an! Kaum sind die Freudentränen getrocknet, daß der Vater endlich da ist, daß er am Leben und gesund ist, da beginnt das Weinen schon wieder von neuem. Wieder muß er fort, irgendwohin, sie weiß nicht einmal, wohin... Manchmal kommt jahrelang nicht einmal ein Brief..."

„Er sagt auch immer — Pflicht, Pflicht... Und jetzt Du... Ich will nicht so leben wie Mama... Ich will nicht nur von einem Brief zum ändern leben..."

Shenja bedeckt ihr Gesicht mit den Händen, ihre Schultern zucken krampfhaft. Sie wirft sich mit dem Gesicht in die Kissen und weint bitter wie ein gekränktes Kind.

Schweigend streichle ich Shenjas Haar, blicke auf die sonnenüberstrahlten Dächer der gegenüberliegenden Häuser, in den blauen Glast des Sommerhimmels, als könnte von dort eine Antwort kommen. Was soll ich tun? Hier neben mir die geliebte und liebende Frau, und irgendwo dort, weit, weit von hier — die Pflicht.

Was ist das — Pflicht? Ist das nicht einfach nur eine Ausrede, hinter der wir uns verstecken, um uns vor unserem eigenen Gewissen zu rechtfertigen? Oder ist das die höhere Offenbarung unseres Gewissens? Alles hängt vom Grundprinzip ab. Die Pflicht — das ist das Produkt des Glaubens an die Unfehlbarkeit des Grundprinzips. Meine Pflicht ist, diesen Glauben zu finden. Ich habe eine doppelte Pflicht.

Am Abend sitze ich mit Anna Petrowna im Wohnzimmer. Shenja hat wie ein braves Schulkind die Bücher auf dem Tisch ausgebreitet und kaut an ihrem Bleistift — sie bereitet sich auf die Abschluß-Prüfungen vor. Der weiße Angorakater, Shenjas Liebling, versucht hartnäckig, mir auf den Schoß zu klettern. Anna Petrowna klagt wie gewöhnlich über ihr einsames Leben.

„Man hat ihm einen Posten im Artilleriekommando angeboten — aber nein, er muß seine Nase wieder in die Hölle stecken. Bei Königsberg hat er einen Kopfschuß bekommen — immer noch nicht genug. Man könnte meinen, er hätte nun genug Orden, und auch mit dem Rang müßte er zufrieden sein. Jetzt hat er erklärt, er muß es bis zum Marschall bringen. Stalin selbst hat es ihm beim Empfang gesagt. Jetzt wiederholt er es immer wieder wie ein Papagei."

Einige Tage vor der Kapitulation Deutschlands, als der Sieg bereits errungen war, wurde der General eiligst nach Moskau zurückbeordert.

Am 10. Mai 1945 nahm er zusammen mit der Generalität der Roten Armee an dem feierlichen Empfang im Kreml teil, den das Politbüro des ZK der KPdSU (B) zu Ehren des Sieges über Deutschland gab. Ein weiterer Leninorden schmückte jetzt seine breite Brust, ein weiterer Stern erschien auf den goldenen Generals-Schulterstücken. Aber Anna Petrowna konnte sich des Zusammenseins mit ihrem Mann nicht lange erfreuen. Er bekam einen neuen Geheimauftrag, verbrachte die Tage im Generalstab und erklärte auf alle Fragen Anna Petrownas, wohin er fahre, immer nur das eine: „Du wirst schon einen Brief mit der Feldpostadresse bekommen."

Anna Petrowna erfuhr erst Monate später, als der Krieg mit Japan ausbrach, wo er sich befand. Und sie erfuhr es auch nur aus Zeitungen, aus dem Ukas des Präsidiums des Obersten Sowjets über die Auszeichnung des Generals für besondere Verdienste in den Kämpfen gegen Japan.

„Wie will er denn Marschall werden, wenn der Krieg doch zu Ende ist?" frage ich Anna Petrowna. „Wenn es auch noch einen Krieg mit Japan geben sollte, so wird er doch nicht lange dauern. Gegen wen will er dann kämpfen?"

„Das weiß ich auch nicht", seufzt Anna Petrowna. „Er pflegt mit mir nicht viel über Politik zu sprechen. Ihm ist der Kamm nach seinem letzten Besuch im Kreml so geschwollen. Anscheinend müssen sich die dort etwas dabei denken, wenn sie so etwas sagen. Für ihn ist Stalin das A und 0. Wenn Stalin ihm gesagt hat:, Du wirst Marschall', dann wird er sich diesen Marschallstern, wenn nötig, vom Himmel holen."

„Was ist denn das für eine neue Teufelei?" blitzt es mir durch den Kopf. „Im Kreml pflegt man die Worte nicht in den Wind zu sagen." Ich verstand die Worte Anna Petrownas erst später und erinnerte mich ihrer, als ich an dem Konferenztisch des Kontrollrats in Berlin saß. Das, was anderen erst viel später klar zu werden begann, begriff ich schon nach der ersten Konferenz.

So verbrachte ich meinen letzten Tag in Moskau. Am Morgen des nächsten Tages bin ich schon auf dem Zentralen Moskauer Flugplatz. Es ist früh, Morgennebel liegen über der Erde, legen sich als kalt schimmernder Tau auf die Flächen der Flugzeuge. Ringsum ist alles bewegungslos, still und ruhig. Auf dem Rollfeld breiten zahlreiche Transportmaschinen — lauter „Douglas" — ihre grünen Flügel aus. Mein Herz ist so leicht wie die frische Morgenluft um mich her, ebenso ruhig und still wie das ganze tauüberdeckte weite Feld des Flugplatzes. Jeder kennt dieses Gefühl der Leichtigkeit und des Fernwehs, das die Seele eines Menschen vor Beginn einer langen Reise erfüllt. Es ist gleichzeitig eine Vorfreude auf die — vielleicht nach langer Zeit — bevorstehende Rückkehr zu den heimatlichen Ufern, in die vertraute Umgebung, in das Vaterhaus.

Nach einem Jahr werde ich nach Moskau zurückkehren. Dann werde ich es noch mehr lieben als heute.

Zwei Offiziere kommen auf mich zu, sie wollen anscheinend dasselbe Flugzeug benutzen.

„Nun, wie ist es, Major?" wendet sich einer von ihnen grüßend an mich. „Auf nach Europa?..."

„Nicht schlecht, einmal selbst zu sehen, was dieses alte Mütterchen Europa eigentlich in Wirklichkeit darstellt", fügt der Zweite hinzu.

Der Flugplatz belebt sich. Noch einige Offiziere mit Kommandoorder zum Stab der Sowjetischen Militär-Administration treffen ein. Die SMA verfügt über eigene Flugzeuge, die auf der Route Berlin— Moskau verkehren. Wenn die Flugzeuge aus Deutschland nach Moskau zurückkehren, sind sie so schwer mit wichtigen und eiligen Frachten beladen, daß sie fast nicht mehr hochkommen. Dafür fliegen sie von Moskau nach Berlin nur mit halber Ladung. Unser Flugzeugführer wartet noch einige Zeit, winkt dann mit der Hand und signalisiert dem Dispatcher um Starterlaubnis.