Gregory Klimow. Berliner Kreml

Vorwort

Das entscheidende Problem unserer Zeit ist die Auseinandersetzung mit dem totalitären Sowjetsystem. Die menschlich verständliche Neiqung großer Teile des Westens, sich in erster Linie mit den eigenen Sorgen zu beschäftigen und eine beachtenswerte Energie auf die Re-stauration seiner Verhältnisse zu verwenden, kann bei allen erstaun-lichen Resultaten, die nicht nur in Westdeutschland, sondern auch in anderen Ländern Europas in den verflossenen Jahren, erzielt worden sind, nicht darüber hinwegtäuschen, daß es keinen Frieden auf der Welt geben wird, solange das Sowjetproblem nicht gelöst ist.

Die Tatsache, daß die Sowjets mitten im Herzen von Europa stehen, daß Lübeck und Hamburg ebenso wie Kassel und Frankfurt/Main gewisser-maßen vor ihren Toren liegen, und daß die Grenze zweier Welten in Deutschland, dem geographischen Mittelpunkt Europas, an der Elbe liegt, ebenso wie die Tatsache, daß Länder wie Polen, die Tschecho-slowakei, Ungarn und Rumänien einer fremden Herrschaft unterworfen sind, die in keinem Augenblick ihr Ziel aufzugeben bereit ist, zeigt, daß es einen ernsthaften Frieden nicht geben kann, wenn diese Zu-stände eine Dauerlösung sein sollten.

Sie können keine Dauerlösung sein, weil sie von den Völkern, die unter sowjetischem Joch leben, selbst als Dauerlösung nicht empfun-den werden. Sie könnten eine nur sein, wenn die west-liche Welt sich damit abfinden würde. Die westliche Welt kann und darf sich aber mit diesem Zustand nicht abfinden. Sie muß sich dar-über im klaren sein, daß dieser Gegner sein Ziel nirgends aufgeben wird und seiner ganzen Natur nach auch nicht aufgeben kann, nicht nur das Eroberte zu behaupten, sondern auch den Rest, der ihm noch nicht unterworfen ist, sich ebenfalls einzuverleiben.

In einer solchen Lage, die immer noch von vielen Millionen im Westen nicht klar erkannt wird, ist es von entscheidender Bedeutung, ob uns der Zugang nicht nur zu den unterworfenen Völkern frei bleibt, son-dern ob wir auch den Zugang zu den Völkern finden, die unter dem sowjetischen Joch am allermeisten leiden, d. h. zu den Völkern der Sowjetunion, in erster Linie zum russischen Volk selber.

Es ist kein Zufall, daß gerade in Berlin, das mehr als jeder andere Ort den bitteren Kelch der sowjetischen Besatzung bis zur Neige ausgekostet hat, am allerzähesten und eindringlichsten die These aufgestellt wor-den ist, daß unsere geistige und politische Auseinandersetzung nicht dem russischen Volk, sondern dem Sowjetsystem als solchem gilt. Immer wieder haben wir in Berlin betont, daß wir gegen das russi-sche Volk, dessen große kulturelle Leistungen wir erkennen und an-erkennen, keinerlei Haß und keinerlei Abneigung empfinden, daß wir im Gegenteil mit ihm in echter Freundschaft leben wollen und auch leben können.

Wir stehen in der augenblicklichen geschichtlichen Auseinandersetzung einem Phänomen gegenüber, das es bisher noch niemals gegeben hat.Es ist das Phänomen einer Emigration aus Sowjetrußland von Men-schen, die mit Bewußtsein niemals etwas anderes erlebt und gekannt haben als das Sowjetregime selbst. In allen Perioden der Weltgeschichte waren Emigranten in der Regel Träger einer Erinnerung an vergangene Zeiten.

Wenn sie gezwungen wurden, ihr Vaterland zu verlassen, trugen sie mit sich die Erinnerung an eine ihrer Mei-nung nach bessere Vergangenheit, an Güter und Werte, an die sie glaubten und die auch in der Emigration zu verteidigen sie als ihre Pflicht ansahen. So ist es nicht nur uns deutschen Emigranten gegan-gen. Wo immer wir in der Geschichte zurückblicken, beruhte jede Emigration auf solch traditionsgebundenem Rückblick in die Vergan-genheit. Jetzt erleben wir zum erstenmal die innerliche Loslösung vom „Sowjetmenschen", wenn man dieses furchtbare Wort gebrauchen darf, von dem System, unter dem sie groß geworden sind, und dessen grauenhafte und im tiefsten Sinne des Wortes unmenschliche Natur sie oft gegen ihren Willen erst nach langen inneren Kämpfen er-kennen mußten.

Die Identifizierung aller Deutschen mit dem Nationalsozialismus, die in Konsequenz sich daraus ergebende Forderung des „unconditional surrender" stellt sich heute als einer der Fehler heraus, für die wir alle, Sieger und Besiegte gleichermaßen schwer zahlen müssen. Der innere überwindungsprozeß dieses Fehlers hat wertvolle Zeit ge-kostet und hat Spannungen erzeugt, die besser hätten vermieden wer-den sollen. Niemals darf in der zukünftigen Entwicklung dieser schwere politische und psychologische Fehler wiederholt werden. Das russi-sche Volk und auch die anderen Völker, die unter dem Joch der So-wjets leiden, können und dürfen für ihr Regime nicht verantwortlich gemacht werden.

Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart, das Verständnis der westlichen Welt für die inneren Kämpfe und Auseinandersetzun-gen innerhalb Sowjetrußlands zu entwickeln, Verständnis dafür zu erzeugen, daß und warum die Menschen, die einen sowjetischen Paß tragen, oft sogar gezwungen sind, Mitglieder der Kommunistischen Partei in Rußland zu sein, nicht politisch und moralisch pharisäerhaft für das Regime verantwortlich gemacht werden können, unter dem sie selbst leiden.

Das Buch Major Klimows „Berliner Kreml" ist ein ungewöhnlich wertvoller Beitrag zur Lösung der so schwierigen Aufgabe, ein wirk-liches Verständnis dafür zu gewinnen, was in Sowjetrußland vor sich geht. Die manchmal dramatische Schilderung, die dieser Mann über seinen eigenen Entwicklungsprozeß, über die Fülle seiner Erlebnisse und Beobachtungen gibt, sollte von allen, denen die Zukunft des Westens am Herzen liegt, mit Aufmerksamkeit gelesen werden.

Die innere Entwicklung Rußlands während des Krieges, das Nachgeben des Stalinschen Regimes gegenüber dem naturgegebenen und unver-meidlichen vaterländischen Empfinden der Russen, die ihr Land gegen einen fremden Eroberer verteidigen mußten und verteidigten, die aber hofften, daß aus dieser Verteidigung etwas Neues entstehen würde, diese Entwicklung mit den grauenvollen Rückschlägen, die nach dem Krieg folgten, enthält den Schlüssel zum Verständnis zu allem, was in Sowjetrußland vor sich geht. Es zeigt die tiefe Schwäche dieses Regimes, es zeigt, wie anfällig Rußland sein wird, wenn es der west-lichen Welt gelingt, die Überzeugung zum einheitlichen Gemeingut zu machen, daß unsere Auseinandersetzung nicht Rußland als solchem, sondern nur dem Sowjetregime gilt.

Wir haben in unserer eigenen deutschen Geschichte in kleinerem Maßstab etwas Ähnliches erlebt, als auf den Elan der Freiheitskriege von 1813 die Reaktion folgte, die eine echte Freiheit und damit eine echte Einigung Deutschlands historisch unmöglich gemacht hat. Wir sollten uns abgewöhnen, in dieser Auseinandersetzung etwa eine Auseinandersetzung zwischen dem Osten und dem Westen, etwa gar eine Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Russen zu sehen. Alle Politiker alten Stils sind besonders in Deutschland, aber leider nicht nur in Deutschland, immer noch geneigt, in Vorstellungen der Vergangenheit zu denken.

Sie begreifen nicht, daß die wirklichen Realitäten des Lebens die irrealen Kräfte und Prozesse sind, die sich innerhalb der Völker abspielen. Sie begreifen nicht, daß wir in unse-rem eigenen Freiheitskampf den stärksten Verbündeten im russischen Volk selbst haben, das nicht weniger freiheitsliebend ist, ja vielleicht sogar noch freiheitsliebender ist, als diejenigen, die bereit sind, die Nase über die angebliche und wirkliche kulturelle Unterlegenheit des Ostens zu rümpfen. Ich habe einmal bei einer Kundgebung für deutsch-russische Freundschaft gesagt, daß ich hoffe, noch einmal in einer russischen Bauernhütte mit einem russischen Bauern zusammen Kascha essen zu können und vielleicht werden diejenigen, die den tiefen Sinn dieser Sehnsucht nicht begreifen können, weil sie Rußland nicht kennen, verstehen, was ich gemeint habe, wenn sie die dramatische Schilderung lesen, mit der Klimow den Besuch eines avancierten russischen Parteigenerals in der Bauernhütte des Vaters schildert.

Auf die Frage, die an uns immer wieder gerichtet wird, wie denn das anscheinend unlösbare Problem gelöst werden solle, die Sowjets loszuwerden, gibt das Buch Klimows für den, der lesen und verstehen kann, eine unmißverständliche Antwort.

Das Problem wird gelöst werden, wenn wir alle, frei geworden von den Herrschaftsvorstellungen vergangener Zeit, erkennen, daß die Völker selbst be-freit werden müssen und daß die Völker erkennen müssen, daß ihre innere Freiheit nur erst dann wieder gesichert ist, wenn die Freiheit aller Völker gesichert werden kann. Klimows Buch zeigt, welch tiefe Wurzeln für eine freiheitliche Lösung in Rußland vorhanden sind. Es ist daher eine Botschaft der Hoffnung für uns alle.

Es gilt aber auch, Verständnis dafür zu erwerben, wie schwer, ja fast unlös-bar diese Aufgabe für ein einzelnes Volk ist, wenn es unter einem solchen satanischen Regime leben muß, wie es das Sowjetsystem nun einmal ist. Die grauenvollen Konsequenzen dieses Regimes mit seiner Zerstörung aller menschlichen und natürlichen Gegebenheiten und Zusammenhänge werden so eindringlich aufgezeigt, daß hoffentlich der Unsinn überwunden wird, der immer noch in den Köpfen von Millionen spukt, den Russen als solchen könne man nicht trauen und sie seien für das Regime, unter dem sie leiden müssen, selbst verantwortlich.

Noch ist die Einsicht, daß wir die echte Freundschaft des russischen Volkes gewinnen müssen, eine Einsicht nur weniger. Eine Einsicht, die sich mehr in den Gedanken der berufsmäßig mit diesen Fragen Beschäftigten entwickelt. Es muß unsere Aufgabe sein, diese Einsicht zur Überzeugung aller zu machen. Aus ihr kann sich eine Kraft von dynamisch explosiver Wirkung entwickeln.

Kein eiserner Vorhang, keine Terrormaßnahme des Sowjetregimes werden es verhindern kön-nen, daß die Fernwirkung einer inneren Wandlung der Einstellung der westlichen Welt gegenüber Sowjetrußland sich in Rußland be-merkbar macht. Hier können wir Waffen schmieden, die wirksamer sind als Panzer, Granaten und Atombomben. Hier können wir die Waffen schmieden, die auf unblutige Weise die Welt befreien werden. Diese Menschen um uns zu sammeln, die wie Klimow durch das Fege-feuer des Regimes hindurchgegangen sind und kraft einer unerhörten Willensstärke und echten Wahrheitsliebe intakt geblieben sind, das ist unsere eigentliche Aufgabe.

Ich hoffe, daß dieses Buch mehr noch als die Schilderungen ausländischer Beobachter, aus denen der Wis-sende ja sowieso schon eine klare Vorstellung vom Sowjetregime gewinnen kann, dazu beitragen wird, unseren Willen zu formen, der auf die Befreiung dieser Welt und damit der ganzen Welt gerichtet sein muß.

Ernst Reuter
Regierender Bürgermeister von Berlin
Aschau (Chiemgau), den 21. August 1951