Gregory Klimow. Berliner Kreml

Das Lied des Siegers

Durch das weiche Halblicht des Saales, unter den riesigen Kristalllüstern, strömen schmeichelnd die Wellen der Musik. Die Luft zwischen den hohen Marmorsäulen ist gesättigt von der Wärme menschlicher Körper, dem erregenden Duft feinen Parfüms, dem charakteristischen Atem des Großstadtlebens. Ich stecke die Finger hinter das feste Lederkoppel und sauge begierig den langentbehrten Anblick ein.

Ich kann es nicht glauben, daß gestern noch das Steinpflaster der Berliner Straßen unter meinen Stiefeln von Detonationen bebte, daß um mich her Männer in feldgrauen Mänteln fielen, um nie wieder aufzustehen. Mir scheint, daß meine Uniform den beizenden Geruch Berlins ausströmt — den Geruch von Brand, Kalkstaub und Pulverrauch.

Von der Estrade fluten die bekannten Worte eines Soldatenliedes — schlichte, eindringliche, vertraute Worte. Wo hörte ich sie zum letztenmal? Ja, der Panzerführer, Oberfeldwebel Petrenko! Ein junger, tollkühner Bursche — er sang dieses Liedchen oft, begleitet von dem Spiel eines erbeuteten Akkordeons. Ein prächtiger Kerl war Petrenko! Er kam nicht mehr bis Berlin — er verbrannte in seinem Panzer bei lebendigem Leibe irgendwo im Sande Brandenburgs.

Im Sessel neben mir lehnt Oberleutnant Beljawskij. Wir trafen uns in der Akademie, und er erklärte mir, er habe für den Abend Karten für ein Konzert Verdienter Künstler der Sowjetunion (Mit dem sowjetischen Ehrentitel „Verdienter Künstler der Sowjetunion" ausgezeichneter Künstier). „Komm, komm! Du brauchst eine kleine Aufmunterung", sagte er und klopfte mir derb auf den Rücken. Auf diese Weise gelangte ich am zweiten Tag meiner Rückkehr nach Moskau in den Kolonnensaal der Sowjets. in der Pause nach dem ersten Teil des Konzertes begeben wir uns ins Foyer. Zwei Monate war ich in vorderster Front, Grund genug, das Leben in Moskau mit gierigen Blicken zu betrachten. Schon nach kurzer Abwesenheit springt vieles kraß in die Augen, was jemand, der immer in der Hauptstadt lebt, gar nicht beachtet.

Der überwiegende Teil des Publikums besteht aus Offizieren — Beamten des Verteidigungsministeriums, Angehörigen der Moskauer Garnison, Hörern der Militärakademien, Frontoffizieren, die, auf der Durchreise oder zu kurzem Urlaub in Moskau, die Gelegenheit ergreifen, wieder einmal ein Konzert zu hören. Praktisch trägt der ganze gesunde Teil der männlichen Besucher Militäruniform. Ein Mann in Zivil wird entweder als hoffnungsloser Krüppel oder als zweifelhaftes Individuum betrachtet. Dazwischen Kriegsversehrte, die ebenfalls in Uniform sind, jedoch keine Schulterstücke tragen. Viele Männer, auch Männer in Zivil, tragen Orden oder Ordensspangen.

Das Ansehen des Offiziersstandes wuchs während des Krieges ungeheuer. Vor dem Kriege war der Offiziersstand wenig geachtet, man betrachtete die Offiziere als Nichtstuer und Schmarotzer. In den Kriegsjahren wurde das Offizierskorps durch eine Masse von Reserveoffizieren ergänzt. Die Armee wurde zum untrennbaren Bestandteil einer jeden Familie. Man begann den Militärdienst als eine notwendige und ehrenvolle Verpflichtung zu betrachten. Die äußeren und inneren Reformen in der Armee und im ganzen Lande zwangen die Menschen, ihre Ansichten über den Militärstand zu revidieren. Heute ist der Frontoffizier der achtbarste Mensch.

Wenn vor dem Kriege die Zivilisten auf die Militärs mit einer gewissen Herablassung heruntersahen, so liegen die Dinge heute gerade umgekehrt. Die Männer in dunkelblauen Kammgarnanzügen erscheinen als Wesen zweiten Ranges. Die meisten von ihnen sehen bleich und zerquält aus. Die fieberhafte, angespannte Arbeit ist nicht spurlos an ihnen vorübergegangen. Auch die Gesichter der meisten Frauen tragen den gleichen grauen Stempel chronischer Unterernährung, alltäglicher Sorgen und Nöte, die jeden seines Persönlichkeitswertes berauben. Hunger und Kälte, angestrengte, betäubende Arbeit, Mangel an den einfachsten, notwendigsten Dingen des Lebens haben diese Menschen verlernen lassen, was Frohsinn und Lachen ist. Die Gesichter sind gleichgültig, blaß und müde. Selbst die Jugend hat die ungezwungene sieghafte Sorglosigkeit der Vorkriegszeit eingebüßt. Die allgemeine Kriegsmüdigkeit tritt im Hinterland viel klarer zutage als an der Front.

Eine Kategorie für sich stellen die sogenannten „Narkomatiki" (Höhere Beamte der Volkskommissariate, d. h. der Ministerien) dar — sie sind gut gekleidet, gut genährt und selbstzufrieden bis zum Ekel. Auf der Straße erkennt man sie unweigerlich an ihren hellbraunen Ledermänteln, mit denen sie sich eines Tages plötzlich ausstaffiert haben. Im Jahre 1943 schickten die Amerikaner diese Ledermäntel im Rahmen der Pacht- und Leihlieferungen gleichzeitig mit Hunderttausenden neuer Lastkraftwagen, als Dienstkleidung für die Fahrer. Die Wagen wurden bestimmungsgemäß an die Front weitergeleitet, die Ledermäntel aber blieben in Moskau als Dienstkleidung für die höheren Beamten der Volkskommissariate hängen. Für die Chauffeure an der Front ist das bloß unnützer Luxus, dafür haben aber die sowjetischen Funktionäre seit den Tagen der Revolution eine kindliche Schwäche für jegliche Art Lederkleidung.

In Moskau erzählt man sich gerüchtweise, die Amerikaner hätten nicht wenig gestaunt, hohe sowjetische Ministerialbeamte in Chauffeuruniformen anzutreffen. Möglicherweise halten sie das in ihrer Naivität für proletarische Bescheidenheit der sowjetischen Bosse.

Nachdem Oberleutnant Beljawskij und ich eine Zeitlang ziellos im Foyer inmitten von glänzenden Orden und bleichen Hungergesichtern umhergesdilendert sind, treten wir an die Glasvitrine des Büffets. Hinter dem Glas erblicken wir mit astronomischen Preisen versehene ausgesuchteste Delikatessen, wie sie in Moskau nur in den allerbesten Vorkriegszeiten zu finden waren. Aber diese Preise! Es ist peinlich zu beobachten, wie die Menschen sich um die Vitrine scharen wie um ein Museumsstück und dann, mit hungrigem Magen und leeren Händen wieder abwenden.

„Gut wenigstens, daß wir ohne Damen hier sind", bemerkte Beljawskij mit stoischer Ruhe. „Warum, zum Teufel, stellen sie dieses Zeug aus? Besser wär's, die Phantasie nicht aufzureizen."

Im zweiten Teil des Konzerts bildet das Staatliche Jazzorchester unter der Leitung des Verdienten Künstlers der RSPSR, Leonid Utjessow, den Hauptanziehungspunkt. Utjessow war der beliebteste Jazzdirigent der Sowjetunion; ihm oblag die kitzlige Aufgabe, die westeuropäische Jazzmusik den häufig wechselnden Anforderungen der sozialistischrealistischen Kunstbetrachtung anzupassen. Seine Jazz-Interpretationen begeisterten das Publikum nacheinander mit Foxtrotts nach den Motiven von Stachanow-Liedern, dann wieder mit schmetternden anti-imperialistischen Märschen. Heute aber schlägt er mit Hilfe von Pauken und Saxophonen den Nagel in den Sarg des faschistischen Deutschlands.

Der rundliche Mann auf dem Dirigentenpult posiert mit großer Ungezwungenheit. Er trägt den traditionellen Künstlerfrack mit steifer Hemdbrust. Im Knopfloch funkelt statt einer Chrysantheme der Orden des „Roten Banners der Werktätigen". Er schüttelt seine Arme in einem Fieberanfall patriotischer Begeisterung, um aus dem schwitzenden Orchester die letzten Tropfen der „Leningrader Wellen" herauszupressen.

Den größten Publikumserfolg errang Utjessow mit seiner berühmten Conference: „In Reichtum und Wohlstand lebt meine Familie. Ich selbst verdiene so an die zwanzigtausend... Die Tochter verdient etwas dazu, so an die fünftausend... Na, und natürlich hilft auch ihr Mann, der Ingenieur, ein wenig mit... Ganze sechshundert Rubel bringt er monatlich nach Hause!" Der Beifall kannte keine Grenzen; allerdings mußte er diese Conference sehr bald vom Programm absetzen. Man sagt daß er daraufhin endlos durch die NKWD geschleift wurde.

Im Saal tritt minutenlange Stille ein. Das Orchester setzt unvermittelt aus, erregtes Flüstern wird laut, Unruhe breitet sich aus. Plötzlich leuchten im Rücken der Zuhörer Scheinwerfer auf und ihre Strahlenbündel kreuzen sich zu einem grell flimmernden Lichtfleck auf der Estrade. In diesem Kreuzfeuer steht Utjessow, ein Blatt Papier in der Hand; zerzauste Haarsträhnen fallen in die schweißfeuchte Stirn. Die Maske des Possenreißers ist von ihm abgefallen und die ganze rundliche Gestalt des Mannes atmet aufrichtige Begeisterung. „Genossen, Freunde!" erschallt seine Stimme.

Der ganze Saal lauscht erwartungsvoll. Die Menschen halten den Atem an. Irgendwo in den letzten Reihen hört man einen Stuhl knarren.

Mit versagender Stimme, langsam und von Pausen unterbrochen, wirft Utjessow die Worte einzeln in die erregte Stille des Saales:

„Tagesbefehl... des... Oberbefehlshabers...!"

In quälender Erwartung sitzen die Menschen wie erstarrt. Ich höre das eigene Herz in der Brust schlagen; ich sehe, daß Oberleutnant Beljawskij krampfhaft die Lehnen seines Sitzes umklammert. Dieser Befehl konnte nur eines bedeuten.

„Heute, am 2. Mai 1945, haben die Truppen der l. Ukrainischen Armee gemeinsam mit den Truppen..." hört man die vibrierende Stimme von der Estrade.

Ich sehe nicht, woher die Stimme kommt. Sie hämmert in meiner eigenen Brust, sie steigt mir würgend in die Kehle, als wär's meine eigene. Das ist — der Sieg! Wahrlich, in den dröhnenden Steinschluchten der Berliner Straßen, in dem Panzerturm des Stabspanzers, in dem Alltagsleben des Soldaten ist das Pathos von Kampf und Sieg weit schlichter und gewöhnlicher als zwischen den Marmorsäulen dieses Saales. Dort ist es nur die Erfüllung des Kampfauftrages, eine zu lösende Gleichung, Bewegung von Zahlen, Metall, Menschenleben.

Hier sind es die Jahre angespannter Erwartung, ist es grenzenlose Freude und schrankenloser Stolz des Volkes. Jeder kleinste Fortschritt der Armee wird mit schmerzhaftem Beben als ein Schritt näher zum Sieg begrüßt, nicht um des Sieges selbst willen, sondern damit die ewige Angst um Mann, Vater, Bruder endlich ein Ende habe. Die Herzen zittern in Erwartung des Endes der Tage des Hungers und der hoffnungslosen, unaufhörlichen Arbeit der Heimat für die Front. Alle Herzen erfüllt nur ein Gedanke — nur Schluß, endlich Schluß!

Die Menschen der Heimatfront kranken an einer chronischen Psychose. Sie sind von der unerschütterlichen Überzeugung erfüllt, daß der Tag des Sieges, der Tag des Kriegsschlusses wie im Kindermärchen nicht nur die Erlösung von all den Fieberträumen der Kriegszeit bringen, sondern darüber hinaus etwas Größeres, Besseres schaffen wird, als vor dem Kriege war. Diese Massenpsychose der letzten Kriegszeit leuchtet aus den Augen eines jeden Menschen. Es ist ein unsichtbares und unfaßbares Fluidum, das die ausgehöhlten Seelen der Menschen mit neuen Hoffnungen füllt. Die Zähne aufeinandergebissen gehen sie dem Sieg entgegen wie die Läufer dem Endspurt — sie geben ihre letzten Kräfte her, sowie sie nur das lockende Zielband erblicken. Im letzten Ansturm dieses Band mit der Brust berühren — und leblos niedersinken! Dann wird alles gut sein. Dann gibt es süße Ruhe, den verdienten Lohn für harte Arbeit, Schweiß und Blut.

Ich schließe die Augen, um den Mann auf der Estrade nicht zu sehen. Die Stimme schwillt an in der Stille des Saales und erstarkt: „Heute haben unsere Truppen, nach erbitterten und blutigen Kämpfen, das Herz Hitlerdeutschlands — die Stadt Berlin — erobert..." Die Stimme Utjessows überschlägt sich in heiserem, triumphierendem Aufschrei.

Von einem inneren Impuls getrieben erhebt sich der ganze Saal wie ein Mann. Der Donner betäubenden, brausenden Beifalls erschüttert die Marmorkolonnen. Diese Wände haben kaum jemals Ähnliches erlebt. Wir klatschen in die Hände bis sie schmerzen und blicken einander in die Augen. Bei dem üblichen Beifallsklatschen offizieller Veranstaltungen meiden die Sowjetmenschen gegenseitig ihre Blicke. Heute aber brauchen wir uns nicht zu schämen, heute können wir unseren wahren Gefühlen freien Lauf lassen.

Ich schaue mich um. Das ist keine künstlich organisierte Ovation zu Ehren der Führer von Partei und Staat, bei der jeder aus den Augenwinkeln beobachtet, ob sein Nachbar auch intensiv genug die Hände bewegt und dabei heimlich darauf wartet, daß das herablassende Aufeinanderklopfen der Handflächen des Vorsitzenden des Präsidiums — des Dirigenten dieser Schaustellung — aufhört und damit das offizielle Zeichen für den Schluß der Ovation gegeben wird. Das hier ist eine wahrhaft spontane Ovation. Zum erstenmal in meinem Leben schäme ich mich nicht zu applaudieren. Zum erstenmal in meinem Leben sehe ich eine aufrichtige und leidenschaftliche Gefühlsäußerung der Menschenmenge. Pausenlos donnert der Beifall. Hier dankt das russische Volk dem russischen Soldaten für die schweren Kämpfe, für das vergossene Blut.

Irgendwoher aus weiter Ferne, übertönt von dem Donner des Beifalls, dringen die Worte an mein Ohr: „Aus Anlaß des Sieges über Berlin befehle ich: heute, am 2. Mai 1945 um 22 Uhr Moskauer Zeit, zwanzig Salute aus zweihundertzwanzig Kanonen in der Stadt Moskau und in den Helden-Städten Stalingrad, Leningrad und Odessa abzufeuern..."

Wir verlassen den Konzertsaal und treten auf den Swerdlow-Platz hinaus. Noch ist der rote Streifen am Horizont nicht verblaßt. Licht strahlt der Himmel über der im Dämmerlicht versinkenden Siegerstadt. In wunderlichen Silhouetten dunkeln die Dächer der Häuser gegen das verlöschende Blau des Himmels. Wundervoll sind die Maiabende in Moskau. Märchenhaft sind sie im Lichte der Siegesfeuer, unter dem Lorbeerkranz militärischen Ruhms.

Irgendwo weit im Westen liegt in totem Dunkel eine andere, eine bezwungene Stadt. Ihre Bewohner wissen heute nichts von Freude. Noch rauchen die Ruinen, die einstmals Wohnstätten waren, von stillem, friedlichem Leben durchpulst. Noch liegen die Leichen von Menschen in den Straßen, die gestern den Tod nicht ahnten. Die Überlebenden aber hocken zitternd in ihren verriegelten Wohnungen, ohne Licht und ohne Feuer, angstvoll auffahrend bei jedem Geräusch vor der Tür. Mit Grabeskälte weht sie die Zukunft an. Doch sie denken kaum an diese Zukunft. Sie können noch die ganze Tiefe des Abgrunds nicht ermessen, in den sie menschliche Hoffart gestürzt hat. „Ja! Manchmal kann auch Moskau schön sein", bricht es aus der Brust Oberleutnant Beljawskijs, der sonst immer Leningrad herausstreicht und Moskau kritisiert.

Das Feuer der letzten Salutschüsse verhallt. In der darauffolgenden Stille tönen die Schlußworte des Tagesbefehls in meinem Ohr: „Ehre und Ruhm den Helden, die im Kampf für die Freiheit und Unabhängigkeit unseres Vaterlandes gefallen sind!"

Möge das Blut, das ihr vergossen habt, nicht umsonst geflossen sein...

***

Jeder Moskauer kennt das Denkmal von Minin und Posharskij (Russische Nationalhelden, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Polen aus Moskau vertrieben). Seit vielen Jahren stehen die Bronzefiguren dieser russischen Patrioten auf dem Roten Platz unter den Mauern des Kreml. Trübe Herbstregen waschen sie mit peitschendem Schnee, zausen ihnen rauhe Dezemberwinde die Barte, mit warmem Atem schmeichelt ihnen die Frühlingssonne. So gehen die Jahre an ihnen vorüber wie die Wolken am Himmel. Menschen werden geboren, um zu sterben. Zaren und Diktatoren kommen und gehen hinter den Mauern des Kreml, die bronzenen Riesen aber stehen unbeweglich auf ihrem alten Platz.

Die alten Frauen von Moskau schlagen heimlich das Kreuz, wenn sie flüsternd von Mund zu Mund die Mär weitertragen, daß die bronzenen Riesen manchmal die schweren Lider sinken lassen und ihre kalten Augen schließen, um nicht zu sehen, was hier geschieht.

Aber einmal, nur ein einziges Mal in all den langen Jahren, atmeten sie aus voller Brust auf, reckten sich zu ihrer ganzen Höhe, blickten einander freudevoll in die Augen, umarmten und küßten sich brüderlich. Die alten Frauen schwören, daß die kalte Bronze damals heiße Tränen vergoß. Freudentränen vergossen die Bronzegestalten — wie sollten wir, die Menschen russischer Erde, es ihnen nicht gleichtun. Ich selbst glaube daran, und jeder russische Mensch, der an jenem sonnigen Morgen des neunten Mai Neunzehnhundertfünfundvierzig in Moskau weilte, wird es bestätigen.

Schon tagelang vorher verbreiteten sich in Moskau unbestimmte Gerüchte über Geheimverhandlungen zwischen den Alliierten und Vertretern des Deutschen Oberkommandos. Niemand wußte Genaues, aber die Unruhe verstärkte sich immer mehr, die Atmosphäre gespanntester Erwartung erreichte den Siedepunkt.

In der Sowjetunion wurden die wahren Umstände der Kapitulation nicht bekanntgegeben. Die Kapitulation Deutschlands erfolgte im Stabsquartier General Eisenhowers, in einem kleinen Schulhaus in der Nähe von Reims in Frankreich am 7. Mai 1945 um 14. 41 Uhr mitteleuropäischer Zeit und wurde deutscherseits vom Chef des deutschen Generalstabes, Generaloberst Jodl, unterzeichnet, alliierter-seits vom Chef des Stabes General Eisenhowers, Generalleutnant Walther B. Smith, und sowjetischerseits von General Sussloparow. Die endgültige Kapitulationsurkunde wurde am 8. Mai um 12. 01 Uhr mitteleuropäischer Zeit im Berliner Vorort Karlshorst unterzeichnet und gleichzeitig offiziell bekanntgegeben. In der Sowjetunion verkündete Stalin selbst die Kapitulation in einer Rundfunkansprache in der Nacht zum 9. Mai.

Am Morgen des 9. Mai erwache ich von einem Erdbeben. Irgend-jemand rüttelte mich wie wahnsinnig an der Schulter. In den weitgeöffneten, jubelnden Augen Oberleutnants Beljawskijs las ich alles ohne Worte.

In fieberhafter Eile kleide ich mich an, knöpfe mit zitternden Fingern mühselig die Knöpfe meiner Uniformjacke zu. Beljawskij drängt mich zu größerer Eile. Ich beeile mich so sehr ich kann — ohne selbst zu wissen, wozu. Ich muß noch die Stiefel putzen — an einem solchen Tag müssen sie glänzen wie die Sonne. Auch einen frischen Kragen muß ich anknöpfen und mit dem Saum des Soldatenmantels die Uniformknöpfe auf Hochglanz polieren. Noch niemals hatte ich solch inneres Verlangen nach dem Glanz der Militäruniform wie an diesem Tag. Automatisch schiebe ich den Riemen des Portepees unter das Schulterstück. Riemen und Portepee werden nur bei Paraden und auf Wache über der Uniform getragen. Aber ist denn heute nicht Parade! Möge nur jemand kommen und mir erklären, ich verstoße damit gegen das Reglement! Jetzt aber Laufschritt! Wir wollen dahin, wo Menschen sind, Freude, Triumph und Jubel.

Als wir in schnellem Schritt das Tor der Akademie passieren, grüßt der Posten besonders eilfertig und lächelt, als teilten wir ein Geheimnis miteinander. Ja, der Sieg! Die bedingungslose Kapitulation ist unterzeichnet!

In der Akademie summt es wie in einem aufgescheuchten Bienenschwarm. Alle Hörer sind, nach Fakultäten geordnet, zur Entgegennahme des Tagesbefehls des Oberkommandierenden auf dem Hof angetreten. Heiß strahlt die Sonne vom Himmel. Und hell strahlen die Orden auf der Brust der Offiziere, die auf das Kommando „Stillgestanden" erstarren. Trompeten schmettern. Mit gezogenem Degen paradieren zwei Adjutanten vor der im Winde wehenden roten Seide mit den goldenen Quasten. Bannerträger und Adjutanten sind „Helden der Sowjetunion".

Der Chef der Akademie verliest den Tagesbefehl Stalins, der den Schlußstrich zieht unter vier Jahre heroischen Kampfes des russischen Volkes gegen Hitlerdeutschland. Anschließend wendet sich der Chef der Westfakultät, Oberst Jachno, an die Hörer. Aber seine Worte wirken schwach und abgegriffen. Sie können der Größe des Augenblicks, auf den wir so lange gewartet und den wir so teuer erkauft haben, nicht gerecht werden. Man möchte so rasch wie möglich hinaus, unter das Volk, dorthin, wo die schrankenlose Siegesfreude überschäumend brandet. Mit einer Gruppe von Offizieren eile ich, ohne zu frühstücken, zur Moskauer Innenstadt.

Unterwegs kehren wir auf einen Sprung in der „Amerikanka" (Scünellimbißstube nach amerikanischer Art) ein, um im Stehen ein Glas Bier zu trinken. Seit kurzem kann man in Moskau Bier kaufen, das Glas zu sechzehn Rubel. Die Tageslöhnung eines Offiziers für ein halbes Liter Bier! Einige aus unserer Gruppe haben zu wenig Geld in der Tasche, um das Bier zu bezahlen; die Kameraden helfen aus.

„An der Front ist es besser als in der Heimat", sagt einer und streut Salz auf das Bier, um die vom Boden aufsteigenden Bläschen zu beobachten. „Da gibt es wenigstens was zu trinken."

„Nitschewo. Bald wird es alles geben", beruhigt ein anderer. „Siehst Du — Bier gibt es schon. Nach ein paar Monaten werden wir ein Leben führen wie im Märchen. Wir haben nicht umsonst gekämpft.

Wart nur — Du wirst schon sehen, wie es jetzt wird." Aus seiner Stimme klingt unerschütterlicher Glaube an irgendein nahe bevorstehendes Wunder. Als wüßte er, daß ein Geschenk bereitgehalten wird, von dem man bloß noch nicht reden darf. Wenn jemand in diesem Augenblick an seinen Worten zweifeln würde, würde er ihn vor aller Augen des Verrats bezichtigen. Er wird zwar selbst nicht wissen, warum das ein Verrat ist, trotzdem wird er aber diesen Menschen für einen Verräter halten.

Von diesen Dingen wird nicht viel gesprochen, höchstens in abgerissenen Satzfragmenten. Auch die Zeitungen schreiben nicht direkt darüber, machen statt dessen aber recht durchsichtige Andeutungen. Dieses rätselhafte und unfaßbare Etwas liegt in der Luft, wir atmen es gierig mit voller Brust ein und es berauscht uns. Wir denken nicht, wir überlegen nicht, wir fühlen nur. Der Name dieses berauschenden Gefühls ist — Hoffnung. Wir hoffen auf irgend etwas. Und dieses Etwas ist so gewaltig, so unerreichbar ersehnt, so verdrängt in die letzten Winkel unseres Bewußtseins, daß wir uns nicht entschließen können, darüber zu reden, ja, kaum daran zu denken.

Worauf hoffen wir? Das Vergangene kehrt nicht wieder und die Toten werden nicht lebendig. Vielleicht freuen wir uns darauf, daß wir zum friedlichen Leben der Vorkriegszeit zurückkehren werden? Wohl kaum. Unsere große Freude ist, daß wir heute an einer Grenze stehen. An der Grenze, die das Ende des dunkelsten Abschnitts unseres Lebens bedeutet und den Anfang eines neuen, noch unbekannten. Und ein jeder von uns hofft, daß dieser neue Abschnitt, wie der Regenbogen nach dem Sturm hell, sonnig und glücklich sein wird. Wenn jemand fragen würde, was wir eigentlich erwarten, würde wohl die Mehrzahl von uns die allgemeinen Gefühle sehr einfach ausdrücken: „Zum Teufel mit allem, was vor dem Kriege war!" Was aber vor dem Kriege war, weiß jeder von uns genau.

Ich habe viele Moskauer Feierlichkeiten und Paraden gesehen. Auf den Straßen marschierten Kolonnen von Demonstranten, auf den Bürgersteigen standen die Menschen und sahen zu. Solche Festtage hinterließen am deutlichsten einen Eindruck — die Menschen würden sich viel lieber wirklich freuen und vergnügen, als ihre Freude und ihr Vergnügen öffentlich zu demonstrieren. Es war einfach Marionettentheater, bei dem man in tiefster Seele ein ekelhaftes Gefühl der Falschheit nicht los wurde. Die meisten versuchten, nicht daran zu denken, daß der Hauptgrund, der sie dazu trieb, diese Feste zu feiern, der Hintergedanke war — „Nur nicht auf die Liste kommen, nur nicht auffallen dadurch, daß man nicht dabei ist!"

Heute ist es ganz anders. Keine organisierte Demonstration. Und das ist auch nicht nötig, überall sind die Straßen Moskaus von Menschen wie von einem uferlosen Meer erfüllt. überall Menschen — auf den Bürgersteigen, auf den Fahrbahnen, in den Fenstern, auf den Dächern. In der Innenstadt sind die Straßen so voll, daß Bürgersteig und Fahrbahn gleichermaßen wimmeln.

Von Häuserreihen zu Häuserreihen — nichts als ein einziger, quirlender Menschenstrom. Hilflos hupen die Autos, die, von der Menge eingekeilt, keinen Schritt mehr vorwärtskommen. Die ganze Bevölkerung Moskaus ist auf den Beinen. Da eine Gruppe junger Mädchen in hellen Frühjahrskleidern, freudig erregt, von Jubel erfüllt. In den Händen tragen sie Blumen. Blumen sind im Moskau der Kriegszeit genau so rar wie am Nordpol. Ein Blumenstrauß in den Händen Moskauer Mädchen im Frühjahr 1945! Das... das ist, nach europäischen Begriffen, wertvoller als ein Strauß schwarzer Orchideen oder Rosen im Januar.

Vor uns gehen mehrere Fliegeroffiziere in lebhaftem Gespräch. Man sieht auf den ersten Blick, daß es Flieger der moskauer Garnison sind. Einfache Burschen, Soldaten der Luft. Einer von ihnen trägt Zivil, leblos hängt der leere rechte Ärmel herunter. Die linke Seite seines Jaketts ist besät mit Orden; über der Brusttasche, dort, wo Zivilisten gewöhnlich ein seidenes Einstecktuch zu tragen pflegen, glänzen zwei fünfeckige goldene Sterne des „Helden der Sowjetunion".

Ein junges Mädchen mit strahlenden Augen fliegt wie ein Wirbelwind auf die Flieger zu, als hätte es auf sie schon lange gewartet. Es küßt den einen, den zweiten, alle der Reihe nach. Herzlich küßt es diese frischen Burschen, die offensichtlich verlegen werden. Warum eigentlich? Wir sind doch alle gleich! Im Angesicht ganz Moskaus, stolz und glücklich, küßt es die Männer, die ihr Leben für den Himmel Moskaus eingesetzt haben.

Der Kriegsversehrte drückt mit der linken Hand verlegen die Blumen an die Brust. Die zarten Blüten streicheln das kalte Metall der Orden. Zu ihm ist das Mädchen ganz besonders herzlich, es will ihn gar nicht mehr aus seinen Armen lassen. Sie reden kein Wort miteinander. Gefühle, heiße menschliche Gefühle sind stärker als alle Worte.

Oh, du Mädchen, wie gerne würde auch ich dich küssen! Einfach darum küssen, weil du den Soldaten so gut zu danken verstehst. Da ist eine alte Frau in weißem Kopftuch. Verwirrt blickt sie nach allen Seiten, sie scheint jemanden zu suchen in der brodelnden Flut der Menschen. Man sieht ihr an, daß ihr der Lärm der Hauptstadt fremd und ungewohnt ist. Eine schlichte, russische Mutter. Tausende solcher Mütter trafen wir in den Dörfern, über die der Krieg hinwegzog. So nannten wir sie auch, kaum daß wir den ersten Schritt über die Schwelle ihrer Häuser taten — „Mutter". Wortlos steckten sie uns ein Stück Brot in die Tasche des Soldatenmantels und bekreuzigten uns heimlich, wenn wir uns abwandten.

Seitab an einer Hauswand lehnen zwei ältere Soldaten in zerfetzten Frontuniformen. Ihre Gesichter sind unrasiert und voller Borsten, über der Schulter hängen magere Tornister. Man sieht ihnen an, daß sie entweder direkt von der Front kommen oder dorthin zurückkehren. Heute haben sie keine Eile, brauchen die Kommandanturpatrouillen nicht zu fürchten. Sie wärmen sich friedlich in der Sonne und blicken verständnislos auf die Menschen ringsum — warum die wohl so restlos den Verstand verloren haben! Sie selbst drehen sich, genau wie an der Front, in aller Ruhe ihre Zigarette aus dem geliebten Machorka und Zeitungspapier. Was braucht ein Soldat mehr — im Sack über der Schulter ein Stück Brot, in der Tasche ein Päckchen gepreßten Machorka, und die Sonne scheint dazu.

Die Alte im weißen Kopftuch zwängt sich mit kleinen unsicheren Trippelschritten durch die Menge. Sie geht auf die rauchenden Soldaten zu, redet aufgeregt auf sie ein und versucht, sie am Ärmel mit sich zu ziehen. Die Soldaten schauen sich an. Man muß ihr den Willen tun. Sie ist — eine Mutter!

Wie viele Söhne hat sie hergegeben für diesen sonnigen Morgen? Söhne hat sie aufgezogen, die ihr Stütze und Schirm im Alter sein sollten. Und jetzt... Sie hat die teure Flasche Wodka nicht für einen Laib Brot eingetauscht. Hunger und Kälte hat sie gelitten. Aber die Flasche Wodka war ein Heiligtum. Sie wartete auf die Söhne. Kolja fiel bei Poltawa. Petja, der Matrose, versank im Kampf in den Wellen des Meeres. Lange wartete sie. Wartete darauf, daß wenigstens der leichtsinnige Grischka, der spurlos Verschollene, nach Hause zurückkehrt.

Heute aber hat das Herz dieser Mutter es nicht mehr in der Einsamkeit gelitten. Sie ging auf die Straße hinaus, um ihre Söhne zu suchen, um die erstbesten Soldaten zu sich zu holen und mit ihnen den Sieg zu feiern. Heute sollen diese Soldaten ihre Söhne sein, die siegesfroh nach Hause kamen. Sie sollen erfahren, was das Herz einer alten Mutter ist, das sie in ihren Soldatenliedern besungen haben. Heute werden sie die gewaltige Flasche mit dem lebendigen Wasser aufmachen. Sie werden darauf trinken, daß Kolja die Erde bei Poltawa leicht werde, wie Schwandaunen so leicht und so weich wie das zärtliche Streicheln der Mutterhände. Sie werden darauf trinken, daß die kalten Wellen des Baltischen Meeres Petja, den Matrosen, warm umhüllen. Daß sie ihn wärmen und liebkosen wie eine junge Geliebte in dunkler Nacht. Trinken werden sie auch auf den leichtsinnigen Grischka, auf daß er nicht vergesse, wenn er noch lebt, den Weg zur Schwelle seines Vaterhauses.

Ach, und auch ich möchte mit euch anstoßen und trinken auf euch alle. Trinken werde ich bis auf den Grund und dann das Glas auf die Erde schmettern, wie man es tut, wenn man sein Glas dem Andenken gefallener Helden weiht.

Der Komintern-Platz. Vor dem Gebäude der amerikanischen Botschaft, zwischen dem Hotel „Metropol" und dem Gebäudekomplex der Moskauer Universität, ergießt sich das gleiche unübersehbare Menschenmeer wie überall in der Innenstadt. Aus den geöffneten Fenstern der Botschaft blicken Frauen neugierig heraus; sie tragen Kleider, die so grellbunt sind, wie man sie in Moskau sonst nicht kennt. Fotoapparate knipsen. Ruhig und schweigend liegt die Botschaft. Träge bläht sich das gestreifte Sternenbanner im leichten Wind.

Die Menschen auf dem Platz blicken voller Neugier hoch. Als erwarteten sie jeden Augenblick, daß der amerikanische Botschafter auf den Balkon treten und ihnen irgend etwas sagen wird. Die Menge bewegt sich um die Gesandtschaft im Kreise, wie Wasser, das über Untiefen strömt. Aber der Botschafter hat im Kreml zu tun. Was geht ihn diese graue, unpersönliche Masse Mensch an. Und dann — ein Diplomat kann nicht gut über den Kopf des Kreml weg zum Volke sprechen.

Langsam und unter ständigem Hupen bahnt sich der Konsulatswagen einen Weg durch das Menschenmeer. Ein amerikanischer Offizier in sandfarbenen Hosen und grüner Jacke versucht zum Gesandtschaftsgebäude durchzudringen. Wenn er bis dahin die russische Sitte des „Schleuderns" nicht kannte, war er sicher nicht wenig erschrocken, als er sich plötzlich in die Luft geworfen fühlte. Kopfüber fliegt er in den blauen Himmel, fällt sanft auf viele ausgestreckte Hände zurück und segelt wieder haltlos in die Luft. So gelangt er, über die Köpfe der Menschen weg, von Dutzenden Händen geschleudert und gehoben zum Botschaftsgebäude. Er zieht seine in Unordnung geratene Uniform zurecht und geht, die Mütze in der Hand, die Stufen zum Hause hinauf, lächelt dabei verwirrt und weiß höchstwahrscheinlich nicht, was er sagen soll — „Okay!" oder „Goddam!" Strahlend blickt die Sonne auf das jubelnde Moskau. Die Menschen in den Straßen umarmen und küssen sich.

Unbekannte laden sich gegenseitig ein. Alles wird auf den Tisch gestellt, mit nichts gespart. Die Taschen umgestülpt — es soll nicht leid tun! Schwer war es — jetzt ist es durchgestanden. Wir haben durchgehalten und gesiegt. Jetzt ist Schluß mit den blutigen Schlachten, Schluß mit allen Schwierigkeiten und Entbehrungen. Der Führer wird dem Volke Dank zu sagen wissen für seine treuen Dienste am Vaterland. Der Führer wird nicht vergessen!

Jeder feiert auf seine Weise. Im Kreml ergötzen sich die großen und die kleinen Führer am Champagner. Die ausländischen Diplomaten wenden sich aus Solidarität dem „Vodca Visitor" zu, der Verkörperung der russischen Seele in den Augen des Auslands. Die Mehrzahl der Menschen in den Straßen von Moskau aber ist trunken vor Freude und Stolz über den Sieg.

Die Psychiater kennen die Erscheinungen der Psychose. Unerklärlich ist der Massencharakter dieser Erscheinungen.

Wer am 9. Mai 1945 selbst in Moskau war und das durchgemacht hat, was jeder russische Mensch in den Jahren des Krieges erlebte, der weiß genau, was Massenpsychose ist. Ich habe es ein einziges Mal in meinem Leben gesehen und erlebt und werde wohl kaum jemals Ähnliches erleben. Es war die Entladung eines Nerven-Akkumulators. Die Entladung dessen, was sich jahrelang angestaut hatte. Viele verstanden es nicht, aber jeder fühlte es. Moskau zuckte wie im Fieberschauer.

In den letzten Jahren meines Studiums am Industrie-Institut waren die Prüfungszeiten für uns eine schwere Zeit. An der Front, vor dem Kampf, sah ich selten, daß Soldaten merklich aufgeregt gewesen wären. Aber ich erinnere mich sehr gut daran, daß die Studenten vor der Tür des Prüfungsraumes sich buchstäblich in Nervenkrämpfen wanden. An der Front kann der Mensch nur sein Leben verlieren. Bei den Prüfungen riskieren wir, die Hoffnung zu verlieren, jahrelange Hoffnung. Für die Seele des Menschen bedeutet das viel mehr. Die Verschiedenheit der psychischen Potentiale war viel höher. Ich selbst war während der Prüfungen äußerlich ruhig und spürte nicht einmal eine besondere Erregung. Es war wie eine gefesselte geballte Ladung. Dafür lag ich nach Abschluß der Examen tagelang, ohne mich zu rühren, auf dem Bett, als wäre ich gelähmt. Es war die Entladung des Nerven-Akkumulators.

So ist es auch heute in Moskau. Es ist die Entladung eines langjährigen und komplizierten psychischen Prozesses in der Seele der Nation. Der Kriegsausbruch versetzte den Menschen den ersten Stoß. Die Menschen betrachteten den Krieg als eine Erleichterung, als eine Gelegenheit, sich von den verhaßten Bedingungen des bestehenden Regimes zu befreien. Die Kurve des psychischen Prozesses der Erleichterung neigte sich in dem Maße, in dem sich die Menschen davon überzeugten, daß ihre Hoffnungen fehlgeschlagen waren. Es begann eine Periode gewisser Stabilität, in der die Menschen nur eines verspürten — die Vergeblichkeit aller Hoffnungen.

Darauf begann die Umladung der Pole in den Seelen der Menschen. Gleichzeitig mit dem Wachsen der Ablehnung gegenüber dem äußeren Faktor des Krieges wurde eine neue Hoffnung gesät und begann Wurzeln zu schlagen, die Hoffnung, daß eine bessere Zukunft durch eigene Kraft errungen werden könne, wenn erst der äußere Feind geschlagen sei. Zu jener Zeit wurde der äußere Faktor zu ihrem Feind. Durch unvorstellbare Schwierigkeiten schritt das Volk dem Sieg entgegen, getrieben von seinem Haß gegenüber diesem Feind und von seiner immer stärker werdenden Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach dem Kriege. Die Russen erschlugen die Deutschen aus dem Gefühl der Rache für unerfüllte Hoffnungen, zerschlagene Wunschträume. Aber noch stärker spornte sie der Leitstern einer neuen Hoffnung an. Niemals hätten sie für die Verteidigung jenes Vaterlandes gekämpft, das sie vor dem Kriege kannten. Anfangs wollten sie nicht kämpfen und hofften, daß die Deutschen ihnen den Messias bringen werden, jetzt aber kämpften sie, weil sie diesen Messias auf der anderen Seite zu finden hofften.

Beschränkte Menschen behaupten, daß Hoffnung — Unsinn ist. Nichts Reales — nicht greifbar und nicht faßbar. Dafür wissen die Ärzte um so besser, eine wie große Rolle die Hoffnung spielt. Häufig ist für einen Schwerverwundeten oder Schwerkranken die Hoffnung jener Faktor, von dem Leben oder Tod abhängen. Nimmt man einem Menschen in der kritischen Periode die Hoffnung, so stirbt er. Gebt dem Sterbenden neue Hoffnung — und er wird leben. Von gewaltiger Kraft ist diese Unrealität. Es ist eine der Triebfedern, die die Handlungen der Menschen, der Gesellschaft, der Nation bestimmen.

Heute bietet sich unseren Augen ein grandioses Bild, Die Kurve der Umladung des psychologischen Akkumulators der Nation hat ihren Höhepunkt erreicht. Die Pole sprühen vor Überlastung. Es ist der Höhepunkt eines langjährigen Prozesses, der unter den schwersten Bedingungen vor sich ging, die der Nation jemals auferlegt waren. Solche Dinge geschehen einmal in hundert Jahren. Kein Wunder, daß Moskau brodelt, kein Wunder, daß unbekannte Menschen uns umarmen und küssen nur aus dem Grunde, weil wir Soldatenuniform tragen, kein Wunder, daß die Menschen in den Straßen grundlos weinen.

Vor dem Historischen Museum treffe ich Oberleutnant Walentina Grintschuk. Auf ihrem Gesicht liegt ein verlorenes Lächeln, als könnte sie den Lärm und die Erregung um sich her nicht verstehen. Unfehlbar fand sie ihren Weg in der Dunkelheit der Partisanen-Wälder, hier aber ist sie wie ein kleines Mädchen, das sich im Urwald des menschlichen Elements verirrt hat. Walja bemerkt nicht einmal die begeisterten Blicke der Menschen, die hinter ihr her-blicken.

„Nun, Waljuscha! Gratuliere zum Sieg!" sage ich, wie ich heute schon dutzendmal gesagt habe. Ich blicke Walja in die veilchenblauen Augen, nehme sie wie ein Kind unter dem Kinn und hebe ihren Kopf hoch. Die blauen Augen schimmern mir ernst und schwermütig entgegen.

„Gratuliere zum Sieg, Waljuscha!" Ich beuge mich nieder und küsse Waljas Lippen. Sie wehrt sich nicht, blickt nur hilflos mit weitgeöffneten Augen irgendwohin in die Ferne. Unter dem harten Leder des Portepees fühle ich die zarte, mädchenhafte Gestalt.

Walja, du bist heute so winzig klein. Was ist mit dir? Du hast doch mehr Anrecht auf diesen Tag als irgend jemand anders. Offne deine blauen Augen noch weiter, du Mädchen mit den Orden auf der Brust und den Wunden auf deinem kindlichen Körper. Präg dir diesen Tag für dein ganzes Leben ein, den Tag, dem zuliebe du deine Jugend geopfert hast.

Ich möchte Walja in die Arme nehmen und sagen: Sieh dich um, Waljuscha, blick auf das jubelnde Moskau! Es ist ja der Dank an dich. Es ist dein Lohn für die Nächte im Schnee, für die Tage im Kampfe, für das Kommando „Feuer!", für die letzte Granate am Gürtel. Du hättest keine Angst, den Ring von der Granate zu reißen und sie an deine Brust zu drücken. So hab doch auch keine Angst, dich dieses Tages zu freuen, den wir so lange Tage und Jahre erstrebten! Dem wir durch den Rauch und die Flammen der Brände entgegengegangen sind, durch die Asche des heimatlichen Herdes, über die Leichen unserer Kameraden.

Lange schlendern Walja und ich durch die Stadt — die Gorkij-Straße entlang, vorbei am Großen Theater, durch die Kaianlagen rings um den Kreml. Man möchte alles in sich aufsaugen, was heute die siegestrunkene Hauptstadt atmet. Man möchte sich über die Welt erheben und alles überschauen, was unten geschieht, für immer diesen Tag in seiner ganzen unwiederbringlichen Größe und Erhabenheit einprägen. Denn nicht jedem war das Schicksal so gnädig, an diesem Tage in Moskau sein zu dürfen, im Mittelpunkt gewaltigen Geschehens.

Walja und ich gehen schweigend, jeder in seine eigenen Gedanken versunken. Wenn es in der Welt ein absolutes Glück gibt, dann muß ich heute absolut glücklich sein. Der goldene Traum der Menschheit vom Frieden in aller Welt ist an diesem sonnigen Tag des 9. Mai in Erfüllung gegangen. Die dunklen Mächte sind zu Staub zermalmt. über der Welt erschallen die erhabenen Hymnen der Siegermächte. Sie künden den Völkern die Freiheit. Freiheit vor der Angst um das eigene Leben, Freiheit vom Rassenhaß des Nazismus, von der Klassenfeindschaft des Kommunismus, Freiheit von der Furcht um die eigene Freiheit. Strömen die Worte der Atlantik-Charta nicht Erhabenheit aus?

Unsere Führer haben der Doktrin von der Unmöglichkeit der Koexistenz des kapitalistischen und kommunistischen Systems in einer Welt abgesagt. Die großen westlichen Demokraten haben mit dem Blut ihrer Soldaten die unverbrüchliche Freundschaft der Völker unserer Länder besiegelt. Im Feuerbrand des Krieges wurde das gegenseitige Verständnis der Völker und Nationen, der Staaten und Regierungen geschmiedet. Solche Kataklysmen der Geschichte fegen politische Systeme und Staaten vom Antlitz der Erde, verändern die politischen Karten der Welt. Der heute zu Ende gegangene Krieg muß unweigerlich zu grundsätzlichen Veränderungen im Sowjetsystem führen. Nicht umsonst haben das doch Partei und Regierung in den letzten Jahren des Krieges deutlich zu verstehen gegeben.

Woran denkt das Mädchen mit der ordensgeschmückten Brust — denkt es an die Asche des Heimatdorfes oder an das Krachen der Züge unter den Minen? Dir ist der Schrei der Kraniche über den vertrauten Waldsümpfen teurer als der Festtagslärm der Moskauer Straßen. Als Naturkind nahmst du das Gewehr in die Hand, ohne dabei an Stalin oder die Gegensätze der Staatssysteme zu denken. Du drücktest auf den Abzug des Gewehrs einfach aus dem Grunde, weil der Mensch im Zielpunkt deiner Waffe dein Haus niederbrannte, weil er dich erschießen wird, wenn du ihn nicht erschießt.

Ich sehe aus den Augenwinkeln zu Walja hinüber.

„Warum bist Du so still, Walja?" frage ich. „Wovon träumst Du?"

„Ach, gar nichts", antwortet sie. „Es ist irgendwie traurig. Solange Krieg war, hat man einfach gekämpft. Wenn man schon mal nachdachte, dann nur darüber, daß bald Schluß sein möge. Dieser Schluß - erschien so herrlich, jetzt aber ist alles so gewöhnlich. Jetzt wird dieser Tag vergehen, und wieder..."

Walja spricht nicht zu Ende, aber ich verstehe auch so, was sie denkt. Plötzlich tut sie mir leid. Sicher denkt sie an die strohgedeckten Dächer ihres Walddorfes, den alten Ziehbrunnen und das barfüßige kleine Mädchen mit den Wassereimern über der Schulter. Sie bewegt in ihrem eigenen Bewußtsein die Frage, die jetzt vor einem jeden von uns steht. In ihr erwacht die Angst, daß die Hoffnung, die uns all die Jahre des Krieges hindurch aufrecht erhielt, verschwinden könnte und daß dann wieder...

Aus der über die Stadt herniedersinkenden Dämmerung schwimmen langsam die Aluminium-Zigarren der Sperrbaiions gen Himmel. Zum letzten Mal steigen sie heute hoch, um teilzuhaben an dem letzten Siegessalut. Rund um den Kreml sind Scheinwerferbatterien aufgefahren. Junge Mädchen in feldgrauen Uniformmänteln kontrollieren geschäftig die Einsatzbereitschaft der riesigen elektrischen Augen.

Heute werden sie zum letztenmal den Himmel über Moskau abtasten.

Ich verabschiede mich von Walja und schließe mich wieder einer Gruppe von Offizieren unserer Akademie an. Langsam drängen wir uns zum Roten Platz durch. Bald wird das Salutschießen beginnen, und vom Roten Platz läßt sich der Anblick am besten genießen. Noch niemals hat eine Festtagsdemonstration eine solche Menge von Menschen vor dem Kreml gesehen. Der Menschenstrom wälzt sich wie eine zähflüssige Masse. Hier kann man nicht gehen, wohin man will. Man kann sich nur vom Strom aufsaugen und treiben lassen, wohin er treibt.

In diesem Brausen des menschlichen Elements steht wie ein in Zauberschlaf verfallenes Märchenschloß schweigend und leblos der Kreml. Das granitene Quadrat des Mausoleums, in dem im gläsernen Sarge die wächserne Gestalt des Begründers des Sowjetstaates den ewigen Schlaf schläft, erhebt sich über die Köpfe der Menge. Auf dieser Plattform stellen sich bei Paraden und Demonstrationen die Führer und Führerchen zur Schau und lächeln liebenswürdig aus ihrer sicheren Entfernung hinter den starrenden Linien der Bajonette der bewaffneten Sicherheitswache der NKWD. Heute ist die granitene Plattform leer. Auch die Bajonette der Absperrung fehlen. Heute gehört der Rote Platz nur dem Volk. Wie vor Hunderten von Jahren, als das Volk zu den Mauern des Kreml pilgerte, um zu feiern oder zu meutern.

Hunderttausende Köpfe. Unübersehbar die Zahl der weitgeöffneten Augen. Seit dem frühen Morgen füllen sie den Roten Platz, blicken in die Runde, als erwarteten sie irgend etwas. Aber die gewaltigen Lautsprecher, die in zahlreichen Batterien ringsum aufgebaut sind, schweigen. Schweigen wie ein verlegener Schuldner, der sich den Anschein gibt, seinen Gläubiger nicht zu sehen. Immer mehr und mehr Menschen strömen auf den Platz. Was zieht sie her?

Der Kreml liegt nach wie vor in schweigendem Schlaf. Wie eine Wache erstarrt stehen die silbrigen Tannen unter den alten Mauern. Hoch ragen die spitzen Zinnen der Türme in den dunklen Himmel. In der Höhe glühen auf den unsichtbaren Spitzen der Türme die rubinroten Sterne des Kreml.

Einstmals, als ich noch ein Kind war, wurde uns erklärt, daß der rote fünfeckige Stern das Symbol des Kommunismus sei, Symbol des Blutes, das vom Proletariat aller fünf Kontinente vergossen wurde. Ja, viel Blut ist geflossen wegen euch, ihr rubinroten Sterne des Kreml.

Die Erde unter den Füßen erdröhnt. Aus dem Schlafe aufgeschreckt erbebt der Rote Platz. Im Feuerstrahl rötet sich der Himmel über den schwarzen Silhouetten des Kreml. Wetterleuchten aus dem Schlund hunderter Kanonen erhellt die zinnengekrönten Mauern, die spitzen Türme, das schwere Quadrat des Mausoleums, das Meer der Menschenhäupter, die zum Himmel gewendet sind. Hunderte von Feuerlinien bohren sich, die Dunkelheit der Nacht aufreißend, in den Himmel über der siegreichen Stadt. Die Feuer streben höher und höher, erstarren sekundenlang im Zenit und prasseln dann krachend in flimmernden vielfarbigen Sternchen hernieder.

Die Sternchen zittern, sinken langsam, zögernd zur Erde; dann fallen sie schneller, immer schneller, und erlöschen im Flug. Kaum sind die letzten Funken verlöscht, als die Luft von dem grollenden Dröhnen einer neuen Salve erzittert. Der erste Salut des endgültigen Sieges! Die letzten Sekunden einer grandiosen Epoche! Offne die Augen, öffne dein Herz, erfasse diese Sekunden, um sie niemals zu vergessen!

Wieder bebt die Erde, wieder beleuchtet das Rot des Siegessaluts die Mauern des Kreml, den schwarzen Himmel und die Seelen der Menschen. Wieder steigen die Feuer gen Himmel, wieder flammen — wie ein Hoffnungsstrahl — die zitternden Sternchen auf und verlöschen. Das ist er nun, der Sieg im Lichterglanz! Du siehst ihn, fühlst seinen Atem in deinem Gesicht.

Die Ströme der gewaltigen Pyramidenfontäne an der historischen Stätte des Roten Platzes münden in einen Regenbogen aus. In Bächen plätschert das Wasser unter unseren Stiefeln, das von der Fontäne über den weiten Platz läuft. Der Himmel flammt und dröhnt von den Schüssen der Salute. Die Strahlen der Scheinwerfer tanzen. Düster blickt in die flammenden Salute die uralte Kathedrale Wassilij Blashennyjs. Grenzen- und uferlos tost die Menschenmenge unter den Mauern des Kreml.

Aus dem Nebel der Vergangenheit steigt das Bild eines anderen Roten Platzes vor meinem geistigen Auge auf.

Dämmerig war der bleierne Morgen des 7. Novembers 1941. Ein Schleier niedersinkenden Schnees verhängte das Bild Moskaus. Der gleiche graue Schleier schien auf den Gesichtern und Seelen der Menschen zu liegen. In elender Angst erkalteten die Herzen der Bewohner des Kreml. Ein Zugwind wehte durch den Kreml. Der Feind steht vor den Toren! Moskau bedroht! Im winterlichen Halblicht schimmerten düster die Zacken und Zinnen der Kremlmauern. Die Kuppeln der Kremlkirchen blickten finster unter ihren Schneehauben hervor. Kalt und rauh war der Rote Platz an jenem Tag.

Feldmarschmäßig ausgerüstet defilierten die Truppen in Reih und Glied an dem granitenen Grabmal vorbei. Wie ein Bettler streckte der Mann im Soldatenmantel seinen Arm von der Plattform des Mausoleums den Truppen entgegen. Die Truppen marschierten im Gleichschritt. Mit gestrecktem Arm begleitete der Mann im Soldatenmantel die Divisionen, die vom Roten Platz direkt in den Kampf vor den Toren Moskaus marschierten.

In meinen Ohren klingen noch die Worte des Marschliedes jener Tage: „Für mein Moskau, für das teure, für die Hauptstadt mein..." Wir haben unseren Treueid erfüllt, Führer. Jetzt bist du an der Reihe.

Der Kreml schweigt. Die rubinroten Sterne an seinen Türmen leuchten wie Blut. Niemand weiß, was die Männer im Kreml denken. Heute haben sie, Arm in Arm mit dem Volk, den Sieg errungen. Wird sich nicht morgen schon der Arm erneut nach der Kehle des Volkes ausstrecken?

Nicht weit von uns stehen schwankend zwei betagte Arbeiter. Sie tragen Mützen mit zerbrochenem Schirm, die Kragen der weißen Hemden sind geöffnet. Sie halten sich mit Mühe auf den Beinen, einer auf den anderen gestützt. Anscheinend ist ihnen das Bier auf den chronisch nüchternen Magen zu Kopf gestiegen.

„Komm nach Hause, Stjopa", sagt der mit dem rotblonden, vom Tabak gelb gewordenen Schnurrbart.

„Nach Hause? Ich will nicht nach Hause", widersetzt sich der zweite.

„Was willst du denn noch hier? Die Mitternachtsmesse ist zu Ende, Komm!" drängt der Schnurrbärtige.

„Wart doch, Iwan... es kommt sicher noch ein Dekret."

„Du hast doch dein Dekret — verschlaf morgen nicht die Arbeitszeit..."

„Und ich sage dir, Iwan, es kommt noch ein Dekret. Verstehst du, was ein Dekret ist oder verstehst du es nicht? Sobald es zwölf Uhr schlägt, kommt das Dekret. Wie ein Stern wird es am Himmel aufgehen. Guck doch — wo ist der Stern?" schwankend reißt er den Kopf hoch und zeigt mit dem Finger in die Runde.

„Da hast du den Stern", der Schnurrbärtige zeigt auf den roten Stern des Kreml-Turmes. „Auch in den Hosen leuchten die Sterne... Komm!"

„Irgend etwas fehlt", wendet sich einer meiner Begleiter an mich.

„Schau, es ist schon zwölf Uhr, und das Volk drängt sich immer noch und macht keine Anstalten auseinanderzugehen. Die wissen doch genau, daß nichts mehr los ist, und trotzdem warten sie auf irgend etwas."

„Sollen wir nach Hause fahren?" schlage ich vor.

„Aber nein, wart noch", schwankt er. „Bleiben wir noch etwas hier. Vielleicht wird doch noch was sein."

Ziellos schlendern wir eine Zeitlang über den Platz. Die Menschen sehen sich gegenseitig an, blicken in die Runde und warten immer noch auf das verspätete Wunder. Endlich, als der Zeiger der Turmuhr der Spasska (Der größte Turm des Kreml) sich der eins nähert, beginnt die Menge den U-Bahnstationen zuzustreben. Die Metro ist bis ein Uhr in Betrieb. Man muß nach Hause, um am nächsten Morgen nicht zu verschlafen. „Schade, daß dieser Tag so rasch vergangen ist", sagt mein Begleiter. „Irgend etwas fehlte."

Wir fahren mit der U-Bahn nach Hause. Uns gegenüber sitzt eine ältliche Frau in einer abgetragenen Soldatenuniform. Offensichtlich ist sie erst heute von der Front gekommen. Sie hat die Augen müde geschlossen und ist eingenickt, im Takt des fahrenden Zuges schwankt sie nach links und rechts.

An der nächsten Haltestelle steigt ein Leutnant ein. Im Wagen steht niemand, aber auch freie Sitzplätze sind nicht vorhanden. Der Leutnant sieht sich nacheinander die Schulterstücke aller sitzenden Militärs an. In Moskau gilt die strenge Regel, daß der Dienstjüngere dem Dienstälteren seinen Sitzplatz einzuräumen hat.

Die Augen des Leutnants bleiben an der schlummernden Frau in der Frontsoldatenuniform hängen. Er tritt nahe an sie heran und kommandiert grob mit lauter Stimme: „Aufstehen!" Die Frau öffnet verwirrt die Augen und springt, wie alle Militärdienstpflichtigen, die an Kommandos gewöhnt sind, automatisch auf. Der Leutnant schiebt sie grob beiseite und setzt sich auf ihren Platz.

„Da haben wir den Siegerlohn", sagt mein Kamerad. „Aufstehen — und seinen Platz einem anderen räumen."

***

Selten gibt es im Mai so abscheuliches Wetter wie an diesem 24. Mai 1945. Seit dem frühen Morgen hängt über Moskau ein feiner Regenschleier wie Wasserstaub. Umsonst blicken wir in den Himmel in der Hoffnung, daß sich die Wolken lockern. Der Horizont ist überzogen von einer gleichmäßigen, schmutzig-grauen Masse. Als wollten die Himmelsmächte uns absichtlich die Festtagsstimmung verderben. Dabei ist es ein großer Feiertag. Durch besonderen Tagesbefehl des Oberbefehlshabers ist für heute die große Siegesparade auf dem Roten Platz angesetzt. Die Schau der Besten der Besten.

Demonstration jener Kräfte, die Deutschland in die Knie gezwungen haben. Die Parade wurde lange und sorgfältig vorbereitet. Bereits im April wurden Soldaten und Offiziere, die. sich in den Kämpfen besonders ausgezeichnet hatten, aus den Fronteinheiten einzeln herausgezogen und nach Moskau kommandiert. Die Wahl fiel in der Hauptsache auf diejenigen, die die meiste Anzahl von Kampfauszeichnungen, Orden und Medaillen auf ihrer Brust trugen. Damals wußte noch niemand, aus welchem Grunde sie in die Hauptstadt beordert wurden. Hier wurden sie in Sondereinheiten zusammengefaßt. Jede Heeresgruppe stellte ein Auswahlregiment auf, unterteilt nach Truppengattungen.

Die Sondereinheiten erhielten neue Paradeuniformen, die sie bisher nur von Bildern her kannten. Uber einen Monat lang fand die Spezialschulung für die Parade statt. Die Moskauer zerbrachen sich vergeblich die Köpfe, aus welchem verdammten Grunde die wackeren Kompanien und Bataillone, von Kopf bis zu den Füßen mit Orden behängt, im Parademarsch brav durch die Moskauer Straßen marschierten, während an den Fronten erbitterte Kämpfe im Gange waren.

Die Hörer unserer Akademie, die für die Teilnahme an der Siegesparade ausgewählt worden waren, liefen mehr als ein Paar Sohlen durch bei den täglichen vier Stunden Exerzieren auf dem gepflasterten Hof. Wir wurden ganz besonders streng gedrillt, da das Exerzieren in der Akademie als drittrangiges Ausbildungsfach betrachtet und daher stark vernachlässigt wurde. In normalen Zeiten hatten wir uns so gut wie gar nicht damit befaßt. Jetzt waren wir gezwungen, die versäumte Infanterieweisheit nachzuholen. Um wieviel leichter ist es, ein Bataillon zu schleifen, als selbst das Ausrichten im Glied zu 24 Mann zu üben, während man gleichzeitig die Beine um neunzig Grad hochreißen, nach dem Kommando „Augen rechts" den Hals verrenken und die Augen vorquellen lassen muß. Und dabei soll man auch noch „Hur—r—r—ra!" schreien.

In Vorbereitung auf die Parade haben wir die Knöpfe und Spangen unserer Koppel auf Hochglanz poliert, eifrig die neuen, zweireihigen Uniformen angepaßt, die den Teilnehmern der Parade ausgegeben wurden, und neue Schulterstücke angenäht. Sogar neue Mützen und Stiefel der Kategorie „A" wurden uns zugeteilt, die sonst nur den höheren Offizieren zustanden. Offensichtlich wollten sich die Herrn im Kreml aus Anlaß des bevorstehenden Schauspiels nicht lumpen lassen. Dafür versicherten uns die übrigen Hörer, die an dieser großzügigen Freigebigkeit keinen Anteil hatten, daß man uns nach der Parade alle Geschenke wieder abnehmen würde.

Und nun dieser endlose, unaufhörliche Regen. Bei schlechtem Wetter soll die Demonstration der Zivilisten nicht stattfinden, sondern nur die Militärparade. Soldaten sind es gewohnt, naß zu werden bis auf die Knochen.

Bis wir an die Reihe kommen, zum Roten Platz zu marschieren, sind wir schon naß wie die Katzen. Aber obwohl uns das Wasser direkt in den Kragen rinnt, sind wir in hervorragender Laune.

Der Rote Platz. Schwer hängen die riesigen roten Transparente an den Gebäuden des WZIK (Russische Abkürzung für Allunions-Exekutivkomitee) und des Historischen Museums herunter. Bei hellem Tageslicht sieht der Rote Platz ganz anders aus als nachts unter dem Feuer der Salute. Nüchtern und schmucklos. Als würde hier der Weg nicht enden, sondern erst anfangen. Ein grauer Weg in eine graue Zukunft.

Augen rechts! In der steinernen Wendung des Kopfes, in der erstarrten Ausrichtung der Augen bewegen sich gleichsam die Mauern des Kreml an uns vorüber. Dort, auf der Tribüne des Mausoleums, auf die die Augen der im Paradeschritt defilierenden Regimenter gerichtet sind, steht der Führer, unser Leid und unser Ruhm. Zu Ehren des Sieges hat er heute seine sonst betont zur Schau getragene Bescheidenheit in der äußeren Aufmachung abgelegt. Heute prunkt er in der glanzvollen Uniform des Generalissimus. Bei der Unterzeichnung des Befehls über die Verleihung des Ranges eines Generalissimus der Sowjetunion an den Genossen Stalin hat Josif Wissarionowitsch (Josif Wissarionowitsch Stalin — der volle Name Stalins) sicher die Nase gerümpft in Gedanken an seine Kollegen Franco und Tschiangkaischek.

Als erstes marschiert das Auswahlregiment des Volkskommissariats für Verteidigung und der Moskauer Garnison über den Roten Platz. Die Ersten der Ersten, die Besten der Besten. Ihm folgt im Parademarsch das Auswahlregiment der l. Ukrainischen Armee, die immer dort eingesetzt war, wo der Hauptschlag erfolgen sollte, und die auch Berlin gestürmt hat.

Es marschieren die Auswahlregimenter des Sieges und des Ruhmes. Sie sind bunt zusammengewürfelt, — Panzermänner in blauen Uniformen und Lederhelmen, Kavallerie-Kosakenabteilungen in Tscherkesska mit roten und leuchtend blauen Kapuzen, Flieger mit goldenen Flügel-Abzeichen. In endlosem graugrünem Band schreitet die ruhmreiche Infanterie. Menschen verschiedener Hautfarbe, verschiedener Sprache. Nur eines haben sie alle gemeinsam — auf der Brust eines jeden von ihnen brennt das Feuer der Kühnheit und des Heldenmuts — der Orden und Medaillen des großen vaterländischen Krieges, der Beweise treuen Kriegsdienstes. fürs Vaterland.

An der Spitze eines jeden Auswahlregiments schreiten die verdienten Generale der verschiedenen Fronten. Graublaue Uniformen, silbrige Paradekoppel und Portepees, lackierte Stiefelschäfte. Gold an den Knöpfen, Mützen, Orden. Die Sterne leuchten, die Orden flammen. Verändert haben sie sich, die ehemals bescheidenen proletarischen Generale.

Der siegreichen Armee entgegen, verstärkt durch Dutzende mächtiger Lautsprecher, dröhnen über dem Roten Platz die Begrüßungsrufe der Führer von Partei und Regierung.

Am Fuß des Mausoleums fallen eine nach der anderen die Beutefahnen der deutschen Divisionen, die Standarten der SS-Stoßtruppen zum letztenmal aufflatternd nieder — Sinnbilder vergangenen Ruhmes, die einst stolz über Europa wehten. Jetzt liegen sie als jämmerliche, formlose Masse zu unseren Füßen unter den Mauern des Kreml.

Trotz des Regens, trotz der völlig durchnäßten Uniformen ist es uns leicht und froh ums Herz. Es ist der letzte feierliche Akt des großen Ringens. Wir haben viel geopfert für diesen Tag — blühende Städte und Dörfer, Millionen und Abermillionen Menschenleben. Lange werden noch die blutigen Wunden klaffen, die die Eroberer auf der Suche nach „Lebensraum" uns schlugen. Viele Jahre noch wird der Pflug des Ackerbauers in russischer Erde auf fremde Knochen stoßen, und viele Jahre noch werden verbrannte Überreste von Panzern inmitten der Getreidefelder verwittern.

Aber all das liegt hinter uns. Wir sind als Helden und Sieger aus dem Kampf hervorgegangen. Durch harte Arbeit werden wir die Wunden heilen, die der Krieg uns schlug, und werden ein friedliches und glückliches Leben beginnen. Ein neues Leben werden wir beginnen — und alles wird gewiß besser sein als vor dem Krieg. Im Bewußtsein des Sieges vergessen wir vieles und blicken hoffnungsvoll in die Zukunft.

Mit schwerem Schritt marschiert ein alter stämmiger Feldwebel. Ein wahrer Felsen von einem Menschen. Solche Männer rufen in ihrer Todesstunde nicht nach der Mutter, sie sterben schweigend, die Hände in den Heimatboden gekrallt. Dichter Schnurrbart, wie aus dem Bilde des alten Saporoger Feldlagers geschnitten der Kopf. Sonnenverbrannte Haut, durchfurcht von Runzeln. Auf der Brust blitzen reihenweise Orden und Ehrenzeichen.

Sein Leben lang hat er Hammer und Sichel geführt, konnte aber ihre Darstellung auf dem roten Grund mit allerhand kommunistischem Firlefanz verbrämt niemals leiden. Trotzdem drückt er heute die Brust heraus, an der an jedem Orden diese lästigen Symbole kleben.

An der Front hatte der Feldwebel weniger Angst um seinen Kopf als um den reichen Schnurrbart nach Saporoger Art. Während der Jahre der Kollektivisierung hat er seinen Schnurrbart sicher, wenn nicht abrasiert, so doch wenigstens ordentlich gestutzt — um nicht als Kulak zu gelten. Damals war es schlimmer als später an der Front. Damals wußte niemand, wann und bei wem das Schicksal an die Tür klopft. Jetzt aber scheint ein freier Luftzug zu wehen. Selbst den Schnurrbart kann man wieder stehen lassen.

Während des Krieges haben viele, selbst junge Soldaten und Offiziere Schnurrbärte und Barte stehen lassen. Vor dem Krieg waren solche Freiheiten gefährlich. Ein kleines Bärtchen galt als trotzkistisdi, ein Vollbart kennzeichnete den Kulaken, ein langer Bart den Popen. Außerdem gab es noch Kaufmannsbärte, Erzbischofs- und Generalsbärte. Mit den Schnurrbärten war es nicht besser. Ein kleiner Schnurrbart galt als weißgardistisch, ein großer als Kennzeichen der zaristischen Polizeischergen. Im Handumdrehen konnte man sich wegen solcher äußerlicher sozialer Merkmale hinter Gittern befinden! Heute aber weiß der alte Feldwebel nicht, worauf er stolzer sein soll, auf seine Orden oder auf seinen Schnurrbart.

Vieles hat sich in den Jahren des Krieges verändert. Sehr vieles. Hätte jemand vor dem Kriege wagen dürfen, das Georgskreuz (Zaristische Tapferkeitsauszeidinung) auch nur zu erwähnen? Ganz davon zu schweigen, es im Haus zu haben oder gar jemandem zu zeigen. Die Kavaliere des Georgskreuzes hatten sie fortgeworfen oder möglichst tief in die Erde eingegraben. Heute aber marschiert auf dem Roten Platz, unter den Mauern des Kreml, stolzerfüllt der alte Feldwebel und trägt auf seiner breiten Brust neben den sowjetischen Orden vier Georgskreuze. Versuche mal einer, nach alledem heute zu behaupten, daß die Sowjetmacht sich nicht evolutioniert, daß nicht schon morgen die Kolchosen abgeschafft werden. Und sind nicht die Kirchen wieder geöffnet, erschallen nicht die Glocken von den Türmen?

Vor dem Krieg wurden Hunderttausende von Priestern als Verbreiter des „Opiums für das Volk" liquidiert. Von den wenigen, die sich ausnahmsweise noch in Freiheit befanden, wußten die Sowjetmenschen mit Bestimmtheit nur eines — daß sie Agenten der NKWD waren. Allwöchentlich glitten sie unter dem Schutzmantel der nächtlichen Finsternis durch die Tore der NKWD mit Informationsmaterial über die ihnen anvertraute Herde.

Jetzt aber ist die Religionsfreiheit verkündet. In Moskau ist ein Geistliches Seminar eröffnet und... ein Sonderkomitee für Religionsangelegenheiten beim SNK (Russische Abkürzung für Rat der Volkskommissare.) der UdSSR, unter Führung des Genossen Karpow, gebildet. Die Kirche ist im Dienste des Staates an die Kette gelegt. Sie hat ihre Lehren hinter sich und wird gehorchen.

Bei dieser ganzen Komödie wundern wir uns nur über eines. Die neueröffneten Kirchen sind voll von Menschen. Kirchliche Trauungen kommen, besonders auf dem Lande, in Mode. Trotz allem hat man es nicht vermocht, die Religion aus der Seele des Volkes zu reißen. Selbst ich fühlte manchmal das Verlangen, durch das geöffnete Kirchenportal einzutreten. Aber als Hörer der Akademie des Kreml wußte ich nur zu gut über gewisse Dinge Bescheid. Ich möchte es nicht riskieren, später aus den Händen des Chefs der Akademie meine in der Kirche aufgenommene Fotografie entgegennehmen zu • müssen und die Bemerkung zu hören: „Sie haben wohl vergessen, daß es den Hörern der Akademie streng verboten ist, sich irgendwo anders als im speziellen Fotoatelier der Akademie aufnehmen zu lassen?" Solche Fehltritte dienen nicht selten als Grund für den Ausschluß aus der Akademie.

Jetzt tönen über Moskau dann und wann wie durch ein Wunder der Vernichtung entgangene Kirchenglocken. In aller Eile werden Priester aus Sibirien zurückgebracht: von der Zwangsarbeit direkt zum Altar. Die Schwielen an den Händen sind noch nicht verschwunden, wenn sie schon Gebete für den Sieg sprechen und vom Himmel Gesundheit für den Führer erflehen. Mit unverhüllter Freude lauschen die Menschen dem Glockengeläut. Gleichzeitig zweifeln sie keinen Augenblick daran, daß die neuen Priester in enger Verbindung zur NKWD stehen.

So sind nun einmal die Gepflogenheiten der NKWD — sie vergißt ihre alten Klienten nicht. Die meisten NKWD-Gefangenen erhalten, wenn sie acht oder zehn Jahre Straflager hinter sich gebracht haben, bei ihrer Freilassung die Aufforderung, der NKWD als Zuträger zu dienen. „Rechtfertigt das Vertrauen, das wir euch entgegenbringen, indem wir euch die Freiheit wiedergeben!" heißt es in solchen Fällen. Wenn in den reaktionären Ländern ein Gefangener seine Zeit abgebüßt hat, wird er laufen gelassen. Bei uns aber ist alles auf die Fürsorge für den Menschen abgestimmt. Die Freiheit wird ihm als Gnade gewährt, für die er dankbar sein und die er sich durch besonderes „Vertrauen" nachträglich erarbeiten muß.

Unzählige Orden blinken auf dem Roten Platz. Viele neue Orden sind in den Jahren des Krieges aufgetaucht. Auch die Orden haben eine Rückwärtsentwicklung durchgemacht. Der im Jahre 1944 eingeführte dreiklassige Soldatenorden „Ruhm" und die Medaille „Für Teilnahme am Großen Vaterländischen Krieg 1941—1945" sind eine direkte Entlehnung des zaristischen schwarz-orangen Georgsbändchens. In der Kriegsmarine wurden für die Admirale und Kapitäne die neuen Orden „Ushakow" und „Nachimow" eingeführt, für die Matrosen gleichnamige Medaillen. In der Armee prunken die Generale mit den Orden „Suworow" und „Kutusow", die höheren Offiziere mit dem Orden „Alexander Newskij" und „Bogdan Chmelnizkij". Der verbreitetste aber ist heute der „Orden des Vaterländischen Krieges". Nicht einfach irgendeines Krieges, sondern Vaterländischen! Den Marschällen ist ein besonderer Orden, „Sieg", vorbehalten, der aus Gold, Platin und Brillanten besteht und einen Wert von 200 000 Goldrubeln hat.

Die Ordenssterne haben, obwohl sie immer noch fünfzackig sind, eine große Ähnlichkeit mit den Ordenssternen der Zweiten Katharina. Auch die Garde gibt es wieder, Gardefahnen und -abzeichen. Früher aber? Gott schütze einen, diese Worte auch nur in den Mund zu nehmen.

Neu ist auch die offizielle Begrüßung „Sdrawja shelaju!" (In der Zarenzeit übliche Begrüßung der Vorgesetzten — wörtlich. Gesundheit wünsche ich" — in Verbindung mit dem Zusatz: „Euer Hochwohlgeboren") an Stelle des unpersönlichen „Guten Tag, Genösse Oberst!" Während die Soldaten damit beschäftigt sind, mit donnernder Stimme bataillonsweise das neue „Sdra-a-awja" zu üben, wird in vollem Ernst behauptet, daß bald schon die Generale mit „Euer Hodiwohlgeboren" angeredet werden müssen.

Und die goldenen Schulterstücke? Früher galt es als gefährlichste Beschuldigung im Mund der Untersuchungsbeamten der NKWD, als „Träger goldener Achselstücke" bezeichnet zu werden. Und die Generale schreiten mit ihren silbrigen Koppeln haargenau wie auf den Bildern die ehemaligen zaristischen Offiziere einher. Die „Internationale" ist ersetzt durch die neue „Hymne der Sowjetunion". Selbst die lästige Parole „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" ist von ihrem Stammplatz unter dem Zeitungskopf der „Prawda" verschwunden.

Nein, man muß schon zugeben, das Eis ist in Bewegung geraten! Wenn es so weiter geht, dann werden bald auch die Kolchosen verschwinden. Wie üblich — „in Anbetracht der Erfolge des sozialistischen Aufbaus..."

Wenn in diesem Augenblick Lenin unter den Füßen seines Schülers hervor aufstehen und von der Tribüne des Mausoleums über den Roten Platz blicken würde, wäre er zweifellos entsetzt über eine solche Absage an alle Prinzipien, in deren Namen die proletarische Revolution des Jahres 1917 stattgefunden hat. Wohin sind wir geraten? Oder wohin gehen wir?

Entsprechend dem jüngsten Befehl des Obersten Sowjets der UdSSR erhalten die Generale a. D. Grundstücke zu lebenslänglicher Nutzung und freie Darlehen für den Bau von Gutshäusern. Da haben wir den Adelsstand des Sozialismus! Das einzige Hindernis auf dem Wege zu all diesen Segnungen ist der Umstand, daß der größere Teil aller Sowjetgenerale seine Karriere in der NKWD jäh beendet. Ja, es schwindelt einem von so vielen Neuerungen!

Uber den Roten Platz marschiert die siegreiche Armee im Paradeschritt. Der Klang der Schritte findet Widerhall in meiner Brust. Heute ist die Armee für mich nicht nur der Militärdienst — in der Armee fand ich zum ersten Mal das Vaterland. Bisher fühlte ich mich nur als Amöbe marxistischer Klassifizierung. Bis zum Ausbruch des Krieges lebte ich in einer illusorischen Welt neuer Begriffe — Kommunismus, Sozialismus, Sowchose, Kolchose. Ich sah in den Zeitungen grandiose Zahlen, schöne Worte und Losungen, Traktoren und Fabriken, neue Häuser und Aufbau. Nebenbei ertrug ich am eigenen Leib gemeinsam mit dem ganzen Volk die unmenschlichen Schwierigkeiten und Leiden, rechtfertigte sie aber durch die Notwendigkeit des großen Umbruchs.

Als jedoch der Krieg ausbrach, erblickte ich die ganze jammervolle Hilflosigkeit jener Welt, in der der Sowjetmensch in propagandistischer Hypnose lebte. Später aber erkannte ich etwas Größeres — ich erkannte die Nation. Zum erstenmal fühlte ich, daß ich ein Glied der Nation war, nicht nur eine Nummer marxistischer Klassifizierung. Nicht ich allein erkannte dieses, sondern außer mir Millionen anderer Menschen. Diese Erkenntnis kam uns nicht als Ergebnis des neuen Manövers einer plötzlich auf das Nationale, Vaterländische gerichteten Kreml-Politik. Dieses Manöver des Kreml war vielmehr nur eine Folge, ein erzwungener Ausweg aus der entstandenen Situation.

Der Krieg wühlte das Land in seinen innersten Tiefen auf, brachte an die Oberfläche, was bisher im tiefsten Inneren verborgen war. Alle künstlichen Dekorationen traten zurück, und die wahre Macht, der Mensch, trat wieder in den Vordergrund, der Mensch, wie er wirklich ist. In Blut und Qualen wird der Mensch geboren, in Blut und Qualen lernen die Menschen sich erkennen.

An der Front lernte ich alte Leute kennen, die in ihrem ganzen Leben vorher noch keine Eisenbahn gesehen hatten. Aber diese Waldbewohner wichen keinen Schritt zurück vor den Panzern, wenn sie auch nur eine Flasche Benzin in Händen hielten, die dem Soldaten genau so viel nützt wie eine Aspirintablette einem Toten.

Die Soldaten erzählten voller Begeisterung, welche Pilze und Beeren, was für Bienen und Vögel in ihren Heimatorten zu finden sind. Dann wehrten sie, entrüstet über die unerwartete Störung, die Attacken der Stukas ab. Ein jeder von ihnen zeugte in seiner Art, schweigend oder in kunstlosen, sparsamen Worten, von dem einen, was uns alle verband — von dem Menschen, der, durch Jahrhunderte geformt, seine Lebensart, sein Land und sein Volk liebt. Das war nichts, was uns in die Vergangenheit zurückzog. Es war nur die Erweiterung des Horizonts, es war der Blick auf die Dinge ohne Propagandascheuklappen, die einem sonst den Blick nach rückwärts und zur Seite verwehrten.

Im Lichte des wirklichen Lebens, inmitten lebendiger Menschen, versanken alle die Theorien des dialektischen Materialismus zu einem leblosen Schema. Ich begriff, daß alles das, dem zuliebe wir im Laufe eines Vierteljahrhunderts unglaubliche Opfer gebracht haben, wenn nicht die Ausgeburt der Traumphantasie eines Experimentators war, so doch jedenfalls ein Experiment, das vieler Verbesserungen bedarf. Heute, während ich über den Roten Platz marschiere, sehe ich noch keinen Ausweg; ich bin aber fest überzeugt von der Falschheit dessen, wofür wir vor dem Krieg gelebt haben.

Die Siegesparade dröhnt über den Roten Platz. Die braven Soldaten in den blauen Uniformen stecken ihre Köpfe aus den offenen Turmluken der schweren Panzer. Voller Stolz auf ihre goldenen Schulter-stücke und ihre Georgsbänder signalisieren sie mit ihren roten Flaggen. Sie salutieren vor den Mauern des Kreml und vor dem Führer.

Generalissimus, heute grüßen wir dich und gratulieren dir zum Sieg! Ebenso wie du uns grüßt und gratulierst.

Doch wir erinnern dich — denkst du an den Sommer 1941? Denkst du daran, wie du damals plötzlich eine neue Melodie angestimmt hast. Du sagtest: „Teure Brüder und Schwestern, Bürger und Bürgerinnen..." Damals wollten wir unseren Ohren nicht trauen. Ein Vierteljahrhundert hast du den Bruder gegen die Schwester, die Schwester gegen den Bruder gehetzt. Bis dahin hörte man das Wort „Bürger" gewöhnlich nur hinter dem Schreibtisch des NKWD-Untersuchungsbeamten hervor, als Anrede gegenüber einem fremden, feindlichen Element. Wo waren denn deine Kommunisten, Kommissare, Politfunktionäre und übrigen „Genossen" geblieben? Du hattest recht, uns als „Bürger und Bürgerinnen" zu bezeichnen. Wir waren nicht deine Genossen! Als du die Schlinge um den Hals fühltest, riefst du das Volk zu Hilfe. Wir kamen. Wir starben, aber wir kämpften. Wir hungerten, aber wir arbeiteten. Und wir siegten. Ja — wir, und nicht der Generalissimus Stalin und seine Kompartei. Vergiß in der Zukunft nicht die Vergangenheit.

Heute aber, zur Feier des Sieges, lege auch ich meine ganze Inbrunst in das donnernde, dreifache „Hur-r-ra!" Mögen die Mauern des Kreml erzittern.

So kam der Sieg. Immer, wenn ich an diese Tage zurückdenken werde, werde ich mich des Bebens in meiner Brust erinnern, jenes Gefühls, das mir in den Tagen des Sieges. die Kehle zuschnürte. So singt der Sieger, den Kopf zum Himmel erhoben, sein Siegeslied. Er freut sich des vor ihm liegenden Wegs in die Zukunft.