Gregory Klimow. Berliner Kreml

Soldat und Bürger

In Moskau dröhnen die Siegessalute, während an den Fronten der Kampf weitergeht. Äußerlich ist in der Stadt wenig vom Krieg zu merken. Wer von erbitterten Luftkämpfen über Moskau gehört hat, wird überrascht sein, keine Zerstörungen zu erblicken, die auf Bombardierungen schließen lassen. In der Gorkij-Straße ist nur ein Haus von Bomben zerstört. Ich bin mehrere Male an der Ruine vorbeigekommen, ohne sie zu sehen.

Dann machte man mich aufmerksam: Bretter, bemalt wie ein riesiges Kinoplakat, verbergen sie den Augen der Passanten. An sich sind aber Bombenschäden eine seltene Ausnahmeerscheinung. Von planmäßiger Bombardierung kann keine Rede sein. Ebenso ist es in Leningrad. Die Leningrader Häuser weisen eine Menge Artillerieeinschläge auf, fast alle Holzhäuser in den Vorstädten waren zum mindesten beschädigt, sind abgetragen und von den Einwohnern selbst während der Blockade als Heizmaterial auseinandergeschleppt worden. Erhebliche Spuren von Fliegerangriffen sind aber auch hier nicht zu bemerken.

Viele Moskauer interessieren sich brennend für die delikate Frage, ob die Deutschen tatsächlich nicht imstande waren, wenigstens ein paar Bomben auf den Kreml zu werfen. Nur so — zum Spaß — um seinen Bewohnern einen Schrecken einzujagen! Schaden hätten sie ihnen sowieso nicht zufügen können, weil man rechtzeitig daran gedacht hat, die dem Kreml am nächsten gelegene Untergrundbahn-Station „Kirowskaja" in eine bombensichere Unterkunft für die Regierung umzubauen und durch einen unterirdischen Gang mit dem Kreml zu verbinden.

Man hatte sie vorsorglich bereits beim Bau des Moskauer U-Bahnnetzes möglichst tief in die Erde hineingebaut. Die Moskauer behaupten steif und fest, daß die Arbeiten an dieser Bombenunterkunft lange vor Ausbruch des Krieges ausgeführt wurden. 1942 wurde die Regierung von Moskau nach Kuibyschew evakuiert. Dabei hoben die Zeitungen feierlichst hervor, daß Stalin selbst in Moskau bliebe. Die Moskauer pflegten hinzuzufügen, ein Tunnel vom Kreml bis zur Wolga werde bereits im Eiltempo gebuddelt.

Jetzt ist die Mehrzahl der Regierungsbehörden von Kuibyschew nach Moskau zurückgekehrt. In Moskau pulsiert wieder lärmvolles, beinahe friedensmäßiges Leben. Die nach wie vor Abend für Abend zum Schütze Moskaus zum Himmel aufsteigenden Fesselballons erscheinen als ein unnötiger Atavismus. Das, was am meisten an den Krieg erinnert, sind die Unmengen von Uniformen, die man in den Straßen von Moskau sieht. Es gibt mehr Uniformierte als Zivilisten.

Die Patrouillen der Moskauer Kommandantur sind außerordentlich streng und schikanieren einen, wo sie können. Sie kontrollieren nicht nur die Ausweise, sondern achten ebenso sorgfältig darauf, daß die Uniformen der Militärpersonen vorschriftsmäßig in Ordnung sind. Glänzen die Uniformknöpfe nicht nach allen Regeln der Kunst, sind die Stiefel nicht auf Hochglanz poliert oder ist der Anhänger am Mantel abgerissen — dann blühen einem unweigerlich ein paar Stunden Strafexerzieren in der Kommandantur.

Die am Eingang zum Untergrundbahnhof „Baumanskaja" wachhabenden Kommandantur-Patrouillen ärgern sich neuerdings am meisten über die frechen und selbstsicheren Kerle in Uniform, die seit einiger Zeit regelmäßig diesen Bahnhof benutzen. Sie tragen auf den Schultern normale Soldatenachselstücke, wenn auch das rote Feld von einem seltsamen, absolut ungewöhnlichen Goldrand eingesäumt ist.

Diese Soldaten mit Goldrand tragen durchweg neue Offiziersmäntel aus grünem englischen Tuch. Außerdem haben sie alle neiderregend knarrende juchtenlederne Stiefel, Offizierskoppel mit rotem Stern und Portepee, dazu schwungvolle auf ein Ohr geschobene Pelzmützen. Und selbst diese Mützen sind nicht aus dem sonst üblichen einfachen Lammfell, sondern aus grauem Karakul. Nicht einmal jeder Offizier kann sich solchen Luxus leisten! Zu allem Überfluß schlenkern viele dieser geckenhaften Soldaten reichlich ungezwungen Aktentaschen in den Händen. In der Armee braucht man die Hände, um sie an die Hosennaht zu nehmen oder zum Gruß zu erheben, nicht aber um Aktentaschen zu tragen.

Anfangs gerieten die Kommandantur-Patrouillen in starres Staunen über eine so unerhörte Mißachtung sämtlicher Vorschriften der Armee-Disziplin. Dann begannen sie in stolzer Vorfreude auf eine reiche Beute für die Hauptwache diese Träger der seltsamen goldgeränderten Schulterstücke nach ihren Soldbüchern zu fragen. Als ihnen daraufhin statt der Soldbücher rote Personalausweise mit dem Staatswappen und der in goldenen Buchstaben gehaltenen Aufschrift „Militärakademie" vorgelegt wurden, machten sie in völliger Verblüffung automatisch ihre Ehrenbezeugung vor diesen sonderbaren Soldaten und zuckten hinterher ratlos die Schultern: „Ohne einen "Halb-Liter" wird man hier nicht klug. Soldaten-Schulterstücke und Offiziersausweise?!"

Nicht alle Hörer des ersten Kursus unserer Akademie haben Offiziersrang. Wenn für den Sohn irgendeines Moskauer Proletarier-Führers die Zeit gekommen ist, eingezogen zu werden, dann ruft dieser Führer den Chef der Akademie, General Bijasi, an: „Nikolaj Nikolaiitsch! Wie geht's? Was macht der Dienst? Ich schicke Dir heute meinen Filius hinüber. Red einmal mit ihm." Auch auf diese Weise kann man Dienst in der Armee tun, — und das sogar in Kriegszeiten — ohne den heimatlichen Herd zu verlassen und ohne sich den mannigfaltigen Zufällen des Frontdaseins auszusetzen und obendrein noch mit der Möglichkeit, einen beneidenswerten Beruf zu erlernen.

Im Gegensatz zu den Bestimmungen anderer Akademien brauchen wir nicht in Kasernen zu wohnen, sondern dürfen Privatwohnungen beziehen. Nach Beendigung eines jeden Kursus werden die Hörer der Akademie um einen Rang befördert. So verläßt z. B. einer, der ganz ohne Rang in den ersten Kursus eingetreten ist, die Akademie nach Beendigung des letzten Kursus als Hauptmann. Zur gleichen Zeit kann man aber auch Hauptleute im ersten Kursus antreffen. Die Gesellschaft ist hier ziemlich bunt.

Wichtig ist in der Akademie nicht der Dienstrang, sondern die Fakultät und der Kursus, dem man angehört. Der erste Kursus wartet, nach Abteilungen angetreten, in Reih und Glied, bis er an der Reihe ist, den Speisesaal zu betreten. Zur selben Zeit drängen sich völlig ungezwungen, ohne sich um irgendwelche Reihenfolgen zu kümmern, andere Hörer durch die Tür. Die Wartenden treten unwillig von einem Fuß auf den anderen und seufzen in machtloser Empörung: „Zum Teufel mit diesem vierten Kurs!" Die Angehörigen des vierten Kursus gelten als freie Hörer und genießen viele Privilegien und Freiheiten. Sie dürfen sogar ihre Verpflegungsration mit nach Hause nehmen — ein Recht, das selbst Aufsichts-offizieren nicht zusteht.

Der vierte Kursus der Deutschen Abteilung der West-Fakultät umfaßt im ganzen nur acht Hörer. Sie wurden von überall her zusammengeholt, die meisten von ihnen drücken nicht zum erstenmal die Hörerbänke einer Universität. Diese Leute haben ein außergewöhnlich hohes Maß an Kenntnissen, doch sind auch die Forderungen entsprechend hoch. Sie müssen viel und angestrengt arbeiten. Neben den üblichen Fächern des vierten Kursus muß man die sogenannten „Spezialfächer" der vorhergehenden Kurse nachholen, z. B. „Armee-Dienstvorschriften", „Ausrüstung der Armee", „Organisation der Armee" und „Spezialausbildung der Armee".

Unter der bescheidenen Bezeichnung „Spezialausbildung" versteht man Geheimdienst und Abwehr. Bei der „Armee" handelt es sich in diesem Falle selbstverständlich nicht um die sowjetische Armee, sondern um die deutsche. Kein sowjetischer Offizier weiß, sogar auf seinem Spezialgebiet nicht, so viel über die Rote Armee, wie ein Hörer unserer Akademie über alle Formationen „seiner" Armee wissen muß, d. h. der deutschen, englischen usw. Armee, entsprechend der Abteilung, in der er studiert.

Als Lehrmaterial beim Studium der Spezialfächer dienen gewöhnlich Originalschriftstücke oder Dienstvorschriften der entsprechenden Armee. Bei Fächern, die besonders geheimgehalten werden müssen und solchen, die sich mit der jüngsten Vergangenheit befassen, ist es verboten, Nachschriften zu machen. Dafür kann man aber fertige hektographierte und sorgfältig numerierte Konzepte gegen Unterschrift und Hinterlegung der persönlichen Ausweise bekommen; sie dürfen nur in dem eigens dafür vorgesehenen Lehrsaal benutzt werden.

Der Inhalt dieser Konzepte entspricht dem neuesten Stand der Dinge, er ist niemals um mehr als einen Monat veraltet. Das vorhandene Material informiert nicht nur über bereits Bestehendes, sondern auch über Dinge, die sich erst im Stadium der Planung oder Vorbereitung befinden. Den Konzepten sind häufig Photokopien der Originale beigefügt. Je nach der Qualität der Photographie kann man feststellen, ob dafür eroberte oder auf anderem Wege beschaffte Dokumente in aller Ruhe und sozusagen legal benutzt wurden, oder ob diese Photokopien unter anderen, weniger bequemen und einfachen Umständen gemacht wurden. Manchmal ist klar ersichtlich, daß die Aufnahme mit einer Mikrokamera gemacht ist. Solche Kameras können in einen Knopf, in den Verschluß einer Damenhandtasche und so weiter eingebaut werden.

Ein Mensch, der sich nur oberflächlich mit einem Wissensgebiet befaßt hat, neigt gewöhnlich dazu, sich einzubilden, daß er das betreffende Fach vollständig beherrscht. Je mehr er aber in die Materie eindringt, desto geringer schätzt er seine Kenntnisse ein. Uns werden jetzt interessante Dinge beigebracht. Wir müssen mittelalterliche Handschriften von Dichtungen in gotischer und althochdeutscher Sprache studieren, Sprachen, in denen sich ein Deutscher der Gegenwart nicht auszukennen vermag. Wenn einer das „Nibelungenlied" gelesen hat und dann versucht, es im Original zu entziffern, wird er nachdenklich die Nase reiben und kein Wort verstehen.

Nach der Art und Weise, wie ein Mensch die Worte „gebratene Gans" ausspricht, müssen wir feststellen können, woher er stammt, und zwar fast auf den Kilometer genau.

Nie im Leben glaube ich mehr einem Menschen, der behauptet, sich in irgendeiner Sache vollkommen auszukennen. Ich erinnere mich der Worte des Mathematikprofessors Simin, der als Theologie-Philosoph einen Namen hatte. Als Antwort auf die Behauptung eines Studenten, er kenne die Mathematik ausgezeichnet und sei mit der ihm erteilten Note drei nicht einverstanden, brummte Professor Simin: „Eine fünf (Fünf ist in der UdSSR die beste, eins die schlechteste - Note.) in Mathematik verdient nur Gott; ich selbst verdiene eine vier, und die besten meiner Studenten — höchstens eine drei. Gehen Sie, junger Mann, und studieren Sie fleißig weiter!" Wir müssen wissen, was in welchen Gegenden Deutschlands gegessen und getrunken wird, wie die Leute sich in den verschiedenen Gegenden kleiden und welche charakteristischen Gewohnheiten sie haben.

Wir müssen die winzigsten Merkmale jedes Volksstammes kennen, jede deutsche Weinmarke mit einer Sicherheit bestimmen können, die einen Weinvertreter vor Neid erblassen ließe. Uns wird beigebracht, welche deutschen Volksstämme sich gegenseitig nicht leiden können und aus welchen Gründen; welche Schimpfworte sie sich an den Kopf werfen. Die Sympathie eines Bayern kann man z. B. dadurch gewinnen, daß man die Preußen mit einem bestimmten Schimpfwort bezeichnet. Uns wird eine genaue historische Genesis aller gegenwärtigen und früheren politischen und wirtschaftlichen, ideologischen und religiösen Gegensätze innerhalb der deutschen Nation gegeben. So studiert ein Chirurg vor der Operation die Krankheiten und die Anfälligkeiten seines Patienten.

Die Geschichte der Kommunistischen Partei Deutschlands wird uns ziemlich abweichend von den Darstellungen präsentiert, die in den normalen Lehrbüchern über die Geschichte der Kommunistischen. Bewegung zu finden sind. Der Lektor gebraucht dabei gewöhnlich den Terminus „unser Potential" oder andere genauere Definitionen. Man kann zwei Stunden in einer Vorlesung sitzen, ohne das Wort „Kompartei" auch nur ein einziges Mal zu hören. Die Konzepte dieser Vorlesungen hätten selbst deutschen Kommunisten manches Interessante zu bieten. Manche von ihnen glauben ja ehrlich daran, daß sie für ein besseres Deutschland kämpfen.

Eine politische Bewegung ist gewissermaßen nichts anderes als eine Falle für leichtgläubige Menschen. Die Führer, die mit der Komintern in Berührung kommen, sind natürlich über diese heiklen Fragen besser orientiert. Einmal wandte sich einer der Hörer an einen unserer Dozenten mit der Frage: „Warum kommen jetzt keine kommunistischen Überläufer mehr aus Deutschland?"

„Denken Sie nach, Sie werden die Erklärung selbst finden. Ich kann den übrigen Hörern ihre Zeit nicht durch die Erläuterung so elementarer Dinge stehlen", entgegnete der Dozent. „Wir brauchen keine Überläufer. Diese Leute nützen uns viel mehr, wenn sie drüben für uns arbeiten."

Dieser Lektor hält außer an unserer Akademie an der Geheimdienst-Hochschule des RKKA Vorlesungen über das Thema „Untergrundarbeit in der Etappe".

Trotz dieser Erklärung bleiben, wenn man der Sache auf den Grund geht, einige Fragen offen. Was ist aus der riesigen Kommunistischen Partei Deutschlands geworden? Deutschland hat als erste Macht der Welt Freundschafts und Handelsbeziehungen mit Sowjetrußland aufgenommen. Deutschland hatte die stärkste Kommunistische Partei und das klassenbewußteste Industrieproletariat von ganz Europa.

Die Deutsche Kommunistische Partei und das deutsche Proletariat waren für uns die leuchtendsten Beispiele proletarischer Bewußtheit und Solidarität. Der Kommunismus hatte seinerzeit tiefe Wurzeln in der Seele der Deutschen geschlagen. Man hatte angenommen, daß Deutschland das nächste Glied in der Kette der „Weltrevolution" bilden würde. Die Mütze von Thälmann war uns genau so vertraut wie der Bart von Karl Marx. Und plötzlich!

Jetzt schlagen sich die Deutschen wie die Teufel, kein einziger läuft zu uns über; und unsere Propaganda hat alle Thesen von „klassenmäßiger Einstellung" über Bord geworfen, um statt dessen alle Deutschen in Bausch und Bogen als „Faschisten" zu brandmarken und die einzige Losung aufzustellen: „Schlagt die Deutschen tot!" Hitler kann nicht sämtliche Kommunisten seines Landes in die KZ gesteckt haben. Unsere Propaganda stellt eine solche Behauptung auch gar nicht erst auf. Und trotzdem scheint der Nazismus Immer stärker zu werden. Wo sind denn nun kommunistisches Bewußtsein, proletarische Solidarität, Klassenkampf und alle diese anderen schönen Dinge geblieben?

Kürzlich ist unsere Akademie in neue Räume direkt neben der „Stalin" - Akademie für Mechanisierung und Motorisierung der Roten Armee in Lefortowo umgezogen. Früher befand sich hier einmal die Junker-Schule, später eine Artillerieschule. Die Gebaude machen einen reichlich ungemütlichen Eindruck; es riecht nach Kaserne. Dafür aber sieht unsere Kommandoführung durch diesen Umzug das wichtigste Problem gelöst — wir sind jetzt alle unter einem Dach, hinter einem Zaun, inmitten des Gebäudekomplexes gibt es einen Übungsplatz, und irgendwo im Hintergrund — die Hauptwache.

In diesen Herbsttagen kann man häufig ein erbauendes Bild beobachten. über den Hof der Akademie schlendern einige Hörer unter der Bewachung anderer Hörer, die gerade Dienst haben. Die Arrestanten sind ohne Koppel und Schulterstücke, sie tragen Besen und Schippe. In aller Gemütsruhe fegen sie die dürren Blätter zu Haufen, die ohne Unterlaß unter den heftigen Stößen des Herbstwindes von den Bäumen fallen. Die Arbeit ist ungefähr ebenso produktiv wie die, Wasser in ein bodenloses Faß zu schöpfen. Die Arrestanten ficht das nicht weiter an. Bis zum Mittag ist es noch weit und im Karzer langweilig. Unangenehmer ist es schon, wenn sie, in wenigen Schritten Entfernung voneinander in Reihen ausgerichtet losgeschickt werden, um die Zigarettenstummel vom Hof aufzulesen. Ziemlich beschämend!

Die vorbeikommenden Hörer sind eifrig bemüht, ihre in die Klemme geratenen Kameraden aufzumuntern: „Na, Kolja, sitzt Du wieder? Für welche Heldentaten? Wieviel hast du gekriegt?" Andere wieder bleiben stehen, um unter den Arrestanten einen von den Generals-söhndien herauszufinden; ganz interessant so etwas — der Vater General und der Sohn damit beschäftigt, unter Bewachung Zigarettenstummel vom Boden aufzulesen.

Die Opfer der Hauptwache sind gewöhnlich Hörer des ersten Kursus, von denen viele mit der Armeedisziplin noch nicht vertraut sind. Hauptsächlich für sie wurde das Zusammenkehren der Blätter und das Aufsammeln von Stummeln als eine Form der Straferziehung erfunden. Dadurch soll ihnen die Lust zu selbständigem Denken ausgetrieben und die bedingungslose Unterordnung unter die Befehle der Führung eingedrillt werden. Sie sollen ein für allemal begreifen und sich hinter die Ohren schreiben, daß beim Militär Befehl oberstes Gesetz ist. Gleichzeitig wird ihnen der entsprechende unbedingte Reflex arierzogen.

In die Tür der Hauptwache hat irgend jemand sorgfältig mit einem Messer die Worte eingeschnitzt: „Ich werde euch lehren, die Freiheit zu lieben!"

Dieses geflügelte Wort ist in der Armee zur Zeit sehr modern. Generale schreien mit diesen Worten die Offiziere an, wenn sie bei einer der üblichen Inspektionen und Kontrollen Mangel an Disziplin festgestellt haben. Die Sergeanten der Ausbildungsabteilungen brüllen diesen klangvollen Spruch ihren Rekruten ins Gesicht, zumeist von Mutterflüchen übelster Art und von Faustschlägen begleitet.

Es gibt darauf eine zwar heimliche, aber vielsagende Antwort: „Bis zur ersten Schlacht..." Nicht ohne Grund marschieren die Offiziere nach der neuen Dienstvorschrift nicht an der Spitze ihrer Abteilung, sondern hinter ihr.

Ja, die Armee ist nicht wiederzuerkennen! Vieles hat sich während des Krieges verändert, verändert in ungeahnte Richtungen!

Viele von uns sind aufrichtig empört über die Methoden, die bei der Ausbildung der Soldaten vor dem Pronteinsatz in den Reserveeinheiten angewendet werden. Die Soldaten werden dort fast ausschließlich kasernenmäßig gedrillt; sie lernen dem Kommando „rechts" und „links" gehorchen, ihre Vorgesetzten vorschriftsmäßig grüßen und — die vorgeschriebene Marschordnung einhalten. Sie haben durchweg nur Holzgewehre. Oft kommen sie an die Front, ohne auch nur einen einzigen Schuß aus einem richtigen Gewehr abgeieuert zu haben. Das sieht nach absoluter Unüberlegtheit aus. Die Soldaten selbst schimpfen anfangs darüber, später aber gewöhnen sie sich daran und ordnen sich widerspruchslos unter. Manchmal haben diese Dinge ihre Ursache in örtlichen Gegebenheiten. Die allgemeinen Richtlinien werden aber von oben gegeben und haben ihren tieferen Sinn.

Für den Verlauf des Krieges ist es unwichtig, ob ein Soldat fällt; viel schlimmer ist es, wenn ein Soldat nicht gehorcht. Dieser Grundsatz ist für die Ausbildung bestimmend. Das Wichtigste, was einem Soldaten beigebracht werden muß, ist unbedingter Gehorsam. Stirb, aber gehorch dem Befehl! Infolgedessen beginnt die Grundausbildung des Soldaten damit, daß man ihm jede Regung selbständigen Denkens austreibt. Er wird daran gewöhnt, sich ausschließlich als eines der willenlosen Teilchen des Gliedes, des Systems, des großen Ganzen zu fühlen, aus denen Armee und Staat bestehen. Wenn der Frontsoldat einen Befehl erhält, der den sicheren Tod bedeutet, und anfängt, über Sinn oder Unsinn dieses Befehls nachzudenken, könnte er zögern, ihn auszuführen. Daher muß er frühzeitig daran gewöhnt werden, sinnlose Dinge widerspruchslos zu tun und unter allen Umständen zu gehorchen.

Vor dem Fronteinsatz müssen die Soldaten Tag für Tag mit ihren Holzgewehren nach dem Kommando „Gewehr über" marschieren, das heißt, den Parademarsch üben. In diesem Stil werden sie bei Wind und Wetter vom Morgen bis zum Abend dressiert; links um, rechts um, Gewehr über, Gewehr bei Fuß... Nach einer solchen vielstündigen „Kampfausbildung" müssen sie kilometerweit singend zu ihrer Verpflegungsstelle marschieren, wobei sie oft mehrmals zum Ausgangspunkt zurück müssen, weil sie angeblich nicht laut genug gesungen haben. Unterwegs muß sich die ganze Abteilung ein paarmal In den Schnee werfen, und immer wieder ein Stück auf dem Bauch robben. Die Soldaten sind hungrig, in der Verpflegungsstelle erwartet sie verlockendes Wasser mit Weißkohl und ein Stück Schwarzbrot...

Kann man annehmen, daß all das Unüberlegtheit ist?

Unmerklich vergeht der Winter. Allmählich habe ich mich wieder an das Studieren gewöhnt und auch Bekanntschaften in der Akademie geschlossen. Ich weiß nicht mehr, wann und bei welcher Gelegenheit ich zum ersten Mal mit dem Oberleutnant Beljawskij zusammentraf. Etwa 31 Jahre alt, hager und aufrecht, zeichnet er sich durch schembar unerschütterliche Ruhe und Gleichgültigkeit aus. In Wirklichkeit ist er ein selten leidenschaftlicher und begeisterungsfähiger Mensch.

Beljawskij hat irgendwann an der Leningrader Universität studiert und anschließend Spezialvorbereitungskurse für eine Arbeit im Ausland absolviert. Er beherrscht mehrere Sprachen einwandfrei. Während des spanischen Abenteuers wurde er nach Spanien geschickt und hielt sich dort eine Zeitlang als Spanier" auf. Rätselhafter-weise hat es Beljawskij verstanden, sich beinahe zehn Jahre lang seine Leutnants-Schulterstücke zu bewahren. Seine ehemaligen Spanien-Kameraden haben jetzt alle bedeutend höhere Ränge und Dienststellungen.

Beljawskijs Leidenschaft gehört dem Theater. Einen Monat im voraus kauft er die Eintrittskarten für alle Premieren in den Moskauer Theatern. Manchmal glaube ich, daß ihn die seelischen Wunden noch quälen, an denen viele Leningrader leiden, und daß er im Theater zeitweiliges Vergessen sucht. Beljawskij hat die schwerste Zeit der Blockade in Leningrad mitgemacht; es ist unmöglich, ihm auch nur ein einziges Wort über jene Tage zu entreißen.

Die ganze Akademie kennt Walentina Grintschuk. Gewöhnlich wird sie kurz und zärtlich Walja genannt. Vor einigen Monaten wurde sie schwerverwundet aus dem Partisanengebiet mit dem Flugzeug in ein Lazarett in der Nähe von Moskau gebracht. Nach ihrer Genesung und Entlassung aus dem Lazarett wurde sie in unsere Akademie aufgenommen.

Äußerlich macht Walja fast den Eindruck eines Kindes — sie reicht den meisten von uns gerade bis zum Gürtel. Man konnte in dem ganzen Bekleidungslager des Moskauer Militärbezirks keine Stiefel finden, die ihr gepaßt hätten, so daß für sie Maßstiefel in Kindergröße bestellt werden mußten. Und doch haben nur wenige Hörer unserer Akademie so viele Orden, und zwar wirkliche Kampfauszeichnungen, wie dieses Kind. Diese Orden stehen In einem solchen Gegensatz zu ihrem reinen, kindlich unschuldigen Gesicht, daß jeder, der ihr begegnet, sich unwillkürlich nach ihr umblickt. Manchmal machen sogar rangältere Offiziere als erste vor ihr die Ehrenbezeugung.

Vor dem Kriege lief Walja als vierzehnjähriges Mädchen in ihrem abgelegenen Walddorf barfuß mit dem Wassereimer zum Brunnen und hatte sicher keine Ahnung, wer Hitler und was Deutschland ist. An einem klaren Junimorgen brach der Krieg in die Ruhe ihrer kindlichen Seele ein. Die Deutschen besetzten das Dort und hausten im ersten Rausch leicht errungenen Sieges ziemlich ungeniert in dem neuen „Ostraum". Mit dem Instinkt des Kindes begann sie, die fremden Menschen in den graugrünen Uniformen zu hassen.

Durch ein Spiel des Zufalls traf sie schon bald mit Angehörigen einer regulären Partisanenabteilung zusammen, die von der Roten Armee in die Etappe der Deutschen geworfen worden war. Anfangs wurde sie als Kundschafterin benutzt. Kaum einem Deutschen wäre es wohl in den Kopf gekommen, dieses schlichthaarige, magere kleine Mädchen, dem man nicht mehr als zwölf Jahre geben konnte, mit der in jenen Gebieten so bedrohlichen Partisanenbewegung in Verbindung zu bringen.

Kurz darauf wurde Walja Waise, verließ ihr Heimatdorf und schloß sich den Partisanen an. Sie war abwechselnd Maschinengewehrschütze, Saboteur und Scharfschütze, machte freiwillig die weitesten Kuriergänge und erfüllte die gefährlichsten Kundschafteraufträge. Nicht wenige Deutsche, die in ihr nur ein Kind sahen, mußten ihre Sorglosigkeit mit dem Tod bezahlen. Walja kannte das Leben nicht und schaute vielleicht gerade deshalb dem Tod furchtlos ins Auge. Ihre Seele stählte sich im Kampf; Blut und Haß taten das ihre. In dem kindhaften Körper schlug ein hartes Soldatenherz.

Nur eines war schlimm — Walja lächelte nie. Sie wußte nicht, was Lachen, Frohsinn und Freude ist. Der Krieg hatte sie der Möglichkeit beraubt, die lichten Seiten des Lebens kennenzulernen.

Heute geht ein reizvolles achtzehnjähriges Mädchen über den Hof der privilegierten Moskauer Akademie. Silbrig schimmerndes Haar wellt sich unter dem keck auf eine Seite gerückten Krätzchen. Die kleinen Füßchen in den Juchtenstiefeln schreiten mutig und sicher durchs Leben. Ihre Altersgenossinnen sitzen noch auf der Schulbank. Dieses kindliche Mädchen aber trägt auf den schmalen Schultern die Rangabzeichen eines Oberleutnants und die Last ihrer Frontjahre; auf dem Grün des Offiziersrockes prangen reihenweise Kampforden, goldene und silberne Verwundetenabzeichen.

„Waljuscha!" lächeln die Offiziere ihr begeistert entgegen und dann: „Feiner Kerl!"

Einmal zeigte man mir einen Fliegerhauptmann, Hörer des zweiten Kurses. Er hatte Walja irgendwann einmal zu einem Konzert eingeladen und Walja hatte gerne eingewilligt. Die genauen Einzelheiten der Vorgänge jenes Abends sind nicht bekannt. Man flüsterte nur, daß der entflammte Hauptmann versuchte, Walja so zu behandeln, wie er annahm, daß die Mädchen, die als Soldaten an der Front waren, es gewohnt seien. In dieser Beziehung pflegen Offizieren, die nie an der Front waren, Irrtürmer zu unterlaufen.

Als Walja ihn scharf zurechtwies, schrie der Hauptmann voller Zorn:

„Man weiß ja, wie ihr alle euch diese Orden verdient! Ihr seid alle..."

Wenig später wurde der Hauptmann mit blutigem, von einem Pistolengriff zertrümmerten Schädel auf der Straße liegend aufgefunden. Als der Chef der Akademie, General Bijasi, Walja zu sich rufen ließ und eine Aufklärung verlangte, antwortete sie kurz: „Er kann froh sein, daß er mit dem Leben davongekommen ist."

Der General wußte nichts zu sagen und befahl Walja lediglich, die Pistole abzuliefern. Daraufhin begannen selbst die hartnäckigsten Kritiker der Frontkämpferinnen, Walja mit „Sie" anzureden.

***

Februar 1945. Der deutsche Gegenangriff in den Ardennen, an der Westfront, erstickt im eigenen Blut. Die verbündeten Invasionstruppen bereiten sich auf den Sprung über den Rhein und den Durchbruch durch die berüchtigte Siegfriedlinie vor. Unsere Truppen sind nach langwieriger Vorbereitung an der Oder zum Angriff übergegangen, brechen den Widerstand des Ostwalls und erweitern den Brückenkopf für den letzten Schlag gegen das Herz Hitlerdeutschlands. Der Krieg nähert sich seinem Ende.

Wie sonderbar das auch sein mag, die Verhältnisse in Moskau haben sich im Vergleich zu den Vorjahren gebessert — ob sich die Schwierigkeiten stabilisiert und die Menschen an sie gewöhnt haben, oder ob die Erfolge an der Front und die Erwartung des baldigen Kriegsendes das Ertragen dieser Schwierigkeiten leichter machen?

Sowohl in der Armee als auch im ganzen Lande ist ein deutlicher Stimmungsumschwung zu spüren. Ein Wunder ist geschehen — statt in den langen Jahren des Krieges ihre Kräfte zu erschöpfen, ist die Armee technisch und moralisch erstarkt und hat aus Kampf und Siegen neue Kräfte geschöpft. Gegen Ende des Krieges verfügt die Armee über eine ausreichende Anzahl von Flugzeugen, Tanks, automatischen Waffen, Munitionsvorräten und Ausrüstungen, das heißt, sie hat jetzt alles das, woran zu Beginn des Krieges katastrophaler Mangel herrschte. Das ist ein schwer verständliches Rätsel und viele von uns zerbrechen sich darüber den Kopf.

Es wäre naiv anzunehmen, dieses Wunder sei lediglich den militärischen Anstrengungen und dem moralischen Umbruch in der Seele der Nation im Verlauf des Krieges oder einzig und allein der Hilfe der Verbündeten zuzuschreiben. Das Potential der Kriegsindustrie ist zu Ende des Krieges jedenfalls niedriger als am Tage des Kriegsbeginns. Der moralische Faktor spielt eine große Rolle und ist beachtenswert von dem Gesichtspunkt aus, daß er zu Beginn des Krieges die Hoffnungen des Kreml absolut nicht rechtfertigte, dann aber im Verlauf des Krieges durch die geschickte Umstellung der inneren Propaganda und durch die Fehler des Feindes erneut auf den dem Kreml genehmen Nenner gebracht wurde.

Die militärische Hilfe der Verbündeten war gewaltig; sie trug dazu bei, das Los des russischen Soldaten und des russischen Volkes um ein Vielfaches zu erleichtern, stopfte viele Löcher in der Kriegsmaschinerie des Kreml und verkürzte die Dauer des Krieges. Aber keiner dieser Faktoren konnte für sich allein den Ausgang des Krieges bestimmen. Wir wollen nicht das „Wenn" und „Aber" erörtern... Der Krieg ist wie ein Schachspiel und kennt die gleichen, zahllosen Variationsmöglichkeiten. Die einzelnen Schachzüge können sich, den Umständen entsprechend, ändern, aber das Spiel als solches wird von Anfang an durch die grundlegende Strategie des Spielers bestimmt. Der Kreml entwickelte in diesem Kriege eine Strategie, die bewußt anfänglich Opfer und Niederlagen in Kauf nahm, um später die zurückgehaltenen Reserven mit um so größerer Wucht einsetzen zu können. Das zeigte sich mit aller Deutlichkeit in der letzten Phase des Krieges.

Die Hörer unserer Akademie unterhalten sich oft über die „drei Etappen". Wenn sie in den Einzelheiten auch unterschiedlicher Meinung sind, so stimmen sie im wesentlichen in der Auslegung der Ereignisse der letzten Jahre voll überein. Ausgangspunkt dieser Gespräche ist die engste Umgebung des Kreml und die Kreise um den Generalstab der Roten Armee. Nicht umsonst wird unsere Akademie heimlich die „Kreml-Akademie" genannt und nicht umsonst haben viele unserer Hörer ihre „Papas" im Generalstab. Man kann hier vieles erfahren, wovon der einfache Soldat nichts ahnt.

Charakteristisch, daß alle, die sich an Unterhaltungen über Themen dieser Art beteiligen, betonen, daß sie auf offizielle Versionen und Gerüchte nie etwas gegeben haben. Viele „Gerüchte" wurden von den „Gerüchtemachern" der NKWD absichtlich in Umlauf gesetzt. Der Kreml verfügt nicht nur über einen offiziellen Propagandaapparat in Gestalt von Presse und Rundfunk, sondern auch über einen ausgezeichnet funktionierenden Apparat von „Gerüchtemachern" der NKWD, deren Aufgabe es ist das Volk in einer dem Kreml erwünschten Richtung systematisch irrezuführen. Selbstverständlich wird der Kreml niemals die Gambit Strategie der „drei Etappen" zugeben.

Die Geschichte des Krieges kann man in drei Etappen oder Phasen aufteilen. Die erste Phase begann am Tage der Unterzeichnung des sowjetisch-deutschen Freundschaftsvertrages. Am Tage nach der Unterzeichnung dieses Vertrages, im September 1939, sollte ich mein Praktikum in dem Werk „Rostselmasch", dem größten Kombinat für landwirtschaftlichen Maschinenbau nicht nur in der Sowjetunion, sondern in ganz Europa, aufnehmen. In der Werkshalle für Mähdrescher, der ich zugeteilt war, überraschte mich ein seltsamer Anblick. Der wichtigste Teil dieser Werkshalle war ein kreisförmiges Fließband, auf dem die Montage der Mähdrescher ausgeführt wurde.

Das Fließband war in den Boden einmontiert, die Mähdrescher wurden an einem aus dem Boden ragenden Haken festgemacht und bewegten sich auf diese Weise auf ihren eigenen Rädern im Kreise. Jetzt stand das Fließband still, die Mähdrescher waren in halbmontiertem Zustand erstarrt. Statt dessen aber war buchstäblich jeder Quadratmeter der Zwischenräume zwischen Fließband und Werkbänken mit einer neuen Produktion vollgestopft — Tausenden von Munitionskästen für Panzerabwehrartillerie. Sie waren über Nacht nach dem Abschluß des Freundschaftspaktes hergestellt worden.

Das gleiche Bild bot sich in den übrigen Hallen. Am Tage der Unterzeichnung des Freundschaftsvertrages wurde auf telegrafischen Befehl aus Moskau hin ein geheimer Mobilisationsplan in Kraft gesetzt, der bisher im Safe der Geheimabteilung, wie sie bei jeder sowjetischen Fabrik besteht, für jedermann unzugänglich aufbewahrt worden war. Alle Werksabteilungen des „Rostselmasch", die in normalen Zeiten nur der Friedensproduktion dienten, arbeiteten während der drei Monate meiner Anwesenheit fieberhaft an der Herstellung von Kriegsmaterial. Außerdem waren im „Rostselmasch" seit dem Tage seines Bestehens ununterbrochen sogenannte „Spezialabteilungen" am Werk, die laufend mit der Produktion von Artillerie-waffen beschäftigt waren.

Da ich häufig im Güterbahnhof von Rostow zu tun hatte, sah ich mit eigenen Augen endlose Züge mit Rüstungsmaterial, das jetzt nach der Umstellung der bisherigen Friedensindustrie Rostows hier hergestellt wurde. Dabei ist hier nicht die Rede von den normalen Rüstungsbetrieben, die sämtlich über eigene Eisenbahnlinien verfügten und deren Produktion niemand zu Gesicht bekam.

Wenn man eine Exkursion in das Gebiet der marxistischen politischen Okonomie unternehmen will, kann man die sowjetische Produktionsmittel-Industrie in zwei Grundkategorien einteilen — in die reine Rüstungsindustrie, die ausschließlich Kriegsmaterial produziert, und die übrige Industrie, die zwar eine Friedensindustrie ist, jedoch bereits so geplant wurde, daß sie von einem Augenblick zum anderen auf Rüstungsproduktion umgestellt werden kann.

Es ist sehr schwer, die Grenze zwischen diesen beiden Kategorien genau festzulegen. Der Maschinenbau erscheint auf den ersten Blick als Friedensindustrie, aber neunzig Prozent der produzierten Maschinen dienen der Einrichtung von Rüstungsbetrieben. Im September 1939 wurde sogar diese zweite Kategorie der Industrie, die bis zu diesem Zeitpunkt mehr schlecht als recht an der Produktion von Verbrauchsgütern gearbeitet hatte, voll und ganz auf die Mobilisationspläne abgestimmt und arbeitete von da an ausschließlich für den Krieg.

Zu der gleichen Zeit wie ich machten die Studenten unseres Industrieinstituts an hunderten der größten Betriebe in allen Teilen der Sowjetunion ihre praktische Ausbildung durch, überall das gleiche Bild. Die offene Vorbereitung auf den Krieg war schon im September 1939 klar ersichtlich. Unklar war nur eins — gegen wen dieser Krieg geführt werden sollte. Viele waren geneigt anzunehmen, daß der Kreml gesonnen sei, gemeinsam mit Deutschland die Welt unter sich zu teilen. Die Ereignisse in Finnland, dem Baltikum und Bessarabien, die kurz darauf erfolgten, schienen diese Annahme zu bestätigen.

Auf jeden Fall aber hatte der Kreml bereits zu jener Zeit beschlossen, daß die Stunde für die aktive Lösung der außenpolitischen Aufgaben gekommen sei. Damals schon wurde die gesamte Kriegsmaschinerie des Kreml kampfbereit gemacht und lief auf vollen Touren. Die Freundschaft mit Deutschland wurde dem gleichen Zweck dienstbar gemacht. In Kronstadt trafen in Deutschland gekaufte U-Boote ein. Das deutsche Erkennungszeichen „U" wurde durch das sowjetische „Schtsch" übermalt, nachdem die Marine sie auf „Schtschuki" (Hechte) benannte. Diese U-Boot-Muster dienten dazu, in aller Eile zu Dutzenden auf den sowjetischen Werften nachgebaut zu werden. Ferner waren in Deutschland einige Linienschiffe bestellt, deren Artilleriebestückung in dem „Kirow"-Werk in Leningrad hergestellt und montiert werden sollte. Diese Linienschiffe trafen jedoch nicht mehr rechtzeitig ein. Die Freundschaft war in vollem Gange.

Zu einem gewissen Zeitpunkt dieser „Freundscbafts"-Periode — das genaue Datum mögen die Historiker feststellen — erfolgte in den Beziehungen der „Hohen Vertragsschließenden Seiten" eine unerwartete Wendung. Der Appetit beider Partner war ins Unermeßliche gestiegen. Anscheinend war Hitler, berauscht von seinen Erfolgen, überzeugt, daß er durchaus imstande sei, die fetten Bissen auch ohne Mithilfe seines schnurrbärtigen Freundes zu verspeisen.

Jeder sowjetische Generalstabsoffizier wird laut lachen, wenn jemand behauptet, der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion sei für den Kreml überraschend gekommen. Dies mit um so größerer Berechtigung in Anbetracht der Tatsache, daß keine andere Regierung der Welt so gut über die Zustände in ihren Nachbarländern informiert ist wie der Kreml.

Den Mythos vom unerwarteten „hinterlistigen Überfall" brauchte man, um die Mesalliance des Kreml nach außen hin zu rechtfertigen. Mehrere Wochen vor Eröffnung der Kampfhandlungen an der sowjetisch-deutschen Front hörten viele Menschen in der Sowjetunion im englischen Rundfunk Meldungen über den Aufmarsch von 170 deutschen Divisionen an der Ostgrenze des Reiches. Und die unschuldigen Knäblein im Kreml sollen Watte in den Ohren gehabt haben?!

Wer kein Radio hörte, las jedenfalls das offizielle TASS-Dementi:

„In der ausländischen Presse tauchen in letzter Zeit provokatorische Meldungen über eine Konzentrierung deutscher Truppen an der sowjetischen Grenze auf. TASS ist ermächtigt, auf Grund zuverlässiger Informationen zu erklären, daß diese Meldungen der ausländischen Presse völlig unbegründet und aus der Luft gegriffen sind."

Punktum! Die Sowjetmenschen kennen TASS viel zu gut, um nicht zu wissen, daß diese Meldung genau das Gegenteil von dem bedeutet, was sie sagt.

Bereits zu Beginn des Frühjahrs 1941 war sich der Kreml darüber im klaren, daß der Ausbruch des Krieges in den allernächsten Monaten erfolgen werde. Eine außerordentliche Sitzung des Politbüros wurde einberufen, in der grundlegende Beschlüsse über die im Falle einer „Änderung der Lage", d. h. im Falle des unvermeidlichen Krieges anzuwendende Strategie gefaßt wurden. Gleichzeitig wurde ein Verteidigungskomitee gegründet; allerdings erfolgte eine Verlautbarung über die Gründung dieses Komitees erst nach Kriegsausbruch.

Der Kreml kannte die Kräfteverhältnisse ganz genau; weit besser als das deutsche Oberkommando. Trotz der ungeheuren Kriegsvorbereitungen wußte er sich dabei im Nachteil. Die einzige Chance zur Vermeidung einer Katastrophe bestand in der Zermürbung des Gegners durch einen langdauernden Krieg, in der Ausnutzung der unermeßlichen Weiten des Landes und der materiellen und menschlichen Reserven Rußlands — in der Anwendung der alten Kutusow-schen Strategie also, abgestimmt auf die Erfordernisse des modernen Krieges. Zu jener Zeit wurde im Kreml die Politik der „anfänglichen Mißerfolge" beschlossen. Diese Art der Verteidigungsstrategie kam dem Lande teuer zu stehen, sie machte ungeheuerliche Opfer seitens des Volkes unvermeidlich; sie stand in schroffstem Gegensatz zu der Vorkriegspropaganda des Kreml, in der immer wieder von einem „unblutigen Krieg auf fremder Erde" die Rede war. Natürlich durften diese Pläne nicht ruchbar werden. Sie waren das größte Geheimnis des Kreml seit Bestehen des Politbüros.

Bereits zu jener Zeit wurden die vorgesehenen Rückzugslinien in großen Zügen festgelegt, die mutmaßlichen Opfer und die vorhandenen Reserven abgewogen; als äußersten Rückzugspunkt kennzeichnete man damals schon Stalingrad. Kaltblütig operierte man auf dem Papier mit Dutzenden von Millionen Menschenleben, mit den Ergebnissen von Arbeit, Schweiß und Blut einer ganzen Generation des Riesenreiches. Die Mitglieder des Politbüros glaubten das Hanfseil um ihren Hals zu fühlen. Es galt, die eigene Haut zu retten. Der Preis... Ha! Wir halten uns an die materialistische Theorie! Damals schon wurde der Krieg in Phasen eingeteilt. Damals schon wurde genau berechnet, was für die „dritte Phase" in Reserve gehalten werden mußte. Alles übrige, alles, was für die „dritte Phase" entbehrlich schien, wurde dazu verurteilt, in der „zweiten Phase" geopfert zu werden.

Als der Krieg ausbrach, wurden die Soldaten mit alten, völlig untauglichen Ausrüstungen an die Front geschickt, es fehlte selbst an den unübertrefflichen Gewehren Muster 1891. Zur gleichen Zeit lagen Dutzende von Millionen kompletter, modernster Ausrüstungen, Gewehre und automatischer Waffen in sorgfältiger, zeitbeständiger Verpackung in plombierten Lagern — diese Dinge waren von vornherein für die „dritte Phase" des Krieges bestimmt. Wenn der Vormarsch der Deutschen schneller war, als in den Plänen des Kreml vorgesehen, kam es vor, daß solche Lager in Brand geschossen wurden oder den Deutschen in die Hände fielen — in keinem Falle aber gelangten sie vorzeitig zur Verteilung an die Truppen.

In der „zweiten Phase" entsprach vieles nicht den Berechnungen des Kreml. Am meisten verrechnet hatte er sich in der Beurteilung der moralischen Verfassung des Volkes. Das russische Volk hat deutlich gezeigt, daß es nicht gewillt ist, seine Haut für das Politbüro zu Markte zu tragen.

Die Moral der Truppen war viel schlechter als erwartet und daher die Verluste an Menschenmaterial viel höher. Man sah sich gezwungen, zu außergewöhnlichen Maßnahmen Zuflucht zu nehmen und den Krieg zu einem national-patriotischen vaterländischen Krieg zu erklären, um diese Fehlberechnung auszugleichen. Die Gebietsverluste hielten sich zwar ungefähr im Rahmen der „Pläne", aber die Einhaltung dieser „Pläne" kostete viel mehr Menschenleben als angenommen.

Die Materialverluste dagegen entsprachen den Berechnungen — die zur Verteidigung eingesetzten Truppen bekamen nur veraltete Ausrüstungen und Waffen; „Ladenhüter" wurden abgestoßen, Flugzeuge und Panzer ältester Typen. Das neue, moderne Material wurde für die „dritte Phase" in Reserve gehalten. Das gleiche galt für das Menschenmaterial. Sechzigjährige Greise und Frauen wurden der „Verteidigungsphase" zum Opfer gebracht, während die Reserven für die „dritte Phase", die „Angriffsphase" zur selben Zeit Gewehr bei Fuß im Fernen Osten auf ihren Einsatz warteten.

Im kritischen Augenblick trat ein neuer, günstiger Faktor in Erscheinung. Die westlichen Demokratien, während der Zeit der Stalin-Hitler-Freundschaft als erbitterte Feinde beschimpft, wurden jetzt wohl oder übel zu Verbündeten der Sowjetunion.

Nun begann das große Spiel. Der Kreml erwies sich, wenn nicht als klüger, so doch jedenfalls als schlauer. Es gelang ihm, seine eigenen Reserven zu verbergen und auf diese Weise von den westlichen Demokratien riesengroße Hilfslieferungen zu erpressen.

Am Ende holte der Kreml überraschend seinen Trumpf hervor — die verborgen gehaltenen Reserven für die „dritte Phase" und — der russische Bär blieb nicht nur am Leben, sondern ging als Sieger aus diesem Spiel hervor.

Je weiter die Rote Armee in der „dritten Phase" nach Westen vorstieß, desto mehr erstklassige Ausrüstungen sowjetischer Produktion tauchten an der Front auf. Für die Stabsoffiziere war es kein Geheimnis, daß im Jahre 1945 riesige Mengen von Waffen an die Front geworfen wurden, von denen ein großer Teil den Herstellungsstempel der Vorkriegszeit trug.

Da der Kreml aber anfangs seine Menschen weniger geschont hatte als sein Material, machte sich gegen Ende des Krieges der Mangel an Soldaten unangenehm bemerkbar. Außerdem konnte die nicht „kriegswichtige" Industrie ihren Aufgaben nicht mehr gerecht werden, so daß der Mangel an Transportmitteln und anderen „kriegsunwichtigen Kleinigkeiten" in der „dritten Phase" katastrophal wurde, während Panzer und Flugzeuge sowjetischer Herkunft in genügender Anzahl vorhanden waren. Die meisten Transportmittel dagegen waren amerikanischer Herkunft. Noch schlimmer war es um die Ernährung bestellt. Der Lebensmittelmangel war ungeheuer, aber das war für sowjetische Verhältnisse nichts außergewöhnliches. Wichtiger war, daß die Kriegsindustrie auf vollen Touren lief.

So wenigstens erklärten sich die Moskauer militärischen Kreise die Erfolge des Krieges.

Die Jalta-Konferenz der Großen Drei ist beendet. Nachdem sie die militärischen Fragen gelöst hatten, befaßte man sich im wesentlichen mit dem Problem, die Ordnung in der Welt nach Abschluß des Krieges wiederherzustellen.

Im Zusammenhang mit der Jalta-Konferenz spricht man in den „Hofkreisen" des Kreml offen über zwei Versuche, Friedensverhandlungen anzuknüpfen. Den ersten Versuch, den Boden für einen Separatfrieden an der Ostfront zu sondieren, hatte Hitler unternommen, als die Rote Armee sich am rechten Ufer des Dnjepr festzusetzen begann. Der Kreml war bereitwillig auf die Verhandlungen eingegangen und hatte als wichtigste Voraussetzung die Beibehaltung der Sowjetgrenzen von 1941 gefordert.

Das zeigt, wie wenig Hoffnungen auf Erfolg der Kreml zu jener Zeit hatte. Ihm lag nur daran, sein geschundenes Fell nicht noch weiter zerfetzen zu lassen. Hitler aber vertraute, obwohl das Rad der Geschichte sich offensichtlich zu seinen Ungunsten zu drehen begonnen hatte, nach wie vor seinem Schicksal — er forderte vom Kreml die Ukraine rechts des Dnjepr als Abfindung. Die beiden totalitären Gegner spielten auch in diesem Falle mit ziemlich offenen Karten, auf jeden Fall waren sie im Verkehr miteinander offenherziger als mit ihren demokratischen Partnern.

Den zweiten Versuch, einen separaten Frieden abzuschließen, unternahm Hitler, als Deutschland die Schlinge schon um den Hals lag — unmittelbar vor der Krim-Konferenz. Bevor Stalin sich nach Jalta begab, versäumte er nicht, mit Hitler einen Kuhhandel auszufechten. Wer bietet ihm mehr — Hitler oder die Demokratien? Dieses Mal mußte Hitler für seine Unmäßigkeit während der ersten Verhandlungen schwer büßen. Jetzt verlangte der Kreml nicht mehr nur die Beibehaltung seiner Vorkriegsgrenzen; jetzt forderte er freie Hand auf dem Balkan, ferner die Meerengen, die ihm den Zugang zum Mittelmeer ermöglichten, und überdies umfangreiche Zugeständnisse im Nahen Osten. Dieses Mal bot er Hitler die früheren Grenzen an — die Weltherrschaftspläne erlebten ihre Wiederauferstehung, wenn auch in einem anderen Hirn. Die Politik der verborgenen Trümpfe erlebte ihre Rechtfertigung — sie brachte nicht nur die Rettung, sondern überdies die Möglichkeit, das Spiel fortzusetzen.

Hitler lehnte die vom Kreml diktierten Bedingungen rundweg ab. Die Annahme dieser Bedingungen hätte für ihn eine moralische Niederlage bedeutet. Er zog es vor, die moralische mit der physischen Niederlage zu verbinden und sein ganzes Volk, sein Reich mit in den Abgrund zu reißen. Damit war das Todesurteil Hitlerdeutschlands unterzeichnet.

Auf der Jalta-Konferenz wurde scheinbar die Aussicht auf eine volle Übereinstimmung der Verhandlungspartner erreicht. In diesem Augenblick warf Stalin jeden Gedanken an einen Separatfrieden mit Deutschland über Bord und begann, seine ganze Aufmerksamkeit auf das diplomatische Spiel mit den westlichen Demokratien zu konzentrieren. In den Schlössern Livadiens fühlte er sich weitaus sicherer als zur Zeit der Verhandlungen in Teheran. Aber auch hier zog er es vor, nicht eine Politik grober Forderungen zu vertreten, sondern eine Taktik der Erpressung von Hilfe und Zugeständnissen im Austausch gegen Garantien anzuwenden, die er nie und nimmer einzuhalten beabsichtigte. Es war noch zu früh aufzutrumpfen. Die Kräfte des Kreml waren erst im Wachsen begriffen und hatten ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Der Kreml war sich über das Ausmaß dieser Kräfte selbst noch nicht völlig im klaren. Es galt, Zeit zu gewinnen und inzwischen möglichst viel herauszuhandeln.

Die westlichen Verbündeten zeigten sich sehr nachgiebig. Sie waren fest überzeugt, der Kreml sei nicht stark genug, Europa zu überrennen, und der „coup de grace" werde sich zu ihren Gunsten entscheiden, während der sowjetische Bär irgendwo an den Grenzen Polens steckenbleiben werde. Viele Zugeständnisse wurden in dem Glauben gemacht, der Kreml werde nicht imstande sein, sie zu nutzen. Der vorsichtige und weitblickende Churchill war der einzige, der Gefahr witterte; er machte deshalb den Vorschlag, vom Balkan her eine zweite Front aufzubauen und damit Europa vor der roten Gefahr aus dem Osten zu schützen. Die Ausführung dieses Planes wäre den Verbündeten weit teurer zu stehen gekommen als die Invasion vom Allantik her. Daher gewannen die Gegner dieses Planes die Oberhand und es wurde beschlossen, dem sowjetischen Bären erneut Gelegenheit zu geben, sich die Pfoten bei dem Geschäft zu verbrennen, für andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Es war wieder eine Fehlkalkulation.

Der sowjetische Bär holte die Kastanien, aber er schichtete sie schön in seiner eigenen Höhle auf und versäumte dabei nicht, über dauernde Schwächezustände zu klagen, um weitere Lieferungen von Stärkungsmitteln herauszuschlagen. Die westlichen Verbündeten warfen ihm — fest überzeugt, daß er letzten Endes doch verbluten werde — bereitwillig immer neue Milliardenbeträge in Form der Pacht- und Leihlieferung in den Rachen, die der Bär sorglich in seiner Vorratskammer stapelte.

So kam der Kreml dank seiner eigenen Schlauheit und der überlegten diplomatischen Ehrlichkeit seiner Partner sich selbst und der übrigen Welt zum Erstaunen wieder auf die Beine. Und nicht nur das; er sah sich jetzt wieder vor die lockenden Probleme gestellt, die zu lösen er in der Zeit von 1939 bis 1941 bestrebt war. Die Lage war jetzt sogar günstiger als damals.

Was ist Diplomatie? Diplomatie ist, wenn zwei sich mit dem treuherzigsten Augenaufschlag gegenseitig ins Gesicht lügen, wobei jeder von ihnen genau weiß, daß auch sein Gegenüber lügt. Wenn es dem einen einfällt, die Wahrheit zu sagen, hält es der andere unweigerlich für eine verfeinerte Art der Lüge, niemals aber für bare Münze. Metternich und Talleyrand würden heutzutage kaum mit Ministerposten betraut werden. Heute werden höhere Ansprüche gestellt. Der Fortschritt der menschlichen Gesellschaft hat eine neue Kategorie geistiger Werte auf den Plan gebracht. — Die diplomatische Lüge hat aufgehört, eine elegante Kunstform einiger weniger zu sein, sie ist zu einem Massengebrauchsartikel geworden.

Genau so ist es mit der Krim-Konferenz. Die Hohen Vertragschließenden Partner drückten einander die Hände, unterschrieben das Kommunique, an das zumindest einer der Partner keinen Augenblick glaubte und an dessen Bedingungen sich zu halten er keineswegs die Absicht hatte. Das Kommunique wurde in der Presse veröffentlicht und alle Menschen, mit Ausnahme der Unterzeichner, glaubten an das Kommunique und waren voller Freude. Wirklich, es ist alles so gut! Die Zukunft liegt vor uns wie ein sonniger Maientag, wie der blaue Himmel über dem Strand von Jalta.

Der einfache Mensch weiß von der Tagespolitik nur so viel, daß das Brot in Moskau 50 Rubel das Kilo kostet.

Mitte Februar 1945 lege ich die Prüfungen des letzten Kurses der Akademie ab. Da mir eine Reihe von Fächern, die ich während meiner Studien an anderen Hochschulen gehört habe, angerechnet wird, bin ich zehn Tage früher fertig als meine Studienkollegen. Mit großer Mühe gelingt es mir, einen einwöchigen Urlaub zu ergattern. Ich bekomme von der Akademie eine offizielle „Kommandierung" und entsprechende Dienstreisebescheinigung und kann auf diese Weise meine Heimatstadt im Süden des Landes besuchen.

Diese Reise war wenig erfreulich. Die Stadt machte auf mich den Eindruck eines herbstlichen Gartens nach stürmischer Nacht, mit kahlen Bäumen, raschelnden Blättern und brechenden Zweigen unter den Füßen. Ich fühlte Ode und Leere im Herzen.

Vor dem Krieg war Nowotscherkask als die Stadt der lärmenden Jugend berühmt. Auf einhunderttausend Einwohner kamen hier fünf Höhere Lehranstalten und die Studenten beherrschten das Stadtbild. Jetzt aber begegneten mir, als ich um zwölf Uhr mittags vom Bahnhof die Hauptstraße entlang ging, nun ein paar verhutzelte alte Frauen. Das charakteristische Bild der Etappe. Wer von der Front ins Hinterland kommt, ist betroffen von der Menschenleere und leblosen Stille.

Ich trat unter die kühlen Kolonnaden meiner alten alma mater. Die Bilder der Vergangenheit schienen in der Erinnerung schöner als die Gegenwart. Hat sich die Wirklichkeit so sehr verändert, oder lege ich nach meinen Wanderungen durch die weite Welt einen anderen Maßstab an?

An den Straßenecken saßen zerlumpte Frauen und verkauften Sonnenblumenkerne und selbstgemachte Bonbons. Wie im Jahre 1923! Allerdings mußte ich meinem kleinen Vetter jetzt einen roten Dreißigrubelschein für die gleiche Menge Sonnenblumenkerne geben, die damals fünf Kopeken gekostet hatte.

Elend und Armut waren so hoffnungslos, so ohne jeden Lichtblick, daß selbst die bescheidenen Verhältnisse der Vorkriegszeit den Menschen als goldenes Zeitalter erschienen. Was damals Dürftigkeit war, gilt heute als Wohlstand. Tatsächlich — der Mensch ist das vollkommenste aller Säugetiere. Jedes andere hätte unter den gleichen Bedingungen längst alle Viere von sich gestreckt, der Mensch aber, die Krone der Schöpfung, schleppt sich immer noch weiter. Ja, er schleppt sich weiter! Anders kann man dieses Dahinvegetieren schwerlich bezeichnen.

Als ich in Moskau den Zug verlasse und mich erneut in den Strudel großstädtischer Hast und Geschäftigkeit stürze, fühle ich mich so erleichtert wie ein Mensch, der vom Friedhof nach Hause zurückkehrt. In Moskau braust hoffnungsvolles Leben. Dort aber, im ganzen übrigen, riesigen Land fühlen die Menschen nur die knochige Hand des Hungers und völliger Hoffnungslosigkeit. Nach dem Joch der Deutschen kam ein viel schwereres — die Furcht vor der Abrechnung. Die Menschen wissen nicht, was sie verbrochen haben, sie wissen nur, daß sie der Abrechnung nicht entgehen werden. Riesige Gebiete der Sowjetunion, über die Hälfte der Bevölkerung des Landes, hatten vorübergehend unter deutscher Besetzung gestanden. Und jetzt hängt über jedem dieser Menschen das Gespenst der Abrechnung wegen „Vaterlandsverrat".

Ende Februar werden alle Absolventen unseres Kursus an die Front geschickt und der operierenden Armee zugeteilt, vor Ablegung der Staatsexamen muß eine Zeit der Frontbewährung nachgewiesen werden. Ich werde dem Stab der l. Bjelorussischen Armee zukommandiert.

In diesen Tagen standen die Divisionen der l. Bjelorussischen und der l. Ukrainischen Armee in erbittertem Kampf gegen die letzten Errungenschaften der deutschen Vernichtungstectinik. Nach dem Durchbruch durch die Befestigungen des Ostwalls begannen die Kämpfe um die Erweiterung der Oder-Brückenköpfe. Unsere Truppen, von ihren Erfolgen berauscht, brannten vor Begierde, zum Herzen Hitlerdeutschlands, nach Berlin, vorzustoßen.

Soll man diese Dinge der Vergessenheit entreißen? Dafür sind die Historiker und Chronisten da. Die einen werden mit größter Sorgfalt aus schwarz weiß machen, die anderen mit der gleichen Sorgfalt aus weiß — schwarz. Gegeben hat es das eine und das andere, Oft muß ich über Schuld und Sühne, über die Kriterien von Verbrechen und Vergeltung nachdenken — wo endet die gerechte Vergeltung, wo beginnt das Verbrechen? Wer könnte kalten Herzens auf die Leiche einer jungen Frau blicken, die im Straßengraben liegt, die untere Körperhälfte entblößt, eine Bierflasche zwischen den Beinen? In endloser Reihe ziehen die Truppen die Chaussee entlang. Alle sehen die Leiche im Straßengraben, die meisten wenden sich ab, aber niemandem fällt es ein, sie beiseitezubringen. Wie ein Symbol liegt die Leiche an der Straße. Ein Symbol — wofür?

Soviel Grausamkeit ringsumher, sinnlose Grausamkeit. Die Deutschen werden später voller Empörung sein über diese Grausamkeiten. Mögen sie von Gott Rechenschaft verlangen! Es gibt ein Wort über vergoltene Hoffart.

Wenn man die Deutschen an die Millionen und aber Millionen russischer Kriegsgefangener erinnert, die in Deutschland zu Tode gequält wurden, finden sie viele Entschuldigungen und führen objektive Gründe an. Erkennen sie aber die Tatsache als solche an? Ja, das müssen sie. Millionen von Russen mußten in Deutschland als Sklaven arbeiten — stimmt das? Ja, es stimmt! Man wird sagen — es war Krieg und das Recht des Siegers. Heute ist auch Krieg und Sieger sind wir. Ja — wir!

Der einfache russische Soldat ist in tiefster Seele davon überzeugt, daß die Deutschen am Kriege schuld sind. Er ist kein Politiker mit der Zigarre im Mund, er denkt nicht an die Ränke der Komintern oder an den Kampf Deutschlands um die Weltmärkte und um „Lebensraum". Er denkt an sein niedergebranntes Haus, an seine nach Deutschland verschleppte Frau, an seine Kinder, die vor Hunger starben.

Gern würde ich wieder — wie vor dem Kriege — in jedem Deutschen einen ehrlichen Menschen sehen, dem ich die Hand drücken kann. Aber die Tatsachen, diese verfluchten Tatsachen. Man muß die Zivilcourage haben, sie nicht zu übersehen. Ich habe nicht die Kraft, zu verdammen oder freizusprechen. Möge Gott entscheiden!

In den letzten Apriltagen, als die Straßenkämpfe im Herzen Berlins ihren Höhepunkt erreicht haben, werde ich unerwartet nach Moskau zurückbefohlen.